Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Anhänglichkeit an die Dualität

Das Gute kämpft gegen das Böse, so kommt es uns immer wieder entgegen, besonders in spannenden Filmen. Ist das ein unendlicher Streit, der nie aufhören kann, weil sich hinter jedem Guten wieder was Böses auftut? Schon Immanuel Kant war ja der Meinung, dass die Menschen "aus einem krummen Holz geschnitzt sind, aus dem nie was Grades werden wird". Sein anthropologischer Pessimismus wurde lange vor den soziologischen und psychologischen Einsichten des 19. bis 21. Jahrhunderts formuliert, in einer Zeit, in der das Innere von Kindern und ihre Bedürfnissen weder im Alltagsverständnis noch im gelehrten Bewusstsein vorhanden waren. 

Kant hat die menschlichen Triebe unter Generalverdacht gesetzt und der Macht der moralischen Vernunft unterstellt. Damit verfestigt er eine innere Dichotomie oder Dualität im Menschen, die erst von der nachfolgenden Welle der Aufklärung vielfältig in Frage gestellt wurde. Und damit gehört er auch in die Vorgeschichte der schwarzen Pädagogik, die in Kindern eher Monster, die gezähmt werden müssen, als liebesbedürftige Wesen gesehen hat.

Sigmund Freuds Aufteilung der menschlichen Triebhaftigkeit in Libido und Thanatos spiegelt diese Auffassung wider. Allerdings haben sich viele Nachfolger und Schüler von Freud von dieser Auffassung abgewendet und ein differenzierteres Modell des Menschen bevorzugt. Schließlich haben die Erforschungen der kindlichen Psyche und Kommunikationsfähigkeiten die Liebeskraft des Kindes so deutlich herausgestellt, dass von einem angeborenen oder genetisch geprägtem Bösen keine Rede sein kann.

Bei den Hollywood-Blockbustern feiert die duale Ansicht noch immer Urstände. Ärgste Bösewichter sorgen für Kassenschlager, weil der Held mit der Bosheit und Abgefeimtheit des Gauners wächst. Die moralische Dualität ist in manchen Serien (z.B. StarWars) systemimmanent: Das Böse darf nicht aussterben. Wäre das Böse endgültig besiegt und vernichtet, gäbe es keine Fortsetzung mehr. Die Unendlichkeit der Antagonistik von Gut und Böse ist den Geschichten inhärent, die in solchen Filmen erzählt werden. Es ist die Unendlichkeit der kapitalistischen Gier, die hier wirksam wird. Der Spannungsbogen muss aufrecht erhalten bleiben, damit der Rubel weiter rollt. 

Dualität erzeugt Spannung, und diejenige zwischen Gut und Böse ist die stärkste, weil sie eng mit der Überlebensangst verknüpft ist. Das Prinzip des Bösen ist die Lebensfeindschaft, das des Guten die Verehrung und Vermehrung des Lebens. Deshalb müssen wir uns mit dem Guten identifizieren, und optische Vorlagen und fantastische Geschichten, die uns diese Identifikation leicht machen, lieben die meisten Medienkonsumenten besonders.

Solche Konstruktionen prägen ein Schwarz-Weiß-Schema, das die Wirklichkeit vereinfacht. Sie reduzieren Komplexität um den Preis des Wirklichkeitsverlustes. Natürlich wissen Kinobesucher um die Irrealität von zwei Stunden gefühlsintensiver Erfahrung. Aber das Grundschema, das in dieser Zeit der emotionalen sinnlichen Erfahrung eingeprägt wird, bestätigt innere Muster, die im Traumaschema entstanden sind, sodass eine Wirkung auf das Unbewusste entstehen kann, obwohl unser Realitätssinn normalerweise nach dem Ende der cineastischen Erfahrung schnell wieder hochfährt. Einerseits haben Tiefenschichten in uns, die nach einem dualen Schema funktionieren, eine Verstärkung erfahren, andererseits hinterlässt die mediale Fantasiereise ein Denkschema, das wir allzu leicht unbedarft auf die Wirklichkeit übertragen, wenn wir es verabsäumen, reflexiv zu ergründen, welcher Konstruktion wir uns ausgesetzt haben und welche Spuren das in uns versenkt haben könnte. Halten wir Ausschau nach dem Bösen in unserem Leben, fangen wir an, Projektionen in alle mögliche Richtungen zu verschicken? Verfestigen wir eine negative Anthropologie in unserem Denkapparat, die das Vertrauen in andere Menschen, ins Leben und letztlich in uns selbst untergräbt?

Heute dienen duale Modelle antimodernistischen Positionen und sind geradezu zu Kennzeichen reaktionärer Strömungen geworden. Sie sollen Herrschaftsansprüche absichern, die auf bestehenden Privilegien beruhen und zur Unterdrückung von Bestrebungen zur Erneuerung und Verbesserung von sozialen Strukturen dienen.
Was noch dazu kommt: Das duale Denken erschafft ein Auseinanderklaffen von zwei Teilen der Wirklichkeit, die eine verdinglichte Natur annehmen und die Dynamik, die der Wirklichkeit innewohnt, beschneiden. Wenn wir vom Bösen sprechen, machen wir es zu einer Macht, die unberechenbar und unkontrollierbar ist, die wir in ihrer Gänze nicht kennen, aber aus unseren eigenen Unvollkommenheiten heraus verstehen und mit ihr verbunden sind. Außerdem wollen wir das Böse als etwas sehen, das in seinem Zentrum außerhalb von uns selber liegt. Es beeinflusst uns immer wieder, wenn uns, wie es in meiner Kindheit hieß, "der Teufel reitet". 

Im spirituellen Kontext würden wir sagen: Wir handeln aus dem Ego, oder psychologisch ausdrücken: Ängste bestimmen, was wir tun, nicht unsere reife Vernunft. Wir können nie sicher sein, dass wir in eine Falle gehen, die uns das Ego stellt, dass sich eine Angst in uns meldet und das Kommando übernimmt. Wir alle tragen eine lange Geschichte von Traumatisierungen in uns, und es kann immer passieren, dass von einer dieser unbewusst gespeicherten Erfahrungen Erinnerungsreste in die Gegenwart hineinwirken.

Macht uns das menschlich? Wohl merken wir, wenn wir "böse werden", dass wir nicht besser sind als andere, wir brauchen uns nicht mehr über sie drüber stellen. Wir können allen in Augenhöhe begegnen und zulassen, dass uns alle anderen in Augenhöhe begegnen. Aber dazu brauchen wir kein duales Modell. Ein differenziertes Bild unserer Mitmenschen ist tauglicher: Jeder andere Mensch stellt eine ganz spezielle Mischung aus Genen, Erfahrungen und Reflexionen dar. Jeder Mensch hat seine eigene Traumageschichte und seine eigene Sammlung an Ressourcen. Niemand ist dadurch zur Gänze böse, niemand zur Gänze gut. Jeder Mensch kann Fehler machen, da und dort unethisch handeln, und verdient dafür Verständnis, statt reiner Aburteilung.

Sollten wir, statt als die Guten gegen das reale oder imaginierte Böse zu kämpfen, gegen die Macht des dualen Schemas antreten? Doch was droht dann: Entzaubert die Entmachtung der Über-Erzählung die Wirklichkeit noch mehr, nimmt sie uns noch mehr vom Wundercharakter der Welt, der uns das Staunen lehrt? Wo doch alle Märchen, in die wir uns als Kinder verlieren konnten, gerade aus dieser dualen Folie ihre wundersame Wirkung ziehen! Bleibt dann nur mehr eine nüchterne Welt, in der das Böse auf psychologische Mechanismen reduziert und als heilbare Krankheit oder Störung diversen Therapien zugeführt wird? Werden damit die Abgründe der menschlichen Seele künstlich  und naiv eingeebnet, letztlich auch zum Zweck der Selbstberuhigung, wie sie der Kiffer sucht, dem nach dem Joint alles und jedes lieb und nett erscheint?

Wer das Böse braucht, für diesen oder jenen Zweck, wirkt an seiner Vermehrung mit. Es geht nicht um die Leugnung von Abgründen der Bosheit, dafür liefert die Erfahrung tagtäglich ausreichende Beweise. Es geht darum, den Freiraum in unserem Kopf zu betreten, der hinter dem dualen Weltbild auftritt. Die Märchen können wir weiterhin genießen, müssen aber nicht in ein von Schrecken gekennzeichnetes kindliches Bewusstsein regredieren, das sich nicht gegen die Macht der Dualitäten wehren kann, die ihm vorgesetzt werden. Wir schaffen uns Leid, wenn wir uns ohne innere Distanz in Dualitäten hineinbewegen und uns in ihnen so bewegen, als wären sie Realität.

Mit innerer Distanz ist gemeint: Wir können in Traum- und Fantasiewelten hineingehen und sie differenziert auf die Welt des Wachbewusstseins beziehen, in die unsere Lebensgeschichte hineinverwoben ist. Je mehr wir uns den inneren Ängsten stellen und deren Wirkung abmindern, desto schwächer werden die unbewussten Wirkungen von dualen Modellen und Konstruktionen auf unsere Handlungen und Haltungen. Damit wachsen wir aus der dualen Weltsicht heraus und nähern uns dem wahren Wesen des Menschen an, in uns selbst und in der Begegnung mit anderen.

Freitag, 25. Dezember 2015

Bewerten im bewertungsfreien Bereich

Fraktales Gebilde
Der Psychologe Robert Kegan, Professor in Harvard, hat die Merkmale der postmodernen Theoriebildung mit drei Merkmalen beschrieben:
1.    Die Ablehnung aller Absolutsetzungen: Nach Lyotard  gibt es keine Metanarrative (oder Theorien über Theorien), die nicht selber Teilausdrücke einer besonderen Sichtweise sind.
2.    Alle sozialen und politischen Diskurse sind mit Macht oder Dominanz angereichert. Jedes Metanarrativ wird damit zum Ausdruck der Hegemonie einer sozialen und politischen Ordnung.
3.    Unterschiede: Statt zu versuchen, die erklärende oder politische Bedeutung von gegebenen Elementen einer sozialen Situation zu bewerten oder zu bevorrangen, ist festzustellen, dass es keinen klaren und überlegenen Grund gibt, einer bestimmten Position mehr Bedeutung oder Wert zuzusprechen als anderen, weil alle Bedeutungsgebungen nichts als Konstruktionen sind. (Kegan 1994,
S. 325-326)

Weiters unterscheidet Kegan zwei Wege des Postmodernismus:
1) Dekonstruktivismus: Theorien können nicht akzeptiert werden, weil sie begrenzt sind. Sie werden in ihrem Absolutheitsanspruch relativiert.
2) Rekonstruktivismus: Die  Begrenztheit der Theorien werden anerkannt, aber zur Rekonstruktion der Theorien mit dem Ziel einer vollständigen Theorie, die es freilich nie geben kann. Die Prozeduren der Wissenserzeugung werden Prozeduren der Rekonstruktion ihrer Prozeduren und werden damit generativ, ähnlich wie das Leben.

Hier fließen Bewertungen ein:  Theorien über das Erzeugen von Theorien bezeichnen sich überlegen in Vergleich zu Theorien, die das nicht machen. Denn diese sind sich ihrer Tendenzen zur Absolutsetzung nicht bewusst. Dennoch ist diese Bewertung selbst keine Absolutsetzung.
(Ebd. S. 330)

Die Postmoderne oder fünfte Ordnung in dem Modell von Kegan entspricht im Übrigen der Stufe des systemischen Bewusstseins in meinem Evolutionsmodell, das im Buch "Vom Mut zu wachsen" nachgelesen werden kann. 

Komplexität und Differenzierung


Die Zunahme an Komplexität ist eine immanente Eigenschaft der Evolution in der Natur und wirkt in ähnlicher Form in der kulturellen Evolution der Menschheit. Dadurch entsteht die Eigentümlichkeit, dass die komplexere Form die weniger komplexe versteht, denn sie enthält diese in sich, umgekehrt aber nicht, denn streng genommen, weiß sie nichts von ihr; oder: sie hat die Organisationsprinzipien der höheren Stufe noch nicht entwickelt und kann deshalb die dort herrschenden Abläufe nicht verstehen. Ein Regenwaldbewohner kann die Regeln, die in einer Universität herrschen, nicht verstehen, während ein Kulturanthropologe die Regeln der Universität und die der Regenwaldbewohner verstehen kann.

Die Zunahme an Komplexität wird durch den Prozess der Differenzierung hervorgerufen, der im Großen und Ganzen nicht umkehrbar ist. Im Kleineren gibt es Rückentwicklungen, die sich aber im großen Trend wieder ausgleichen. Das Leben kann nur als Negentropie verstanden werden, wie schon Ernst Schrödinger festgestellt hat. (Negentropie heißt, dass Ordnungen aus Chaos=Zufallsverteilung  entstehen). Da alle Lebewesen offene Systeme sind, die in dauerndem Austausch mit ihrer Umwelt stehen, brauchen sie ein großes Maß an Flexibilität, und Flexibilität benötigt ein hohes Maß an Differenzierung. Je komplexer ein System ist, desto flexibler kann es reagieren. Der Mensch ist ein Beispiel dafür. Aufgrund seiner komplexen Intelligenz können wir mittlerweile sogar zumindest zeitweise auf dem Mond überleben.


Bewertungen im Evolutionsprozess


Eine Entwicklungsrichtung der kulturellen Evolution besteht darin, dass Bewertungen als Hindernisse für die Weiterentwicklung erkannt und deshalb zunehmend relativiert werden. Wer bewertet, stellt den eigenen Standpunkt als überlegen gegenüber dem konkurrierenden dar und übt damit Macht aus. „Meine Theorie ist richtiger als deine.“ Solche oft implizit vorgenommenen Annahmen, die als Wirklichkeiten dargestellt werden, werden als Ideologien enttarnt: als Theorien über die Wirklichkeit, die von eigenen Machtinteressen bestimmt sind und deren Durchsetzung dienen. Z.B. diente die Annahme der Überlegenheit der weißen Rasse über die anderen der Rechtfertigung der Versklavung Angehöriger anderer Rassen und der Ausbeutung  von deren Ländern.

Das ist die Aufgabe des dekonstruktiven Prozesses für die weiteren Differenzierung: Die Wirklichkeitskonstruktion wird auf das zugrundeliegende Interesse zurückgeführt und damit in ihrer Erkenntniskraft desavouiert. Sie taugt nicht mehr als Beschreibung der Wirklichkeit, sondern nur als Herrschaftsinstrument. Damit kann die Differenzierung weitergehen, weil ein Hindernis benannt ist und umgangen werden kann.


Reflexives Wissen ist kein Herrschaftswissen


Die kulturelle Entwicklung beinhaltet die Zunahme des Verständnisses für die Notwendigkeiten und Erfordernisse dieser Entwicklung. Die Einsicht in die Natur der Prozesse, was sie weiterbringt und was sie behindert, führt zu einem Metawissen, das nicht den Charakter einer Ideologie hat. Sie ist nicht von einem partikularen Interesse erzeugt, sondern stammt aus der Reflexion über den Ablauf der menschlichen Geschichte.

Auch aus diesem Standpunkt wird eine Bewertung vorgenommen. Andere, weniger komplexe  Positionen werden auf Inkonsistenzen untersucht, auf Widersprüche und Verkürzungen. Die Interessen, die sie bedienen, werden ebenso transparent gemacht wie die Ängste, die sie lenken. Die Bewertung bezieht sich auf die strukturellen Unterschiede und ist begründet in dieser Differenz.


Deshalb muss jemand, der die Menschenrechte vertritt, jemand anderen, der sie missachtet, abwerten. Wer Menschenrechte nicht achtet, befindet sich auf einem einfacheren Organisationsniveau. Es ist zwar aus komplexerer Sicht verständlich, warum jemand Menschenrechte nicht akzeptiert, doch kann das nicht gutgeheißen werden, weil es sonst das Organisationsniveau, das schon erreicht wurde, in Frage stellen würde. Da es in vielfältiger Hinsicht einem einfacheren Niveau überlegen ist, muss sein Bestand gesichert werden. Dazu sind Bewertungen notwendig. Sie sind jedoch immer reflexiv, indem sie sich nicht auf Personen und deren Handlungen beziehen, sondern auf die Werte, die dahinter stehen, und diese dahingehend prüfen, ob sie dem allgemeinen Entwicklungsprozess dienen oder ihn behindern.

Die Positionen von Rechtsparteien oder fundamentalistischen Religionen  zeichnen sich durch Einfachheit und leichte Verständlichkeit aus. Sie münzen Komplexität in schlagkräftige Formeln um und reduzieren vielschichte Probleme auf einfache Nenner. Bei vielen Menschen erzeugt die Vereinfachung den Eindruck von Kontrolle und Handlungsfähigkeit und wirkt deshalb angstverringernd. 

Aus der Position einer fortgeschrittenen Komplexität werden solche Ansichten in ihrer ideologischen Färbung durchsichtig. Sie drücken partielle Interessen aus und wollen diesen im Machtgefüge zum Durchbruch verhelfen. Sie werden aber der Vieldimensionalität der Wirklichkeit nicht gerecht und stehen zudem dem Fortschritt in der Evolution im Weg, sind also ethisch zu hinterfragen.


Der innere Sinn der Entwicklung


Diese reflexive Bewertung impliziert die Annahme, dass der gesamte Prozess der Evolution einen inneren Sinn hat, eine Entwicklungslogik, die in eine Richtung geht, die allen Menschen gleichermaßen dient und dem entspricht, was die Menschheit als ganze will. Diese Richtung gilt nicht die Erfindung einer Person oder einer Interessensgruppe, sondern als eine Grundgegebenheit innerhalb der Differenzierung der Wirklichkeit zu mehr Komplexität. Es geht also um die Grundentscheidung, den Evolutionsprozess als in sich gut und sinnvoll einerseits oder als entweder richtungslos, zwischen Gut und Böse schwankend oder sich zunehmend verschlechternd andererseits zu beschreiben.


Diese Grundentscheidung hat zwei Prüfsteine: Der eine bemisst daran, wie weit die Wirklichkeit mit der Entscheidung verstanden werden kann: Können wir mehr über die Wirklichkeit erfahren, wenn wir annehmen, dass ihr Entwicklungsprozess in eine sinnvolle Richtung geht oder wenn wir annehmen, dass alles zunehmend schlechter und sinnloser wird, oder, was letztlich gleichbedeutend mit letzterer Position ist, dass es keine wie immer geartete logische Richtung in der Entwicklung gibt.

Die zweite Prüfung bezieht sich auf die Ethik: Was wollen Menschen in ihrem Leben, für sich und miteinander? Sind sie vollkommene Untertanen ihres egoistischen Überlebensstrebens oder wollen sie statt dessen den gemeinsamen Nutzen und werden sie nur egoistisch, wenn sie von Ängsten überwältigt sind? Stimmt die erstere, so ist der Mensch des Menschen feind und es ist erklärungsbedürftig, warum es überhaupt gelingen kann, dass die Nachkommen der Menschen überleben, dass die meisten Gemeinschaften in Frieden leben und das Kriegführen die Ausnahme darstellt usw. Ohne irgendeine Form des „kategorischen Imperativs“, also einer Grundorientierung für eine verallgemeinerbare, also für alle verstehbaren und anerkannten Ordnung, ist das Funktionieren von menschlicher Gemeinschaft, von sozialen Gruppen und ökonomischen Abläufen, von kommunikativen Konfliktlösungen und geteilten Entscheidungsfindungen so unwahrscheinlich, dass die gesamte menschliche Geschichte zu einem Zufallsprodukt wird. Der Erklärungswert dieser Grundausrichtung geht damit gegen Null und der Erklärungsaufwand ins Unendliche. 


Die sowohl elegantere wie auch dem Gesamten des Menschen entsprechende Auffassung ist nach meiner Auffassung die Theorie, dass der Mensch von sich aus das Gute anstrebt und auf ein Wachstum in Komplexität und Differenzierung angelegt ist, das jedes Leben zu einem Abenteuer werden lässt und einen Zuwachs an Weisheit beinhaltet. Wir sind allerdings nicht davor gefeit, auf weniger komplexe Formen unserer Innenorganisation zurückzufallen und dann zu unleidlichen bis grausamen Zeitgenossen zu werden. Das hat aber immer tieferliegende Ursachen in unserer eigenen Geschichte und stellt eine Notfallsreaktion dar. In Situationen, wo wir uns hilflos vorkommen und von Angst überwältigt werden, reagieren wir mit unseren Überlebensstrategien, die rücksichtslos egoistisch ausgerichtet sind. Wir sind immer in der Lage, wieder zu uns selber zurückzufinden, zu einem Zustand, in dem wir mit anderen und uns selbst gut auskommen wollen, in dem wir gemeinschaftliche Lösungen für Probleme und Konflikte suchen und Menschen um ihrer selbst willen lieben.

Selbst die Hollywood-Blockbuster gehen mehr und mehr in diese Richtung. Zwar ist das Gut-Böse-Schema noch immer die Hintergrundfolie für die meisten Kassenschlager, aber ab und zu wird zumindest angedeutet, dass die Bösen so böse sind, weil ihnen irgendwann Böses widerfahren ist. Damit ist sogar in diesem Bereich ein Fortschritt in der Komplexität und Differenzierung zu beobachten, und damit im Publikum, dem ein ebensolcher Fortschritt zugetraut wird.


Literatur:
Robert Kegan: In Over Our Heads. The Mental Demands of Modern Life. Harvard University Press: Cambridge, Massachusetts 1994 

Vgl. Friede ist nicht das Gegenteil von Krieg 
Die Weisheit in der Wellenform 
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial?
Das Gute und das Böse 

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Selbst- und Außenbeziehung in Meditation und Therapie

Meditation ist eine uralte Methode, zu sich selber zu finden und in der Bewusstheit zu wachsen. Die Versenkung in sich selbst in Stille, so die ursprüngliche Form der Meditation, konfrontiert mit dem unruhigen Treiben im Inneren, den ablenkenden Gedanken und nagenden Gefühlen, führt zu mehr und mehr innerem Frieden, wenn sie regelmäßig und konsequent geübt wird. Eine wichtige Wurzel der Meditation liegt in Indien, und vor allem durch den Buddhismus hat sich die Praxis des stillen Sitzens in weiten Teilen Ostasiens verbreitert. Auch aus christlichen und islamischen Traditionen stammen verschiedene Formen der Besinnung. In neuerer Zeit („New Age“) sind viele Methoden der Meditation weiterentwickelt und verbreitet worden. 

Erste-Person-Perspektive und Zweite-Person-Perspektive


In der Meditation geht es vor allem um die Selbstbeziehung, mit dem paradoxen Ziel, das Selbst zu überwinden oder aufzuheben oder aufzulösen. Oft heißt es: Du kannst den Weg oder die Lösung nur in dir finden. Die Selbstbegegnung führt dazu, dass das Selbst immer weniger wichtig wird, und das, was die Quelle oder der Hintergrund des Selbst ist, rückt immer mehr in den Vordergrund.

Meditation erfordert eine konsequente Praxis, um Veränderungen zu bewirken. Sie wird meistens für sich selber geübt, jedoch häufig unter Anleitung durch Lehrer, Meister, manchmal auch durch Texte. Sie besteht also in der Auslotung der Erste-Person-Perspektive: Ich mit mir selber. Dazu kommt meist eine Instanz im Außen, die für Rückmeldungen, Fragen oder Korrekturen zuständig ist.

In der Selbsterfahrungsszene kombinieren wir oft Meditation und Therapie miteinander. In diesem Beitrag geht es darum, genauer zu bestimmen, was der eine und was der andere Weg bewirken kann und wie beide Methoden zusammenpassen.

Therapie arbeitet auf und wirkt vor allem durch die Zweite-Person-Perspektive. Sie beinhaltet zwar sehr wesentlich die Erste-Person-Perspektive: Der Therapeut muss wissen, wie sich der Klient fühlt, was er denkt und was sonst in ihm vorgeht. Aber diese inneren Inhalte werden in die Kommunikation eingebracht und erhalten dadurch eine andere Bedeutung. Deshalb ist die Selbstbeziehung eng mit der zwischenmenschlichen Beziehung verknüpft.

Deshalb ist es möglich, dass in der Therapie Mängel in den Außenbeziehungen, z.B. zu den Eltern ausgeglichen und aufgefüllt werden. Damit stärkt sich auch die Innenbeziehung, z.B. durch ein verbessertes Selbstwertgefühl. Auf der Grundlage einer Vertrauensbeziehung werden dann in der Therapie tiefliegende Themen mit Hilfe verschiedener Methoden behandelt. Die Anwesenheit einer mitfühlenden zweiten Person erleichtert die Begegnung mit angstvollen, verletzenden und verstörenden Erinnerungen aus traumatischen Situationen. 


Meditation heilt keine Traumen und Beziehungsdefizite


Meditation kann keine Traumen heilen. Das ist nicht ihre Aufgabe, und dazu gibt es Therapie. Da wir alle verschiedene traumatische Erfahrungen in uns tragen, werden wir therapeutische Hilfe brauchen, wenn wir auf dem inneren Weg weiterkommen und nicht in unseren Mustern steckenbleiben wollen. Durch Meditation können wir zwar die Traumafolgen, also unsere Reaktionsweisen in Retraumatisierungssituationen abmildern und abfedern und damit unser Ausmaß an Leiden verringern und unsere Handlungs- und Leistungsfähigkeit erhöhen. Aber zur Heilung von Traumen in der Tiefe bedarf es einer geleiteten Hilfe durch eine erfahrene Person.

Wohl kann es sein, dass durch intensive Meditationserfahrungen tief verwurzelte und verdrängte Traumen aufgerissen werden. Das kann zu spirituellen Krisen führen, zu Notzuständen, in denen sich spirituelle und traumatische Erfahrungen vermischen, sodass im Extremfall die Person funktions- und lebensunfähig werden kann. Sie braucht dann intensive therapeutische Hilfe und Begleitung.

Meditation kann auch keine Beziehungsdefizite heilen. Meditation verbessert zwar die Beziehung zu sich selbst, indem der Innenkontakt und der innere Sinn verbessert und vertieft wird. Sie kann auch für den Umgang mit Beziehungsthemen hilfreich sein, weil die reaktiven Muster in der Kommunikation abgeschwächt werden. Menschen mit viel Erfahrung in Meditation regen sich weniger auf und gehen gelassener mit Stresssituationen um, auch im Beziehungsbereich. Aber das, was in den frühen Beziehungen gefehlt hat, vor allem an väterlicher und mütterlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit, kann durch noch so viel Meditieren nicht aufgefüllt werden.

Manchen passionierten Meditierer hat die Tiefe der Eigenversenkung schon über die Schwächen in Kommunikation und zwischenmenschlicher Offenheit hinweggetäuscht. In Abwandlung eines bekanntes Spruches könnte man deshalb sagen: Wenn du glaubst, erleuchtet zu sein, verbringe eine Alltagswoche mit einer Person, mit der du eine Liebesbeziehung hast. Das Original lautet: Wenn du glaubst…, verbringe eine Woche mit deinen Eltern. In den meisten Fällen wird das auf das Gleiche hinauslaufen.

Ohne Korrektur von außen wissen wir niemals mit Sicherheit, ob wir am richtigen Weg zur Wahrheit sind oder uns in Selbsttäuschung verlieren. Unser Ego ist so trickreich, dass es auch lernen kann, sich in die Meditation und ihre Erfolge einzuschleichen. Die beste äußere Korrektur sind andere Menschen – solche, die uns nahestehen, solche, die uns wichtig sind, denn sie beherrschen es (meist unbewusst) am besten, unsere berühmten Knöpfe zu drücken. Und es bedarf auch solcher Menschen, die ein erfahrenes Auge für unsere Schwächen und ein liebevolles Auge für unsere Qualitäten haben. Diese beiden Augen braucht ein Lehrer der Meditation und ein Psychotherapeut.

Und jeder, der sich auf den inneren Weg begibt, braucht es, gesehen zu werden, von liebevoll aufmerksamen Augen, die nichts Abwertendes im Sinn haben, aber sich nicht blenden zu lassen und in der Lage sind, das Sein hinter dem Schein wahrzunehmen. Denn sonst macht sich das spirituelle Ego dort breit, wo niemand von außen Zutritt bekommt. Die eigenen blinden Flecken bleiben blind und dunkel.

In der Meditation öffnen sich innere Räume, die wir in der Therapie nie betreten können. Sie reichen über die Verwundungen und Verletzungen, die wir mit uns tragen, hinaus. Wir erkennen deren Relativität und Kleinlichkeit angesichts dessen, was das Leben an Überraschungen und Wundern zu bieten hat. Doch ist auch das Relative und Kleine mächtig, wenn wir uns seiner nicht annehmen. Gerade wenn wir uns darüber aus eigener Vollkommenheitsverblendung hinwegtäuschen, wirkt es umso massiver, denn wir können uns so abschotten, dass wir nicht merken, was wir anderen antun und wie sie unter uns leiden. Wir können nichts in uns wegmeditieren, sondern müssen uns so lang damit beschäftigen, bis es von selber schwindet. Das ist wichtig für uns selber, damit es uns gut mit uns selber geht, und auch für die anderen, mit denen wir unser Leben teilen, damit sie es gut mit uns haben. 

Vgl. Der Achtsamkeitsboom
Die Erleuchtungsfalle

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Bad news are good news?

Only bad news are good news – diese scheinbare Medienweisheit beruht auf dem Mechanismus, dass wir aus der Überfülle an dargebotenen Reizen und Informationen vor allem jene aussieben, die uns auf mögliche Gefahren und Risiken aufmerksam machen. Harmlose Viren werden zu medialen Pandemien, und schon fürchten sich alle, und einige Medikamentenerzeuger können ihre Umsätze kräftig steigern. Unwetter werden zu Katastrophen, und vom Terror sind wir überall bedroht, ob wir auf die Straße gehen oder nicht. Denn Zeitungen brauchen auch Reizthemen für ihren Absatz. Zudem wissen besserwissende Bücherschreiber, dass das ganze Abendland oder bloß die europäische Wirtschaft bedroht sind, weil zu viele oder zu wenige Menschen ein- und zuwandern, oder die falschen. Sie wissen auch schon, wann die nächste Finanzkrise kommt und wie dann alles zusammenbricht, oder dass die hackeranfälligen Computersysteme bei ihren Abstürzen die vom Internet abhängigen Infrastruktursysteme mitreißen. Sie wollen ja auch was verdienen mit ihren Bestsellern. 

Deshalb meinte Mark Twain: Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt.

Wir kennen diese Zusammenhänge. Wir wissen, dass schreckliche Bilder, die wir über die Medien konsumieren, zurechtgeschminkt und abschreckende Texte aufgeplustert sein können. Wir wissen, dass Redakteure und Journalisten zu Übertreibungen neigen. Aber wir können uns schwer dem emotionalen Sog der negativen Medienfluten entziehen. Die schlechten Nachrichten füttern unser Angstgedächtnis. Was also gut ist für die Nachrichtenproduzenten, ist schlecht für die Konsumenten. Scheinbar sind sie informiert und pflichtschuldigst aufmerksam gemacht auf all Gefahren, die um sie herum lauern. In Wirklichkeit werden sie ängstlicher, und wer viel Angst hat, wird eng in seiner Persönlichkeit und schneller krank.

Wollen wir uns abschotten von der medialen Angstmache und unsere innere Ruhe bewahren, müssen wir dauernd um-kontextualisieren, also alternative Kontexte zu den aufgedrängten bilden. Dazu brauchen wir einerseits alternative Informationen, wie jene z.B. aus dem Buch von Steven Pinker („Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“) und andererseits den Blick auf die Potenziale der Menschen und der Menschheit. Pinker hat in seinem lesenswerten (sehr umfangreichen) Buch akribisch nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, einer Gewalttat zum Opfer zu fallen, im Lauf der Geschichte ganz drastisch zurückgeht. Wohlgemerkt: Es sinken nicht nur die absoluten Zahlen der Gewalttaten, sondern relativ zur Anzahl der jeweils lebenden Menschen geht diese Wahrscheinlichkeit drastisch zurück. Selbst statistische „Ausreißer“ wie die Weltkriege im vergangenen Jahrhundert ändern nichts am Trend.

Die Menschheit wird also friedlicher, allem Anschein zum Trotz. Daran erkennen wir, dass der Anschein medial erzeugt wird – oder selektiv durch die eigene Wahrnehmung. Wenn ich nämlich selber Opfer einer Gewalttat wurde, habe ich, was mein Leid anbetrifft, wenig davon, dass etwas ganz und gar Unwahrscheinliches gerade mir passiert ist. Wenn ich allerdings aus meiner Erfahrung Schlüsse ziehe, nehme ich an, dass die Welt insgesamt unsicherer geworden ist, obwohl das nicht stimmt.

Wir müssen also aufpassen: Mediale Informationen und persönliche Erfahrungen verführen uns leicht zu unzulässigen Verallgemeinerungen. Wenn wir solche Fehlschlüsse ernst nehmen, tun wir uns selber nichts Gutes, weil wir eben unsere Ängste verstärken.

Der andere wichtige Aspekt liegt darin, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass Menschsein bedeutet, kreativ zu sein. Menschen haben die erstaunlichsten Dinge hervorgebracht und die unglaublichsten Herausforderungen bewältigt. Sie haben z.B. das Problem gelöst, die meisten Menschen auf dieser Erde mit Strom zu versorgen und damit ihr Leben zu erleichtern. Sie haben die Zerstörungen, die Kriege angerichtet haben, immer wieder aufgeräumt und Neues auf den Trümmern erschaffen.

Sicher werden auch in Zukunft Probleme entstehen, von denen wir jetzt noch gar nichts ahnen können. Dazu kommen diejenigen, die wir voraussehen können, wie die globale Erwärmung und das Zur-Neige-Gehen fossiler Brennstoffe. Wir können genauso wenig erahnen, welches Problemlösungspotenzial sich entfalten wird. Wir wissen aber aus der Geschichte, über welch große Flexibilität die Menschheit verfügt. Und das übersehen wir leicht, wenn wir auf die Katastrophen und Fehlentwicklungen fokussiert sind. Denn die Flexibilität in der Problemlösung ist eine der in der Kreativität verwurzelten  Stärken der Menschheit. Sie ist nicht aufmerksamkeitserzeugend. Was also Menschen leisten, ist weniger interessant als das, was sie sich leisten, wenn sie Grauslichkeiten begehen oder aus Beschränktheit oder Unwissenheit Schäden hervorrufen.

Es geht nicht darum, Fehlentwicklungen oder Untaten zu beschönigen.  Es geht nicht darum, gutzureden, was schlecht ist, schönzufärben, was hässlich ist. Es geht darum, dass das, was schön ist oder wieder schön werden kann, nicht mit dem Hässlichen zugeschüttet wird. Wir können damit anfangen, Menschen mehrdimensional zu sehen: das, was uns an ihnen gefällt und das, was uns an ihnen nicht gefällt, das, was wir gut finden und das, was wir schlecht finden. Und dazu immer mitzusehen, dass sie alle, wie wir selber, ein unschätzbares Potenzial an Lernfähigkeit und Kreativität in sich tragen. Dann kann jeder Mensch, dem wir begegnen, eine gute Neuigkeit für uns sein. Und gute Neuigkeiten helfen uns zu entspannen und uns des Lebens zu erfreuen. Thus, good news are good news. 


Vgl. Ereignisse, Medien, Machtlosigkeit
Für ein Verbot der Angstmacherei

Montag, 14. Dezember 2015

Astroturfing - Manipulation vom Feinsten

Astroturfing ist eine Methode der Manipulation und der systematischen Erzeugung von Desinformation, von der sich alle Diktatoren viel abschauen könnten. Sie lanciert Informationen so, als ob sie von Basisbewegungen und –organisationen vor allem im NGO- und Non-Profit-Bereich ausgingen, während sie in Wirklichkeit von Geschäftsinteressen gesteuert sind. Damit sollen die Informationen mehr Glaubwürdigkeit erhalten und Meinungen gesteuert werden. Dazu zählt auch die Nutzung von Computerprogrammen, die es ermöglichen, sich Unmengen von Identitäten zu geben, sodass die eigene Meinung wie eine Massenbewegung erscheint. Die eigene wirkliche Identität verschwindet in der Anonymität dahinter.

Der Begriff bedeutet so viel wie „Kunstrasenbewegung“, in Anspiel darauf, dass spontane Basis-(=grassroot)-initiativen vorgetäuscht werden.

Die New York Times wiesen in einem Artikel darauf hin, dass bezahlte Konsumentenberichte bei potenziellen Kunden Vertrauen erwecken. Ein Drittel der Konsumentenberichte im Internet sollen gefälscht sein, sodass es schließlich schwierig wird, zwischen öffentlichen und vorfabrizierten Meinungen zu unterscheiden.
Ein Beispiel aus der politischen Szene ist die Tea-Party-Bewegung in den USA, die mit allen Wassern des Astroturfing gewaschen ist.

Die US-amerikanische Aufdeckungsjournalisting Sharyl Attkisson beschreibt in einem Youtube-Video ein paar Beispiele zu den Aktivitäten dieser Kreise. 


Attacken auf Nachrichtenorganisationen, die Nachrichten publizieren, die sie nicht mögen, gegen Whistleblowers, Journalisten, die versuchen, das aufzudecken. Sie bringen Mengen an kontroversiellen Informationen in Umlauf, sodass jeder, der sich näher mit einer Sache beschäftigen will,  irgendwann das Handtuch wirft und aufgibt. Sie stellen bezahlte Studien als valide dar und machen es möglichst schwer, die Wahrheit zu entdecken.

Nach Sharyl Attkisson ist mittlerweile auch Wikipedia von Astroturf durchseucht. Scheinbar kann jeder Einträge auf Wikipedia machen, um neue Inhalte darzustellen oder Fehler in bestehenden Artikeln auszubessern. Tatsächlich wird alles, was in Wikipedia erscheint, von anonymen Kontrolleuren überwacht.

Ein berühmtes Beispiel ist die Geschichte des Schriftstellers Philipp Roth. Er fand auf einer Wikipedia-Seite ein falsches Faktum in Bezug auf die Inspiration zu einem Charakter eines seiner Bücher und wollte das korrigieren. Was auch immer er probierte, die Korrektur wurde jedes Mal rückgängig gemacht. Mit viel Mühe kam er schließlich an die Person heran, die für die Korrekturen zuständig ist, und dort wurde ihm erklärt, dass er keine vertrauenswürdige Person sei – für seine eigene Lebensgeschichte. 


Wikipedia


Auch im Bereich der Medizin, wo Wikipedia den Eindruck erweckt, auf dem Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu sein, ist Vorsicht geboten. Eine wissenschaftliche Studie in den USA hat Wikipedia-Artikel mit der wissenschaftlichen Diskussion (peer-reviewed Publikationen in Fachmedien) des jeweiligen Themas verglichen und fand heraus, dass in 90% der Fälle der Wikipedia-Artikel im Widerspruch zur Forschung stand.

Wir müssen also damit rechnen, dass es vor allem in den Bereichen, wo es um viel Geld geht, und das ist der Gesundheitsbereich, bezahlte Manipulatoren gibt, die die Interessen der Pharma-Konzerne in den sozialen Medien vertreten und im Hintergrund von Wikipedia arbeiten. Wann immer massive Kampagnen in bestimmten Bereichen des Gesundheitsfeldes lanciert werden, die sich dann über Facebook und Twitter verbreiten, können es Meinungsmacher sein, die damit in die Taschen ihrer Arbeitgeber arbeiten. Bekanntlich ist auch die Google-Suchfunktion mit entsprechender Expertise in bestimmte Richtungen lenkbar, und wer dafür Leute bezahlt, hat das Geld sicher gut investiert.

Sollten wir aufhören, das Internet für Informationsgewinnung zu nutzen, wo doch alles durchseucht ist von Lüge, Manipulation und bewusster Irreführung? Auch die Informationen, die ich in diesem Artikel weitergebe, stammen aus dem Internet, und ich kann meine Meinungen dazu auch nur über das Medium mehr Menschen mitteilen. Es folgt daraus nur, dass wir Information nie mit dem Kontext verwechseln sollten, in dem sie erscheint. Jede Information gewinnt aus dem Kontext ihre Relevanz. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als die Kontexte zu überprüfen, immer wieder und vor allem dann, wenn uns eine Information wichtig ist, z.B. wenn es um unsere eigene Gesundheit geht. 


Pharma ...


Attkisson weist auch darauf hin, dass es in solchen Fragen nicht immer hilfreich ist, „Arzt oder Apotheker“ zu konsultieren. Denn auch die Experten im Gesundheitswesen haben nur eine beschränkte Kontrolle über die Kontexte der Informationen, die sie weitergeben. Sie können angesichts der Fülle der Symptome, die Menschen haben können, nicht in jedem Fall am aktuellen Stand der medizinischen und pharmakologischen Forschung sein und die Fachdiskussionen zu diesen Themen mitverfolgen. Vielmehr kann es sein, dass sie sich in vielen Fällen auf das verlassen, was ihnen der von einer Pharmafirma bezahlte Experte auf einer Konferenz erzählt. Wenn sie dazu noch ein nettes Angebot der Firma kriegen, die den Konferenzbesuch samt Urlaubspaket finanziert, kann man nicht ausschließen, dass solche Verlockungen die Verschreibung der Medikamente beeinflusst. Opfer dieser Kontextunschärfen sind dann die Patienten, die u.U. Medikamente schlucken, deren Hauptwirkungen auf keinen wissenschaftlichen Beweisen beruhen und deren  Nebenwirkungen verharmlost und beschönigt sind.

Ein weiteres, fast absurd anmutendes Beispiel berichtet Attkisson:  Vor einigen Jahren wurde ein Forschungsbericht einer nationalen Schlafstiftung, einer Non-Profit-Organisation, mit dem Ergebnis publiziert, dass die USA ein Land mit epidemischer Schlaflosigkeit sei, ohne davon zu wissen. Die Studie ging durch alle Medien, ohne kritische Hinterfragung. Die Recherche zeigte, dass die Schlafstiftung und die Studie von einer Pharmafirma finanziert war, die gerade dabei war, ein neues Schlafmittel auf den Markt zu werfen. 

Die Aufgabe von Astroturfern ist es, Mythen zu produzieren. Sie machen das z.B. mit dem Trick, gegenteilige Ansichten als Mythen darzustellen. Niemand will einem Mythos aufsitzen, jeder will so wiff sein und die Manipulation durchschauen. Aber gerade darin können wir der Mystifizierung verfallen  und noch der Meinung sein, zu denen zu gehören, die alles besser durchschauen.

Ein möglicher Trost könnte sein, dass uns in Europa all diese haarsträubenden Berichte weniger betreffen. Schließlich geht es in den USA bekanntlich um nichts anderes als um das Geschäft und um die Profitmaximierung. Und hier in Europa gelten ja auch noch andere Werte, die mit Redlichkeit und Unbestechlichkeit zu tun haben. Wenn Geschäftsinteressen hinter politischen oder kulturellen Initiativen ruchbar werden, kann das bei uns noch einen Skandal auslösen. Aber möglicherweise ist das inzwischen auch nur ein romantischer Irrglaube.


Dienstag, 24. November 2015

Die große und die kleine Liebe

Jede Liebe hat beides: eine persönliche und eine überpersönliche Qualität. Die persönliche ist geprägt von der eigenen Lebensgeschichte und enthält alle Konzepte, Sehnsüchte und Verengungen, die aus den Erfahrungen stammen, die wir im Lauf unseres Lebens eingesammelt haben. Die persönliche Liebe ist gewissermaßen der Eintopf aus all diesen Erfahrungen, die Quintessenz, einschließlich aller Verletzungen und Öffnungen. Die persönliche Liebe will wachsen, weil sie weiß, dass sie nicht vollkommen ist, dass sie also das volle Potenzial, das ihr innewohnt, noch nicht entfaltet hat. Wir können sie auch die kleine Liebe nennen, die in sich die Kraft und Bestrebung hat, zur großen Liebe zu werden. Sie ist allerdings auch anfällig für alle Störungen und Irritationen, die aus den Verletzungen kommen, die sie schon erlitten hat.

Die überpersönliche Liebe ist, wie sie ist, sie weiß, dass sie in allem ist, was es gibt. Sie braucht nicht in ihrer Qualität zu wachsen, weil diese schon alles umfasst. Sie weiß aber auch, dass sie sich mehr und mehr ausbreiten muss, wenn diese Welt in Bewusstheit und Menschlichkeit wachsen soll. Sie kommuniziert mit all den persönlichen Liebesgeschichten, die sich zu ihr hin entwickeln wollen. Sie übt die Anziehungskraft aus, die die liebesfähigen Personen immer wieder anregt, in ihrer Liebe weiterzuwachsen, aus den Untiefen in die Tiefe, aus der Kleinlichkeit in die Größe zu gehen.


Die Liebe ohne Mitgefühl


Die Wiener Psychotherapeutin Christl Lieben hat mit ihrer Eingebung von der "Liebe ohne Mitgefühl" einen eigenen Zugang zu dieser überpersönlichen Liebe geöffnet. Sie beschreibt diese Liebe als unsentimental, neutral, klar und selbstverständlich. Sie ist nicht etwas, das eigens errungen und erkämpft werden muss, weil sie immer da ist. Sie ist aber nicht in der Weise eines Dinges da, das man einfach nehmen könnte wie eine Blume am Wegrand, sondern als eine Kraft, die im Inneren von allem wirksam ist, sich aber nur der Person erschließt, die bereit ist oder fähig ist, sich selbst aufzugeben, also die Identifikation mit dem Ego aufzulösen.

Dann wird diese besondere Qualität der Liebe erfahrbar, befreit vom Drama und von den Gefühlsstürmen, Leidenschaften und Enttäuschungen, allen Anhaftungen entrückt. Dabei wird sie eine andere Spielart des inneren Friedens oder der inneren Freiheit. Es ist “die Liebe, die aus der Leere kommt". 


Was heißt es, in der Liebe anzuhaften? In der buddhistischen Lehre gelten ja die Anhaftungen als die Bestrebungen des Egos, an etwas festzuhalten, von dem es gerne hätte, dass es anders ist als es ist. Es sind die Illusionen und Wunschvorstellungen, die das Ego über die Wirklichkeit drüberlegt. Sie wirken wie ein Schleier, aus dem das Ego  seine Erwartungen und Enttäuschungen bastelt, seine Engstellen und seine Durchbrüche.

Wo wir anhaften, machen wir etwas Fließendes zu einem Ding, zu etwas, das wir festhalten wollen, um es am Weggehen zu hindern, oder zu etwas, das wir loswerden wollen, indem wir es vernichten, statt zu warten, bis es von selber wegfließt. Wo immer wir unsere Vorstellungen und Ideen dem vorordnen, was das Leben von sich aus schafft und wieder vergehen lässt, haften wir an. Wo immer wir anhaften, werden wir unbeweglich.

Auch der Ausdruck der Verstrickung passt hier, wir sind gefesselt von den Fäden, mit denen wir uns an die Dinge und verdinglichten Gedanken gebunden haben. Diese Fäden sind aus unseren Ängsten gesponnen, und sie verkleben uns mit den Vorstellungen und Konzepten, die diese Ängste bannen sollen.

Deshalb muss die persönliche Liebe immer wieder kämpfen. Im Grund gilt dieser Liebeskampf der Befreiung aus den Fesseln, in die sie das Ego manövriert hat. Denn das Ego versucht permanent, sich die Liebe zu sichern, die aber bekanntlich ein Kind der Freiheit ist und sich nicht festnageln lässt. Gerade wo der Liebe Gewalt angetan wird, indem wir sie unseren persönlichen Zwecksetzung und Ängsten unterordnen wollen, verschwindet sie. Sie lässt sich nicht einsperren, weil sie nicht klein bleiben will. Jede Liebe will wachsen in ihre größtmögliche Form hinein.

Die Idee der Liebe ohne Mitgefühl weist darauf hin, dass die große Liebe nichts für den anderen wollen kann. Sie lässt alles so sein und so werden, wie es sein und werden will. Wann immer wir uns für eine andere Person wünschen, dass etwas so oder so werden soll, mischen wir uns ein in das Leben, das von sich aus entwickelt, was dran ist.

Wenn jemand krank ist, wünschen wir ihm, dass er wieder gesund wird, das sagt uns unser Mitgefühl. Wir sehen, wie er an der Krankheit leidet und wollen, dass dieses Leiden möglichst bald zu Ende geht. Wir fühlen uns sehr liebevoll, wenn wir dieses Mitgefühl in uns wahrnehmen. Folgen wir jedoch der Idee der Liebe ohne Mitgefühl, so erkennen wir, dass sich in unsere wohlgemeinten Wünsche das Wollen unseres Egos eingemischt hat. Denn wir (d.h. unsere Egos) wollen, dass sich unsere Vorstellung von Stimmigkeit und Glück in der Wirklichkeit durchsetzt. Wir kommen nicht damit zurecht, dass die andere Person leidet, weil uns dieses Leiden an unsere eigene Endlichkeit und den damit verknüpften Ängsten erinnert.

Der Prüfstein ist, sobald nicht eintritt, was wir uns und den anderen wünschen: Jemand wird nicht gesund, sondern kränker und kränker, es geht ihm schlechter und schlechter - können wir dann noch im n der Liebe bleiben, in der großen Liebe, die alles gutheißt, was ist und daran nichts ändern will? Vielleicht merken wir an diesem Punkt, dass sich eine Angst in unser Mitgefühl eingemischt hat: Was ist, wenn die Person gar nicht mehr gesund wird, sondern wenn sie gar sterben muss? Vielleicht erkennen wir, dass uns das mit unserer eigenen Todesangst konfrontiert: Der Angst, die uns vor die Tatsache stellt, dass wir selber eines Tages in der Situation sind, dass es uns schlechter und schlechter geht, bis wir sterben müssen.

Damit wir diese Angst nicht spüren müssen, mobilisieren wir unsere magischen Kräfte, durch das Wünschen des Guten das Schlechte abzuwenden. Das soll unser Mitgefühl leisten.

Wenn wir jedoch hinter dieses Mitgefühl spüren, merken wir, dass in dem scheinbaren ganz Für-den-anderen-Dasein im Mitgefühl unser Ego kräftig mitmischt. Normalerweise fällt uns das gar nicht auf, weil das Mitgefühl so fest in unsere Konventionen hinein verwoben ist. Es wäre ja ganz und gar unhöflich, ja sogar unmenschlich, einer leidenden Person keine Besserung zu wünschen.

Natürlich geht es nicht um das Gegenteil von Mitgefühl, z.B. um die Missgunst, sondern um das Größere und Weitere: Um die überpersönliche Liebe, die immer das Gute in dem sieht, was schon ist, und das Gute wünscht, ohne es zu bestimmen und damit einzugrenzen. Diese Liebe ist also frei von Angst, indem sie weiß, dass alles gut ist, was geschieht, auch wenn es für die Egos der Menschen schrecklich und furchtbar sein kann. 


Die große Liebe in der kleinen


Wenn wir im Raum der überpersönlichen Liebe sind, erkennen wir, dass die große Liebe immer auch in der kleinen ist und sich dort z.B. in der Form des Mitgefühls äußert. Denn sie kann sich in jeder Form ausdrücken, weil sie an keine Form gebunden ist. Sie kann auch sagen: Alles Liebe und alles Gute für dich, voll von einem Mitgefühl, das spürt, wie sehr die andere Person leidet, die also das Leiden der anderen Person fühlt.

Denn jedes Abwehren des Leidens wäre eine Schutzreaktion, die aus unserem ängstlichen Ich kommt. Wer also des Mitgefühls nicht fähig ist, kann gar nicht zur großen Liebe gelangen. Zuerst muss also das Mitgefühl erlernt werden, wenn der Kanal dazu verstopft ist.

Doch ist das angstfreie Mitgefühl offen für alles, was ist und was sein wird. Es legt sich nicht auf Erwartungen fest, sondern ist ganz mit der anderen Person, in diesem Moment des Seins, mit dem, was da gerade ist: Leiden oder Freude oder was auch sonst.

Die andere Person kann dann spüren: Da ist jemand da für mich und mit mir in dem, in dem ich gerade bin. Das macht es leichter zu ertragen, was gerade ist. Wenn jemand da ist, der wünscht, dass es besser wäre als es ist, dann entsteht ein Druck, der die eigene Situation erschwert anstatt sie zu erleichtern. Denn zu dem Ringen mit der Belastung, die bedrängt, kommt noch die Erwartung der anderen Person, mit der ein Auskommen gefunden werden muss.

Das Geheimnis der Liebe ohne Mitgefühl ist also, dass sie die anderen Menschen völlig frei lässt, und in dieser Freiheit gesehen und angenommen zu sein ist ein größeres Geschenk als die konventionelle Form eines Mitgefühls, durch das die eigenen Ängstlichkeiten durchscheinen und auf subtile Weise das Gute, das im Mitgefühl schwingt, schlecht machen. Die liebevolle Zuwendung zum anderen zeigt sich auf einer tieferen Ebene als angstvolle Zuwendung zu sich selbst und zum Leben insgesamt.

Wenn wir in die große, überpersönliche Liebe einsteigen wollen, müssen wir uns von allen Konventionen verabschieden und statt dessen nur die Menschen sehen, mit denen wir gerade beisammen sind, in radikaler Einfachheit, die alles so annimmt, wie es ist, ohne eigene Zutat, ohne Ego, das nach jeweiligem Gutdünken verschönert oder verhässlicht, dazudichtet oder wegschneidet. Die innere Komposition von Antrieben und Strebungen, von Klarheiten und Verwirrung, die sich in jedem Moment neu gestaltet und von einem zum anderen fließt - auf sie ist die große Liebe bezogen, die alles umfassen und in sich halten kann, was sich zeigt.

Die große Liebe kann nur in dem inneren Raum gedeihen, der frei von Angst ist, denn jede Spur von Angst macht sie schon zur kleinen. Die Angst engt immer auf ihre Programmierungen ein, die sich auf unbewusste alte Erfahrungen beziehen, die nichts mit dem momentanen Erleben zu tun haben.

Die  große Liebe lenkt den Fluss der Liebe. Wenn der Fluss unterbrochen wird, und das geschieht durch fortlaufende atmosphärische Störungen, durch Traumatisierungen und andere Lebenskatastrophen, die zu einem schleichenden oder massiven Einfall von Angst führen, dann verwirrt und verirrt sich der Fluss der Liebe. Sie fließt dann z.B. verkehrt, aufwärts statt abwärts, d.h. beispielsweise vom Kind zur Mutter, statt von der Mutter zum Kind. Die verirrte Liebe ist nicht die überpersönliche Liebe, sondern die in Zweck genommene kleine Liebe.

Erst wenn die Hindernisse beiseite geräumt sind, die den Fluss der Liebe pervertieren, kann sie wieder frei fließen, in die Richtung, die stimmt, die natürlich ist. Dabei lösen sich die personalen Bestandteile der Liebe, die sie klein halten, von selber auf, Stück für Stück.

Christl Lieben: Die Liebe kommt aus dem Nichts. Wenn sie uns berührt, nehmen wir Gestalt an. Scorpio-Verlag 2014

Mittwoch, 18. November 2015

Hochsaison für Verschwörungstheorien



Die gefälschten Protokolle
der Weisen von Zion

In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung haben Verschwörungstheorien Hochsaison. Sie bieten die einfache Erklärung für das Komplizierte und versprechen damit eine Sicherheit. Denn die bösen Akteure hinter den furchterregenden Ereignissen werden benannt, und es entsteht die Illusion, dass sie damit auch kaltgestellt sind.

Wer immer sich mit der Situation in Syrien und im Irak auch nur am Rand auseinandersetzt, erkennt, dass diese Konflikte deshalb so langwierig sind und unlösbar erscheinen, weil sie viele Akteure mit unterschiedlichen und widersprechenden Interessen auftreten. Alle diese Gruppierungen haben ihre Unterstützer, die ihnen Waffen und sonstige Versorgung zukommen lassen. Sie unterscheiden sich in ihrer ethnischen, religiösen und/oder ideologischen Ausrichtung sowie durch unterschiedliche Traditionen und Gruppenbildungen (warlords). Teilweise bekämpfen sie sich untereinander, teilweise haben sie Hauptgegner, teilweise kämpfen sie gegen alle, um mehr Einfluss und Macht zu gewinnen.

Innerislamisch gehen die Konflikte auf die Frühzeit (7. Jahrhundert) zurück, als sich Sunniten und Schiiten voneinander distanzierten. Bis heute sind diese Konflikte weder theologisch noch realpolitisch geklärt oder bereinigt. Dazu kommen unterschiedliche Interpretationen, wie Moslems mit Andersgläubigen umgehen sollen und wie die Rechtslehre auszulegen sei. All dies gibt Anlass zu Identitätsbildungen, die sich krasser voneinander unterscheiden müssen als es für einen Außenstehenden einsichtig wäre, ähnlich wie jemand, der kein Christ ist, schwer verstehen kann, ob Jesus Gott wesensähnlich oder wesensgleich ist, ob in der Kommunion der Leib Christi oder nur dessen symbolische Vertretung gereicht wird usw.

Dazu kommen die wiederum unterschiedlichen Interessen der Nachbarländer und dazu noch jene der größeren und großen Mächte. Im Ganzen hat diese unübersichtliche Gemengelage dazu geführt, dass ein schier unendliches Ausmaß an Konfliktpotenzialen entstanden ist, zwischen denen die Masse der dort lebenden Menschen, die sich keiner der vielfältigen Orientierungen zugehörig fühlen, sondern ein Leben in Frieden leben wollen, zerrieben werden und nur überleben können, wenn sie fliehen.

Die Vereinfacher haben für alles eine Erklärung und identifizieren die Drahtzieher hinter all den Ereignissen. Z.B. wird behauptet, dass der CIA (in Kombination mit dem israelischen Geheimdienst) mit seinen geheimen Machenschaften hinter den Aufständen gegen Assad, hinter der Gründung der IS und hinter den Anschlägen in Paris steckt, dass also Israel und die USA ihre eigene Feinde produzieren, die sie dann bekämpfen können, damit die Waffenerzeuger ungehindert ihre Milliarden scheffeln können und die Kriegsmaschinerie in Gang bleibt usw. Der Fantasie ist keine Grenze gesetzt, und wenn sie mit dem verantwortungsvollen Ernst des Wissenden verkündet wird, denken sich viele, da muss schon was dran sein. Die Quellen für diese überlegenen Einsichten werden nicht oder nur vage benannt: Aus Geheimdienstkreisen stamme das Wissen, so als ob diese Personen bei den diversen Besprechungen dabei gewesen wären und jetzt überall im Internet frei verkünden können, was sie dort gehört haben.

Was braucht es zu einer Verschwörungstheorie? Es braucht einen ideologischen Kern: Etwas, das immer stimmt, immer schon so war und immer so sein wird, z.B. dass es einen geheimen Kreis von Mächtigen und Reichen gibt, die die Welt beherrschen wollen, damit sie mächtig und reich bleiben und mächtiger und reicher werden. Das ist außer Frage gestellt. Da geheim, weiß niemand davon, außer eben den Aufdeckern, die in diese Geheimnisse hineinschauen können. Früher war dieser geheime Kreis das „Weltjudentum“ oder die Freimaurer, jetzt werden manchmal die „Bilderberger“ genannt.

Um den ideologischen Kern herum werden die Fakten so interpretiert und angeordnet, dass sie immer den Kern bestätigen. Daesch verfügt über amerikanische Waffen, also ist es klar, dass die Amerikaner Daesch aufgebaut haben. Da sie den sogenannten islamischen Staat jetzt bekämpfen, ist klar, welches Spiel eigentlich gespielt wird. Die Fantasie bildet also die assoziativen Ketten, sodass alle Fakten lückenlos ins Konzept eingepasst werden und es bestätigen.

Dann braucht es noch eine paranoide Absicherung des ganzen Theoriegebäudes, die darin besteht, dass jeder, der es kritisch betrachtet oder in Frage stellt, als Agent oder gehirngewaschener nützlicher Idiot des Bösen erkannt wird, und damit bestätigt sich die Theorie durch jede Kritik selbst.

Nicolas Hénin, der 10 Monate in ISIS-Gefangenschaft verbracht hat, berichtet, dass seine Gefängniswärter ausgeprägte Paranoiker waren, gefangen in einem Weltbild, das alles auf den entscheidenden Endkampf zwischen „Gut“ und „Böse“ zusteuern sieht. Was immer passiert, bestätigt, dass sie am richtigen Weg sind. Sie wissen, wo das Böse und wo das Gute ist. Wie jeder andere Verschwörungstheoretiker auch. 


Dienstag, 17. November 2015

Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?

Hieronymus Bosch, Garten der Lüste
In diesen Tagen nehmen Politiker immer wieder das Wort Krieg in den Mund. Sie wollen damit die Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, alle Kräfte und Mittel zu konzentrieren, um das zu vernichten, was den Menschen Angst macht und sie bedroht.

Abgesehen von der Frage, ob und in welchem Sinn Krieg geführt werden kann gegen einen Gegner, der unbekannt ist (“Wir erklären Unbekannt den Krieg”), ist es besorgniserregend, mit welcher Leichtfertigkeit ein schwerer und beladener Begriff ausgesprochen wird. Denn damit wird ein Zustand proklamiert, der die Unmenschlichkeit zur Norm erhebt.

Seit dem 2. Golfkrieg 1991 hat das Kriegführen und seine Darstellung eine neue Dimension erhalten, mit bemerkenswerten Parallelen zu Computerspielen, die um die gleiche Zeit die Leidenschaften der Spieler erobert haben. Eine quasi chirurgische Form der Kriegsführung wurde vorgespiegelt, sauber und klinisch wird das Böse aus dem Guten ausgesondert und vernichtet. Ähnlich versucht heutzutage die russische Propaganda der eigenen Öffentlichkeit das Eingreifen in Syrien schmackhaft zu machen: Als Geschicklichkeitsübungen von Bomberpiloten, die wie beim Videospielen das Knöpfendrücken beherrschen und Rauchwolken in der Wirklichkeit erzeugen, die von hoch oben beobachtet nur zerstörte Objekte und keine getöteten Menschen zeigen.

Krieg ist immer mehr, als uns die Propaganda vorgaukeln will. Krieg bedeutet das Außerkraftsetzen der Ordnungsgefüge, die das Zusammenleben der menschlichen Gemeinschaft im Normalzustand ermöglichen. Krieg ist der maximale Stresszustand, wie er in einem Individuum wirksam sein kann, übertragen auf die gesamte Gesellschaft. Damit werden praktisch alle Individuen in einen Notzustand versetzt, der ihr normales Funktionieren unterbinden soll. Damit Menschen Menschen umbringen können, müssen sie in einen Ausnahmezustand versetzt werden, in dem nicht, wie manchmal behauptet, ihre "tierische" Natur freigesetzt wird, sondern in dem sie ihr Überlebensprogramm allen anderen Zusammenhängen überordnen. Das heißt, man muss sie maximal in Angst versetzen, und dann, nach dem Motto: "Alles auf mein Kommando, vorwärts Marsch!" kann dann in den Krieg marschiert werden.

Das Überlebensprogramm kennt keine Rücksichtnahme, kein Mitgefühl, keine zwischenmenschliche Verbindung. Es hat keine Weitsicht und keine Zukunftsperspektive. Es will nur eines: im Moment überleben und zu dem Zweck alles vernichten, was die eigene Existenz bedroht oder bedrohen könnte. Es reagiert schnell und ohne Nachdenken, wie ein lebloser Apparat. (Vermutlich haben sich die Menschen, als sie die ersten Maschinen erfunden haben, den inneren Kriegszustand als Vorbild genommen).

Jeder Krieg zieht eine Schneise der Dehumanisierung durch die betroffene Gesellschaft und durch deren Mitglieder. Manche überleben den Krieg ohne körperlichen Schaden, keiner kann ihn ohne seelischen Schaden und innere Verkrüppelung überstehen. Manche verbluten, andere tragen die Blutspur im Herzen und in der Seele.

Alleine schon das Einschwören auf den inneren Notzustand mobilisiert alle alten Traumatisierungen, zu denen unweigerlich neue dazu treten, die neben ihrer Eigenwirkung zusätzlich die alten Verwundungen vertiefen und verfestigen. Erst recht, wenn zur Einstellung Taten kommen, Gewaltaktionen, die aktiv oder passiv erfahren werden, zerbricht das innere Gerüst. Nach jedem starken Schock braucht es Stunden, dass sich unser Nervensystem erholen kann. Krieg bedeutet eine Abfolge von Schocks, wie manche syrische Flüchtlinge berichten: Jede Nacht Granateneinschläge, Schock auf Schock, und keine Zeit zur Erholung.

Deshalb ist es für die Gemeinschaft und die Individuen langwierig und mühsam, nach dem offiziellen Ende eines Krieges wieder zu einem Normalzustand zurückzufinden. Wenn diese Traumatisierungen nicht innerlich aufgearbeitet werden, gehen sie auf die nachfolgenden Generationen über und belasten diese. Wir, die Kinder der Nach-Zweiter-Weltkriegszeit tragen an den Verwüstungen dieses Krieges. Wir haben aber auch die Chance, die Kette zu unterbrechen, indem wir uns den seelischen Trümmern (Bettina Alberti) stellen und sie aufräumen.

Dann haben wir die Entschlossenheit und Kraft, gegen jede Form von Gewalt aufzutreten und für den Frieden einzutreten. Gewalt liegt in der Wahl der Worte, deshalb müssen wir auch benennen, wenn Worte missbraucht werden, um Ängste zu kanalisieren. Auch wenn manche Herausgeber auf ihre Titelseite „3. WELTKRIEG“ (Deutsches Handelsblatt vom 16.11.) kleschen, müssen wir nicht mitheulen. Wir müssen uns nicht ängstigen, auch wenn Medien und Politiker Ängste schüren wollen, sondern können unseren Mut aufbieten, um gegen jede Form der Kriegspropaganda aufzutreten.

Wir, die Zivilgesellschaft und die politische Verwaltung, haben die Pflicht und die Aufgabe, uns und unsere Mitmenschen vor Verbrechen jeder Art zu schützen. Doch dazu braucht es keinen Krieg. Vor 14 Jahren haben die USA versucht, das Terrorismusproblem mit einem Krieg gegen Afghanistan zu lösen – das Land ist seither im Krieg und destabilisiert; das gleiche haben sie vor 12 Jahren im Irak begonnen, mit ähnlich nachhaltig desaströsen Ergebnissen. Deshalb haben wir, die Zivilgesellschaft und die politische Verwaltung, auch die Pflicht, die Welt vor unverantwortlich ausgerufenen Kriegen zu schützen.

"Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen. Beide sind gleichermaßen unmoralisch." (Peter Ustinov)

Sonntag, 15. November 2015

Ereignisse, Medien und Machtlosigkeit

Angesichts von Katastrophen oder Terrorakten können wir uns als ohnmächtig erleben, auch und wenn wir selber davon nicht direkt betroffen sind. Denn unsere subjektive Bewertung rückt das Ereignis in die nächste und damit intime Nähe. Mit dem Fernseher passiert es gewisser Maßen direkt im eigenen Wohnzimmer, mit dem Smartphone sogar direkt im eigenen Bett. Die Medien machen objektive Ereignissen zu subjektiven gefühlsgeladenen Elementen im subjektiven Innenleben und bewirken, dass uns nahegeht, was sie wollen, dass uns nahe geht.

Objektiv ist es ungleich wahrscheinlicher, von einem Auto überfahren zu werden als Opfer eines Terroranschlages zu werden. Dennoch steigert sich die Angst vor solchen Ereignissen, weil sie uns so hautnah vor Augen geführt werden und wir auch das kollektive Entsetzen wahrnehmen können.

Sie wird noch dadurch verstärkt, dass wir meinen, wir könnten uns vor Autounfällen schützen, weil wir wissen, wo und wie Autos unterwegs sind. Vor Terrorüberfällen können wir uns nicht schützen, weil wir nichts über deren Wo und Wie wissen. Wir haben keinerlei Kontrolle über die mögliche Gefahrenquelle, es könnte uns jederzeit und überall zustoßen, also müssen wir dauernd auf der Hut sein.

Die Medien unterstützen die Wirkung, gewissermaßen gehen auf der ganzen Welt Bomben hoch, wenn die Bilder von Explosionsopfern und verzweifelten Angehörigen über die Bildschirme flimmern. Rational wissen wir zwar, dass Fernsehbilder Fernsehbilder sind, aber auf der Gefühlsebene sind wir direkt angesprochen und identifizieren uns mit den Betroffenen.

Das mediale Echo ist der Hauptzweck der Aktionen, kommt nichts in die Medien, ist nichts erreicht. 129 Menschen einer Großstadt umzubringen bringt keinen wie immer gearteten strategischen oder militärischen Erfolg gegen den Gegner. Nur weil Attentäter, ihre Anstifter und Hintermänner über die Macht der Medien wissen, gibt es solche Anschläge.

Wenn hier der Begriff „Krieg“ einen Sinn macht, der jetzt vielleicht allzu leichtfertigt in den Mund genommen wird, dann als Medienkrieg. Terrororganisationen sind abhängig von Publicity und Medienpräsenz, das bringt mehr Anhänger und Prestige, mehr Einfluss, Macht und Geld. Die Medien multiplizieren die zerstörerische Wirkung jedes Anschlags und tragen die Aktionen von der menschlichen in die virtuelle Ebene, wo sie ein Eigenleben beginnen. Der Schrecken verbreitet sich wellenförmig, Gefühle der Angst und Ohnmacht erreichen alle. Das Selbstbild und subjektive Machtgefühl der aktuellen und zukünftigen Täter wächst proportional mit dieser Ausbreitung. Wir alle, die wir die Medien konsumieren, unterstützen das, ob wir wollen oder nicht. Die Angreifer haben den Krieg schon gewonnen, sobald die Aktion in die Medien gekommen ist.

Was wir aber nicht unterstützen müssen, ist die emotionale Ladung, die mit den Informationen mitgeliefert werden. Wir verfügen über unsere Innensicht, die Erste-Person-Perspektive, die wir in uns als Korrektiv gegen die virtuellen Einflüsse nutzen können. Die äußere Welt wird immer wieder Bedrohungen und Verunsicherungen hervorbringen. Ob sie in uns Angst und Gefühle von Hilflosigkeit auslösen, liegt an uns selber. Denn wir haben ein Inneres, das diese Einflüsse bewerten und einordnen kann. Wir können diesen Einflüssen ihre Macht nehmen, wenn wir erkennen, was der Wirklichkeit angehört und was der virtuellen Multiplikation.

Erst recht entmachten wir die medialen Gefühlstransfusionen, indem wir uns klarmachen, dass unser Leben einfach, weil es Leben ist, unsicher ist. Passieren kann immer etwas, so gut wir uns auch absichern. Irgendwann wird unser Tod passieren, so gut wir auch für unser Leben vorsorgen mögen. Deshalb können wir unser Leben als permanent bedroht ansehen, oder, wie wir wollen, als in sich selber sicher. Denn wenn wir die prinzipielle Unsicherheit des Lebens anerkennen, können wir darin eine noch viel tiefere Sicherheit entdecken, die uns kein Panzerglas oder Lebensversicherungsvertrag bieten kann. Es ist die Sicherheit, dass alles, was geschieht, so geschehen kann, wie es geschieht, und dass es keine Rolle spielt, ob uns das angenehm oder unangenehm ist. Denn auch die Art und Weise, wie wir das erleben, was geschieht, geht vorüber. 


Sicher ist nur die Vergänglichkeit, sicher ist das Fließen des Lebens. Im Zen-Buddhismus heißt es: Tief verwurzeln im Bodenlosen. Und: Der Friede im Inneren ist unzerstörbar.

Vgl. Das Menschliche im Unmenschlichen
Are bad news good news?

Samstag, 14. November 2015

Das Menschliche im Unmenschlichen

Schreckliche Ereignisse erzeugen Betroffenheit. Wir empfinden Mitleid mit den Opfern und erkennen dadurch, dass wir als Menschen alle miteinander verbunden sind. Wir empfinden Abscheu gegen die Täter und merken dabei meistens nicht, dass wir uns damit abtrennen von der Menschheit und so tun, als hätten wir mit ihnen nichts gemeinsam.

Allerdings übersehen wir, wenn wir unserer Abscheu und dem daraus kommenden Hass folgen, dass wir selber zu potenziellen Tätern werden. Denn die Ablehnung anderer Menschen und ihrer Motive ist es, was zu hasserfüllten Handlungen führt. Wenn wir Hass in uns kultivieren, sind wir nicht viel besser als jene, die wahllos andere Menschen abknallen.

Wir brauchen uns nicht vorzuwerfen, dass wir solche Gefühle entwickeln, wenn Menschen unmenschlich handeln. Diese Gefühle sind erworbene Reaktionsmuster, die ohne unser bewusstes Zutun entstanden sind und wachgerufen werden. Aber wir müssen nicht an diesen Gefühlen festhalten, weil wir mit diesen Gefühlen in uns selber die gleiche Einstellung rechtfertigen, die wir an Tätern verurteilen. Denn gerade Gesinnungstäter handeln aus der Überzeugung heraus, dass sie oder die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, unmenschlich behandelt wurden, dass ihnen etwas angetan wurde, wofür sie legitimer Weise Hass empfinden dürfen, um in Konsequenz aus diesem Hass heraus handeln zu müssen.

Wenn wir also einen Unterschied machen wollen, geht es darum, dass wir uns von den verurteilenden Gefühlen lossagen und uns das Menschliche im Unmenschlichen eingestehen. Denn zu allem, zu dem Menschen fähig sind, sind wir selber auch fähig. Und wir können uns für die Umstände unseres Lebens glücklich schätzen, die uns das Gutsein leichter machen, und zugleich erkennen, dass wir noch lange nicht vollkommen sind, sondern noch viel brachliegendes Potenzial zu mehr Menschlichkeit in uns tragen.

Das bedeutet nicht, dass wir verbrecherische Handlungen gutheißen, im Gegenteil, das Menschliche im Unmenschlichen zu sehen beinhaltet, die Fehlerhaftigkeit zu benennen und bewusst zu machen. Böses Handeln muss Konsequenzen haben, sonst zerbricht die Humanität. Es geht also nicht um eine naive Menschlichkeit, die jedes und alles in rosarote Wolken einhüllt. Wir haben Verantwortung und Mitverantwortung dafür, dass wir selber und die anderen besser werden, also unsere Erkenntnis schärfen, wo das Gute beginnt, und nach dieser Erkenntnis zu handeln. Dazu obliegt es uns auch, anderen zu verstehen geben, wenn sie diesseits der Grenze des eigenen Egos verblieben sind und ihnen das Überschreiten der Grenze zuzumuten.

Das Mitgefühl, das geweckt wird, wenn wir von Ereignissen in unserer „Nähe“ erfahren, soll uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mitmenschlichkeit nicht von der Entfernung, nationalen oder übernationalen Verbundenheit, sozialer und kultureller Ähnlichkeit abhängen kann. Mitmenschlichkeit hat keine Grenzen irgendwohin.


Wir können daher die Gelegenheit ergreifen und dieses Gefühl weiten: Auf die vielen Anlässe auf dieser Welt, die es genauso verdienen, selbst auf die vielen Menschen, die, weil sie nicht an der Nachrichtenwelt teilnehmen, nie von den Ereignissen erfahren werden, die uns heute erschüttern, und auf die vielen Menschen, die, weil sie gerade um ihr nacktes Überleben kämpfen, nicht zu Mitgefühl fähig sind.