Donnerstag, 30. März 2017

Die Kommunikationsfähigkeiten der Ungeborenen

Sind wir ursprünglich Einzelgänger, auf das eigene Überleben programmiert, und gehen wir Beziehungen nur deshalb ein, weil wir uns Vorteile für dieses Überleben erwarten? Diese Auffassung ist prägend für viele Ansichten in der Philosophie, Anthropologie, in anderen Wissenschaften und Ideologien, bis hinein ins Alltagsbewusstsein. Sie hat aus meiner Ansicht ihre Wurzeln im materialistischen Bewusstsein, das dazu beigetragen hat, dass sich Solidargemeinschaften aufgelöst haben, bzw. dass es immer schwieriger wird, solche zu bilden. Wenn das stimmt, ist das Bild von Robinson Crusoe, der das Überleben auf einer einsamen Insel schafft und damit das Vorbild für die Einzelkämpfer-Existenz abgibt, ein Produkt der Neuzeit und ihrer Überlebensstrategie. 

Die andere Auffassung geht davon aus, dass wir von Anfang an als Individuen in Beziehungsnetzen miteinander verbunden sind. Was uns als Individuen ausmacht, ist u.a. die Art und Weise, wie wir mit Beziehungen umgehen und von ihnen geprägt werden. Nach dieser Auffassung gibt es ein beständiges Interaktionsgeschehen zwischen Individuen, das nicht erst erlernt wird, sondern von Anfang an besteht. Das auf das eigene Überleben programmierte Einzelwesen ist nach dieser Auffassung ein Abstraktum, etwas, das es in der Wirklichkeit nicht gibt. 

Die Wissenschaft hat einen interessanten Beleg für die zweite Auffassung präsentiert. Er ist unter dem Titel „Hallo Nachbar! Ungeborene Zwillinge ertasten einander im Mutterleib“ in der Public Library of Science erschienen. 

Hier der Bericht:
Dass Babys unmittelbar nach der Geburt mit ihren Mitmenschen Kontakt aufnehmen und beispielsweise deren Mimik imitieren, ist bekannt. Wie aber sieht es mit der Zeit davor aus? Wissenschaftler um Umberto Castiello von der Università degli Studi in Padua filmten per Ultraschall die Bewegungen von Zwillingen im Mutterleib und stellten fest: Die Föten beginnen schon ab der Mitte der Schwangerschaft, sich gezielt gegenseitig zu ertasten. Castiello und seine Kollegen hatten mitgezählt, wie oft die Zwillinge sich selbst, die Wand der Gebärmutter und das Geschwister in der Zeit zwischen der 14. und der 18. Schwangerschaftswoche berührten. Das Ergebnis: In diesem Zeitraum fassten die Kinder immer seltener sich selbst an, dafür aber häufiger den Uterusnachbarn. Bei den fünf untersuchten Zwillingspärchen habe sich außerdem gezeigt, dass die Föten die Geschwindigkeit der Bewegung an das jeweilige Ziel anpassten, berichten die Forscher. Nach Bruder oder Schwester holten die Kinder vorsichtiger aus, als wenn sie ihren eigenen Mund oder ihre Augen befühlten.& Für die Wissenschaftler ist damit klar, dass es sich um zielgerichtete Bewegungen handelte und nicht um unkoordinierte Reflexe. Aus den Ergebnissen geht nach Ansicht der Forscher hervor, dass das Miteinander beim Menschen instinktiv angelegt ist. Die nötigen Verschaltungen im Gehirn entstehen offenbar bereits während der Embryonalentwicklung.


Soweit der Bericht, der auf die erstaunlichen kommunikativen Fähigkeiten von ungeborenen Kindern hinweist. Sicher brauchen wir neuronale Schaltkreise im Gehirn, um diese Fähigkeiten steuern zu können. Doch könnte es sein, dass diese Fähigkeiten schon vor der Entstehung der entsprechenden Verschaltungen angelegt sind und über andere Kanäle funktionieren. 

Wenn diese Auffassung stimmt, haben wir es mit einem Universum zu tun, in dem jedes Element mit jedem anderen in irgendeiner Form der Kommunikation verbunden ist. Kommunikation ist nicht etwas, das wir irgendwann erlernen, sondern ist das Medium, in dem wir immer schon sind. Was wir lernen, sind bestimmte Techniken der Kommunikation, wie z.B. das Sprechen oder das Email-Schreiben. In Kommunikation wurden wir empfangen, in Kommunikation sind wir zu dem geworden, was wir sind, und durch Kommunikation entwickeln wir uns weiter und entfalten unsere Möglichkeiten und Potenziale, die wiederum dem großen Netz der Kommunikationen zugutekommen. 

Hier zur Quelle

Dienstag, 28. März 2017

Die Vorstellung von der Unsterblichkeit

Wir wissen nicht, was nach dem Tod ist und können darüber auch nichts wissen. Jeder, der behauptet, ein Wissen darüber zu haben, schwindelt. Denn Wissen erfordert authentische Erfahrung, und definitionsgemäß kann niemand, der tot ist, Erfahrungen machen und davon berichten. Tot zu sein heißt, dass alle Grundlagen für Erfahrungen, z.B. ein Nervensystem, und alle Grundlagen für Kommunikation, z.B. ein Sprachzentrum und Sprechorgane, ihre Funktionen eingestellt haben.

Wohl gibt es Nahtod- oder Fasttod-Erfahrungen, aber das sind andere Themen, weil diese Erfahrungen von Menschen gemacht wurden, die noch so weit am Leben waren, dass sie eben Erfahrungen machen konnten. Es berichtet die Bibel von Personen, die „von den Toten auferstanden“ sind, doch wissen wir nicht, ob es sich in diesen Fällen um Schein- oder Nahtote gehandelt hat, bzw. ob die Erzählung gar nicht die Absicht hatte, außergewöhnliche Fakten wiederzugeben, sondern Heilsbotschaften vermitteln wollte.


Menschen sind Empiristen


Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war (nihil est in intellectu quod non erat in sensu),  so der Grundsatz des Empirismus, der Lehre, die davon ausgeht, dass nur das als Erfahrung gelten kann, was auf Sinneseindrücken beruht. Der empiristische Grundsatz kann nicht einfach dadurch ausgehebelt werden, dass das Gegenteil behauptet wird. Die Beweislage für dieses Gegenteil ist dürftig, und jene für den Empirismus wird mit jeder neuen Entdeckung der Neurowissenschaften erhärtet. Wir verfolgen in diesem Zusammenhang  die erkenntnistheoretische Diskussion, die über den Empirismus hinaus vermutlich zum Konstruktivismus führt, nicht weiter, weil dieser Schritt zur hier diskutierten Thematik nichts Neues beiträgt.

Es gilt also festzuhalten: Wir können uns nicht einmal irgendetwas vorstellen ohne materielle, sinnlich wahrnehmbare Komponenten. Was oder wie wäre eine „rein geistige“ Vorstellung? Was immer uns dazu einfällt, was immer wir dabei imaginieren: Es zitiert immer etwas sinnlich Wahrnehmbares und ist zusammengesetzt aus Dingen, die wir in unserem Leben schon irgendwann gesehen haben. Einfaches Beispiel: Ein Engel ist eine menschliche Gestalt mit Flügeln, wie wir sie von Vögeln kennen.

Gott, soweit wir ihn uns überhaupt vorstellen dürfen – das ist ja in manchen Religionen verboten –, stellen wir uns zumeist als älteren männlichen Menschen mit Bart vor. Wir tun uns schwer, Gott als rasiert vorzustellen, so fest sind diese Stereotypen in uns verankert. Göttinnen-Vorstellungen sind zum verständlichen Ärgernis der Feministinnen und Feministen weitgehend unpopulär, und die Vorstellung von einem jugendlichen, sportlichen, intellektuellen oder, warum auch nicht, kindlichen Gott/Göttin erschiene uns kaum passend. Die Griechen und andere polytheistische Religionen hatten es einfacher, da waren im Pantheon alle möglichen Variationen der Imagination vertreten, aber eben alle mit menschlichen und allzu menschlichen Charaktereigenschaften.  Diese anthropomorphe, menschenähnliche Darstellung der Gottheiten ist eben von den monotheistischen Religionen genau deshalb kritisiert worden, und der eine Gott, der jenseits von solchen Vorstellungen gedacht wird, gilt als Fortschritt gegenüber der antiken Götterwelt.

Doch was bleibt von einem Gott ohne Bild? Die Idee? Auch diese ist nur eine Vorstellung, bedeutet doch das griechische Wort idea „Gestalt“, „Erscheinung“, „Aussehen“ oder „Urbild“, also etwas, das immer auch als gegenständlich aufgefasst wird.


Gibt es die reinen Gedanken?

 

So können wir nur noch zum „bloßen Gedanken“ Zuflucht nehmen. Der reine Begriff wäre  das vom Materiellen am weitesten entfernteste. Begriffe wie „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ usw. können wir nur denken, weil ihnen kein sinnlich wahrnehmbares Objekt entspricht. Dennoch können wir uns dabei ertappen, dass wir auch solchen Begriffen Bilder verpassen, die aus der Wahrnehmungswelt stammen, wie z.B. wenn wir beim Begriff „Freiheit“ die Freiheitsstatue vor uns sehen. Weit entfernt heißt hier, dass die Sinnesdaten über mehrere Schritte im Denkprozess weiterverarbeitet wurden.

Zudem ist zu berücksichtigen, dass das Denken immer abhängig von materiellen Vorgängen ist, also von neuronalen Prozessen, die im Gehirn ablaufen. Wir merken das daran, dass wir im Tiefschlaf, aber auch bei einem Blackout nichts denken können, auch wenn wir wollten, weil unser Organismus es nicht zulässt. Wir haben in solchen Situationen nicht nur keine Gedanken, vielmehr ist das Denkvermögen als solches ausgeschaltet.

Nicht einmal die so „reine“ und prinzipiell gegenstandslose Mathematik schafft es, in uns ohne Vorstellung zu existieren. Selbst wenn wir die völlig abstrakte Operation einer Rechnung durchführen, sehen wir im Inneren die Zahlen vor uns; in der Geometrie gibt es ja das Beispiel der Linie, die als mathematische Linie gar nicht sichtbar sein sollte, weil sie nur eine Dimension hat, und jede gezeichnete Linie streng genommen ein Quader mit ganz minimaler Breite ist. Sobald wir von Linie reden, sehen wir einen derartigen Strich, während wir die abstrakte eindimensionale Linie nur als Denkmöglichkeit verstehen können und bei dieser Vorstellung innerlich immer mit dem Kopf schütteln, weil sie unserem so stark auf die Imagination vertrauenden Verstand absurd vorkommt.


Bilder vom Weiterleben


So sind sie beschaffen, die Vorstellungen von der Unsterblichkeit: Ob Paradies oder Hölle, ob Bardo-„Raum“ oder Reinkarnations-Warteraum, alles beinhaltet Bilder aus unserer jetzigen Erfahrungswelt, und ohne diese gibt es auch keine Vorstellung vom Weiterleben nach dem Tod. Wir können die Negationsfunktion unserer Sprache nutzen, um eine adäquate Beschreibung dieser Denkmöglichkeit zu liefern, indem wir z.B. sagen: Nicht so wie unsere sinnliche Welt, nicht so wie die Fantasien, die wir in unserem Kopf produzieren etc. Aber diese Denkoperation mittels Negation demonstriert wiederum nur unsere fundamentale Abhängigkeit von der sinnlichen Wahrnehmungswelt und liefert uns keinerlei Informationen im positiven Sinn, also darüber, wie oder was da in dem Sein nach dem Tod geschehen wird. Alles, was uns bleibt, ist das bescheidene Eingeständnis, dass wir darüber nichts wissen und nichts wissen können, und dass jede Vorstellung, die wir davon bilden, auf reiner Fantasie beruht, also Eigenproduktion ohne äußeren Wirklichkeitscharakter ist.


Über den Sinn des Imaginierens


Vorstellen hat auch seinen Sinn, es kann unsere Angst vor dem Sterben und vor dem eben Unvorstellbaren des Nicht-mehr-Existierens lindern. Es ist aber dennoch immer das Verwenden einer Illusion, die wir uns da aufbauen, und wenn wir uns der Angst in uns wirklich stellen, merken wir vielleicht, dass wir die Illusion nicht mehr brauchen und dass wir es doch schaffen, mit einer absoluten Grenze unseres Wissens und unserer Sicherheit leben zu können, die mit dem Tod markiert ist.


Mystik und Unsterblichkeit


Jetzt lebe ich, und wozu sollte ich mich damit beschäftigen, was nach dem Ende dieses Lebens sein wird, noch dazu, wo ich erkannt habe, dass es nur Spekulationen und Fantasien sind, die uns von religiösen und esoterischen Predigern  angeboten werden und  von denen wir uns aussuchen können, was uns gefällt? Begräbnisinstitute haben verschiedene Angebote: Bestattung mit/ohne Messe, mit/ohne Kränze usw. Der Jahrmarkt der Weiterlebenslehren erinnert daran: Wollen Sie nach christlicher, buddhistischer, hinduistischer, synkretistischer oder esoterischer Lehre nach Ihrem Tod weiterleben? Sie werden doch nicht einfach ins Nichts eingehen wollen bei so vielen verlockenden und interessanten Angeboten?

Die verschiedenen Angebote dürften nicht einmal einen Preisunterschied aufweisen, weil sie alle gleich viel wert sind: Gut für einen Trost und für die Verdrängung der Todesangst, auch für den Zeitvertreib und die Unterhaltung, siehe unten. Schlecht sind sie allesamt für die Angstlösung und innere Befreiung. Sie alle bauen, wie gute Marketingstrategien überhaupt, auf Ängsten auf und verstärken diese mit ihrem Produkt. Die Angst vor dem Ungewissen, das am Ende des Lebens lauert, ist nicht einfach zu verdauen. Da ist es bequemer, eine der Lehren, die ewiges Heil in der einen oder anderen Form versprechen, zu adoptieren.

Der Mystiker geht den unbequemeren Weg und konfrontiert sich direkt mit den Ängsten. Was wäre, wenn es nichts, überhaupt nichts mehr gäbe nach dem Tod, wenn alles, was wir jetzt sind, vergehen und verschwinden würde, unser Körper, unsere Seele, unser Geist? Wie würde ich mich jetzt fühlen? Was für einen Unterschied würde es für die Qualität meines Lebens im Jetzt machen?

Ein Zen-Meister wird gefragt: "Meister, sag mir, was nach dem Tod sein wird." Er antwortet: "Was fragst du mich jetzt? Jetzt lebe ich noch."

Zum Abschluss dieses ernsten Themas noch ein Witz, deren es aus verständlichen Gründen gerade in diesem Zusammenhang nicht wenige gibt.

Im Himmel drohte Überfüllung. Deshalb entschied der Heilige Petrus, nur Menschen hineinzulassen, die einen wirklich schlimmen Todestag hatten. Am ersten Morgen dieser neuen Politik sagte Petrus zum ersten Mann in der Schlange: „Erzähl mir über den Tag, an dem du gestorben bist.“
Der Mann sagte: „Ach, das war schrecklich. Ich war mir sicher, dass meine Frau eine Affäre hatte. Deshalb kam ich vorzeitig von der Arbeit nach Hause. Ich suchte überall in der Wohnung, konnte aber den Liebhaber nicht finden. Schließlich ging ich auf den Balkon, wo ich den Mann fand, der sich gerade noch mit den Fingern am Rand des Balkons festhielt. Ich holte einen Hammer und schlug ihm auf die Finger. Er fiel hinunter, aber landete auf einem Busch und kam davon. Also ging ich nochmals hinein, holte den Kühlschrank und hievte ihn über das Balkongitter. Er zermalmte ihn, aber wegen der Anstrengung mit dem Kühlschrank bekam ich einen Herzinfarkt und verstarb.“
Petrus konnte nicht leugnen, dass das ein schrecklicher Tag war und dass es sich um ein Verbrechen aus Leidenschaft handelte, so ließ er den Mann in den Himmel. Dann fragte er den nächsten in der Reihe.
„Nun, bei mir war es schrecklich. Ich machte Aerobic auf dem Balkon meiner Wohnung und rutschte dabei über die Balkonkante. Ich konnte mich gerade noch am Rand des Balkons der Wohnung unterhalb anklammern, aber dann kam ein Wahnsinniger heraus und schlug mit einem Hammer auf meine Finger ein! Ich fiel, aber landete im Gebüsch und lebte. Doch dann kam dieser Typ erneut heraus und warf einen Kühlschrank auf mich! Das reichte dann.“
Sankt Peter schluckte ein wenig und ließ ihn in den Himmel. „Erzähl mir von deinem letzten Tag“, sagte er zum dritten Mann in der Schlange.
„Gut, stellen Sie sich das vor: Ich bin nackt, sitze in einem Kühlschrank …“

Und zu ganz guter Letzt noch einer:

André hatte es in den Himmel geschafft. Er fragte, ob er seinen alten Freund Pierre in der Hölle besuchen könnte. Der Wunsch wurde ihm gewährt, und der Teufel höchst persönlich führte ihn zur privaten Suite seines Freundes.
Da saß Pierre in einem Liebesstuhl mit einer tollen nackten Frau am Schoß, einem Tablett mit Vorspeisen auf dem Tischchen neben ihm und einer Champagner-Flöte in der Hand. André konnte seinen Augen nicht trauen. „Das ist die Hölle?“ rief er aus.
„Aber ja“, seufzte Pierre. „Diese Frau, sie ist meine erste Gattin. Der Käse kommt aus Belgien. Und dieser  ‚Champagner‘  – was soll ich sagen? – der ist nicht einmal echt, der kommt aus Kalifornien!“


Vgl. Theologie und Mystik zum Weiterleben 
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Was kommt nach dem Leben? 
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele 

Sonntag, 26. März 2017

Der Terror und die Gewalt in uns allen

Was macht einen Terroranschlag so schrecklich? Jemand bringt wahllos Menschen um, verletzt noch viele andere mehr, Leid wird erzeugt, und die medial angeschlossene Welt erstarrt für einen Moment angesichts des Grauens. Dann wird nach den Schuldigen gefragt und nach Strategien, damit so etwas nie mehr passieren wird. Das ist schrecklich und sollte nicht geschehen. Es ist aber geschehen und Ähnliches wird wieder geschehen, und die Frage bleibt, wie wir auf solche Ereignisse reagieren und warum wir so reagieren, wie wir reagieren.

Die Wahrscheinlichkeit, an einem Unfall im eigenen Haushalt umzukommen, ist wesentlich höher als die Wahrscheinlichkeit Opfer eines Terroranschlags zu werden, überhaupt in unseren Breiten. Der letzte Terroranschlag in Österreich fand vor fast vierzig Jahren statt. Wir sollten also wesentlich weniger Angst vor Terroranschlägen als vor Autounfällen und Herzanfällen haben.


Allerdings geht es um Gefühlsreaktionen, nicht um logische Risikoberechnungen. Unsere Gefühlszentren funktionieren nicht nach statistischer Rationalität. Sie haben ihre eigene Logik, die definiert, was schrecklich ist.

Was ist das Schreckliche am Schrecklichen?


Wir sind entsetzt darüber, wie unmenschlich Menschen sein können, wie wenig Respekt und Achtung sie für das Leben anderer haben können, wie leichtfertig sie mit dem Leben anderer und dem eigenen umgehen, um irgendwelche ideologischen Ziele zu propagieren. Mit dem Entsetzen setzen wir uns auf die andere Seite: Wir sind die respektvollen, achtungsvollen Menschenfreunde, und die auf der anderen Seite sind die Menschenfeinde, die zu jeder Unmenschlichkeit bereit sind. Wir haben Angst vor den anderen und müssen alles tun, was in unserer Macht liegt, um sie zu bekämpfen und zu beseitigen. Wir müssen uns absichern, wie vor jeder Gefahr, aber besonders vor dieser, weil sie eben von Menschen ausgeht, die eigentlich menschlich sein sollten, aber sich unmenschlich verhalten.

Unmenschlichkeit bedroht unser eigenes Menschsein, nicht nur von außen, sondern auch von innen. Deshalb können wir, wenn wir tiefer blicken, entdecken, dass wir Angst vor dem Unmenschlichen in uns selber haben. Wir sind ja genauso Menschen wie die Terroristen und das heißt, dass wir alle in uns einen potenziellen Terroristen haben. Von unseren Möglichkeiten her sind wir zu den gleichen Gräueltaten fähig wie jeder Jihadist, nur verfügen wir über Kontrollmechanismen, soziale Hemmungen, tragfähige Beziehungen, abgesicherte Lebensverhältnisse usw., die uns daran hindern, solche Impulse auszuleben. Wir haben unsere Projektionen so weit im Griff, dass sie sich nicht in maßlos gewalttätigen Aktionen entladen müssen.

Wir haben sie allerdings so weit nicht im Griff, als wir mit Abspaltung reagieren. Denn wir spalten die Welt in Gut und Böse, damit wir uns mit den Drachen in uns selber nicht auseinandersetzen müssen. Allenfalls lassen wir ein paar Hasspostings los oder werten andere Leute in unserer Umgebung ab, damit beweisen wir uns, wie gezähmt wir doch mit unserer Aggressivität umgehen können.  Die Abspaltung: Innen gut – außen böse wird stabilisiert.

Jede Abspaltung bindet Energien und Ressourcen und schwächt die  Selbstverantwortung. Deshalb entsteht schnell ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber der Terrorbedrohung, und viele wünschen sich aus diesem Grund einen starken Staat, am besten mit einem „starken Mann“ an der Spitze, der mit machtvoller Hand die Bedrohung mit einem Schlag vernichtet.

Diese Hilflosigkeit, die eine weit verbreitete Reaktion auf die Terrorgefahr darstellt, ist wiederum vor allem die Hilflosigkeit gegenüber den eigenen inneren Schattenseiten und spiegelt interessanterweise die Hilflosigkeit wider, die sich in den Taten der Terroristen ausdrückt: Mit einigen Morden die gehasste westliche Gesellschaft und Kultur zerstören oder der eigenen Religion zum Durchbruch verhelfen zu wollen. Hilflosigkeit gibt es nur dort, wo die Verantwortung nicht übernommen wird.

Sicherheit über Information


Warum wollen wir alles wissen, was sich im Zusammenhang mit einem Terroranschlag erfahren lässt? Wir glauben uns dadurch besser schützen zu können, wenn wir die Quelle der Bedrohung identifizieren können und über sie Bescheid wissen. Doch ist diese Schutzmaßnahme immer auch gegen uns selber gerichtet: Wir wollen mit den dunklen Seiten in uns selbst nicht in Kontakt kommen und nutzen dafür die Informationen über ein klares Bild, wer der Täter ist, wie die Tat vorbereitet und begangen wurde und warum sie verübt wurde. Dieses Bild versichert uns, dass wir die Situation zumindest ein wenig unter Kontrolle haben und dass mit diesem Wissen zukünftige Untaten verhindert werden können.

Intern dient das Sammeln und Abspeichern von Informationen dem Schutz vor unseren inneren Dämonen, der Abwehr vor den eigenen Schattenseiten. Je mehr wir über die Bösen wissen, desto besser hält die Teilung der Welt in die Guten und die Bösen. Je eindeutiger die Informationen sind, (z.B. wenn der Täter als Flüchtling ins Land gekommen ist), desto einfacher ist die Einteilung und Einordnung und desto simpler die Lösung (z.B. keine Flüchtlinge mehr ins Land zu lassen). Der Hass überträgt sich auf alle Politiker, die solche Lösungen nicht mittragen. Sie sorgen nicht effektiv genug dafür, zu verhindern, dass wir selber nach innen schauen müssen, sobald wir Hass spüren.

Wie wir zur Friedfertigkeit kommen


In den inneren Frieden können wir erst kommen, wenn wir den Frieden mit unseren inneren Gewaltanteilen gefunden haben. Dann können wir den Hass, den wir – verständlicherweise, weil wir alle Menschen sind – auf die Täter empfinden, in ein neutrales und schließlich in ein verständnisvolles Gefühl umwandeln. Und das ist auch ein wichtiger, wenn vielleicht auch kleiner Teil für die Befriedung dieser Welt. Hass schürt Hass, Liebe vermehrt Liebe.

Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten, heißt es. Wer die eigene innere Gewaltbereitschaft annehmen kann, wird Friedfertigkeit säen und ernten.


Vgl. Ist der Terror islamisch?
Islamischer Terror und der Schaden für den Islam
Das Gute und das Böse

Donnerstag, 23. März 2017

Der erste Atemzug aktiviert das Immunsystem

Nach dem ersten Atemzug verändert sich die Lunge so stark wie kein anderes Organ. Vor der Geburt hat die Lunge keine Funktion, das ist bei Menschen und Mäusen ähnlich. Sie wird zwar schon vortrainiert durch verschiedene Muskelbewegungen, die das Ungeborene vollzieht, ist aber noch von einer Flüssigkeit ausgefüllt und wird von der Plazenta direkt durchblutet, während das körpereigene Gefäßsystem das Organ umgeht. Beim ersten Atemzug, der beim Menschen mit einem kräftigen Schrei verbunden ist, wird die Flüssigkeit vom Körper absorbiert. Die Lunge entfaltet sich und wird ab jetzt voll durchblutet. In den nächsten drei Wochen entwickelt sich die Lunge zu dem, was sie den Rest des Lebens sein soll: Das zentrale Atmungsorgan. Durch das plötzliche Aufdehnen der Lunge und durch den ersten Schrei werden bestimmte Mediatoren freigesetzt, darunter ein Zytokin, das Interleukin 33, das dann einen großen Einfluss auf andere Immunzellen hat.

Im Körper der Mutter war die Lunge noch keimfrei. Doch danach braucht die Lunge eine gut funktionierende Immunabwehr, denn mit jedem Atemzug strömen Schadstoffe und Bakterien in die Lunge ein. Dieses Immunsystem wird ebenfalls mit dem ersten Atemzug aktiviert. In einer Kettenreaktion. IL 33 wird ausgeschüttet und aktiviert IL2-Zellen, spezielle weiße Blutkörperchen, die in die Lunge einwandern. Das führt dazu, dass die wichtigsten Immunzellen, die Alveolamakrophagen,  in den Atemwegen ihre Arbeit aufnehmen.

Die IL2-Zellen sind wichtig für das Aufrechterhalten eines Gleichgewichts. Einerseits sollen Schadstoffe abgewehrt werden, andererseits soll nicht überreagiert werden.  Das Immunsystem wird durch die IL2-Zellen gleich wieder heruntergeschraubt. Das hat aber auch einen Nachteil, weil Bakterien eine größere Chance haben, sich im Körper breitzumachen.

Der erste Atemzug kann mehr oder weniger gut funktionieren. Die Wehen spielen eine wichtige Rolle, auch der Temperaturschock kurz nach der Geburt ist ein wichtiger Auslösefaktor.  Für den Lungenstartschuss haben nicht alle Babys die gleichen Voraussetzungen. Kaiserschnittkinder sind im Nachteil.

Dies ist der leicht geglättete Text eines Beitrages auf Ö1 über die Forschungsarbeit von Sylvia  Knapp von der Medizinischen Universität Wien, gesendet am 3. März 2017 unter dem Titel „Der erste Atemzug und das Immunsystem“ (Dimensionen der Wissenschaft um 19:05) – von mir transkribiert.

Kommentar:
Auch in diesem Zusammenhang erscheint der Kaiserschnitt als nachteilig für die Gesundheit der Kinder. Er stellt einen künstlichen Eingriff in einen Vorgang dar, der von Natur aus seine innere Logik hat, hier dargestellt im Zusammenhang mit der Entwicklung des Immunsystems in der Lunge. Wenn dieser Prozess nicht stattfinden kann, fehlen wichtige Komponenten, die das Kind dann auf andere Weise später aufbauen muss.

Der Artikel verleitet in einem Punkt zur Verstärkung eines bekannten Vorurteils: Je stärker der Schrei des Babys nach der Geburt, desto besser für die Gesundheit und Robustheit des Babys. Auf meine Anfrage dazu schreibt die ORF-Redaktion zurück: „Frau Ronzheimer hat in dem Beitrag über deren (Sylvia Knapps) aktuelles Forschungsprojekt berichtet. Ihres Wissens nach ist der erste Atemzug und der damit meist verbundene Schrei ausschlaggebend für die Entwicklung des Immunsystems der Lunge. Das Immunsystem entwickelt sich laut Silvia Knapp auch bei einem Kaiserschnitt, also unter nicht idealen Umständen, normal, aber eben nicht so gut wie bei einer natürlichen Geburt. Ob der Schrei ausschlaggebend ist, kann Frau Ronzheimer nicht sagen, es ging um den ersten Atemzug. Bei einem Schrei ist der natürlich tiefer.“

Natürlich erfordert ein Schrei einen tieferen Atemzug. Doch sind viele Geburtsforscher der Ansicht, dass der Schrei durch die abrupte Durchtrennung der Nabelschnur ausgelöst wird. Babys, denen die Nabelschnur zum Auspulsieren gelassen wird, fangen meistens langsam und behutsam, also ohne Schrei, zu atmen an. Sie leiden also nicht unter dem Plazenta-Trauma, das im anderen Fall vermutlich der emotionale Auslöser des Schreies ist.


Vgl. Kaiserschnitt - Die Geburtsmethode der Zukunft?
Kaiserschnitt - Ein feministisches Thema
Warum die Geburt im Krankenhaus gelandet ist

Montag, 20. März 2017

Die Typenwahl im Enneagramm

Wie wird man zu einem Enneagramm-Typen?

Das Enneagramm geht davon aus, dass jeder Mensch eindeutig einem der neun Typen zugeordnet werden kann, bzw. sich selber zuordnen kann. Das unterscheidet dieses Modell von anderen Persönlichkeitsmodellen, bei denen es auch Misch- oder Zwischentypen gibt. Der Vorteil liegt darin, dass das Festgelegtsein auf einen Typus das Ausweichen vor den eigenen Aufgaben, aber auch Stärken erschwert. Wer den eigenen Enneagrammtypen kennt, weiß ziemlich genau, in welche Richtung die Innenarbeit gehen muss, wo die Schwächen liegen und wie die Schattenbereiche aufgearbeitet werden sollen.

Häufig bedarf es einiger Zeit der Beschäftigung mit dem Modell, bis uns der eigene Typ so klar ist, dass wir keine Zweifel mehr haben. Dann können wir uns immer darauf beziehen, wenn wir im Leben auf problematische Situationen stoßen, in denen uns ein musterhaftes Reaktionsverhalten deutlich wird und wir die Richtung suchen, in der wir es verändern und auflösen können.

Wie aber erwerben wir gerade diesen und nicht einen anderen Typ? Sind es Lebensereignisse, die prägend wirken, sodass wir ab dann für immer auf den Typ festgelegt sind, haben die Eltern etwas damit zu tun oder gibt es irgend eine äußere Instanz, die den Typ zuordnet?

Bei den meisten Autoren wird das Enneagramm so verstanden, dass der Typ von Anfang an festliegt. Wenn wir diese Auffassung des Enneagramms ernstnehmen, kann es nur eine Antwort auf diese Frage geben, nämlich die, dass es keine Antwort gibt. Das Modell findet seine Anwendung auf eine bestimmte Person und trifft auf den gesamten Lauf ihres Lebens, von der Zeugung bis zum Tod zu. Der Enneagramm-Typ bildet ein bestimmtes Schwergewicht im Leben jedes Menschen, das wir für unsere Innen- und Außenorientierung nutzen können. 

Gäbe es bestimmte Bedingungen, die einen Typ festlegen, wie z.B. Konstellationen bei der Empfängnis oder bei anderen frühen Entwicklungsereignissen, dann müsste es neun davon geben, die dann den Typen zugeordnet werden könnten. Und es würde sich die Frage stellen, warum gerade welche dieser Entwicklungsereignisse für eine bestimmte Person prägend und für andere nicht bedeutsam sind.


Das pränatale Enneagramm


Es gibt den interessanten Versuch, die Enneagramm-Typen bestimmten pränatalen Erfahrungssituationen zuzuordnen:
Hier einmal das Modell, das Clarence Dowling und Dirk Leinweber aus der Sicht der Pränatalpsychologie vorlegen. Sie nennen das Modell Primär-Enneagramm und gehen von drei Grunderlebnissen aus:
1. Die Beziehung zur Plazenta als dem ersten Liebesobjekt. „Diese Beziehung wird real erlebt und gesteuert über unser Herz und unseren Blutkreislauf. Dieses vorgeburtliche Beziehungserlebnis prägt all unsere späteren Beziehungen.“ (Leinweber)
2. Der Versuch des Kindes, während  der Geburt den Kopf, insbesondere den Kreislauf zum Gehirn, zu schützen. „Dieses Grunderlebnis prägt unser Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz, Wissen und Orientierung im späteren Leben.“ (Leinweber)
3. Die Austreibungsphase, in der das Kind die Bauch-, Becken- und Beinenergie einsetzen muss. Dort wird das Autonomiegefühl geprägt.

Leinweber meint nun, dass diese drei Grunderlebnisse den Grundenergien der Enneagrammtradition entsprechen: Herz (2, 3, 4), Kopf (5, 6, 7) und Bauch (8, 9, 1), also die Dreier-Matrix, die mit den jeweils drei Typen zur Neuner-Matrix wird. Diese drei Typen wiederum unterscheiden sich durch die Art der Stressverarbeitung: blockiert (3, 6, 9), übertrieben (2, 5, 8) oder implodiert (4, 7, 1). Damit ist das Raster der neun Typen vollständig. Also ist z.B. der Dreier ein Herztyp mit blockierter Stressverarbeitung.

Was die Erklärung so verfänglich macht, ist zugleich ihre Schwäche. Zuerst das Herz, dann der Kopf, dann der Bauch, schön angeordnet wie im Kreis des Enneagramms. Aber man könnte die Prägungsreihe ganz anders auch ansetzen: Zuerst entwickelt der embryonale Organismus Körpergewebe (bei den ersten Zellteilungen), dann das Gehirn (3. Woche), und dann das Herz (6. Woche). So geht die Richtung andersrum im Kreis. Die Erklärung erklärt sich aus dem Erklärten. Es gibt keine zwingende Logik, vielmehr zeigt sich hinter dem Augenschein eine willkürliche Zuordnung, die anders auch Sinn machen würde.

Weiters stellt sich die Frage, warum manche ungeborenen Kinder von Phase 1, andere von Phase 2 und die dritten von Phase 3 traumatisiert werden; da müsste ja schon eine bestimmte innere Disposition vorliegen, die dann gerade diese Situation als extrem belastend und die anderen nicht oder weniger schwierig erlebt. Und dann wollen wir wissen, wann sich diese Disposition bildet und warum gerade zu diesem Zeitpunkt bei den einen und zu einem anderen bei anderen.

Alle Kinder müssen durch alle Erfahrungen in der komplexen Embryonalentwicklung durchgehen, und was sie jeweils an Belastungen mitnehmen, hängt von vielen Faktoren ab, die bis in die komplexen Beziehungsfelder sowie in die Kultur reichen, in denen sich die schwangere Mutter mit ihrem Baby befindet.  Natürlich gibt es Unterschiede in der Entwicklung – die einen haben eine leichtere und die anderen eine schwerere Geburt. Beides wird Auswirkungen auf das weitere Leben haben. Aber diese Unterschiede lassen sich nicht einfach kategorisieren mit dem Ergebnis, dass

Wenn es stimmt, dass die Beziehung zur eigenen Plazenta die Beziehung zu allen späteren Liebespartnern prägt und deshalb auch mit der Herzenergie verbunden ist, dann ist schwer verständlich, warum das gerade bei jeder dritten Person so wichtig ist und bei den anderen nicht. Schließlich gibt es kaum Menschen, für die Beziehungen keinen zentralen Stellenwert im Leben haben, und die Gestaltung dieser Beziehungen wird bei allen von den Plazenta-Erfahrungen mit beeinflusst, wenn nicht sogar maßgeblich geprägt sein.

Warum sollen gerade bei ungefähr einem Drittel der Menschen die Plazentaerfahrungen problematisch bis traumatisierend ablaufen, und bei einem anderen Drittel die Austreibungsphase? Wodurch wird die Stressverarbeitung bei pränatalen Erfahrungen so gelenkt, dass sie bei ungefähr einem Drittel blockiert, beim nächsten übertrieben und beim letzten Drittel implodierend abläuft?


Das Typen-Apriori


Die Festlegung des Enneagrammtyps ist also eine apriorische Voraussetzung des Modells, die ein wichtiges Element seiner Wirkkraft bildet. Apriorisch heißt, dass sie eine Grundlage des Modells darstellt, die im Rahmen des Modells selber nicht erklärt werden kann, einfach gesagt: Willst du mit dem Enneagramm arbeiten, musst du diese Voraussetzung akzeptieren. Sie garantiert den maximalen Erfolg der Arbeit. Wir sollten bei dieser Arbeit nie vergessen, dass wir es mit einem Modell zu tun haben, dessen Existenz durch die praktische Anwendbarkeit gerechtfertigt ist. Es ist also ein Werkzeug, das wir für unsere Innenentwicklung und Befreiung nutzen können. Es hat selber keine Wirklichkeit, sondern es stellt uns einen Filter zur Verfügung, mit dessen Hilfe wir die Komplexität der Innenwelt vereinfachen können, um sie leichter handhaben zu können.

Das Primär-Enneagramm nach Dowling und Leinweber verhilft uns dabei zu einem zusätzlichen Erkenntnisgewinn: Wenn wir erkannt haben, welcher Enneagrammtyp wir sind, können wir hier genauer nachschauen, was sich nach diesem Modell in der prä- und perinatalen Zeit abgespielt haben könnte und welche Folgen das hinterlassen hat. Allerdings, wenn wir z.B. ein Kopftyp sind,  enthebt uns das nicht der Nachforschung, welche Erfahrungen wir mit Plazenta und mit der Austreibungsphase gemacht haben, wenn wir unsere Pränatalgeschichte erforschen.

Deshalb sollten wir auch mit Aussagen vorsichtig sein, die dem Enneagrammtyp den Charakter einer Eigenschaft geben, die objektiv und faktisch vorliegt, wie unsere Haarfarbe oder Körpergröße. Wir „sind“ nicht ein Enneagramm-Einser usw. in dem Sinn, wie wir Europäer oder Schulabsolventen sind, d.h. der Enneagrammtyp hat nichts mit unserer Identität zu tun. Unser Typ ist also keine Eigenschaft, die uns anhaftet, sondern eine relative Betrachtensweise, die wir auf uns selber anwenden können, wenn wir sie brauchen.

Wir sind partielle Nutzer des Modells, das wir am besten ausschöpfen, wenn wir so tun, als wäre der Typ der Kern unserer Identität. Sobald wir das Modell nicht nutzen, hat auch der Typ als solcher für uns keine Bedeutung, zum Unterschied von unserer Identität, die unsere Wirklichkeit in jedem Moment ausmacht. Wir können also nicht ohne Identität, sehr wohl aber ohne Enneagrammtyp sein.  Umgekehrt gilt, dass der Enneagrammtyp (im Rahmen des Modells, d.h. nicht in der Wirklichkeit) bestehen bleibt und immer schon fixiert war, während die Identität eine fließende Wirklichkeit darstellt, die sich permanent verändert. Damit diese Veränderungsbewegung mehr und mehr von unserem Bewusstsein durchdrungen wird, dient uns das Enneagramm als nützliches Werkzeug.


Vgl. Enneagramm und frühe Prägung

Samstag, 18. März 2017

Über das Trauern

Wilhelm Lehmbruck: Sitzender Jüngling
Wenn uns ein Mensch verlässt, der uns nahe steht, trauern wir. Der Schmerz, den wir dabei spüren, hat damit zu tun, dass wir uns nicht nur von einem lieben Menschen, sondern auch von einem Teil von uns selbst verabschieden müssen, dem Teil, in dem dieser Mensch in uns „gewohnt“ hat. Diese Wohnung ist jetzt verwaist, und sie muss aufgelassen werden, damit sich unsere Identität neu formieren kann. Wir sind nach einem solchen Verlust nicht mehr dieselben, die wir vorher waren. Das Trauern hilft uns dabei, dass wir uns in der neuen Form wiederfinden können.

Das Weinen als Trauerreaktion ist ein intensives Gefühl und es bewirkt, dass wir uns auf uns selbst zurückziehen. Es verbindet uns stark mit uns selbst, alles andere um uns herum wird plötzlich nebensächlich. Wir gehen ganz nach innen und sind ganz bei uns selbst. Wir stärken dadurch unsere Selbstbeziehung. Denn unsere Selbstbeziehung nährt und wächst durch Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn eine dieser Beziehungen im außen nicht mehr möglich ist, müssen wir die Beziehung zu uns selbst neu errichten und in uns festigen. Dabei hilft uns das Trauern. Wir kehren ein bei uns selbst, um uns zu trösten, zu laben und zu kräftigen. Wir reorganisieren unser verletztes Selbst, sodass es wieder ganz werden kann.

Gelingt uns dieses Trauern aus irgendeinem Grund nicht, dann schwächt uns der nicht verarbeitete Verlust langfristig. Unsere Selbstbeziehung hat Schaden erlitten, der nicht gutgemacht ist, und wir verlieren an Kraft und Sicherheit. Wir können die Leere, die der verstorbene Mensch hinterlassen hat, nicht füllen und werden immer wieder von ihr eingeholt. Sie lähmt uns und bindet Lebensenergien. Wir laufen Gefahr, statt zu trauern depressiv zu werden.


Die soziale Funktion der Trauer


Die Trauerreaktion hat noch einen anderen Sinn. Sie sendet ein starkes soziales Signal aus.  Wenn wir weinen, zeigen wir uns verletzlich und schwach. Wir sind für niemanden eine Bedrohung, wir lösen keine Angst aus, im Gegenteil, wir sind hilfsbedürftig und weitgehend handlungsunfähig. Wer uns in dieser Lage mit Empathie begegnet, wird den Impuls spüren, uns zu halten und zu trösten. Wir bekommen sozialen Zuspruch und emotionale Zuwendung von Menschen, die uns wohlgesonnen sind. Das vertieft diese Beziehungen, und wir festigen auf einer tieferen Ebene unsere Überzeugung darüber, dass wir nicht alleine sind und dass das soziale Leben weitergeht, auch wenn es an einer Stelle unterbrochen wurde. 


Das Gedenken und das Vermächtnis


In diesem Sinn gedenken wir auch der Verstorbenen. Wir halten sie in unserer Erinnerung lebendig und geben ihnen einen Anteil an und in unserem Leben. Damit halten wir weniger eine Illusion aufrecht (ein Mensch, der verstorben ist, ist eben nicht mehr lebendig). Vielmehr bleibt die soziale Beziehung zwischen den Lebenden und den Verstorbenen bestehen, allerdings mit geänderten Vorzeichen: Es gibt eben kein lebendiges Gegenüber mehr, das aus sich heraus in der Kommunikation reagiert.  Dennoch wirkt die Beziehung zwischen Lebenden und Verstorbenen weiter, in den Lebenden, die auch den Nicht-mehr-Lebenden Lebendigkeit verleihen können.

Wir schätzen Menschen über ihren Tod hinaus. Damit anerkennen wir, dass sie immer mehr sind als ihr Leben zwischen Geburt und Tod und  dass ihre Bedeutung über die Person hinausgeht, die sie waren.

Manchmal sprechen wir von einem Vermächtnis: Menschen hinterlassen etwas, das über ihren Abschied hinaus wirkt. Und das trifft nicht nur auf die berühmten Persönlichkeiten, wie z.B. Seneca oder Goethe, die in ihren Werken und Zitaten weiterwirken und Menschen seit Jahrhunderten immer wieder inspirieren. Das trifft auf alle Menschen zu: Jeder hinterlässt etwas, was nur er/sie hinterlassen kann, und das können hundert Kompositionen sein oder eine Art zu lächeln, ein Lieblingsspruch, ein Händedruck, eine Geste oder eine besondere Art sich umzublicken. All das kann bedeutsam sein und verdient Wertschätzung, und aus einer bestimmten Perspektive sind alle diese unterschiedlichen Vermächtnisse in ihrer Wertigkeit gleich. Letztlich und eigentlich geht es darum, die Person als Person in ihrer Einzigartigkeit und Ganzheit im Gedenken lebendig zu erhalten. Wir erinnern uns an sie, und wir fühlen uns bereichert und inspiriert und können anderen davon ein Stück weitergeben.


Das Ego und der Verlust


Der Verlust menschlicher Beziehungen ist ein Verlust an Möglichkeiten, und das ist der Grund, warum sich manchmal Wut in die Trauer mischen kann. Es wurde uns etwas weggenommen, was uns „gehört“ hat, und wir konnten nichts dagegen machen. Wir haben ein Stück Freiheit verloren, das wir an diesen Menschen geknüpft haben, und das wir in dieser Form nicht mehr leben können. Wir haben auch eine Möglichkeit verloren, unsere Liebe zu leben und auszudrücken. Aus spiritueller Sicht betrachtet, ist es das Ego, das um seine verlorenen Möglichkeiten trauert oder dagegen wütend rebelliert.

„Ich hätte noch so gerne dies oder jenes mit der Person getan oder gesprochen, warum musste sie so früh gehen, dass das nicht mehr möglich ist?“ So fragt das beleidigte Ego und beklagt seine Hilflosigkeit. Doch das trauernde Selbst weiß, dass es nur eine Möglichkeit hat, die neue Situation zu verarbeiten, indem im Zulassen des Schmerzes die Unausweichlichkeit dessen, was passiert ist und wie es passiert ist, akzeptiert wird.

Hier findet sich eine weitere Funktion der Trauer: Sie beruhigt das verletzte Ego und lässt es zurücktreten. Es hilft nicht, aus einer überlegenen Position zu dozieren, dass die ganze Trauergeschichte bloß eine Ego-Veranstaltung sei und wir dabei nur regressiven Gefühlsmustern nachhängen. Mit dieser selbstkritischen Haltung geschieht einzig und allein, dass sich das Ego selbst übertrumpfen will. Es ignoriert die vegetative und die soziale Funktion der Trauer.

Dazu eine Zen-Geschichte:

Ein Meister erhielt die Nachricht, dass sein Bruder verstorben sei. Daraufhin fing er bitterlich zu weinen an. Nach einiger Zeit kamen die Schüler und fragten ihn, warum er denn so weine, obwohl er ja immer gelehrt hatte, dass alle Phänomene nur Illusion seien und dass die Wahrheit nur im Annehmen der Unbeständigkeit alles Seins zu finden wäre. Da sagte der Meister: „Freilich ist es nur eine Illusion, aber es ist eine besonders schmerzliche.“


Wir können der Wirkung der Trauer vertrauen; wir können uns ihr ganz anvertrauen: Sie führt durch den Prozess des Abschiednehmens und der Verarbeitung des Verlustes bis zur Wiedererrichtung und Stärkung des sozialen Netzes. Indem alle Gefühle, die dabei auftauchen, akzeptiert und zugelassen werden, weitet sich das Bewusstsein über den eigenen Schmerz hinaus und etwas Größeres tritt ins Blickfeld, das alles umfasst, das Leben und das Sterben, das Glück und die Trauer.

Dazu noch eine Geschichte:

Ein berühmter Zenmeister pflegte immer wieder 48 Stunden lang zu weinen. Einer seiner Schüler sagte zu ihm: „Sie sind kein richtiger Meister. Sie lassen sich von ihren Emotionen überwältigen und heulen wie ein kleines Kind.“ Der Meister antwortete: „Meine Freiheit besteht darin, zu weinen, wenn ich traurig bin.“ Er war völlig eins mit seiner Trauer, als er traurig war. Und er war wirklich in der Tiefe seiner Traurigkeit. Der Erfolg davon war aber, dass er den größten Teil seiner Traurigkeit in 48 Stunden bewältigt hatte. Dann war’s vorbei.


Vgl. Das Ego und das Weiterleben nach dem Tod
Theologie und Mystik zum Weiterleben nach dem Tod

Montag, 6. März 2017

Der Verlust des inneren Spürens

Manchmal sagt jemand: Wenn ich in mich hineinhorche, spüre ich nichts. Meist sind das nüchterne und trockene Menschen, die sich für ausgeglichen halten und von anderen für langweilig oder farblos eingeschätzt werden. Sind solche Menschen einfach so, oder drückt sich in dieser Charakterverfestigung ein Thema aus, mit dem sich mehr oder weniger jeder Mensch im Zug seines Aufwachsens in der einen oder anderen Weise auseinandersetzen muss?

Die Bedürfnismanipulation


Es gibt einen einfachen und nachdrücklich wirksamen Ablauf, der solche Muster prägen kann. Von Anbeginn sind die Menschenwesen mit der Fähigkeit ausgestattet, ihre Bedürfnisse zu spüren und zu wissen, worin die Befriedigung besteht. Diese Fähigkeit ist zentral dafür, überhaupt über- und weiterleben zu können. Dennoch passiert es häufig, dass Bedürfnisse von den zuständigen Personen, meistens den Eltern, „falsch gelesen“ werden, also missverstanden werden. Dann werden die kindlichen Bedürfnisse entweder gar nicht, unzureichend oder auf anderer Ebene befriedigt. Für den letzteren Fall ist das klassische Beispiel, dass auf das Bedürfnis nach Zuwendung als Befriedigung Nahrung angeboten wird.

Ein zweiter Prozess aktiviert sich nun: Wenn etwas nicht stimmt, wenn sich also die Bedürfnisbefriedigung mangelhaft oder falsch anfühlt, nehmen Kinder an, dass es an ihnen liegt. Sie haben einen Fehler gemacht, es können ja nicht die allmächtigen und allwissenden Erwachsenen sein, die sich irren. Also gelangen sie zu dem Schluss: Es ist nicht die Bedürfnisbefriedigung, die fehlerhaft ist, sondern das Bedürfnis. Damit entwickeln sie ein Misstrauen in die eigenen Bedürfnisse im Speziellen und in das eigene Spüren des Inneren im Allgemeinen.

Auf diese Weise fangen Kinder an, sich über die Großen zu erleben und zu definieren. Sie müssen ihre eigenen Bedürfnisse so definieren, dass sie die größtmögliche Chance haben, befriedigt zu werden. Dazu müssen sie die „Befriedigungsmechanismen“ der Eltern studieren und die eigenen Reaktionen darauf abstimmen. Diese hohe Anpassungsleistung macht es möglich, dass Kinder auch unter emotional kärglichen und desorganisierten Umständen aufwachsen können.

Der Preis liegt in der Überbetonung der äußeren Sinne gegenüber der inneren. Vertrauen können wir hinfort nur dem, was wir sehen, hören und angreifen können. Hingegen was wir in unserem Inneren spüren, ist immer zweifelhaft, gibt uns keine Sicherheit, könnte so oder auch anders sein. 

Denn wir haben gelernt, dass wir unsere Wahrnehmung primär darauf richten müssen, was um uns herum vorgeht, und nach diesen Gegebenheiten müssen wir unser Verhalten ausrichten. Wir lernen, wachsam zu sein und unsere Außenwelt daraufhin zu interpretieren, ob und wann sie uns wohlgesonnen und wann sie bedrohlich ist. Wir werden nach außen hin hypersensibel und nach innen taub, oder, im noch schlimmeren Fall, wissen wir nicht, wie wir diese beiden Kanäle voneinander unterscheiden könnten. Wir wissen nicht, was kommt von innen und was von außen.

Außerdem baut sich durch dieses Muster der Bedürfnismanipulation und der Bedürfnisinterpretations-Manipulation eine subtile, aber wirksame Abhängigkeit von den Eltern auf, die weit über das notwendige Alter hinaus prägend wirkt. Als Kinder haben wir aufgenommen, dass sie uns mitteilen, wie es uns selbst geht, und was für uns gut ist zu bekommen und zu tun. Sie wissen besser, was in uns los ist, nicht wir selber. Deshalb vertrauen wir später mehr auf das, was uns andere sagen, als auf das, was wir selber spüren, so wir überhaupt noch etwas spüren. Unbewusst übertragen wir ihnen eine Deutungsmacht über unser Leben, die schwer zu durchschauen und abzuschütteln ist, weil sie in vielen Facetten unterschwellig unser Wahrnehmen und Verhalten prägt.

Die Dominanz der äußeren Sinne, die sich auf der Unsicherheit gegenüber den inneren Sinnen entwickelt, erweitert sich zur Dominanz der Dritte-Person-Perspektive, die wir in allen Ebenen der Gesellschaft wahrnehmen können: die Deutungsmacht der Wissenschaften, die Bedürfnismanipulation durch das Konsumangebot und die Gefühlssteuerung durch die Unterhaltungsindustrie.


Postfaktische Vernebelung


Kein Ausweg ist es, die Macht dieser Wirklichkeitsdefinitionen mit Vernebelungstaktiken zu diskreditieren, nach der Art: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Es gibt Täuschung und Betrug in der Außenwelt, aber es gibt auch Korrektur und Aufklärung. Der Erfolg der Dritte-Person-Perspektive beruht auf den Selbstreinigungskräften, die mit dieser Einstellung möglich sind und darauf achten, dass die Wirklichkeitskonstruktionen soweit zuverlässig sind, dass wir uns in der Welt zielgerichtet bewegen können.

Die Konjunktur des Postfaktischen oder besser Prä- oder Antifaktischen, also die systematische Diffamierung jeder Objektivität in der Wirklichkeitsdarstellung  begünstigt nicht die Erste-Person-Perspektive und sorgt nicht für einen Ausgleich des Einflusses beider Perspektiven. Vielmehr geht es bei der Enthebelung des Faktischen zugunsten unbewiesener und unbeweisbarer Fantasien, die im Dienst politischer Propaganda betrieben wird, darum, den Unterschied zwischen der Innen- und der Außenwelt zu verwischen. Es geht also um die Förderung von psychotischen Wirklichkeitsproduktionen und psychotischen Strukturen in der Gesellschaft wie in den Individuen, mit der Hoffnung, in diesem Sumpf der erzeugten Verwirrungen für sich selber Macht und Ressourcen zu maximieren. Wo es keine Faktenbasis für die Unterscheidung von Richtig und Falsch mehr gibt, fehlt auch jede Grundlage für die Unterscheidung von Recht und Unrecht.


Die Reanimation des inneren Sinnes


Der Weg des Ausgleichs zwischen Innen- und Außenorientierung besteht in der Reanimierung und Verfeinerung des inneren Sinnes, in der Öffnung für die Signale unseres Körpers und unserer Seele. Das Wissen und die Intelligenz unserer Innenwelt gibt uns Aufschluss darüber, was stimmig ist, d.h. mit unserem Wesen im Einklang ist und was nicht. Es gilt also, dieses ursprüngliche Vertrauen auf die Weisheit des Organismus im erwachsenen Körper mit dem ausgereiften Gehirn zu nutzen. So gewinnen die äußeren Eindrücke ihre Farbigkeit, die sie lebendig und beweglich macht. Und so wächst auch die Sicherheit, dieses primäre organische Spüren von abgeleiteten Fantasien zu unterscheiden, die das Gehirn produziert.

Für die Erschließung dieses Weges ist die Arbeit an den inneren Mustern wichtig, die im Verlauf der Bedürfnismanipulation und der Abgabe der Deutungsmacht entstanden sind. In dem Maß, wie wir deren Macht abbauen können, gewinnen wir einen authentischen Zugang zu unserem Inneren, wir öffnen den Kanal, der uns klare Informationen und Bewertungen liefert. Mit diesem Rüstzeug können wir die äußeren Wahrnehmungen nutzen, um die inneren auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, und die inneren dazu, den Augenschein der äußeren Wirklichkeit zu durchleuchten. Im Zusammenspiel beider Wahrnehmungsformen verbindet sich das Innere und das Äußere zu einer fließenden Ganzheit und Einheit, die sich weder täuschen noch verführen lässt.


Vgl. Der Vagus und die Selbstheilkraft
Funktional und fließend wahrnehmen
Das innere Wissen

Samstag, 4. März 2017

Widerstand und Verwandlung

Wenn wir ein Phänomen der Wirklichkeit nicht akzeptieren können, sind wir im Widerstand. Etwas soll nicht so sein, wie es ist, sondern anders, wie es für uns angenehmer ist. Heute will ich einen Ausflug machen, also soll das Wetter entsprechend sein, wenn es nicht so ist, muss ich damit hadern; solange ich darin feststecke, solange bin ich im Widerstand und leide daran.

Der Widerstand kann sich auf Aspekte der äußeren wie auch der inneren Wirklichkeit beziehen. Ich kann auch Gefühle in mir ablehnen, weil sie nicht zu meinem Selbstbild passen, z.B. wenn ich mich für einen großzügigen Menschen halte und deshalb Neidgefühle in mir nicht akzeptieren will. Etwas, was da ist, soll nicht so da sein, wie es ist, sondern so, wie es in den Rahmen meiner Vorstellungen passt.

Damit bin ich im Widerspruch zur Wirklichkeit, in einer dualen Spaltung: Ich (meine Vorstellungen) gegen die Welt. Ich bin geleitet von der Überzeugung, dass sich daran nur etwas ändern kann, wenn sich die Welt ändert. In diesem Fall geht es uns wie bei einem Streit: wenn sich der andere in meinem Sinn ändert, wenn er mir rechtgibt, dann kommen wir wieder zusammen, sonst gibt es keine Möglichkeit. Wenn wir es mit anderen Menschen zu tun haben, kann es manchmal vorkommen, dass der andere nachgibt; wenn wir es jedoch mit der restlichen Wirklichkeit als ganzer zu tun haben, setzt sich unweigerlich diese durch; erstens ist sie unendlich mächtiger als unser kleines Ego und zweitens hat sie ja nicht einmal ein Problem damit, dass jemand ein Problem mit ihr hat. Das Problem ist nur intern, in unserem verworrenen Egogefüge.


Widerstände verstehen


Wo eine Spaltung besteht, kann sie nur durch Verständnis überwunden werden. Verständnis setzt die Fähigkeit voraus, aus der eigenen Selbstbezüglichkeit auszubrechen und eine überpersönliche Perspektive einzunehmen. Diese Fähigkeit ist mit der Instanz in uns verbunden, die erkennt, dass wir selber für den Widerstand verantwortlich sind. Es ist die Instanz, die an der Trennung leidet und zurück zur Einheit strebt. Dazu braucht es eine hohe Kompetenz, verbunden mit einer klaren inneren Kraft, die Macht der Akzeptanz. Sie wendet sich dem Widerstand mit der Haltung der  Bedingungslosigkeit zu.

Im Umgang mit Widerständen macht es keinen Sinn, Druck auszuüben, Forderungen zu stellen, Drohungen zu äußern (wie auch sonst im Leben selten). Jeder Druck verstärkt den Widerstand: Druck erzeugt Gegendruck, starker Druck starken Gegendruck. Dazu kommt, dass der Widerstand noch andere Strategien auf Lager hat: er kann ausweichen, sich scheinbar zurückziehen oder scheinbar aufgeben. All das verschlimmert nur das Problem und vertieft die Spaltung. Scheinlösungen führen zu einem faulen Frieden, der bei jedem Anlass sofort zerbricht.

Wenn wir uns mit jemandem anfreunden wollen, wollen wir die andere Person kennenlernen. Wir beginnen klugerweise nicht damit, dem anderen vorzuschreiben, wie er sich verhalten soll, was er denken und sagen soll und was nicht usw. Kommen wir so, zieht die andere Person schnell vor uns zurück oder tritt uns mit Abwehr entgegen. Statt Freundschaft zu stiften, haben wir einen neuen Feind gewonnen.

Freundschaft knüpfen wir, wenn wir unser Gegenüber so akzeptieren wie sie ist, statt sie verändern zu wollen. Wir wenden uns ihr zu, indem wir unsere eigenen Wünsche, Erwartungen und Intentionen beiseite stellen. Wir machen uns bereit, in die Welt des anderen einzutreten und sie mit Interesse zu erforschen, geradezu neugierig auf das Unbekannte, das sich dort verbirgt. Mit dieser Haltung gewinnen wir Freunde, und mit ihr kommen wir auch unseren Widerständen nahe, sodass sie von Feinden zu Freunden mutieren.


Widerstand=Schutz


Was zu verstehen ist, ist die ursprüngliche Sinnhaftigkeit jeder Widerstandsreaktion in uns. Sie diente irgendwann einmal als Schutz. Es gab in unserer Lebensgeschichte Ereignisse, sie so bedrohlich waren, dass ein Schutz davor errichtet werden musste, um das Überleben zu sichern.

Jeder Widerstand hat diese Wurzel: Irgendwann diente er als sinnvoller Schutz, als intelligente Überlebensstrategie. Er ist wie ein treuer Diener, der nur unser Bestes im Sinn hat. Diese Tatsache sollte gesehen und mit Dankbarkeit anerkannt werden.  Auch wenn der Widerstand in der Gegenwart offensichtlich zu nichts mehr gut ist, trägt er in sich noch immer die Wichtigkeit und Bedeutsamkeit der einstigen lebensrettenden Funktion wie eine Fahne vor sich her. Und diese Auszeichnung will erkannt und gewürdigt werden.


Zur Versöhnung


Auf einem solchen Weg kann der Prozess der inneren Versöhnung in Gang kommen. Er braucht zwei Komponenten, um zurück zur Einheit zu führen: Aktiv muss sich das Bewusstsein dem Widerstand in bedingungsloser Weise widmen, ihm Raum geben, in dem er anerkannt werden kann. Aktiv werden alle Störsignale ausgeblendet, alles, was Druck ausüben will, was also in Widerstand zum Widerstand gehen möchte. Erst in der Atmosphäre der bedingungslosen und erwartungslosen Annahme kann der Widerstand weich werden. „Kann“ heißt in diesem Zusammenhang nicht „muss“. Denn jedes Müssen nimmt die Freiheit, die bei diesem Prozess notwendig ist.

Dort ist die Grenze der zielgerichteten Aktivität und des eigenen Wollens: Ob der Widerstand nachgibt, liegt an ihm. Da geht es um etwas, das geschieht oder eben nicht. Die Geduld, die aufgebracht werden muss, heißt Erwartungslosigkeit, das Loslassen aller Konzepte darüber, wie die Wirklichkeit sein sollte: Erst wenn sich der eigene kleinere Wille zurückzieht, kann ein größerer Wille geschehen.

Deshalb gleicht die Verabschiedung eines Widerstandes einem Wunder: Obzwar der Einsatz notwendig ist, der die Hindernisse beiseite räumt, ist sie nicht durch Leistung oder Anstrengung herstellbar, nicht durch Machtausübung und Druck erzwingbar, sie tritt ins Offene, wenn es eine geheimnisvolle Quelle zulässt.


Die Verwandlung


Was sich dann zeigt, ist genauso wunderbar: Der Widerstand verabschiedet sich nicht eigentlich, genauso wenig löst er sich auf; vielmehr verwandelt er sich in eine Kraft, bzw. gibt er die Kraft frei, die in der Aufrechterhaltung der Abwehr investiert und gebunden war. Die gefesselte und eingefrorene Kraft wird zur freien, kreativ wirksamen Energie, die für die Bewältigung neuer Lebensaufgaben zur Verfügung steht.

Das ist die Alchemie des Lebens, das immer ein Weiterwachsen beinhaltet: Die Macht der Verwandlung des Behindernden ins Befördernde, der Blockade in vorwärtstreibende Kraft. Etwas Verhärtetes und Hartnäckiges wird ins Fließen gebracht. Im Fließen verschwindet die Dualität, es gibt nichts Abgespaltenes mehr, sondern nur die Einheit.

Es zeigt sich, dass die Verwandlung ein gutes Zusammenspiel braucht: Zwischen Tun und Gewährenlassen, zwischen Aktivität und Passivität, zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Wir müssen zunächst das Unsere tun, mit der Kompetenz der bedingungslosen Zuwendung und Akzeptanz, und treten dann zurück, damit geschehen kann, was geschehen soll. Wir atmen ein und geben Raum, damit das Ausatmen geschehe.


Vgl. Weiches besiegt das Harte 
Musterverändung - aber wie?
 

Freitag, 3. März 2017

Die Begrenzung narzisstischer Manipulation

Sind narzisstische Manipulationskünstler klüger und intelligenter als empathische Menschen? Nicht notwendigerweise, und sie sind weder zu bewundern noch zu tolerieren in dem Sinn, dass ihr Treiben widerspruchs- und widerstandslos bleibt. Unsere Zeit mit ihrem medialen Überangebot und ihrer Marketing-Fixiertheit fördert solche Menschen und katapultiert sie bis an die Spitzen von Großkonzernen, Großbanken und Großmächten. Sie brauchen die Bewunderer um sich herum wie der Fisch das Wasser. Wir müssen nur aufhören, solche Menschen, die die Destruktivität ihres Sozialverhaltens nicht erkennen, zu unterstützen, wenn wir nicht wollen, dass sie die Machtpositionen einnehmen und die Gesellschaft in ihrem Sinn beeinflussen.

Was können empathische Menschen den Soziopathen und Narzissten entgegensetzen, fragt sich Sacha Slone auf ihrer Webseite „Selfknowledge daily“. Sie sind in der Realität verankert, fähig zu abstraktem Denken, und sie sind kreativ. Den Manipulatoren fehlen diese drei Qualitäten. Sie weisen also mehrfache Defizite im Sozialverhalten auf, die eigentlich dafür ausreichen müssten, dass sie in eine Außenseiterposition gelangen. Autisten, denen es ebenfalls an sozialen Fähigkeiten mangelt, müssen schauen, wie sie am Rand leben können, Soziopathen dagegen etablieren sich in der Mitte der Gesellschaft und drehen dort auf und rühren um, ohne dass es nennenswerte Gegenreaktionen gibt.

Sacha Slone vertritt die Meinung, dass empathische Menschen Narzissten nicht in die Schranken weisen, weil sie moralischen Werten folgen wollen. Sie wollen auch nicht anderen Schaden zufügen. Sie sind tolerant und rücksichtsvoll. Und deshalb lassen sie sich nicht auf die Machtspiele der Manipulatoren ein. Das führt aber häufig dazu, dass diese dann niemanden haben, der sich ihnen in den Weg stellt, und die toleranten Empathiker werden folglich indirekt zu den Opfern der Manipulatoren, die an den Hebeln der Macht schalten und walten.

Deshalb gilt es ein Missverständnis aufzuklären, wie schon in dem Artikel über die Grenzen der Toleranz erklärt wurde. Toleranz muss sich schützen, sonst wird sie von den Intoleranten hinweggefegt. Und dazu muss sie sich ihrer sozialen Intelligenz bedienen, die genauso manipulativ sein kann, wie die der Manipulatoren. Sie muss sich nur selbst erlauben, sich dieser Mittel zu bedienen und das schlechte Gewissen, das damit verbunden ist, beiseitelassen.

An dieser Grenze scheiden sich die Gutmenschen von den Menschen guten Willens. Die Gutmenschen wollen niemandem wehtun. Sie sind überempathisch, indem sie sich selber übersehen und übergehen. Damit werden sie zu den Opfern der Rücksichtslosen. Die Menschen guten Willens wissen, dass es Situationen gibt, in denen sie andere verletzen müssen, um sich selbst und die eigenen Werte zu schützen. Sie wissen, dass sie eine Verpflichtung haben, ihre Kompetenzen einzusetzen, um ein Verhalten einzudämmen, das den Zusammenhalt der Gesellschaft schädigt und die menschliche Solidarität untergräbt, um eigene egoistische Ziele zu fördern. Menschen mit mangelhaftem Sozialverhalten müssen aus den Zentren der Gesellschaft gedrängt werden, weil sie nicht in der Lage sind, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Und um das zu erreichen, müssen die Waffen, die sie einsetzen, gegen sie selbst gerichtet werden. Ähnlich wie ein Tai-Chi-Kämpfer die Aggression des Angreifers gegen diesen selbst lenkt, braucht es Strategien der intelligenten und kreativen Gegenmanipulation.

Was braucht ein guter Tai-Chi-Kämpfer? Er muss mit seinem „Chi“ in Verbindung sein, mit seiner inneren Kraft und seinen inneren Werten, die daraus erwachsen. Er braucht den klaren Bezug zur Realität, zur äußeren Wirklichkeit, und er kann dabei unterscheiden zwischen Fakten und Illusionen, zwischen dem, was der eigene Kopf produziert und das, was sich außerhalb von ihm befindet. Er weiß also, dass der Aufenthalt in „postfaktischen“ Gefilden riskant ist für die innere Befindlichkeit und die äußere Sicherheit. Er verfügt über ein klares Denken, das ihm hilft, die eigenen Ressourcen und die des Gegners abzugleichen sowie das eigene Verhalten schnell zu korrigieren, wenn es nichts fruchtet. Seine Empathie ermöglicht ihm, abzuschätzen, was im Anderen vor sich geht, und wo seine Schwachpunkte sind. Er kann auch rechtzeitig innehalten, wenn der Gegner bezwungen ist, ohne ihn herabzuwürdigen.

Und er braucht Humor, der sich auch in einem inneren Lächeln ausdrücken kann. Was Narzissten am wenigsten aushalten, ist, wenn das Lächerliche an ihrem Verhalten als solches dargestellt wird. Wer die Lacher auf seiner Seite hat, hat dann recht, wenn er ein komisches oder absurdes Verhalten aufzeigt, ohne dabei die Person lächerlich zu machen. Die Härte, mit der die Manipulation zumeist auftritt, wird mit Humor am besten durchbrochen.

Manipulation von Emotionen


Narzissten wollen Emotionen manipulieren. Unbewusst schicken sie ihre Projektionen aus, indem sie z.B. vorgeben zu wissen, was in der anderen Person vor sich geht. Damit wollen sie die andere Person in ein inneres Drama, das gerade in ihnen abläuft, einbinden, damit das Drama im Außen ausgetragen werden kann. Natürlich können sie sich nicht in die andere Person hineinversetzen, sondern folgen einer inneren Realität, die sie jedoch für äußerlich voll verbindlich erachten und die sie deshalb unbedingt verteidigen wollen.

Deshalb macht es keinen Sinn, der anderen Person ihre Sichtweise abzusprechen, auch wenn sie einem selber als falsch und übergriffig erscheint; das ist ja genau das, was sie selber tun, und sie merken es sofort, wenn jemand mit ihnen macht, was sie, ohne es zu merken, anderen antun. Statt dessen kann man ihnen ihre Sichtweise zugestehen, aber zurückweisen, dass sie für einen selber richtig ist. Etwa in der Art: „Wenn du dich so fühlst, tut es mir leid. Ich kann akzeptieren, dass du mich so wahrnimmst. Das entspricht aber nicht meiner Wahrnehmung über mich. Und für deine Gefühle übernehme ich keine Verantwortung.“

Dabei ist es hilfreich, den eigenen Atem zu spüren und in sich selber verankert zu bleiben. Auch wenn vielleicht zunächst Ärger entsteht, wenn eine narzisstische Projektion von außen trifft, darf sich das Innere beruhigen. Dann kann das Problem dort belassen werden, wo es ist: In der anderen Person. Der Versuch der Unterschiebung des Problems ist gescheitert. Der Narzisst muss schauen, wie er mit seinen Gefühlen zurechtkommt.

Vgl. Über die Grenzen der Toleranz

Die Unausweichlichkeit der offenen Gesellschaft