Donnerstag, 31. März 2016

Good Bye IQ

Immer hat er uns in Bann gehalten, der IQ – das Maß unserer Intelligenz. Nun will ihn die Wissenschaft, die ihn zuerst eingeführt hat, wieder abschaffen. Wie können wir dann erfahren, wo wir hingehören – zu den Hoch-, Mittel- oder Niedrigintelligenzlern? In welche Schicht ordnen wir uns ein? Sollen wir ab jetzt bei Quiz-Shows im Fernsehen unsere Intelligenz erraten?

Oder hören wir einfach damit auf, uns über den Intelligenzquotienten eine Identität zu geben! Die Wissenschaft unterstützt uns dabei. Einst wurde dieser Maßstab entworfen, um zu beweisen, dass Kinder aus der Unterschicht auch für eine höhere Bildung in Frage kommen. Das wissen wir nun schon längst. Jetzt steht in Frage, was die Intelligenz überhaupt sein soll. Die Idee einer „generellen“ Intelligenz erweist sich als ziemlich unbrauchbar, ja sogar als hinderlich für den Erkenntnisfortschritt und für die praktische Anwendung. Denn unsere kognitiven Fähigkeiten setzen sich aus vielen verschiedenen Bereichen zusammen, und deren Gesamtmaß sagt nicht viel aus: Jemand, der blitzschnell komplizierte Gleichungen im Kopf rechnen kann, dafür aber über wenig Raumvorstellung oder soziales Denken verfügt, hat vielleicht den gleichen IQ wie jemand, der in Mathematik nichts kapiert, aber in den anderen Aspekten gut ist.

In einer Studie wurde festgestellt, dass ostasiatische Studenten eine feldabhängige gegenüber einer objektzentrierten Wahrnehmung bevorzugen, währen amerikanische Studenten meist das Gegenteil favorisieren, und beide Gruppen schneiden jeweils in ihren Präferenzen besser ab. Diese Ergebnisse sagen nichts weiter aus als dass es soziokulturelle Unterschiede zwischen Ostasien und Amerika gibt.

Viele Forscher, z.B. der US-Psychologe Howard Gardner  sind schon lange von der Idee einer einheitlichen Intelligenz abgekommen. Er hat ein Intelligenzmodell mit acht unterschiedlichen Intelligenzen entwickelt, darunter z.B. die interpersonelle Intelligenz (2.Person- Kompetenz) oder die intrapersonelle Intelligenz (1.Person- Kompetenz). Später hat er noch zwei Intelligenzen hinzugefügt: Die pädagogische und die existentielle. Dennoch musste er sich die Kritik gefallen lassen, dass sich das Modell der vielfältigen Intelligenzen empirisch schwer nachweisen lässt.

Es zeigt jedenfalls die begriffliche Schwierigkeit: Wollen wir dem Phänomen der Intelligenz näher kommen, spaltet es sich zunehmend auf in unterschiedliche Dimensionen, die sich dann wieder weiter aufspalten, wenn man genauer hinschauen will, bis der Begriff jeden Sinn verliert und sich darauf beschränkt, dass jeder Mensch sein eigenes Mix an kognitiven Fähigkeiten hat, um sein Leben zu bewältigen. Manche kommen mit diesem Mix an die Spitze eines Großunternehmens, manchen gelingt nicht mehr als ein Platz unter der Brücke. Aber nicht einmal solche extremen Unterschiede müssen Unterschiede in der Intelligenz sein, sondern können ganz andere Gründe haben.

Mit der Hinfälligkeit des IQ wird auch die lange Zeit heiß diskutierte Frage obsolet, ob die Intelligenz angeboren (genetisch festgelegt) oder erlernt (sozial geprägt) ist. Umfangreiche Zwillingsuntersuchungen wurden durchgeführt, vor allem mit eineiigen nach der Geburt getrennten und adoptierten Zwillingen, bis man erkannte, dass die bloße Tatsache der Adoption den IQ erhöht, unabhängig von anderen Größen. Bis jetzt gibt es keinerlei Idee dazu, wie oder warum Gene den IQ beeinflussen könnten.
Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest misst. Dieses halbscherzhafte Zitat bringt es auf den Punkt: Intelligenz ist etwas anderes als die Körpergröße, sondern eine äußerst komplexe Angelegenheit. Jeder Test misst das, was er messen will. Die gemessenen Menschen wissen dann, wie weit sie den Anforderungen dieses bestimmten Tests entsprechen, mehr schon auch nicht.

Also – keine Panik mehr, wenn wir bei irgendeinem Test schlecht abschneiden, es sagt nichts aus über unsere Kompetenz, ein gutes und erfülltes Leben zu führen, und schon gar nichts über unseren Wert als Menschen. Die Natur ist so intelligent, dass sie so viele so unterschiedliche Menschen hervorbringt, dass wir nicht weit kommen, wenn wir sie alle einem Maßstab unterwerfen und vergleichen wollen. Freuen wir uns an der Individualität, freuen wir uns an der Vielfältigkeit!

Quelle: Scott Atran: IQ. In: John Brockman (Hg.): Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? Frankfurt: Fischer 2016, S. 24-28

Mittwoch, 23. März 2016

Das Entsetzen, die Gewalt und das Böse

Warum ist es so entsetzlich, wenn unschuldige Menschen Opfer von Gewaltverbrechen werden? Schließlich müssen wir alle einmal sterben, ob das durch aggressive Krebszellen, heimtückische Viren oder eine Bombe geschieht, wird dereinst für uns selber letzten Endes keinen Unterschied machen. Für die allerdings, die zuschauen, ist es wesentlich schlimmer, wenn jemand eines unnatürlichen Todes stirbt. Unnatürlich heißt so viel wie menschengemacht. Wenn Menschen schuld sind am Tod von anderen Menschen, sind wir entsetzt. 

Dieses Entsetzen hängt mit unserer sozialen Verfassheit zusammen. Wir sind als soziale Wesen aufeinander angewiesen und brauchen ein Mindestmaß an gutem Willen, damit wir gemeinsam überleben können. Wenn nun Einzelne, aus welchen Gründen immer, gegen diese Grundnorm verstoßen, indem sie das Leben anderer Menschen für ihre eigenen Ziele opfern (manchmal auch das eigene noch dazu), verunsichern sie alle, die sich noch im Rahmen der Grundnorm befinden. Denn die Grundnorm funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Jedes Ausscheren bedroht deshalb den Zusammenhalt des ganzen gesellschaftlichen Gefüges. Das wissen übrigens die Angehörigen von Terrorgruppen genauso, indem sie Mord in ihren eigenen Reihen nicht dulden können.

Die Verunsicherung wird zunächst dadurch behoben, dass sich die Gesellschaft der Gutwilligen zusammenschließt und diejenigen, die aus dem Rahmen treten, zur Verantwortung ziehen. Allerdings bleibt die Angst, denn es könnte jederzeit wieder passieren, dass ein Mensch oder eine Gruppe gewalttätig wird und andere, eben unschuldige Menschen, in den Tod reißt. Das ist vermutlich auch ein Ziel der Bösewichter, die Verunsicherung weiter zu treiben, denn Unsicherheit führt in die Vereinzelung. Mit dem Ansteigen der Angst ziehen sich Menschen zunächst in immer kleinere Gruppen zurück, in denen sie noch vertrauen können. Erreicht die Angst ein sehr hohes Maß, fühlen sie sich ganz auf sich selber gestellt und wollen nur ihre eigene Haut retten. Je größer die Angst, desto größer der Zerfall der Gesellschaft. 

Da die Terrorgruppen selber Angst haben vor Gesellschaften, die mit dem Mindestmaß an gutem Willen funktionieren, sehen sie in willkürlichen Überfällen und wahllosen Mordaktionen den besten Weg, um ihren Gegner, eben die demokratisch und liberal verfassten Gesellschaften, zu schwächen und zu entmachten. Eine fragmentierte Gesellschaft kann dem Bösen keinen Widerstand mehr entgegensetzen, da es keine gültigen Normen mehr gibt. In ihr kann man dann die eigenen Machtgelüste mit ausreichenden Gewaltmitteln durchsetzen.

Die Angstmacher in unseren Gesellschaften arbeiten dieser Fragmentierung in die Hände. Sie wollen, dass die Menschen aus dem gesellschaftlichen Konsens austreten und sich der eigenen Gruppierung anschließen, die eine exklusive Sicherheit vor dem Bösen verspricht, das ausgesperrt bleibt. Die Guten sind innen, die Bösen draußen. Vielen verängstigten Menschen ist das Leben in einem imaginären Bunker lieber als das Risiko, im Freien dem Bösen zu begegnen.

Deshalb ist es wichtig, dass wir Verantwortung für unsere Ängste übernehmen. Wir sind nicht deren Opfer, sondern wir erzeugen sie in uns, indem wir uns über Bilder und Worte verwirren und in Trance versetzen lassen. Wenn wir unsere Ängste erforschen, erkennen wir, dass ihre Wurzeln tiefer sitzen, dass es kindliche Verunsicherungen sind, die durch aktuelle Ereignisse mobilisiert werden. Wir brauchen uns von diesen alten Ängsten nicht beherrschen lassen. Wenn wir noch einen Schritt weitergehen, erkennen wir auch, dass das Böse, das wir im Außen wahrnehmen, z.B. in Form der Gewalt gegen Unschuldige, in uns genauso vorhanden ist. Es ist ein Abkömmling unserer Ängste und will den Auslöser der Ängste zerstören, um sich von der Angst zu befreien. 

Indem wir erkennen, dass wir um nichts "besser" sind als die Bösen, sondern nur mit Glück in relativer Sicherheit gelandet sind, sodass wir aus unseren Ängsten und Zerstörungsimpulsen heraus nicht handeln müssen, sondern in einem bestimmten Grad friedvoll leben können, verliert das Böse im Außen jede Macht über unser Inneres. Das ist der Weg der inneren Versöhnung, der uns aus der Angst und Verunsicherung herausführt. So können wir in Klarheit und Verantwortung unsere Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen und dem Bösen im Außen mit Entschlossenheit begegnen.

Donnerstag, 10. März 2016

Schuldgefühle und ihre Hintergründe

Wir machen uns schuldig, wenn wir anderen Menschen etwas antun und ihnen Leid zufügen. In den seltensten Fällen tun wir das absichtlich, geplant und gewollt. In den meisten Fällen handeln wir aus der Einsicht und den Kräften heraus, die uns gerade zugänglichsind. Es passiert jedoch etwas, was anderen Personen Probleme bereitet, sie verletzt und enttäuscht, sie unter Stress setzt und irritiert.

Dann sind wir, wie es schon die griechische Tragödie thematisiert hat, unschuldig schuldig. Unschuldig, weil wir nicht wissen konnten, dass die andere Person verletzt wird, schuldig, weil wir die Verletzung verursacht haben.


Schuld und Entschuldigung


Für diese Fälle gibt es die Ent-Schuldigung, um die wir die andere Person bitten, wenn wir erkannt haben, dass unser Handeln einen physischen oder emotionalen Schaden bei ihr angerichtet hat. Mit der Entschuldigung gestehen wir ein, dass wir in unserem Handeln nicht alle Auswirkungen mitbedacht haben und dass wir einsehen und anerkennen, dass unser Handeln Auswirkungen hatte, die die andere Person belasten.

Im Grund können wir nicht mehr tun als das. Wir stehen zu unserer Schuld und tragen sie. Es liegt dann bei der anderen Person, die Entschuldigung anzunehmen und damit den Zyklus abzuschließen. Wir können diese Annahme nicht einfordern, sie kann nur aus der anderen Person kommen.

Die Annahme der Entschuldigung beinhaltet, dass der Fall damit einvernehmlich geschlossen und in die Vergangenheit verabschiedet wird. Wenn die Person, die sich beleidigt fühlt, nach dem Akt des Entschuldigens und der Annahme weiter Vorwürfe und Beschwerden über den Vorfall äußert, hat sie die Entschuldigung nicht wirklich akzeptiert und setzt sich damit selbst ins Unrecht, lädt Schuld auf sich. Wenn wir eine Entschuldigung nur scheinbar oder überhaupt nicht annehmen können, die offen und ehrlich von der anderen Person kommt, liegt es daran, dass die Verletzung, die passiert ist, eine tiefere Wunde in uns angerührt hat, die weit in die Vergangenheit zurückreicht und nichts mit der Person zu tun hat, die sie aktiviert hat.

Wenn wir auf den weisen Teil in uns hören, können wir jeder Person, die uns gekränkt hat, danken, dass sie uns auf ein Thema aufmerksam gemacht hat, das wir noch nicht aufgelöst haben. Wir können uns für die Hilfe, bewusster zu werden, bedanken. In jeder Verletzung steckt ein möglicher Gewinn für uns selber, wenn wir sie annehmen und ihre Hintergründe erforschen.


Unschuldig in der Schuld


Leider tun wir Menschen uns schwer damit, einzusehen, dass wir in jeder Situation immer nur das tun, was wir gerade als das Beste in unseren Kräften stehende zu tun vermögen; denn könnten oder wüssten wir es besser, würden wir es anders machen. Wir haben in jedem Moment genau jene Kräfte und Potenziale, Fähigkeiten und Durchblicke zur Verfügung, die uns zugänglich sind. Wir sind in jedem Moment genau so gut oder schlecht, wie wir eben sind. Dafür sollten wir uns selbst zuallererst Verständnis und Nachsicht gewähren. Diese Barmherzigkeit uns selbst gegenüber dient dann als Brücke für die Versöhnung mit denjenigen, die uns etwas angetan haben.

Die Überheblichkeit des Schuldgefühls


Wir leiden an Schuldgefühlen. Sie machen uns innerlich Druck, schmälern unseren Selbstwert und verringern unser Wohlgefühl. Unter ihrem Einfluss stellen wir uns selbst in Frage, werten uns ab und machen uns schlecht.

Deshalb mag es seltsam klingen, Schuldgefühle mit Überheblichkeit in Zusammenhang zu bringen. Schuldgefühle entspringen der Annahme, dass wir perfekt sein müssten, unfehlbar und makellos. Und dass wir die Kontrolle und Übersicht über die Wirklichkeit haben müssten, ebenso über die Folgen unserer Handlungen. Doch sind wir nur beschränkte Wesen mit begrenzten Wahrnehmungen und Denkfähigkeiten. Wir sind der Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit der Welt ausgesetzt. Wenn wir diese Tatsache ignorieren, sind wir überheblich. Wir halten uns für mächtiger als wir jemals sein können, wir verwechseln Möglichkeit und Wirklichkeit.

Letztlich ist im Schuldgefühl ein Sich-über-den Lauf-der-Dinge-Stellen-Wollen enthalten, so als hätten wir eine umfassende Macht über das, was passiert – wir haben sie aber nicht. Und das Eingestehen der eigenen Schwäche und Unvollkommenheit ist der erste Schritt zum Verabschieden der Schuldgefühle. Die Regie in unserem Leben liegt nicht bei uns, wir haben nur einen kleinen Gestaltungsspielraum bei dem, was das Ausfüllen unserer Rolle anbetrifft. Wir können neues lernen und damit unsere Freiheitsräume erweitern. Aber der große Teil unseres Denkens und Tuns, selbst unseres Wahrnehmens ist unserer willentlichen Kontrolle entzogen. Nur ein Bruchteil der Operationen, die unser Gehirn vollzieht, ist dem Bewusstsein und der willentlichen Steuerung zugänglich.

Bei unseren Mitmenschen ist es genauso. Deshalb können wir uns vornehmen, ihren Fehlerhaftigkeiten und Unzulänglichkeiten mit Nachsicht und Verständnis zu begegnen, auch wenn wir uns im ersten Moment beleidigt und verletzt fühlen.


Wurzeln in der Kindheit


Unsere Schuldgefühle haben sich ausgeprägt, als wir noch klein waren. Scheinbar waren die Großen, die uns umgeben haben, frei von Fehlern und Irrtümern, scheinbar haben sie immer alles richtig gemacht. Als die Kleinen konnten wir ja nicht wissen, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Erst langsam haben wir erkannt, dass auch die erwachsenen Bezugspersonen unvollkommen sind. Doch da waren unsere Selbstabwertungen innerlich längst schon fest etabliert. Oft wurden wir in unseren Fähigkeiten, uns richtig zu verhalten überfordert, und haben bald begonnen, uns selbst zu überfordern. Deshalb ist der Leistungsdruck eng mit Schuldgefühlen verbunden: Wann immer wir nach irgendeinem Maßstab nicht genug leisten, sollten wir uns schuldig fühlen.

Doch blockiert das Schuldgefühl die Leistungsfähigkeit. Wir können uns zwar von ihm angetrieben und motiviert fühlen, kommen aber unter seinem Druck schnell in Stress, der dann wieder die Leistungsfähigkeit hemmt, weil diese auch einen Entspannungsfaktor braucht. Stress macht uns unkonzentriert und dadurch fehleranfälliger, was die Schuldgefühl-Spirale antreibt und verstärkt.

Schuldgefühle können deshalb die Selbstausbeutung fördern: Über unsere Grenzen gehen, um ja nicht äußerer Kritik zu verfallen, um ja die Erwartungen anderer lückenlos zu erfüllen, tun wir alles, was in unseren Kräften steht, bis diese über die Maßen erschöpft sind. Dieser Mechanismus ist leider eine zentrale Antriebskraft der Leistungsgesellschaft, die die Menschen über die Erfolge definiert, die sie im Leben erzielen, von denen ihre Fehler und Misserfolge abgezogen werden.


Ungeschehen machen


Manchmal wollen wir ungeschehen machen, was passiert ist. Wir haben einen blöden Fehler gemacht, und haben das Gefühl, dass wir mit den Folgen des Fehlers nicht fertig werden können. Deshalb fantasieren wir den Fehler weg, indem wir denken, wie wir anders hätten handeln müssen, damit der Fehler nicht passiert wäre. Wir werden zu Kindern, die noch glaubten, dass magische Kräfte die Welt regieren, die Vergangenheit wie die Zukunft, und dass diese Kräfte auch etwas, was schon geschehen ist, wieder löschen können. Wir meinen, wir könnten die Zeit zurückdrehen und die Geschichte in einer harmloseren Version neu schreiben, sodass wir als die Guten und Vollkommenen aussteigen.

So sind wir mit diesen Fantasien beschäftigt und müssen uns nicht mit den Folgen unseres Fehlers praktisch auseinandersetzen – was uns allerdings in den allermeisten Fällen nicht erspart bleibt. So schieben wir nur hinaus zu tun, was zu tun ist, was wiederum in vielen Fällen den Fehler noch verschlimmert, sodass noch mehr getan werden muss, um ihn auszubügeln. Wir vertrauen nicht auf die Kraft, die wir haben, um nach jedem Versagen wieder aufzustehen, sondern klammern uns an die Illusion, dass wir ohne Anstrengung weiterkommen.

Ein Psychologe sagt vielleicht, dass die Fantasien, die die Vergangenheit umschreiben wollen, einem Probehandeln dienen: Wir wollen imaginär üben, wie wir es beim nächsten Mal besser machen. Mir ist der Blumentopf beim Gießen runtergefallen und indem ich die missglückte Aktion Revue passieren lasse, wie sie hätte ablaufen sollen, ich präge mir ein, wie ich den Fehler das nächste Mal vermeide. Nur: Das nächste Mal gibt es nicht in dieser Weise, die Bewusstheit ist bei der nächsten ähnlichen Handlung ohnehin erhöht. Ich lerne unmittelbar aus den Folgen meines Tuns, was in das nächste Mal einfließt. Fehler schulen meine Achtsamkeit.


Das Vergangene der Vergangenheit


Was geschehen ist, ist geschehen, es lässt sich nicht mehr ändern. Wir wissen es ja, wollen es aber oft nicht wahrhaben, wenn wir noch im Schock des Fehlers stehen. Auch der Fehler gehört in die Vergangenheit, ins Jetzt gehört das Umgehen mit den Folgen – Reparieren, was kaputt gegangen ist, Wiedergutmachen, was als Schaden angerichtet wurde usw. Wenn getan wurde, was getan werden kann, sollte das Leben wieder weitergehen und das ganze Ereignis, die fehlerhafte Handlung und die Bewältigung der Folgen, in die Vergangenheit verabschiedet werden. Wir haben die Lektion gelernt und sind in Bewusstheit und Achtsamkeit gewachsen.

Wenn wir die von Überheblichkeit geprägte Haltung der eigenen Selbstüberschätzung hinter uns gelassen haben, brauchen wir keine Schuldgefühle mehr. Wir wissen, dass wir manches gut und manches weniger gut machen, dass wir fehleranfällig sind, eben Projekte im Werden, die durch Lernen flexibler und kreativer werden. Mit Schuldgefühlen binden wir uns an die Vergangenheit und hindern uns daran, den gegenwärtigen Moment voll auszuschöpfen und mit unserer Kraft und Gestaltungsfreude mitzugestalten.