Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Anhänglichkeit an die Dualität

Das Gute kämpft gegen das Böse, so kommt es uns immer wieder entgegen, besonders in spannenden Filmen. Ist das ein unendlicher Streit, der nie aufhören kann, weil sich hinter jedem Guten wieder was Böses auftut? Schon Immanuel Kant war ja der Meinung, dass die Menschen "aus einem krummen Holz geschnitzt sind, aus dem nie was Grades werden wird". Sein anthropologischer Pessimismus wurde lange vor den soziologischen und psychologischen Einsichten des 19. bis 21. Jahrhunderts formuliert, in einer Zeit, in der das Innere von Kindern und ihre Bedürfnissen weder im Alltagsverständnis noch im gelehrten Bewusstsein vorhanden waren. 

Kant hat die menschlichen Triebe unter Generalverdacht gesetzt und der Macht der moralischen Vernunft unterstellt. Damit verfestigt er eine innere Dichotomie oder Dualität im Menschen, die erst von der nachfolgenden Welle der Aufklärung vielfältig in Frage gestellt wurde. Und damit gehört er auch in die Vorgeschichte der schwarzen Pädagogik, die in Kindern eher Monster, die gezähmt werden müssen, als liebesbedürftige Wesen gesehen hat.

Sigmund Freuds Aufteilung der menschlichen Triebhaftigkeit in Libido und Thanatos spiegelt diese Auffassung wider. Allerdings haben sich viele Nachfolger und Schüler von Freud von dieser Auffassung abgewendet und ein differenzierteres Modell des Menschen bevorzugt. Schließlich haben die Erforschungen der kindlichen Psyche und Kommunikationsfähigkeiten die Liebeskraft des Kindes so deutlich herausgestellt, dass von einem angeborenen oder genetisch geprägtem Bösen keine Rede sein kann.

Bei den Hollywood-Blockbustern feiert die duale Ansicht noch immer Urstände. Ärgste Bösewichter sorgen für Kassenschlager, weil der Held mit der Bosheit und Abgefeimtheit des Gauners wächst. Die moralische Dualität ist in manchen Serien (z.B. StarWars) systemimmanent: Das Böse darf nicht aussterben. Wäre das Böse endgültig besiegt und vernichtet, gäbe es keine Fortsetzung mehr. Die Unendlichkeit der Antagonistik von Gut und Böse ist den Geschichten inhärent, die in solchen Filmen erzählt werden. Es ist die Unendlichkeit der kapitalistischen Gier, die hier wirksam wird. Der Spannungsbogen muss aufrecht erhalten bleiben, damit der Rubel weiter rollt. 

Dualität erzeugt Spannung, und diejenige zwischen Gut und Böse ist die stärkste, weil sie eng mit der Überlebensangst verknüpft ist. Das Prinzip des Bösen ist die Lebensfeindschaft, das des Guten die Verehrung und Vermehrung des Lebens. Deshalb müssen wir uns mit dem Guten identifizieren, und optische Vorlagen und fantastische Geschichten, die uns diese Identifikation leicht machen, lieben die meisten Medienkonsumenten besonders.

Solche Konstruktionen prägen ein Schwarz-Weiß-Schema, das die Wirklichkeit vereinfacht. Sie reduzieren Komplexität um den Preis des Wirklichkeitsverlustes. Natürlich wissen Kinobesucher um die Irrealität von zwei Stunden gefühlsintensiver Erfahrung. Aber das Grundschema, das in dieser Zeit der emotionalen sinnlichen Erfahrung eingeprägt wird, bestätigt innere Muster, die im Traumaschema entstanden sind, sodass eine Wirkung auf das Unbewusste entstehen kann, obwohl unser Realitätssinn normalerweise nach dem Ende der cineastischen Erfahrung schnell wieder hochfährt. Einerseits haben Tiefenschichten in uns, die nach einem dualen Schema funktionieren, eine Verstärkung erfahren, andererseits hinterlässt die mediale Fantasiereise ein Denkschema, das wir allzu leicht unbedarft auf die Wirklichkeit übertragen, wenn wir es verabsäumen, reflexiv zu ergründen, welcher Konstruktion wir uns ausgesetzt haben und welche Spuren das in uns versenkt haben könnte. Halten wir Ausschau nach dem Bösen in unserem Leben, fangen wir an, Projektionen in alle mögliche Richtungen zu verschicken? Verfestigen wir eine negative Anthropologie in unserem Denkapparat, die das Vertrauen in andere Menschen, ins Leben und letztlich in uns selbst untergräbt?

Heute dienen duale Modelle antimodernistischen Positionen und sind geradezu zu Kennzeichen reaktionärer Strömungen geworden. Sie sollen Herrschaftsansprüche absichern, die auf bestehenden Privilegien beruhen und zur Unterdrückung von Bestrebungen zur Erneuerung und Verbesserung von sozialen Strukturen dienen.
Was noch dazu kommt: Das duale Denken erschafft ein Auseinanderklaffen von zwei Teilen der Wirklichkeit, die eine verdinglichte Natur annehmen und die Dynamik, die der Wirklichkeit innewohnt, beschneiden. Wenn wir vom Bösen sprechen, machen wir es zu einer Macht, die unberechenbar und unkontrollierbar ist, die wir in ihrer Gänze nicht kennen, aber aus unseren eigenen Unvollkommenheiten heraus verstehen und mit ihr verbunden sind. Außerdem wollen wir das Böse als etwas sehen, das in seinem Zentrum außerhalb von uns selber liegt. Es beeinflusst uns immer wieder, wenn uns, wie es in meiner Kindheit hieß, "der Teufel reitet". 

Im spirituellen Kontext würden wir sagen: Wir handeln aus dem Ego, oder psychologisch ausdrücken: Ängste bestimmen, was wir tun, nicht unsere reife Vernunft. Wir können nie sicher sein, dass wir in eine Falle gehen, die uns das Ego stellt, dass sich eine Angst in uns meldet und das Kommando übernimmt. Wir alle tragen eine lange Geschichte von Traumatisierungen in uns, und es kann immer passieren, dass von einer dieser unbewusst gespeicherten Erfahrungen Erinnerungsreste in die Gegenwart hineinwirken.

Macht uns das menschlich? Wohl merken wir, wenn wir "böse werden", dass wir nicht besser sind als andere, wir brauchen uns nicht mehr über sie drüber stellen. Wir können allen in Augenhöhe begegnen und zulassen, dass uns alle anderen in Augenhöhe begegnen. Aber dazu brauchen wir kein duales Modell. Ein differenziertes Bild unserer Mitmenschen ist tauglicher: Jeder andere Mensch stellt eine ganz spezielle Mischung aus Genen, Erfahrungen und Reflexionen dar. Jeder Mensch hat seine eigene Traumageschichte und seine eigene Sammlung an Ressourcen. Niemand ist dadurch zur Gänze böse, niemand zur Gänze gut. Jeder Mensch kann Fehler machen, da und dort unethisch handeln, und verdient dafür Verständnis, statt reiner Aburteilung.

Sollten wir, statt als die Guten gegen das reale oder imaginierte Böse zu kämpfen, gegen die Macht des dualen Schemas antreten? Doch was droht dann: Entzaubert die Entmachtung der Über-Erzählung die Wirklichkeit noch mehr, nimmt sie uns noch mehr vom Wundercharakter der Welt, der uns das Staunen lehrt? Wo doch alle Märchen, in die wir uns als Kinder verlieren konnten, gerade aus dieser dualen Folie ihre wundersame Wirkung ziehen! Bleibt dann nur mehr eine nüchterne Welt, in der das Böse auf psychologische Mechanismen reduziert und als heilbare Krankheit oder Störung diversen Therapien zugeführt wird? Werden damit die Abgründe der menschlichen Seele künstlich  und naiv eingeebnet, letztlich auch zum Zweck der Selbstberuhigung, wie sie der Kiffer sucht, dem nach dem Joint alles und jedes lieb und nett erscheint?

Wer das Böse braucht, für diesen oder jenen Zweck, wirkt an seiner Vermehrung mit. Es geht nicht um die Leugnung von Abgründen der Bosheit, dafür liefert die Erfahrung tagtäglich ausreichende Beweise. Es geht darum, den Freiraum in unserem Kopf zu betreten, der hinter dem dualen Weltbild auftritt. Die Märchen können wir weiterhin genießen, müssen aber nicht in ein von Schrecken gekennzeichnetes kindliches Bewusstsein regredieren, das sich nicht gegen die Macht der Dualitäten wehren kann, die ihm vorgesetzt werden. Wir schaffen uns Leid, wenn wir uns ohne innere Distanz in Dualitäten hineinbewegen und uns in ihnen so bewegen, als wären sie Realität.

Mit innerer Distanz ist gemeint: Wir können in Traum- und Fantasiewelten hineingehen und sie differenziert auf die Welt des Wachbewusstseins beziehen, in die unsere Lebensgeschichte hineinverwoben ist. Je mehr wir uns den inneren Ängsten stellen und deren Wirkung abmindern, desto schwächer werden die unbewussten Wirkungen von dualen Modellen und Konstruktionen auf unsere Handlungen und Haltungen. Damit wachsen wir aus der dualen Weltsicht heraus und nähern uns dem wahren Wesen des Menschen an, in uns selbst und in der Begegnung mit anderen.

Freitag, 25. Dezember 2015

Bewerten im bewertungsfreien Bereich

Fraktales Gebilde
Der Psychologe Robert Kegan, Professor in Harvard, hat die Merkmale der postmodernen Theoriebildung mit drei Merkmalen beschrieben:
1.    Die Ablehnung aller Absolutsetzungen: Nach Lyotard  gibt es keine Metanarrative (oder Theorien über Theorien), die nicht selber Teilausdrücke einer besonderen Sichtweise sind.
2.    Alle sozialen und politischen Diskurse sind mit Macht oder Dominanz angereichert. Jedes Metanarrativ wird damit zum Ausdruck der Hegemonie einer sozialen und politischen Ordnung.
3.    Unterschiede: Statt zu versuchen, die erklärende oder politische Bedeutung von gegebenen Elementen einer sozialen Situation zu bewerten oder zu bevorrangen, ist festzustellen, dass es keinen klaren und überlegenen Grund gibt, einer bestimmten Position mehr Bedeutung oder Wert zuzusprechen als anderen, weil alle Bedeutungsgebungen nichts als Konstruktionen sind. (Kegan 1994,
S. 325-326)

Weiters unterscheidet Kegan zwei Wege des Postmodernismus:
1) Dekonstruktivismus: Theorien können nicht akzeptiert werden, weil sie begrenzt sind. Sie werden in ihrem Absolutheitsanspruch relativiert.
2) Rekonstruktivismus: Die  Begrenztheit der Theorien werden anerkannt, aber zur Rekonstruktion der Theorien mit dem Ziel einer vollständigen Theorie, die es freilich nie geben kann. Die Prozeduren der Wissenserzeugung werden Prozeduren der Rekonstruktion ihrer Prozeduren und werden damit generativ, ähnlich wie das Leben.

Hier fließen Bewertungen ein:  Theorien über das Erzeugen von Theorien bezeichnen sich überlegen in Vergleich zu Theorien, die das nicht machen. Denn diese sind sich ihrer Tendenzen zur Absolutsetzung nicht bewusst. Dennoch ist diese Bewertung selbst keine Absolutsetzung.
(Ebd. S. 330)

Die Postmoderne oder fünfte Ordnung in dem Modell von Kegan entspricht im Übrigen der Stufe des systemischen Bewusstseins in meinem Evolutionsmodell, das im Buch "Vom Mut zu wachsen" nachgelesen werden kann. 

Komplexität und Differenzierung


Die Zunahme an Komplexität ist eine immanente Eigenschaft der Evolution in der Natur und wirkt in ähnlicher Form in der kulturellen Evolution der Menschheit. Dadurch entsteht die Eigentümlichkeit, dass die komplexere Form die weniger komplexe versteht, denn sie enthält diese in sich, umgekehrt aber nicht, denn streng genommen, weiß sie nichts von ihr; oder: sie hat die Organisationsprinzipien der höheren Stufe noch nicht entwickelt und kann deshalb die dort herrschenden Abläufe nicht verstehen. Ein Regenwaldbewohner kann die Regeln, die in einer Universität herrschen, nicht verstehen, während ein Kulturanthropologe die Regeln der Universität und die der Regenwaldbewohner verstehen kann.

Die Zunahme an Komplexität wird durch den Prozess der Differenzierung hervorgerufen, der im Großen und Ganzen nicht umkehrbar ist. Im Kleineren gibt es Rückentwicklungen, die sich aber im großen Trend wieder ausgleichen. Das Leben kann nur als Negentropie verstanden werden, wie schon Ernst Schrödinger festgestellt hat. (Negentropie heißt, dass Ordnungen aus Chaos=Zufallsverteilung  entstehen). Da alle Lebewesen offene Systeme sind, die in dauerndem Austausch mit ihrer Umwelt stehen, brauchen sie ein großes Maß an Flexibilität, und Flexibilität benötigt ein hohes Maß an Differenzierung. Je komplexer ein System ist, desto flexibler kann es reagieren. Der Mensch ist ein Beispiel dafür. Aufgrund seiner komplexen Intelligenz können wir mittlerweile sogar zumindest zeitweise auf dem Mond überleben.


Bewertungen im Evolutionsprozess


Eine Entwicklungsrichtung der kulturellen Evolution besteht darin, dass Bewertungen als Hindernisse für die Weiterentwicklung erkannt und deshalb zunehmend relativiert werden. Wer bewertet, stellt den eigenen Standpunkt als überlegen gegenüber dem konkurrierenden dar und übt damit Macht aus. „Meine Theorie ist richtiger als deine.“ Solche oft implizit vorgenommenen Annahmen, die als Wirklichkeiten dargestellt werden, werden als Ideologien enttarnt: als Theorien über die Wirklichkeit, die von eigenen Machtinteressen bestimmt sind und deren Durchsetzung dienen. Z.B. diente die Annahme der Überlegenheit der weißen Rasse über die anderen der Rechtfertigung der Versklavung Angehöriger anderer Rassen und der Ausbeutung  von deren Ländern.

Das ist die Aufgabe des dekonstruktiven Prozesses für die weiteren Differenzierung: Die Wirklichkeitskonstruktion wird auf das zugrundeliegende Interesse zurückgeführt und damit in ihrer Erkenntniskraft desavouiert. Sie taugt nicht mehr als Beschreibung der Wirklichkeit, sondern nur als Herrschaftsinstrument. Damit kann die Differenzierung weitergehen, weil ein Hindernis benannt ist und umgangen werden kann.


Reflexives Wissen ist kein Herrschaftswissen


Die kulturelle Entwicklung beinhaltet die Zunahme des Verständnisses für die Notwendigkeiten und Erfordernisse dieser Entwicklung. Die Einsicht in die Natur der Prozesse, was sie weiterbringt und was sie behindert, führt zu einem Metawissen, das nicht den Charakter einer Ideologie hat. Sie ist nicht von einem partikularen Interesse erzeugt, sondern stammt aus der Reflexion über den Ablauf der menschlichen Geschichte.

Auch aus diesem Standpunkt wird eine Bewertung vorgenommen. Andere, weniger komplexe  Positionen werden auf Inkonsistenzen untersucht, auf Widersprüche und Verkürzungen. Die Interessen, die sie bedienen, werden ebenso transparent gemacht wie die Ängste, die sie lenken. Die Bewertung bezieht sich auf die strukturellen Unterschiede und ist begründet in dieser Differenz.


Deshalb muss jemand, der die Menschenrechte vertritt, jemand anderen, der sie missachtet, abwerten. Wer Menschenrechte nicht achtet, befindet sich auf einem einfacheren Organisationsniveau. Es ist zwar aus komplexerer Sicht verständlich, warum jemand Menschenrechte nicht akzeptiert, doch kann das nicht gutgeheißen werden, weil es sonst das Organisationsniveau, das schon erreicht wurde, in Frage stellen würde. Da es in vielfältiger Hinsicht einem einfacheren Niveau überlegen ist, muss sein Bestand gesichert werden. Dazu sind Bewertungen notwendig. Sie sind jedoch immer reflexiv, indem sie sich nicht auf Personen und deren Handlungen beziehen, sondern auf die Werte, die dahinter stehen, und diese dahingehend prüfen, ob sie dem allgemeinen Entwicklungsprozess dienen oder ihn behindern.

Die Positionen von Rechtsparteien oder fundamentalistischen Religionen  zeichnen sich durch Einfachheit und leichte Verständlichkeit aus. Sie münzen Komplexität in schlagkräftige Formeln um und reduzieren vielschichte Probleme auf einfache Nenner. Bei vielen Menschen erzeugt die Vereinfachung den Eindruck von Kontrolle und Handlungsfähigkeit und wirkt deshalb angstverringernd. 

Aus der Position einer fortgeschrittenen Komplexität werden solche Ansichten in ihrer ideologischen Färbung durchsichtig. Sie drücken partielle Interessen aus und wollen diesen im Machtgefüge zum Durchbruch verhelfen. Sie werden aber der Vieldimensionalität der Wirklichkeit nicht gerecht und stehen zudem dem Fortschritt in der Evolution im Weg, sind also ethisch zu hinterfragen.


Der innere Sinn der Entwicklung


Diese reflexive Bewertung impliziert die Annahme, dass der gesamte Prozess der Evolution einen inneren Sinn hat, eine Entwicklungslogik, die in eine Richtung geht, die allen Menschen gleichermaßen dient und dem entspricht, was die Menschheit als ganze will. Diese Richtung gilt nicht die Erfindung einer Person oder einer Interessensgruppe, sondern als eine Grundgegebenheit innerhalb der Differenzierung der Wirklichkeit zu mehr Komplexität. Es geht also um die Grundentscheidung, den Evolutionsprozess als in sich gut und sinnvoll einerseits oder als entweder richtungslos, zwischen Gut und Böse schwankend oder sich zunehmend verschlechternd andererseits zu beschreiben.


Diese Grundentscheidung hat zwei Prüfsteine: Der eine bemisst daran, wie weit die Wirklichkeit mit der Entscheidung verstanden werden kann: Können wir mehr über die Wirklichkeit erfahren, wenn wir annehmen, dass ihr Entwicklungsprozess in eine sinnvolle Richtung geht oder wenn wir annehmen, dass alles zunehmend schlechter und sinnloser wird, oder, was letztlich gleichbedeutend mit letzterer Position ist, dass es keine wie immer geartete logische Richtung in der Entwicklung gibt.

Die zweite Prüfung bezieht sich auf die Ethik: Was wollen Menschen in ihrem Leben, für sich und miteinander? Sind sie vollkommene Untertanen ihres egoistischen Überlebensstrebens oder wollen sie statt dessen den gemeinsamen Nutzen und werden sie nur egoistisch, wenn sie von Ängsten überwältigt sind? Stimmt die erstere, so ist der Mensch des Menschen feind und es ist erklärungsbedürftig, warum es überhaupt gelingen kann, dass die Nachkommen der Menschen überleben, dass die meisten Gemeinschaften in Frieden leben und das Kriegführen die Ausnahme darstellt usw. Ohne irgendeine Form des „kategorischen Imperativs“, also einer Grundorientierung für eine verallgemeinerbare, also für alle verstehbaren und anerkannten Ordnung, ist das Funktionieren von menschlicher Gemeinschaft, von sozialen Gruppen und ökonomischen Abläufen, von kommunikativen Konfliktlösungen und geteilten Entscheidungsfindungen so unwahrscheinlich, dass die gesamte menschliche Geschichte zu einem Zufallsprodukt wird. Der Erklärungswert dieser Grundausrichtung geht damit gegen Null und der Erklärungsaufwand ins Unendliche. 


Die sowohl elegantere wie auch dem Gesamten des Menschen entsprechende Auffassung ist nach meiner Auffassung die Theorie, dass der Mensch von sich aus das Gute anstrebt und auf ein Wachstum in Komplexität und Differenzierung angelegt ist, das jedes Leben zu einem Abenteuer werden lässt und einen Zuwachs an Weisheit beinhaltet. Wir sind allerdings nicht davor gefeit, auf weniger komplexe Formen unserer Innenorganisation zurückzufallen und dann zu unleidlichen bis grausamen Zeitgenossen zu werden. Das hat aber immer tieferliegende Ursachen in unserer eigenen Geschichte und stellt eine Notfallsreaktion dar. In Situationen, wo wir uns hilflos vorkommen und von Angst überwältigt werden, reagieren wir mit unseren Überlebensstrategien, die rücksichtslos egoistisch ausgerichtet sind. Wir sind immer in der Lage, wieder zu uns selber zurückzufinden, zu einem Zustand, in dem wir mit anderen und uns selbst gut auskommen wollen, in dem wir gemeinschaftliche Lösungen für Probleme und Konflikte suchen und Menschen um ihrer selbst willen lieben.

Selbst die Hollywood-Blockbuster gehen mehr und mehr in diese Richtung. Zwar ist das Gut-Böse-Schema noch immer die Hintergrundfolie für die meisten Kassenschlager, aber ab und zu wird zumindest angedeutet, dass die Bösen so böse sind, weil ihnen irgendwann Böses widerfahren ist. Damit ist sogar in diesem Bereich ein Fortschritt in der Komplexität und Differenzierung zu beobachten, und damit im Publikum, dem ein ebensolcher Fortschritt zugetraut wird.


Literatur:
Robert Kegan: In Over Our Heads. The Mental Demands of Modern Life. Harvard University Press: Cambridge, Massachusetts 1994 

Vgl. Friede ist nicht das Gegenteil von Krieg 
Die Weisheit in der Wellenform 
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial?
Das Gute und das Böse 

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Selbst- und Außenbeziehung in Meditation und Therapie

Meditation ist eine uralte Methode, zu sich selber zu finden und in der Bewusstheit zu wachsen. Die Versenkung in sich selbst in Stille, so die ursprüngliche Form der Meditation, konfrontiert mit dem unruhigen Treiben im Inneren, den ablenkenden Gedanken und nagenden Gefühlen, führt zu mehr und mehr innerem Frieden, wenn sie regelmäßig und konsequent geübt wird. Eine wichtige Wurzel der Meditation liegt in Indien, und vor allem durch den Buddhismus hat sich die Praxis des stillen Sitzens in weiten Teilen Ostasiens verbreitert. Auch aus christlichen und islamischen Traditionen stammen verschiedene Formen der Besinnung. In neuerer Zeit („New Age“) sind viele Methoden der Meditation weiterentwickelt und verbreitet worden. 

Erste-Person-Perspektive und Zweite-Person-Perspektive


In der Meditation geht es vor allem um die Selbstbeziehung, mit dem paradoxen Ziel, das Selbst zu überwinden oder aufzuheben oder aufzulösen. Oft heißt es: Du kannst den Weg oder die Lösung nur in dir finden. Die Selbstbegegnung führt dazu, dass das Selbst immer weniger wichtig wird, und das, was die Quelle oder der Hintergrund des Selbst ist, rückt immer mehr in den Vordergrund.

Meditation erfordert eine konsequente Praxis, um Veränderungen zu bewirken. Sie wird meistens für sich selber geübt, jedoch häufig unter Anleitung durch Lehrer, Meister, manchmal auch durch Texte. Sie besteht also in der Auslotung der Erste-Person-Perspektive: Ich mit mir selber. Dazu kommt meist eine Instanz im Außen, die für Rückmeldungen, Fragen oder Korrekturen zuständig ist.

In der Selbsterfahrungsszene kombinieren wir oft Meditation und Therapie miteinander. In diesem Beitrag geht es darum, genauer zu bestimmen, was der eine und was der andere Weg bewirken kann und wie beide Methoden zusammenpassen.

Therapie arbeitet auf und wirkt vor allem durch die Zweite-Person-Perspektive. Sie beinhaltet zwar sehr wesentlich die Erste-Person-Perspektive: Der Therapeut muss wissen, wie sich der Klient fühlt, was er denkt und was sonst in ihm vorgeht. Aber diese inneren Inhalte werden in die Kommunikation eingebracht und erhalten dadurch eine andere Bedeutung. Deshalb ist die Selbstbeziehung eng mit der zwischenmenschlichen Beziehung verknüpft.

Deshalb ist es möglich, dass in der Therapie Mängel in den Außenbeziehungen, z.B. zu den Eltern ausgeglichen und aufgefüllt werden. Damit stärkt sich auch die Innenbeziehung, z.B. durch ein verbessertes Selbstwertgefühl. Auf der Grundlage einer Vertrauensbeziehung werden dann in der Therapie tiefliegende Themen mit Hilfe verschiedener Methoden behandelt. Die Anwesenheit einer mitfühlenden zweiten Person erleichtert die Begegnung mit angstvollen, verletzenden und verstörenden Erinnerungen aus traumatischen Situationen. 


Meditation heilt keine Traumen und Beziehungsdefizite


Meditation kann keine Traumen heilen. Das ist nicht ihre Aufgabe, und dazu gibt es Therapie. Da wir alle verschiedene traumatische Erfahrungen in uns tragen, werden wir therapeutische Hilfe brauchen, wenn wir auf dem inneren Weg weiterkommen und nicht in unseren Mustern steckenbleiben wollen. Durch Meditation können wir zwar die Traumafolgen, also unsere Reaktionsweisen in Retraumatisierungssituationen abmildern und abfedern und damit unser Ausmaß an Leiden verringern und unsere Handlungs- und Leistungsfähigkeit erhöhen. Aber zur Heilung von Traumen in der Tiefe bedarf es einer geleiteten Hilfe durch eine erfahrene Person.

Wohl kann es sein, dass durch intensive Meditationserfahrungen tief verwurzelte und verdrängte Traumen aufgerissen werden. Das kann zu spirituellen Krisen führen, zu Notzuständen, in denen sich spirituelle und traumatische Erfahrungen vermischen, sodass im Extremfall die Person funktions- und lebensunfähig werden kann. Sie braucht dann intensive therapeutische Hilfe und Begleitung.

Meditation kann auch keine Beziehungsdefizite heilen. Meditation verbessert zwar die Beziehung zu sich selbst, indem der Innenkontakt und der innere Sinn verbessert und vertieft wird. Sie kann auch für den Umgang mit Beziehungsthemen hilfreich sein, weil die reaktiven Muster in der Kommunikation abgeschwächt werden. Menschen mit viel Erfahrung in Meditation regen sich weniger auf und gehen gelassener mit Stresssituationen um, auch im Beziehungsbereich. Aber das, was in den frühen Beziehungen gefehlt hat, vor allem an väterlicher und mütterlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit, kann durch noch so viel Meditieren nicht aufgefüllt werden.

Manchen passionierten Meditierer hat die Tiefe der Eigenversenkung schon über die Schwächen in Kommunikation und zwischenmenschlicher Offenheit hinweggetäuscht. In Abwandlung eines bekanntes Spruches könnte man deshalb sagen: Wenn du glaubst, erleuchtet zu sein, verbringe eine Alltagswoche mit einer Person, mit der du eine Liebesbeziehung hast. Das Original lautet: Wenn du glaubst…, verbringe eine Woche mit deinen Eltern. In den meisten Fällen wird das auf das Gleiche hinauslaufen.

Ohne Korrektur von außen wissen wir niemals mit Sicherheit, ob wir am richtigen Weg zur Wahrheit sind oder uns in Selbsttäuschung verlieren. Unser Ego ist so trickreich, dass es auch lernen kann, sich in die Meditation und ihre Erfolge einzuschleichen. Die beste äußere Korrektur sind andere Menschen – solche, die uns nahestehen, solche, die uns wichtig sind, denn sie beherrschen es (meist unbewusst) am besten, unsere berühmten Knöpfe zu drücken. Und es bedarf auch solcher Menschen, die ein erfahrenes Auge für unsere Schwächen und ein liebevolles Auge für unsere Qualitäten haben. Diese beiden Augen braucht ein Lehrer der Meditation und ein Psychotherapeut.

Und jeder, der sich auf den inneren Weg begibt, braucht es, gesehen zu werden, von liebevoll aufmerksamen Augen, die nichts Abwertendes im Sinn haben, aber sich nicht blenden zu lassen und in der Lage sind, das Sein hinter dem Schein wahrzunehmen. Denn sonst macht sich das spirituelle Ego dort breit, wo niemand von außen Zutritt bekommt. Die eigenen blinden Flecken bleiben blind und dunkel.

In der Meditation öffnen sich innere Räume, die wir in der Therapie nie betreten können. Sie reichen über die Verwundungen und Verletzungen, die wir mit uns tragen, hinaus. Wir erkennen deren Relativität und Kleinlichkeit angesichts dessen, was das Leben an Überraschungen und Wundern zu bieten hat. Doch ist auch das Relative und Kleine mächtig, wenn wir uns seiner nicht annehmen. Gerade wenn wir uns darüber aus eigener Vollkommenheitsverblendung hinwegtäuschen, wirkt es umso massiver, denn wir können uns so abschotten, dass wir nicht merken, was wir anderen antun und wie sie unter uns leiden. Wir können nichts in uns wegmeditieren, sondern müssen uns so lang damit beschäftigen, bis es von selber schwindet. Das ist wichtig für uns selber, damit es uns gut mit uns selber geht, und auch für die anderen, mit denen wir unser Leben teilen, damit sie es gut mit uns haben. 

Vgl. Der Achtsamkeitsboom
Die Erleuchtungsfalle

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Bad news are good news?

Only bad news are good news – diese scheinbare Medienweisheit beruht auf dem Mechanismus, dass wir aus der Überfülle an dargebotenen Reizen und Informationen vor allem jene aussieben, die uns auf mögliche Gefahren und Risiken aufmerksam machen. Harmlose Viren werden zu medialen Pandemien, und schon fürchten sich alle, und einige Medikamentenerzeuger können ihre Umsätze kräftig steigern. Unwetter werden zu Katastrophen, und vom Terror sind wir überall bedroht, ob wir auf die Straße gehen oder nicht. Denn Zeitungen brauchen auch Reizthemen für ihren Absatz. Zudem wissen besserwissende Bücherschreiber, dass das ganze Abendland oder bloß die europäische Wirtschaft bedroht sind, weil zu viele oder zu wenige Menschen ein- und zuwandern, oder die falschen. Sie wissen auch schon, wann die nächste Finanzkrise kommt und wie dann alles zusammenbricht, oder dass die hackeranfälligen Computersysteme bei ihren Abstürzen die vom Internet abhängigen Infrastruktursysteme mitreißen. Sie wollen ja auch was verdienen mit ihren Bestsellern. 

Deshalb meinte Mark Twain: Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt.

Wir kennen diese Zusammenhänge. Wir wissen, dass schreckliche Bilder, die wir über die Medien konsumieren, zurechtgeschminkt und abschreckende Texte aufgeplustert sein können. Wir wissen, dass Redakteure und Journalisten zu Übertreibungen neigen. Aber wir können uns schwer dem emotionalen Sog der negativen Medienfluten entziehen. Die schlechten Nachrichten füttern unser Angstgedächtnis. Was also gut ist für die Nachrichtenproduzenten, ist schlecht für die Konsumenten. Scheinbar sind sie informiert und pflichtschuldigst aufmerksam gemacht auf all Gefahren, die um sie herum lauern. In Wirklichkeit werden sie ängstlicher, und wer viel Angst hat, wird eng in seiner Persönlichkeit und schneller krank.

Wollen wir uns abschotten von der medialen Angstmache und unsere innere Ruhe bewahren, müssen wir dauernd um-kontextualisieren, also alternative Kontexte zu den aufgedrängten bilden. Dazu brauchen wir einerseits alternative Informationen, wie jene z.B. aus dem Buch von Steven Pinker („Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“) und andererseits den Blick auf die Potenziale der Menschen und der Menschheit. Pinker hat in seinem lesenswerten (sehr umfangreichen) Buch akribisch nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, einer Gewalttat zum Opfer zu fallen, im Lauf der Geschichte ganz drastisch zurückgeht. Wohlgemerkt: Es sinken nicht nur die absoluten Zahlen der Gewalttaten, sondern relativ zur Anzahl der jeweils lebenden Menschen geht diese Wahrscheinlichkeit drastisch zurück. Selbst statistische „Ausreißer“ wie die Weltkriege im vergangenen Jahrhundert ändern nichts am Trend.

Die Menschheit wird also friedlicher, allem Anschein zum Trotz. Daran erkennen wir, dass der Anschein medial erzeugt wird – oder selektiv durch die eigene Wahrnehmung. Wenn ich nämlich selber Opfer einer Gewalttat wurde, habe ich, was mein Leid anbetrifft, wenig davon, dass etwas ganz und gar Unwahrscheinliches gerade mir passiert ist. Wenn ich allerdings aus meiner Erfahrung Schlüsse ziehe, nehme ich an, dass die Welt insgesamt unsicherer geworden ist, obwohl das nicht stimmt.

Wir müssen also aufpassen: Mediale Informationen und persönliche Erfahrungen verführen uns leicht zu unzulässigen Verallgemeinerungen. Wenn wir solche Fehlschlüsse ernst nehmen, tun wir uns selber nichts Gutes, weil wir eben unsere Ängste verstärken.

Der andere wichtige Aspekt liegt darin, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass Menschsein bedeutet, kreativ zu sein. Menschen haben die erstaunlichsten Dinge hervorgebracht und die unglaublichsten Herausforderungen bewältigt. Sie haben z.B. das Problem gelöst, die meisten Menschen auf dieser Erde mit Strom zu versorgen und damit ihr Leben zu erleichtern. Sie haben die Zerstörungen, die Kriege angerichtet haben, immer wieder aufgeräumt und Neues auf den Trümmern erschaffen.

Sicher werden auch in Zukunft Probleme entstehen, von denen wir jetzt noch gar nichts ahnen können. Dazu kommen diejenigen, die wir voraussehen können, wie die globale Erwärmung und das Zur-Neige-Gehen fossiler Brennstoffe. Wir können genauso wenig erahnen, welches Problemlösungspotenzial sich entfalten wird. Wir wissen aber aus der Geschichte, über welch große Flexibilität die Menschheit verfügt. Und das übersehen wir leicht, wenn wir auf die Katastrophen und Fehlentwicklungen fokussiert sind. Denn die Flexibilität in der Problemlösung ist eine der in der Kreativität verwurzelten  Stärken der Menschheit. Sie ist nicht aufmerksamkeitserzeugend. Was also Menschen leisten, ist weniger interessant als das, was sie sich leisten, wenn sie Grauslichkeiten begehen oder aus Beschränktheit oder Unwissenheit Schäden hervorrufen.

Es geht nicht darum, Fehlentwicklungen oder Untaten zu beschönigen.  Es geht nicht darum, gutzureden, was schlecht ist, schönzufärben, was hässlich ist. Es geht darum, dass das, was schön ist oder wieder schön werden kann, nicht mit dem Hässlichen zugeschüttet wird. Wir können damit anfangen, Menschen mehrdimensional zu sehen: das, was uns an ihnen gefällt und das, was uns an ihnen nicht gefällt, das, was wir gut finden und das, was wir schlecht finden. Und dazu immer mitzusehen, dass sie alle, wie wir selber, ein unschätzbares Potenzial an Lernfähigkeit und Kreativität in sich tragen. Dann kann jeder Mensch, dem wir begegnen, eine gute Neuigkeit für uns sein. Und gute Neuigkeiten helfen uns zu entspannen und uns des Lebens zu erfreuen. Thus, good news are good news. 


Vgl. Ereignisse, Medien, Machtlosigkeit
Für ein Verbot der Angstmacherei

Montag, 14. Dezember 2015

Astroturfing - Manipulation vom Feinsten

Astroturfing ist eine Methode der Manipulation und der systematischen Erzeugung von Desinformation, von der sich alle Diktatoren viel abschauen könnten. Sie lanciert Informationen so, als ob sie von Basisbewegungen und –organisationen vor allem im NGO- und Non-Profit-Bereich ausgingen, während sie in Wirklichkeit von Geschäftsinteressen gesteuert sind. Damit sollen die Informationen mehr Glaubwürdigkeit erhalten und Meinungen gesteuert werden. Dazu zählt auch die Nutzung von Computerprogrammen, die es ermöglichen, sich Unmengen von Identitäten zu geben, sodass die eigene Meinung wie eine Massenbewegung erscheint. Die eigene wirkliche Identität verschwindet in der Anonymität dahinter.

Der Begriff bedeutet so viel wie „Kunstrasenbewegung“, in Anspiel darauf, dass spontane Basis-(=grassroot)-initiativen vorgetäuscht werden.

Die New York Times wiesen in einem Artikel darauf hin, dass bezahlte Konsumentenberichte bei potenziellen Kunden Vertrauen erwecken. Ein Drittel der Konsumentenberichte im Internet sollen gefälscht sein, sodass es schließlich schwierig wird, zwischen öffentlichen und vorfabrizierten Meinungen zu unterscheiden.
Ein Beispiel aus der politischen Szene ist die Tea-Party-Bewegung in den USA, die mit allen Wassern des Astroturfing gewaschen ist.

Die US-amerikanische Aufdeckungsjournalisting Sharyl Attkisson beschreibt in einem Youtube-Video ein paar Beispiele zu den Aktivitäten dieser Kreise. 


Attacken auf Nachrichtenorganisationen, die Nachrichten publizieren, die sie nicht mögen, gegen Whistleblowers, Journalisten, die versuchen, das aufzudecken. Sie bringen Mengen an kontroversiellen Informationen in Umlauf, sodass jeder, der sich näher mit einer Sache beschäftigen will,  irgendwann das Handtuch wirft und aufgibt. Sie stellen bezahlte Studien als valide dar und machen es möglichst schwer, die Wahrheit zu entdecken.

Nach Sharyl Attkisson ist mittlerweile auch Wikipedia von Astroturf durchseucht. Scheinbar kann jeder Einträge auf Wikipedia machen, um neue Inhalte darzustellen oder Fehler in bestehenden Artikeln auszubessern. Tatsächlich wird alles, was in Wikipedia erscheint, von anonymen Kontrolleuren überwacht.

Ein berühmtes Beispiel ist die Geschichte des Schriftstellers Philipp Roth. Er fand auf einer Wikipedia-Seite ein falsches Faktum in Bezug auf die Inspiration zu einem Charakter eines seiner Bücher und wollte das korrigieren. Was auch immer er probierte, die Korrektur wurde jedes Mal rückgängig gemacht. Mit viel Mühe kam er schließlich an die Person heran, die für die Korrekturen zuständig ist, und dort wurde ihm erklärt, dass er keine vertrauenswürdige Person sei – für seine eigene Lebensgeschichte. 


Wikipedia


Auch im Bereich der Medizin, wo Wikipedia den Eindruck erweckt, auf dem Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu sein, ist Vorsicht geboten. Eine wissenschaftliche Studie in den USA hat Wikipedia-Artikel mit der wissenschaftlichen Diskussion (peer-reviewed Publikationen in Fachmedien) des jeweiligen Themas verglichen und fand heraus, dass in 90% der Fälle der Wikipedia-Artikel im Widerspruch zur Forschung stand.

Wir müssen also damit rechnen, dass es vor allem in den Bereichen, wo es um viel Geld geht, und das ist der Gesundheitsbereich, bezahlte Manipulatoren gibt, die die Interessen der Pharma-Konzerne in den sozialen Medien vertreten und im Hintergrund von Wikipedia arbeiten. Wann immer massive Kampagnen in bestimmten Bereichen des Gesundheitsfeldes lanciert werden, die sich dann über Facebook und Twitter verbreiten, können es Meinungsmacher sein, die damit in die Taschen ihrer Arbeitgeber arbeiten. Bekanntlich ist auch die Google-Suchfunktion mit entsprechender Expertise in bestimmte Richtungen lenkbar, und wer dafür Leute bezahlt, hat das Geld sicher gut investiert.

Sollten wir aufhören, das Internet für Informationsgewinnung zu nutzen, wo doch alles durchseucht ist von Lüge, Manipulation und bewusster Irreführung? Auch die Informationen, die ich in diesem Artikel weitergebe, stammen aus dem Internet, und ich kann meine Meinungen dazu auch nur über das Medium mehr Menschen mitteilen. Es folgt daraus nur, dass wir Information nie mit dem Kontext verwechseln sollten, in dem sie erscheint. Jede Information gewinnt aus dem Kontext ihre Relevanz. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als die Kontexte zu überprüfen, immer wieder und vor allem dann, wenn uns eine Information wichtig ist, z.B. wenn es um unsere eigene Gesundheit geht. 


Pharma ...


Attkisson weist auch darauf hin, dass es in solchen Fragen nicht immer hilfreich ist, „Arzt oder Apotheker“ zu konsultieren. Denn auch die Experten im Gesundheitswesen haben nur eine beschränkte Kontrolle über die Kontexte der Informationen, die sie weitergeben. Sie können angesichts der Fülle der Symptome, die Menschen haben können, nicht in jedem Fall am aktuellen Stand der medizinischen und pharmakologischen Forschung sein und die Fachdiskussionen zu diesen Themen mitverfolgen. Vielmehr kann es sein, dass sie sich in vielen Fällen auf das verlassen, was ihnen der von einer Pharmafirma bezahlte Experte auf einer Konferenz erzählt. Wenn sie dazu noch ein nettes Angebot der Firma kriegen, die den Konferenzbesuch samt Urlaubspaket finanziert, kann man nicht ausschließen, dass solche Verlockungen die Verschreibung der Medikamente beeinflusst. Opfer dieser Kontextunschärfen sind dann die Patienten, die u.U. Medikamente schlucken, deren Hauptwirkungen auf keinen wissenschaftlichen Beweisen beruhen und deren  Nebenwirkungen verharmlost und beschönigt sind.

Ein weiteres, fast absurd anmutendes Beispiel berichtet Attkisson:  Vor einigen Jahren wurde ein Forschungsbericht einer nationalen Schlafstiftung, einer Non-Profit-Organisation, mit dem Ergebnis publiziert, dass die USA ein Land mit epidemischer Schlaflosigkeit sei, ohne davon zu wissen. Die Studie ging durch alle Medien, ohne kritische Hinterfragung. Die Recherche zeigte, dass die Schlafstiftung und die Studie von einer Pharmafirma finanziert war, die gerade dabei war, ein neues Schlafmittel auf den Markt zu werfen. 

Die Aufgabe von Astroturfern ist es, Mythen zu produzieren. Sie machen das z.B. mit dem Trick, gegenteilige Ansichten als Mythen darzustellen. Niemand will einem Mythos aufsitzen, jeder will so wiff sein und die Manipulation durchschauen. Aber gerade darin können wir der Mystifizierung verfallen  und noch der Meinung sein, zu denen zu gehören, die alles besser durchschauen.

Ein möglicher Trost könnte sein, dass uns in Europa all diese haarsträubenden Berichte weniger betreffen. Schließlich geht es in den USA bekanntlich um nichts anderes als um das Geschäft und um die Profitmaximierung. Und hier in Europa gelten ja auch noch andere Werte, die mit Redlichkeit und Unbestechlichkeit zu tun haben. Wenn Geschäftsinteressen hinter politischen oder kulturellen Initiativen ruchbar werden, kann das bei uns noch einen Skandal auslösen. Aber möglicherweise ist das inzwischen auch nur ein romantischer Irrglaube.