Mittwoch, 22. Juli 2015

Angstkraft und Lebenskraft

Kraft ist nicht Kraft. Auf der psychischen Ebene ist es wichtig, zwischen zwei Formen der
Kraft zu unterscheiden. Manchmal fühlen wir uns kraftlos, weil uns alles zu viel ist oder weil uns die Motivation fehlt. Bei Kraft fühlen wir uns, wenn wir gefordert sind, wenn etwas von uns verlangt wird, und wir in den Funktionsmodus kommen, den wir wie einen Motor anwerfen, und der so lange Resultate produziert, bis er erschöpft ist. Er arbeitet also wie ein Akku, der Energie für Leistung zur Verfügung stellt, bis er erschöpft ist und neu aufgeladen werden muss. Es ist auch bekannt, dass Akkus eine begrenzte Lebensdauer haben, dass also jedes Entladen und Wieder-Aufladen an der Substanz des Gerätes zehrt, bis es irgendwann seinen Geist aufgibt.

Die techniklastige Metaphorik („Motor“, „Akku“) ist nicht zufällig eingeflossen. Wir sind zwar lebendige Wesen und keine Maschinen, aber wir sind in der Lage, uns selbst maschinenähnlich zu verhalten. Vielleicht sind wir nur deshalb auf die Idee von Maschinen gekommen, weil wir selber so funktionieren können. Wenn wir unseren lebendigen Organismus als Maschine „emulieren“, also so tun, als wären wir ein lebloses Ding, hat das einen Gewinn: Wir liefern gute Resultate, weil wir alles dafür einsetzen, dass wir fehlerfrei arbeiten. Es hat auch einen Nachteil: Wir handeln gegen unsere Natur und betreiben Raubbau an ihr (vielleicht auch kein Zufall, dass der Raubbau an der Natur im Großen mit dem Aufstieg der Maschinenwelt und der Funktionsgesellschaft, also mit dem materialistischen Bewusstsein begonnen hat).

Raubbau heißt, dass wir unsere Ressourcen plündern, statt sie nachhaltig zu verwalten. Der Funktionsmodus braucht unsere Energiereserven auf, ohne etwas zu ihrer Erneuerung und Regeneration beizutragen. Deshalb reagiert der Körper irgendwann mit Störungen, die im Extremfall zum Tod führen. Viele, wenn nicht alle unserer Zivilisationskrankheiten können in der Stressbelastung, die durch den Funktionsmodus entsteht, ihren Ursprung haben. Wenn etwa 80 Prozent der Menschen im Lauf des Lebens einmal mit Rückenschmerzen konfrontiert sind und wenn bei 80 Prozent von diesen Menschen keine organischen Störungen gefunden werden können, wird das Ausmaß des Raubbaues deutlich. Auch symbolisch steht ja der Rücken für alles, was wir uns aufladen und was uns überlastet. Für Österreich wurden die direkten und indirekten Kosten der Rückenprobleme mit 6 Milliarden EURO berechnet (Aus einem Vortrag bei den österreichischen Schmerztagen 2010).

Die gestörten Systeme unseres Körpers konsumieren dann noch zusätzliche Energie, z.B. die Muskeln, die bei einer Haltungsstörung im Rücken zusätzlich belastet werden und in Dauerspannung gehalten werden müssen. Als Folge erleben sich Menschen, die unter Beschwerden leiden, leicht erschöpft und kraftlos. Die Antriebsenergie, die sie brauchen, um weiter funktionieren zu können, ist schnell aufgebraucht. So kreist das Leben um Energieverbrauch und Wiederaufladung zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit, für mehr an Lebensqualität bleibt keine Kraft übrig.

Deshalb können wir diese Form der Kraft als Überlebenskraft bezeichnen. Sie dient unserer Überlebenssicherung und ist im Hintergrund von einer Angst gelenkt und gespeist. Wir erleben diese Angst als „Müssen“, als Zwang, der uns auferlegt ist. Die Arbeitsverhältnisse in unserer Gesellschaft übernehmen leicht diesen Charakter. Wir haben uns zwar in den meisten Fällen unseren Job ausgesucht und waren froh, ihn überhaupt zu kriegen, haben aber oft dann nach einiger Zeit bemerkt, welches Korsett wir uns damit aufgeladen haben. Abgesehen von den Notwendigkeiten, die geregelte Arbeitsabläufe erfordern und die darin münden, dass die Arbeitskräfte ihren Alltag (z.B. den Wach- und Schlafrhythmus) danach regeln müssen, berichten viele Menschen aus verschiedenen Berufen, dass die interne Arbeitsbelastung kontinuierlich steigt. Es wird immer mehr an Arbeitsleistung erwartet und verlangt. Auf der subjektiven Seite bedeutet das, dass immer mehr Stress entsteht und der Funktionsmodus immer stärker aktiviert werden muss. Der innere Sinn der Arbeit und ihr Charakter als Dienst an den Menschen geht dabei verloren, sodass auch das Gefühl der eigenen Autonomie verloren geht und nur mehr der Eindruck von Fremdbestimmung übrig bleibt.

Dass sich diese Frustrationen langsam, aber sicher zu Depressionen weiterentwickeln, ist nicht wirklich verwunderlich. Depression heißt, dass der Bezug zur eigenen und eigentlichen Lebenskraft verloren gegangen ist, weil nur mehr die Überlebenskraft zur Verfügung steht und zur Verfügung stehen muss. Was ist diese Lebenskraft? Sie ist die Energie, die das Fließen des Lebens aufrecht erhält und weiter wachsen lässt. Sie kennt nicht den Zyklus von Kraftaufbau, -verbrauch und –erschöpfung, sondern von Spannung und Entspannung. Die Lebenskraft spüren wir, wenn wir uns aus Freude und Lust bewegen, z.B. wenn wir tanzen oder lockeren Sport betreiben, aber auch, wenn wir uns kreativ betätigen und ganz in unserem Tun aufgehen. Es ist die Kraft, die einen Maler eine Nacht durchmalen lassen, der in diesem Klischeebild sein Kunstwerk fertigstellen will und erst dann zur Ruhe kommt. Der Verbrauch der Kraft endet in einem Zustand der Befriedigung und des Wohlbefindens, in den wir uns hinein entspannen können, bis sich wieder die aktivierenden Kräfte zum nächsten Zyklus melden. Der Entspannungszustand dient zur Regeneration, die dann endet, wenn wieder genug Reserven angesammelt sind, um nach der Orientierung nach außen wieder mehr mit dem Inneren in Verbindung zu treten.

Es ist dies auch ein Zyklus, der von einer von innen kommenden Motivation eingeleitet wird. Das Bewegende kommt also aus der Lebenskraft selber, nicht von außen durch etwas, was andere von uns wollen, erwarten oder fordern, oder aus einer verinnerlichten Stimme, die uns sagt, wir sollten besser immer das tun, was andere von uns wollen, erwarten oder fordern, wenn wir ein schlechtes Gewissen vermeiden wollen. Statt dessen ist die Motivation Teil des fließenden Lebens, das uns durchpulst und sich durch unsere Individualität Ausdruck verschafft. Diese Verbundenheit mit uns selber lässt uns offen und gleichzeitig kraftvoll durchs Leben gehen, weil es dieses Leben selbst ist, das uns trägt.

Den Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Kraft können wir darin finden, dass die eine mit Anspannung und Druck verbunden ist, während die andere aus der Entspannung kommt. Im einen Fall sind wir getrieben, im anderen getragen. Die eine Kraftquelle fällt weg, sobald wir den äußeren Druck los sind, die andere steht uns immer zur Verfügung.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Absichten, die unsere Orientierung stärken


Wir kennen auch Absichten, die uns helfen, bei der Verwirklichung unserer Ziele weiterzukommen. Oft beginnen solche Ziele mit Absichten, allerdings braucht es eine innere Entscheidung, damit wir vom bloßen Wünschen zu den konkreten Schritten der Umsetzung kommen. Eine solche Entscheidung wirkt wie ein Weg in die Zukunft hinein, der mit diesem Schritt gebahnt wird. Die Orientierung geht "nach vorne", sie richtet uns aus, und aus der Spannung zwischen dem, was wir jetzt in die Zukunft hinein wollen, entsteht Kraft und innere Klarheit. Wenn wir uns z.B. vornehmen, zugunsten unserer Gesundheit auf ein Abendessen zu verzichten, kann uns das helfen, trotz Versuchungen bei unserer Entscheidung zu verbleiben.

Bei solche Absichten können wohl auch Ängste des Egos mitspielen. Aber wir brauchen bei jedem kreativen Prozess auch die proaktiven Aspekte unseres Egos, das uns helfen muss, damit wir die Ideen und Visionen, die uns zufallen, auch in die Wirklichkeit hinein übersetzen können.

Wie uns Absichten am Weiterkommen hindern


Absichten steuern also unser Leben. Wir richten uns mit ihnen in die Zukunft hinein aus. Wir spannen einen Bogen, der  vom Jetzt dorthin reicht, was nach unserer Absicht sein soll. Wir gehen an den Badestrand, um uns im angenehm warmen Wasser abkühlen zu können. Wir kommen an den Strand, und es bläst ein heftiger Wind, der die Absicht zum Abkühlen zum Verschwinden bringt.

Wir können jetzt enttäuscht sein und über den Wind jammern, der uns die Badefreude nimmt. Aber natürlich leiden wir nicht am Wind, sondern an unserer Erwartung, die uns ein anderes Bild der Zukunft vorgezaubert hat, bevor wir aufgebrochen sind. Die Diskrepanz zwischen unserer Absicht und der danach eintretenden Realität lässt uns leiden. Hätten wir uns darauf eingestimmt, einfach Zeit am Strand zu verbringen, wie auch immer das Wetter gerade ist, wäre uns die Enttäuschung erspart geblieben. Die Zukunft offen lassen, heißt, sich von Absichten befreien.

Christian Sator weist in seinem Artikel auf den Unterschied von dualer und nondualer Wirklichkeitssicht hin. Absichten trennen uns von der Wirklichkeit, genauer gesagt, das Festhalten an ihnen. Sobald wir merken, dass sich die Wirklichkeit mit der Absicht überkreuzt, können wir die Absicht loslassen und uns auf die Wirklichkeit einlassen, dann kommen wir in ein nonduales Erleben des Fließens. Bleiben wir an unserer ursprünglichen Absicht hängen, sind wir in unserem Bewusstsein gespalten, also dual: Ein Teil ist am windigen Strand, ein anderer in der Vorstellung des windstillen, angenehm warmen Strandes.

Christian schreibt: "Jede Absicht hat ein Ziel, das in der Zukunft liegt, oder hat die Wurzel in einer Angst, die in der Vergangenheit liegt. Dadurch geht die volle Achtsamkeit für das Jetzt verloren. Wenn ich absichtsvoll handle, kann mir nur mehr das, was ich mir wünsche, Freude schenken. Ich schränke also die Möglichkeiten der freudebringenden Zukunft für mich radikal ein. Ich schaue mit einem Tunnelblick in die Zukunft, und kann mich nur mehr freuen, wenn sich dieser winzig kleine Ausschnitt der Wirklichkeit, den ich ersehne, erfüllt hat. Bringt die Zukunft etwas ganz Anderes, bin ich meist frustriert. ... Bin ich präsent und voll in der Gegenwart, ist jeder Augenblick einmalig, einzigartig und kostbar, auch dann, wenn aus der Sicht des Verstandes nichts Besonderes geschieht."

Überwinde ich also meinen Widerstand gegen die Wirklichkeit, so gibt es nichts mehr, was mich frustrieren kann. Umgekehrt kann ich jede Frustration, die ich erlebe, darauf zurückführen, dass ich gerade im Widerstand gegenüber der Wirklichkeit bin. Diese reflexive Einsicht kann es mir erleichtern, wieder in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu kommen und damit den gegenwärtigen Augenblick in seiner Einzigartigkeit wertschätzen: Oh, jetzt habe ich gerade aus dem Fließen der Erfahrung ausgeklinkt, und es wird Zeit, wieder zurückzukehren.

Wir werden schwerlich unsere Gewohnheit, Absichten zu bilden, abstellen können. Wenn wir etwas planen, verbinden wir damit immer gewisse kognitiv und emotional gefärbte innere Bilder. Wenn wir ein Buch kaufen, erwarten wir interessante Einsichten und erfüllte Lesezeiten. Aber wir können unsere Neigung, an unseren Absichten festzuhalten, erkennen und abschwächen. Bewusstheit bringt uns immer in die Gegenwart, und Bewusstheit mit Frustrationserfahrungen macht uns auf die Spaltung aufmerksam, die uns unterlaufen ist.

Absichtslosigkeit ist deshalb nicht ein absolutes Ziel, das wir erreichen müssen, um innerlich frei zu sein. Der Begriff erinnert uns vielmehr daran, dass wir unsere Vorstellungen und Ideen über die Zukunft immer wieder loslassen können. Denn unsere Absichten sind nur Luftblasen, die wir zerplatzen lassen können, sobald sie ihr kreatives Schillern verloren haben. Jede verschwundene Luftblase kann einer neuen Platz machen, und so bleibt unser Leben ein kreativer, aus sich heraus wachsender Prozess. Dazu ist es wichtig, dass wir den leeren Raum zwischen den Blasen bewusst wahrnehmen als den Einstieg in die eigentliche Quelle von allem. Die Freiheit von Absichten gehört zum Luxus des meditativen Lebens; die Kunst, Absichten klar zu erkennen, zu bewerten, zu Entscheidungen zu führen, und sie dann zum besten Zeitpunkt zu vergessen, ist Teil der alltäglichen Lebenskompetenz, an der wir immer wieder feilen müssen.