Montag, 7. April 2014

Die Ressource Wasser und die Ausweglosigkeit der Egoismen

Der Artikel könnte auch heißen: Das Elend der Welt und warum sich nichts ändern will.

Ein aus unserer Sicht möglicherweise kleines Beispiel, das die problematische Situation aufzeigt, in der sich die Menschheit befindet, ist die Wasserversorgung der Hochebene von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Dort leben mehrere Millionen Menschen, Tendenz stark steigend. Die jährliche Niederschlagsmenge liegt bei 250 mm. Das Wasser wird mittels Brunnen aus dem Grundwasser gewonnen, jedoch wird jährlich ein Drittel mehr Wasser verbraucht, als sich auf natürliche Weise erneuert. So sinkt der Grundwasserspiegel jedes Jahr um 6 bis 8 Meter, und die Brunnen müssen teilweise schon bis 2000 m Tiefe gegraben werden. Doch das hilft alles nichts, weil in absehbarer Zeit – die Experten sprechen von ein paar Jahren – die Grundwasservorräte aufgebraucht sind, und dann gibt es einfach kein Wasser mehr in dieser Region. Dazu kommen die Einschätzungen der Klimaexperten, die davon ausgehen, dass das Land besonders von der globalen Erwärmung betroffen sein wird, was zu noch größerer Trockenheit führen wird.

Als ich diese Daten erfahren habe, habe ich mich gefragt: Was soll dann dort mit den Menschen geschehen, wenn es kein Wasser mehr gibt? Sollen sie in wasserreichere Gegenden abwandern? Wo gibt es noch solche, in denen diese Millionen Platz finden? Soll die Region mit entsalztem Meerwasser bewässert werden? Wer zahlt die enormen Kosten? Das Land ist auf dem 160. Rang des Human Development Index bei einem Bruttoinlandsprodukt/Kopf von 1580 $ – dazu im Vergleich Österreich: 50 600 $ (2013). Der Jemen muss 75 % seiner Lebensmittel einführen, was zu einer stetig steigenden Staatsverschuldung beiträgt. Also ein bettelarmes Land, das in absehbarer Zeit zusätzlich noch von einer massiven Wasserkrise betroffen sein wird.

Oder wird die Weltkulturerbe-Stadt Sanaa in eine touristische Geisterstadt umgewandelt, und das Wasser für die WC-Spülungen und den Morgenkaffee der kulturbeflissenen Weltreisenden wird, wie unsere Wintererdbeeren, tagtäglich eingeflogen? Für ein paar Arbeitsplätze für Einheimische sollte es ja reichen.

Ein Beispiel von vielen, wo die bisherigen Strategien, das Überleben zu sichern, an natürliche Grenzen stoßen. Es gibt aber für alle diese Probleme auch Lösungen. Nur kosten sie, und die Kosten können in vielen Fällen nicht dort aufgebracht werden, wo das Problem entsteht. Wir könnten uns hier in Debatten darüber verstricken, wer denn daran schuld wäre: In unserem Beispiel: was haben die Jemeniten in ihrer Wasserwirtschaft falsch gemacht? Oder: Wenn tatsächlich der Klimawandel der Hauptfaktor des Wasserproblems ist, welchen Anteil tragen da die hochentwickelten Industrienationen?

Allerdings bringen uns solche Diskussionen nicht weiter, weil die Interessen hinter den Argumenten zu massiv sind und alle Betroffene, nämlich alle Regierungen der Welt, sich die Schuld gegenseitig zuschieben, worin sie schon große Übung haben. Schuld ist offenbar keine nützliche Kategorie für die Problemlösung. Solange allerdings die Entscheidungsträger in diesen Kontexten denken, wird alles so bleiben, wie es ist (vgl. den aktuellen (Still-)Stand der Nahost-„Friedens“-Verhandlungen).

Schleifen des Egoismus


Das bedeutet, dass die Entscheidungsinstitutionen geändert werden müssen. Regierungen sind ihrer Bevölkerung verantwortlich und müssen sich nach deren Stimmungsschwankungen, Vorurteile und Ängste richten. Deshalb verzichten nationale Regierungen zumeist auf globales Denken und verbannen das solidarische Handeln in den privaten karitativen Bereich. Sollen eben die Leute Geld spenden, diejenigen, die noch ein schlechtes Gewissen haben und es erleichtern wollen. Die Zyniker haben die Welt ohnehin schon abgeschrieben und die Tellerrandfixierten denken nicht weiter als bis zur nächsten Mahlzeit. In diesem Zusammenhang darf es nicht verwundern, wenn es eines der reichsten Länder der Welt, Österreich, noch großzügig findet, 500 von 2 Millionen syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen.

Nationale Politik ist in den Wechselkreisläufen der Egoismen gefangen, wie es scheint, unentrinnbar. Politiker sind an Macht interessiert, die sie verwalten können, solange sie sie innehaben. Dazu bemühen sie sich, die Ängste der Menschen zu bedienen, z.B. diejenigen aller Eltern vor der Zahnspangenrechnung für ihre Sprösslinge. Andere Gruppen, denen sie etwas abknöpfen, wie z.B. den Sekttrinkern, werden sie als Wähler verlieren. Was die Machthaber aus den Satteln werfen kann, sind Katastrophen, mit denen sie nicht mehr recht kommen, wie jene der Finanzwelt. Doch treten dann in der Regel Politiker anderen Couleurs und gleichem oder noch schlimmeren Charakters an ihre Stelle.

Die Menschen fordern von der Politik die Förderung ihrer egoistischen Interessen, also die Mehrung ihres Wohlstandes und ihrer Sicherheit, und die Politiker nutzen in ihrem Egoismus die Macht, die sie kriegen, um diese abzusichern. Dieser nationale Kreistanz der Egoismen funktioniert ungehemmt weiter, trotzdem oder gerade weil die nationalen Belange tendenziell immer mehr von den übernationalen Entscheidungsgremien der EU überreguliert werden.

Übernationale Entscheidungsgremien oder Katastrophenmanangement


Solche Engstirnigkeiten, von denen die Welt randvoll ist, belegen klar, worin die Perspektive zu finden ist: die einzelnen Regierungen müssen entmachtet und statt dessen globale Institutionen ermächtigt werden. Die Entscheidungsbefugnisse müssen also auf Gremien verlagert werden, die zwar in ihrer Machtausübung und Entscheidungsfindung genau kontrolliert werden, deren Willensbildung aber nicht von den Egoismen einer Wählerschaft abhängig zu sein, die blind jenen ihre Stimme gibt, die ihr noch mehr Anteil am Kuchen versprechen.

Mit jeder lokalen Katastrophe, die lokal nicht mehr gelöst werden kann, steigt der Druck, die Entscheidungsstrukturen dieser Welt radikal zu ändern. Es braucht mächtige weltweit wirkende und planende Institutionen, die über den nationalen Egoismen stehen und die Ressourcen von dort, wo sie im Übermaß vorhanden sind, nach da zu lenken, wo ein gravierender Mangel besteht. Das läge in unseren Händen, dahin müsste sich die Willensbildung entwickeln.

Die Alternative ist nämlich, dass die Desaster die Führung übernehmen: Wenn die Millionen aus der Sanaa-Ebene in die Welt hinaus strömen, verzweifelt auf der Suche nach Wasser, wenn das destabilisierte Klima zu noch massiveren Zerstörungen führt, wenn der österreichische Wintertourismus mangels Schnee zusammenbricht usw.

Können wir es zulassen, dass Länder wie Bangla Desh oder Malediven einfach im Meer untergehen? Wie können wir es verhindern? Es braucht eine Trendwende, die ein radikales Umdenken und Umorientieren erfordert.

Es gibt die kleine Minderheit in den hochentwickelten Ländern, die versucht, umwelt- und ressourcenschonend zu leben, abgesichert durch ein hohes Wohlstandsniveau. Sie hat diese Wende schon ansatzweise vollzogen und setzt damit beispielhafte Zeichen, allerdings mit nur winzigem Einfluss auf die großen Trends. Die Ängste sind zu massiv, die die Menschen davon abhalten, die Augen zu öffnen und an die Zukunft der Kinder und Enkelkinder zu denken.

Das Umdenken, das notwendig ist, um der Menschheit zu ermöglichen, ihre eigenen Geschicke wieder in die Hand zu nehmen, ist umfassend. Denn es erfordert ein Abgehen von den Maximen der kapitalistischen Wachstums- und Leistungsorientierung, die den Menschen tief eingeimpft sind. Es bedeutet, dass wir lernen müssen, mit weniger auch zufrieden leben zu können. Wohlstand muss nicht permanent steigen, der Konsum an Waren kann auch zurückgehen, das, was wir schon haben, kann auch mehr genossen werden, bevor es durch immer wieder Neues ersetzt werden muss. Das Umdenken bedeutet auch, die Tugend des Teilens nicht auf unsere nächsten Verwandten und Freunde zu beschränken, sondern auf die ganze Menschheit auszuweiten. Schließlich haben wir nur diesen einen Planeten, auf dem wir im Weltall unterwegs sind und der so viel Schönes hat, dass es wirklich jammerschade wäre, wenn wir ihn in den Schleifen der Egoismen zugrunde richten.

Literatur:
Reiner Klingholz: Sklaven des Wachstums. Campus Verlag 2014
Frank Kürschner-Pelkmann: Das Wasser-Buch: Kultur, Religion, Gesellschaft, Wirtschaft. Verlag Lembeck 2007

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