Montag, 29. April 2013

Die Wurzeln der Selbstsabotage

„Ich kann das nicht. Ich schaffe das nicht. Damit werde ich nie fertig. Die anderen können das, und ich noch immer nicht. Ich bin zu allem zu blöd…“ Solches und noch mehr denken wir über uns selber, immer wieder, jedenfalls viel zu oft. Was tun wir uns da selber an?

Wir werten uns ab, was unsere Motivation und unsere Lebensbegeisterung herunterdrückt, sodass wir wie in einer selbsterfüllenden Prophezeiung gerade das erzeugen und noch verstärken, was wir uns sagen. Wenn wir uns lange genug vorsagen, wie unfähig sind, sind wir bald zu nichts mehr fähig.

Warum machen wir uns selber fertig? Warum sind wir selber unser erbittertster Feind?

Der Mechanismus der Selbstsabotage


Als Neugeborene sind wir mit der Erwartung auf die Welt gekommen, dass es für die Bedürfnisse, die wir verspüren, eine Befriedigung gibt, dass wir also genährt werden, wenn wir Hunger haben und dass uns jemand liebhat, damit wir uns nicht einsam fühlen müssen. Wir bringen auch ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz mit, das uns hilft, damit zurecht zu kommen, wenn nicht jedes Bedürfnis sofort befriedigt wird. Wird jedoch dieser Toleranzrahmen erheblich und/oder immer wieder überschritten, so bricht die Grundstruktur des Selbst- und Weltvertrauens ein. Wir geraten in Ängste, weil wir befürchten müssen, Schaden zu leiden oder sogar zu sterben, wenn wir in unserer Not nicht rechtzeitig wahrgenommen werden und wenn keine die Not lösende Aktion eintritt.

Um in diesem Fall, in dem die Frustration den Toleranzrahmen überschritten hat, überleben zu können, müssen wir uns eine Notstruktur zurechtlegen. Diese lautet folgendermaßen: Wenn meine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, muss etwas an meinen Bedürfnissen nicht stimmen, und ich muss sie verändern, sprich minimieren oder unterdrücken. Ich muss mich und meine Bedürfnisse den Möglichkeiten und Gegebenheiten der Umwelt anpassen und schauen, wie ich das Minimum, das ich zum Überleben brauche, bekommen kann.

Da wir als die Kleinen in eine Welt der Großen geboren werden, nehmen wir ohne jeden Zweifel an, dass wir immer Unrecht und die Großen immer Recht haben. Sie müssen ja wissen, wie es in der Welt funktioniert. Erst viel später, mit dem Aufwachsen und der Zunahme der Kenntnis über die Regeln und Mechanismen dieser Welt, verbunden mit der Entwicklung von kognitiven Kompetenzen, erkennen wir, dass auch die Großen irren können, Fehler machen, Schwächen haben und vor allem in emotionalen Belangen blind und taub sein können. Und noch viel später erkennen wir vielleicht, dass diese Mängel an den Großen daher kommen, dass sie, obwohl körperlich groß, häufig emotional klein oder winzig werden, also aus ihren eigenen Selbstabwertungen stammen.

Wir nehmen folglich die Schuld für das, was uns angetan oder vorenthalten wurde, auf uns, weil wir annehmen, dass die Erwachsenen vollkommen oder zumindest über jeden Zweifel erhaben sind. Wir sind die Kleinen, wir sind die Mängelexemplare. Deshalb brauchen wir ein Notfallsprogramm, das mit Selbstabwertung arbeitet, in der Sprache der Transaktionsanalyse nach der Devise: Ich bin nicht okay, alle anderen (die Erwachsenen) sind okay. Sobald das reflexive Denken beginnt, steigt es auf diese Schiene ein und füttert das Gehirn mit selbstabwertenden Botschaften, oft in zwanghaften Denkschleifen.

Mit dieser Erwartungshaltung ausgestattet, wundern wir uns nicht, wenn wir auch von außen mit Abwertungen gefüttert werden: „Du kannst das noch immer nicht, du bist zu langsam, du störst mich die ganze Zeit, du bist so anstrengend …“. Sie passen genau zu unserem Notfallsprogramm. Mittels selektiver Wahrnehmung filtern wir genau das heraus, was in das Raster passt und bestätigen es damit noch zusätzlich, sodass es zu einer inneren Überzeugung werden kann. Die eigene Wahrnehmung für das, was gut läuft, was uns gelingt und wo wir bekommen, was wir brauchen, wird abgeschwächt, weil das unseren inneren Überzeugungen widerspricht, und wir fürchten alles weniger als eine Verwirrung im Inneren.

Daran ändert sich nichts, wenn wir später, im Zug unseres Aufwachsens, lernen, dass wir die Rollen auch umdrehen können: Ich bin okay, aber ihr, die anderen, seid daneben. Spätestens in der Pubertät ist uns diese Haltung geläufig, und wir nutzen sie, um uns selber zu stärken, indem wir andere heruntermachen. Doch brauchen wir das nur deshalb, weil wir uns selber im Grund als wertlos oder unfähig einschätzen. Es ist nur eine weitere Schleife in der Selbstsabotage, wenn wir beginnen, andere zu sabotieren.

Die pränatale Geschichte der Selbstsabotage


Oben steht, dass wir mit der optimistischen Erwartung auf die Welt kommen, dass unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Das muss nicht immer so zutreffen. Wenn es in der Embryonalgeschichte zu übermäßigen Frustrationen und zu Traumatisierungen gekommen ist, können schon in dieser Lebensphase die Grundlagen für die späteren verbalen oder gedanklichen Selbstabwertungen gelegt werden. Denn auch hier wird die schon vorhandene Umgebung des mütterlichen Organismus als das Vollkommene angesehen, dem sich das winzige neue Leben anpassen und unterordnen muss. Störungen im Ablauf werden als Fehler im eigenen System interpretiert.

Es kann also unser Lebensvertrauen schon vor der Geburt beträchtlichen Schaden genommen haben. Dann ist die Schablone schon bereitgestellt, in die alles passt, was nach der Geburt nicht passt – alle Missverständnisse, Verletzungen, Frustrationen bestätigen und verstärken den Mechanismus der Selbstabwertung und Selbstsabotage.

Auswege aus der Selbstverstörung


Wir können grundsätzlich zwei Wege (Methoden) unterscheiden, die uns aus den Mustern der Selbstabwertung befreien. Der eine geht zurück auf die Wurzeln und Ursprünge der dysfunktionalen Gewohnheiten und arbeitet die darin gespeicherten Wunden auf. Der andere bezieht sich auf die Ressourcen, die sich in jedem Leben, so verpatzt es auch erscheinen mag, auffinden lassen. Mit ihrer Hilfe werden neue Gewohnheiten aufgebaut, die der Selbstbestärkung und Selbstbestimmung dienen.

Wirklichen Erfolg im Sinn der nachhaltigen Befreiung von den Mechanismen der Selbstschädigung werden wir nur haben, wenn wir die beiden Wege immer wieder miteinander verschränken: die Ressourcen zu nutzen, um die Verletzungen in der Geschichte zu heilen, und die dadurch freigesetzten Kräfte und Energien für die Stärkung einer selbstbestimmten Lebensorientierung einzusetzen.


Vgl. Vom Umgang mit unserer Fehlerhaftigkeit

Sonntag, 28. April 2013

Gute LehrerInnen

LehrerInnen auf dem spirituellen Weg suchen wir auf, wenn wir den Drang nach geistigem Wachstum in uns spüren und ihm Raum und Zeit geben wollen. Wir brauchen dazu einen anderen Menschen, der schon dort ist, wo wir hinwollen. Wir begegnen diesem Menschen und entscheiden dann oft intuitiv, dass wir von ihm lernen können. Lernen kann heißen, Zeit in der Präsenz des Lehrers zu verbringen, und/oder seine Lehren kennen- und verstehen zu lernen, und/oder seine Methoden anzueignen und zu praktizieren.

Diese intuitive Entscheidung für eine bestimmte Lehrperson enthält meist zwei Komponenten. Die eine entspringt dem Ruf nach dem Weitergehen auf der inneren Reise, nach der inneren Entwicklung. Dieser Ruf will uns von der personalen Ebene in die transpersonale hinüberlocken. Wir haben erkannt, dass wir leiden und Ängste haben, für die wir selber zuständig sind, die wir aber nicht loswerden können. Deshalb wollen wir in einen Zustand, in dem wir frei sind von diesen Einschränkungen. Wir wollen innerlich frei werden. Dieser Teil der Entscheidung ist uns meist bewusst, und wir können leicht beschreiben, warum wir bei diesem Lehrer sind, wenn uns jemand danach fragt.

Die andere Komponente ist uns weniger bewusst, weil sie aus den Teilen unseres Ichs entspringt, die von ungelösten Kindheitsthemen bestimmt sind. Sie sind von Verdrängungsschranken umgeben, die eben dafür errichtet wurden, um die Bewusstwerdung zu verhindern. Sie bewirken Projektionen, die wir in die Lehrerin hineinlegen. Wir wollen in ihr z.B. eine liebevolle Mutter erkennen, die uns all das gibt, was wir bei unserer eigenen Mutter als Kind vermisst haben. Oder wir sehen in ihr eine in allen Lebenslagen kompetente Person, die nicht die Unzulänglichkeiten unseres Vaters aufweist, unter denen wir gelitten haben. Die Lehrerin soll die Defizite in unserer Entwicklung ausgleichen, und wir verehren sie, weil sie uns als makellos und vollkommen erscheint.

Lehrer sind jedoch auch nur Menschen mit Vorzügen und Schwächen in ihrer Persönlichkeit. Auch wenn sie beträchtliche Teile ihrer Ich-Struktur geheilt und gereinigt haben, was uns zu sie hinzieht, können sie in bestimmten Situationen oder bei immer wiederkehrenden Themen in reaktive Verhaltensweisen kommen, was wir auf Grund unserer Projektionen zu übersehen geneigt sind. Wir wollen keinen Schatten auf das Licht fallen lassen, das uns so viel Nahrung und Freude gibt.

Wenn wir jedoch längere Zeit mit einer Lehrerin verbringen, melden sich die Projektionen zu Wort, und wir fangen an zu kritisieren. Wir erkennen die Mängel an der Persönlichkeit der Lehrerin, was uns zunächst verunsichert.

Typische Themen, die in solchen Lehrer-Schüler-Beziehungen auftauchen, können sein:

  • Macht: Die Lehrerin hat eine Tendenz, die Schüler klein und ohnmächtig zu halten, sie tut sich schwer, zu sehen, wie Schüler selber mächtig und eigenständig werden und aus der Lehrbeziehung entlassen werden müssten.
  • Geld: Der Lehrer sucht einen finanziellen Ausgleich für das, was er den Schülerinnen gibt, und bemerkt nicht, dass er mit zunehmendem Erfolg immer mehr verlangt und immer mehr haben will.
  • Lehre: Die Lehrerin beharrt auf ihren spirituellen Einsichten und wertet andere Sichtweisen ab.
  • Methoden: Der Lehrer vermittelt bestimmte Methoden der Selbsterforschung oder der Meditation, die strikt befolgt werden müssen, während den Schülerinnen andere Methoden, die auch gut wirken könnten, verboten werden.
  • Sex: Die Lehrerin sucht sich unter den Schülern Sexpartner aus mit dem Argument, dass diese dann noch mehr von der Erleuchtungsenergie übermittelt bekommen.

Gute Lehrer nehmen das Feedback ihrer Schülerinnen dankbar an, weil es ihnen hilft, ihre eigenen Schatten zu erhellen. Sie wittern keinen trotzigen Widerstand (Machtthema!) und keine unbewältigte Gier oder Angst (Geldthema!), auch keine Rechthaberei und Besserwisserei, wenn es um die letzten Wahrheiten geht (Lehrthema!) und keine Konkurrenz und Aufmüpfigkeit über den richtigen Weg (Methodenthema!), sowie keine Ablehnung im eigenen Geschlecht (Sexthema!). Vielmehr sind sie dankbar dafür, auf ein Thema aufmerksam gemacht zu werden, von dem sie sich noch befreien können. Sie halten sich trotz ihrer spirituellen Reife nicht für charakterlich oder ethisch vollkommen noch für intellektuell überlegen, sondern freuen sich daran, weiter wachsen zu können.

Gute Lehrerinnen halten klare Grenzen zwischen sich und den Schülern aufrecht und achten darauf, dass keine Abhängigkeitsbeziehungen entstehen. Sie merken, wenn sie zu überschwänglich verehrt werden oder wenn Schüler glauben, nur mehr von ihnen etwas Wertvolles zu bekommen. Sie machen die Schüler auf die Schatten aufmerksam, die sich in solchem Verhalten zeigen. Sie zeigen selber eine bescheidene Lebensart und vermitteln damit das Ideal der Einfachheit.

Der gute Lehrer verfügt über die Kraft der Unterscheidung, die er an sich selbst geübt hat und immer wieder nachschärft. Sie hilft ihm, zu unterscheiden, welche Anteile der Schülerin bereit sind zum Wachstum in den spirituellen Bereich hinein und welche Anteile noch an ungelöste Kindheitsthemen geknüpft sind. Er hat also ein klares Bewusstsein und einen geübten Blick auf die Themen, die in den präpersonalen Bereich gehören und auf jene, die in den transpersonalen Bereich führen. Er hilft den Schülerinnen, diese bei sich selbst unterscheiden zu lernen und für die unterschiedlichen Themen die richtige Methode zu wählen: Für Präpersonales die richtige Therapie und für Transpersonales die richtige Meditation.



Vgl.: Wahre und falsche Lehrer

Störungen in der Meditation

Wenn wir in Meditation sind, genießen wir das Versinken in der eigenen Innenwelt. Störung von außen erleben wir eben als Störungen, als etwas Lästiges und Unnötiges, weil es uns in unserem Weg in die Stille oder in die Süße der inneren oder jenseitigen Erfahrungsräume herausreißt und wir erst wieder mühsam den Weg zurück finden müssen. Sind es Menschen, die durch ihre Unachtsamkeit uns aus der Versenkung holen, fühlen wir uns im Recht, sie zu beschuldigen. Wir ärgern uns über sie, und brauchen dadurch noch zusätzlich Zeit, wieder ins Innere zu fallen, weil wir die Emotion integrieren müssen. Zusätzlich müssen wir darauf achten, dass wir dem unheilsamen Kreislauf entkommen, dass wir jemandem böse sind, der uns stört und ihm dann noch böse sind, weil wir das Bösesein integrieren müssen usw. 

Wir halten dabei an einem Konzept von Meditation fest, das wir gebildet haben: Meditation muss so oder so sein, dass es wirkliche Meditation ist, z.B. außen ist alles ruhig, kein Lärm, keine akustischen Einflüsse. Sobald ein starker Außenreiz kommt, wird die Meditation unterbrochen und sie beginnt erst wieder, wenn wir den Faden wieder gefunden und aufgenommen haben. Wenn wir an diesem Konzept festhalten, geben wir Verantwortung ab: Unsere Meditation hängt von unserer Außenwelt ab, die wir aus ihr ausschließen und die erst relevant wird, wenn sie sich einmischt, worauf wir sie so rasch wie möglich wieder loswerden wollen. 

Ein anderes Konzept von Meditation heißt: Erfahren, was im Moment ist, und Verantwortung für diese Erfahrungen übernehmen. Dieses Konzept beinhaltet die Einbeziehung der Störung in die Meditation. Die Störung passiert, und unweigerlich geht die Aufmerksamkeit zu ihr, so ist unser Nervensystem angelegt. Vor allem akustische Reize werden sehr schnell und vordringlich weitergeleitet an unser Alarmsystem. Wir merken die Störung und beobachten unsere Reaktion darauf und nehmen die Erfahrung als Teil unserer Meditation. 

Es können da auch Emotionen kommen, ein Schreckimpuls und ein Ärger über den Verursacher des Schrecks. Aber wenn wir diese Gefühle in die Meditation hineinnehmen, verhindern wir die Kettenreaktion, dass wir Gefühle entwickeln, weil wir Gefühle haben. Wir bemerken statt dessen einfach, was da ist, und das verabschiedet sich dann schneller wieder. 

Das können wir zur Störung innerlich sagen: „Ich heiße dich willkommen und umarme dich, du bist Teil meiner Welt, du gehörst dazu wie alles andere. Du kommst und du gehst wieder, wie es für dich passt.“ Nach einigen Störungen werden wir diese Haltung des Annehmens und Einschließens verinnerlicht haben, und die damit gewonnene Einstellung wird uns auch in vielen anderen Situationen unseres Lebens zugute kommen. 

Mit diesem Konzept von Meditation lernen wir die meditative Haltung auf alles auszudehnen, was uns im Leben begegnet. Wir können im Grund immer in Meditation sein und sind nicht auf einen ruhigen Platz und ein gutes Sitzkissen eingeschränkt. Der Marktplatz wird zum Meditationsplatz. 

Und wir bewerten unsere Meditation nicht mehr nach unterschiedlicher Tiefe – je tiefer, desto besser, sondern nehmen auch unsere einzelnen Meditationen selber meditativ – so wie sie sind, einmal so, einmal anders, nie besser oder schlechter. Auch machen wir keine Unterschiede mehr in der Schönheit („Heute war meine Meditation besonders schön“), sondern entdecken und schätzen die ganz eigene Qualität, die jede Meditation in sich trägt, sei sie auch eine besondere Form des Abgelenktseins und der Unkonzentriertheit. 

Meditation ist die Zeit des Bei-uns-selber-Seins, die Zeit, die wir uns für unser Inneres nehmen, und da hat alles seinen Platz, was unser Inneres ausmacht, da darf sich alles zeigen und da können wir, so gut wir es vermögen, alles in seinem Sein annehmen. So finden wir mehr und mehr zu unserer Ganzheit.

Vgl.: Meditation und Langeweile

Donnerstag, 25. April 2013

Die Prä-Trans-Verwechselung

Ken Wilber hat mit diesem Begriff ein wichtiges Unterscheidungswerkzeug formuliert. Wenn wir ein Stufenmodell der Evolution des Bewusstseins aufstellen, kann es grob in drei Phasen eingeteilt werden:
Prärational – rational – transrational oder: präpersonal – personal – transpersonal oder: prämodern – modern - postmodern.
  • Prärational bedeutet, dass die Erfahrungswelt vorwiegend von Bildern, Emotionen und Phantasien gesteuert wird.
  • In der rationalen Phase übernimmt das logische und symbolische Denken zusammen mit der verbalen Sprache die Vorherrschaft bei der Weltauffassung und -deutung.
  • Im transrationalen Bereich kommen Erfahrungselemente wie Intuition, Spiritualität und Mystik dazu.

In meinem Modell der Bewusstseinsevolution findet sich die prärationale Ebene am stärksten im tribalen Bewusstsein ausgebildet. Die rationale Ebene hat ihre prägnanteste Ausprägung genau in der Mitte der sieben Stufen, also in der vierten, materialistischen Stufe. Die transrationale Ebene findet ihre volle Verwirklichung in der siebten, der holistischen Stufe.

Eine Prä-Trans-Verwechslung passiert, wenn entweder eine prärationale Erfahrung als transrational oder eine transrationale Erfahrung als prärational verstanden wird. Verstehen kann dabei zweierlei bedeuten, nämlich subjektiv oder intersubjektiv. Subjektiv verwechsle ich eine Erfahrung, wenn ich z.B. in einem regressiven Zustand bin, aber glaube, eine hohe spirituelle Öffnung zu erfahren. Die intersubjektive Verwechslung geschieht z.B., wenn ein Psychiater einen Menschen mit einer spirituellen Erfahrungen für geisteskrank erklärt oder wenn dieser Zustand psychoanalytisch als kindliche Phantasie der Alleinheit diagnostiziert wird.


In der Therapie


Häufig haben wir es in der therapeutischen Arbeit vor allem bei sensiblen und frühtraumatisierten Personen mit solchen Verwechslungen zu tun. Entweder berichten diese Personen von besonderen Erfahrungen, die sich der Durchschnittswirklichkeit entziehen, oder sie erleben solche während Innenreisen oder in tiefen Entspannungssituationen im Rahmen der Therapie. Die richtige Zuordnung dieser Erfahrungen ist wichtig, damit eine Verfestigung von Störungen vermieden wird. Themen, die aus der prärationalen Ebene stammen, müssen therapeutisch bearbeitet und aufgelöst werden, weil sie sonst zur Stabilisierung von unerwünschten Symptomen beitragen. Gehören die Themen jedoch auf die transrationale Ebene, so können sie als Ressource dienen. Zusätzlich ist darauf zu achten, dass es bei solchen Erfahrungen auch gemischte Anteile geben kann, dass also ein Aspekt der Erfahrung prärational und ein anderer transrational behandelt werden muss. Dazu weiter unten noch ein Beispiel.


Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen „Prä“ und „Trans“


Solche Verwechslungen können auch deshalb vorkommen, weil es zwischen den beiden Bereichen Ähnlichkeiten gibt. Sowohl der prä- als auch der transrationale Bereich ist eher bildlich als verbal strukturiert und rechtshemisphärisch gesteuert. In den ersten Lebensjahren dominiert diese Gehirnhälfte, und in erweiterten Bewusstseinszuständen können wir auch von einer starken Aktivität in diesem Bereich ausgehen, in dem Informationen u.a. visuell verarbeitet werden. Die bildlichen Inhalte sind aber auf der Prä-Ebene gegenständlich, auf der Trans-Ebene erscheinen sie dagegen eher komplex und abstrakt. Während die erstere keine Logik verwendet, sondern stark von Gefühlen bestimmt ist, beruht die letztere auf einer nichtlinearen Logik und auf dem systemischen Denken und Wahrnehmen.

Ein weiteres Unterscheidungskriterium für die subjektive Erfahrung der unterschiedlichen Zustände: Trans-Erfahrungen sind frei von Leiden und werden als Erweiterungserlebnisse erfahren. Spirituelle Sehnsucht z.B., also der intensive Wunsch nach innerer Befreiung, enthält dort eine Verwechslung, wo die Sehnsucht als schmerzlich erfahren wird: Etwas, was ich brauche, fehlt mir. Das ist ein kindlicher Wunsch, hinter der eine kindliche Frustration steckt. Wo die Sehnsucht nur den Drang nach Erweiterung ausdrückt, kann sie dem transrationalen Bereich zugerechnet werden. Solange es also um Bedürftigkeit geht, drücken sich frühkindliche Enttäuschungen im Spiri-Gewand aus. Handelt es sich um Traumatisierungen, so liefert der Mechanismus der Dissoziierung den Zugang zu Erfahrungsräumen, die der mystischen Erfahrung in vielen Aspekten gleichen, jedoch nur traumabedingte Abspaltungen von der Wirklichkeit symbolisieren.

Andere Charakteristika der Trans-Ebene: Sie ist egofrei (nicht selbstsüchtig und selbstfixiert) und empathisch, angstfrei und wachstumsorientiert. Aus diesem Zustand ist der Umstieg auf die rationale Ebene leicht möglich, die Zustände können flexibel gewechselt werden. D.h. eine transrationale Erfahrung kann ohne große Schwierigkeiten verlassen werden, wenn eine äußere Notwendigkeit dazu vorliegt. Die Kommunikationsfähigkeit ist gegeben, es ist also möglich, die Details einer solchen Erfahrung zu beschreiben. Sie werden ohne Dogmatisierung und missionarischem Drang mitgeteilt. Die soziale Interaktion ist geprägt von Wertschätzung und Toleranz. Es kommt zu keiner Verwechslung von Innen- und Außenwelt, wie sie für psychotische Zustände typisch ist. Vielmehr kann klar kommuniziert werden, was bei einer Erfahrung „nach innen“ und was „nach außen“ gehört. Dazu kommt ein Verantwortungsbewusstsein für sich und andere. Es herrscht Vertrauen in andere Menschen, auch das Vertrauen, Hilfe anzunehmen, dort wo Probleme mit der Einordnung der eigenen Erfahrungen auftauchen.

In der Geschichte ist es immer wieder vorgekommen, dass transpersonale Mystiker von den herrschenden Religionen, die oft tief in der prärationalen Wirklichkeitswelt verwurzelt sind, bekämpft und verfolgt wurden. Beispiele sind der Hl. Franziskus, Meister Eckehart und Johannes vom Kreuz, die mit ihren mystischen Einsichten in der katholischen Kirche auf Widerstand gestoßen sind und mit Lehrverboten und anderen Schikanen gemaßregelt wurden. Noch härter ging man mit anderen Visionären wie Giordano Bruno um, die auf dem Scheiterhaufen endeten.


Aberglaube und Wahrsagerei


Umgekehrt wurde Aberglaube, der auf der prärationalen Wirklichkeitssicht beruht, immer wieder als transpersonale Weisheit angepriesen und verkauft. Wir können in diesem Zusammenhang die Esoterik als eine planmäßige oder unbewusste Prä-Trans-Verwechslung definieren. Dabei werden tribale Praktiken als Heilsbringer für die Probleme der modernen Welt propagiert. Daran ist nichts verwerflich, solange kein Schaden und keine Täuschung verursacht wird. Die Probleme unserer (Innen- wie Außen-)Welt sind oft derart komplex, dass wir in unserer Not die verschiedensten Hilfsquellen anzapfen, wenn wir mit den Mitteln der rational-wissenschaftlichen Sphäre nicht mehr weiter kommen. Aber wir sollten dabei die Kirche im Dorf lassen und archaische Methoden, die es seit der Steinzeit gibt, auch wenn sie auf modern aufgemotzt sind, nicht überschätzen. Sie sind keine allheilende Wundermittel, sondern können einmal funktionieren, ein andermal nicht (Vgl.  den Beitrag über Wunderheiler und Skeptiker).

Die Verführung der Romantik besteht in der Verklärung der Vergangenheit. Was früher war, ist automatisch besser, weil das was jetzt ist, schlecht ist. Wir übersehen dabei, dass die Verklärung von vergangenen Lebensformen eigentlich eine Verklärung unserer Kindheit ist, die wir deshalb vornehmen, um uns nicht den Verletzungen und Ängsten stellen zu müssen, die wir in dieser Zeit durchleben mussten. Das Bild der heilen Kindheit übertragen wir auf Geschichte und erwarten uns z.B., dass die Weisheit tribaler Gesellschaften die Probleme der um ganze Dimensionen komplexeren aktuellen Welt lösen könnte. Sicher brauchen wir diese Weisheit wie auch viele anderen Weisheiten, aber keine von ihnen ist alleine seligmachend.

Und in allen Fällen, in denen Ängste geschürt werden (durch sogenannte „Wahr“-sager), unwirksame Quacksalbereien betrieben und Menschen durch falsche Versprechungen getäuscht und betrogen werden, in allen Fällen also, in denen prärationale Hoffnungen manipulativ mit rationalen Kalkulationen geweckt werden, muss sowohl die Zivilgesellschaft durch Aufklärung wie auch die Gerichtsbarkeit durch Sanktionen aktiv werden. Die beste Immunisierung gegen die Verführungen ins Prärationale besteht darin, dass wir uns unsere Kindheitsthemen, die Ängste und unerfüllten Sehnsüchte, bewusst machen und erkennen. Dann verwechseln wir nicht mehr das, was in die Kindheit gehört, mit dem, was die Zukunft unserer inneren Entwicklung ist.


Die Skeptiker


Zwischen den Präs und Trans tummeln sich die rationalen Skeptiker, die sich gegen beide Seiten abgrenzen und dabei den gleichen Verwechselungen verfallen. Da sie keine Erfahrungen von der transpersonalen Ebene haben, sehen sie in jeder spirituellen Erfahrung eine Entgleisung ins Prärationale. Alles, was sich nicht rational darstellen lässt, ist vorrational, und was vorrational ist, ist primitiv und wird durch die Rationalität übertroffen. Damit ist die skeptische Überheblichkeit unvermeidlich: Wir haben die Weisheit mit dem Löffel gefressen, und alles Nichtrationale unterscheidet sich nur im Grad der Naivität oder Dummheit.

Sie sehen z.B. in Ken Wilber einen Esoteriker und Mystiker. Nach der obigen Definition kann er nicht beides sein, allenfalls wird er einer permanenten Prä-Transverwechslung beschuldigt. Wahrscheinlicher ist, dass für den rein rationalen Blick kein Unterschied zwischen Alchemie und Spiritualität besteht, weil sich beides einer strengen wissenschaftlichen Überprüfung entzieht. In der Haltung ähneln die skeptischen Fanatiker den Hexenverfolgern zu Beginn der Neuzeit, die jede Form der Irrationalität ausrotten wollten und dabei besonders auf Vertreterinnen der vormodernen Heilkunde und Lebenshilfe losgingen. Der Vorwurf der Zauberei enthielt die Angst vor „besonderen“, also transpersonalen Kräften, die aber, da dem Teufel zugeordnet, nur einer prärationalen Sphäre entstammen konnten.


Konfliktlinien


Das Beispiel der Hexenverfolgungen weist darauf hin, dass an den Wenden von einer Stufe zur nächsten besondere Identitätsprobleme auftauchen, die oft zu Gewaltausbrüchen führen. Jedenfalls kommt es an solchen Übergängen („Drehpunkten“ nach Ken Wilber) zu typischen Konflikten. Gesellschaftlich-historisch handelte es sich um die Ablöse der von prärationalen Glaubenssystemen kontrollierten Welt des Mittelalters durch das moderne wissenschaftliche Modell. In anderen Regionen der Erde, z.B. im islamischen oder im hinduistischen Bereich, toben diese Konflikte noch immer. Die „westliche“ Welt hingegen steht am Ausgang aus der materialistischen Bewusstseinsstufe, die eng mit der rational-wissenschaftlichen Weltsicht verbunden ist, mit ähnlichem Konfliktpotenzial, allerdings mit hoffentlich genügend anderen Mitteln der Konfliktaustragung.

Den kulturellen Umbrüchen entsprechen innerpsychisch die Identitätskonflikte, wie sie z.B. ab dem Schulalter bis zur Pubertät beim Übergang von einer prärationalen zur rationalen Stufe vorkommen. Auch an der Schwelle zu einer spirituellen Öffnung kann es zu Fragen um die eigene Identität kommen. In solchen Phasen schwankt die Orientierung gerne zwischen dem Wunsch nach einer alten gewohnten Sicherheit und dem Drang nach einer neuen, unsicheren Freiheit.

Je nachdem, wie diese Phasen durchlaufen wurden, kann es zu Fixierungen kommen. So wird jemand, dessen prärationale Phase von Schwierigkeiten und emotionalen Belastungen geprägt war, in der Rationalität Stabilität und Sicherheit finden. Aus der Bindungsforschung wissen wir, dass solche Festlegungen schon sehr früh geschehen können. Dann wird die gesamte Sphäre der Prärationalität als Bedrohung erlebt, die mit kognitiven Mitteln abgewehrt werden muss. Die transrationalen Sphären werden dann zugleich abgewertet, weil mangels eigener Erfahrung nur deren Ähnlichkeiten mit dem Prärationalen bemerkt werden und das gleiche Bedrohungsszenario aktivieren (vgl. dazu den Beitrag über die dogmatischen Skeptiker). Wir verwechseln dabei das stabile Ich mit einem „fertigen“ oder mit einem gepanzerten Ich.

Geht die Person, die sich von ihrer eigenen schmerzlichen Geschichte abgekapselt hat, jedoch über die Rationalität weiter in die Transpersonalität, indem sie z.B. Meditationskurse besucht, dann besteht die Gefahr, die Erfahrungen in diesem Bereich zu intellektualisieren, während die emotionalen Probleme ungelöst im Unterbewusstsein weiter wirken. Es entsteht der Typus des passionierten Meditierers, der nur in der Meditation zur Ruhe kommt, aber im täglichen sozialen Leben Persönlichkeitsdefizite aufweist, die er mittels der Weisheit und Tiefe, die er in der Meditation erlebt, verdrängen kann. Ken Wilber sagte dazu in einem Interview: „Ein derangiertes Gefühlsleben heilt Zen ebensowenig wie einen gebrochenen Knochen.“

Ein anderer Konflikt geschieht, wenn jemand eine transpersonale Erfahrung macht, diese aber nicht einordnen kann, weil entweder eine präpersonale Traumatisierung damit aktiviert wird oder weil die Gesellschaft die Erfahrung pathologisiert (vgl. dazu den Beitrag über die Schizotypie).


Spirituelle Krisen


Es kann auf dem Weg zur inneren Erweiterung zu Erschütterungen und Krisen kommen, da die bestehenden Sicherheitsstrukturen der Psyche, die auf fixierten Mustern und Neurosen beruhen, geschwächt werden und die neuen Strukturen noch nicht etabliert sind. Es kann dabei zu Symptomen kommen, die psychotischen Zuständen ähneln und deshalb leicht mit ihnen verwechselt werden. In diesem Zusammenhang hat Stanislav Grof den Begriff der spirituellen Krise geprägt und ein Spiritual Emergency Network begründet, damit die von solchen Krisen betroffenen Menschen eine kompetente Hilfe erhalten und nicht in der Psychiatrie landen müssen.

An den Wendepunkten der inneren Entwicklung können im Zug der Öffnung für neue Sichtweisen verdrängte alte Gefühlsmuster aktiviert werden, die dann zu einer starken Verunsicherung und Verwirrung führen. Andererseits liegt gerade in diesen Phasen eine gute Chance, diese prärationalen Themen therapeutisch aufzuarbeiten. Denn die spirituelle Öffnung stellt neue Ressourcen zur Verfügung, um die emotionale Arbeit zu unterstützen.


Der Ausblick


Die der Bewusstseinsevolution innewohnende fortwirkende Kraft motiviert zur Überschreitung (Transzendenz) der Grenzen des rationalen Ichs. Wir wollen weiter wachsen und uns befreien von den Einschränkungen, die wir uns in unserer Geschichte angewohnt haben. Wir suchen die innere Freiheit nicht, weil wir von kindlichen Wunschphantasien nach einem Paradies angetrieben sind, sondern weil wir unser inneres Wesen finden wollen, von dem wir eine Ahnung haben, die uns keine Ruhe lässt, bis wir diese „Heimat“ im großen Ganzen gefunden haben. Wir können aber die Herausforderungen dieses Übersteigens nur meistern, wenn unser Ich stabil genug ist. Sonst wird uns jeder Schritt in diese Richtung in die präpersonalen Themen zurückwerfen. „Losgelassen“ werden kann nur ein stabiles Ich.

Übersicht: Prä-Trans-Verwechselungen

Kurzform Kurzbeschreibung Beispiele
Prä ⇒ Trans Prärationale Erfahrungen werden als transpersonale Erfahrungen missverstanden. Esoterik, Romantik, Ablehnung der Intellektualität und Rationalität
Trans ⇒ Prä Transrationale Erfahrungen werden als präpersonale Erfahrungen missverstanden. Wissenschaft, Psychoanalyse, Atheismus, Überschätzung der Intellektualität und Rationalität

Kurzform Subjektiv Intersubjektiv
Prä ⇒ Trans Eine regressive oder dissoziative Erfahrung wird als spirituell erlebt. Die Erfahrung wird naiv hochgeschätzt, die Person wird verehrt.
Trans ⇒ Prä Eine spirituelle Erfahrung wird als verstörend und irritierend erfahren (vgl. spirituelle Krise). Die Erfahrung wird pathologisiert, die Person wird für krank erklärt.

Kurzform Subjektive Symptome Objektive Merkmale
Prä ⇒ Trans Leiden an einer spirituellen Erfahrung, Angst Inauthentizität, Diskrepanz zwischen Reden und Handeln
Trans ⇒ Prä Verwirrung, Erfahrung kann nicht eingeordnet werden. Intaktes Ego, Unsicherheit in Bezug auf die Spiritualität, Schwierigkeiten bei der Konzeptualisierung

Kurzform Therapeutischer Fehler Therapeutische Konsequenz
Prä ⇒ Trans Der Traumaanteil (die Dissoziation) an der Erfahrung wird übersehen. Positive Gegenübertragung Der Traumaanteil an der Erfahrung wird aufgearbeitet.
Trans ⇒ Prä In die Erfahrung wird ein Traumaanteil (eine Dissoziation) projiziert. Negative Gegenübertragung Die Erfahrung wird als Ressource genutzt.


Literatur:
Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos: Eine Jahrtausend-Vision. Fischer Taschenbuch 2011 (1995)
Michael Habecker, Sonja Student: Wissen, Weisheit, Wirklichkeit: Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität. Kamphausen Verlag 2011

Samstag, 20. April 2013

Die Eso-Hasser und das Skeptiker-Syndrom

In der reichhaltigen Kommunikationswelt, in der wir unser Leben führen, gibt es die vielfältigsten Strömungen und Interessensgruppen. Im weiten Feld der Therapien und Heilmethoden spiegelt sich diese Vielfalt wieder. Auch hier gibt es Revierstreitigkeiten und Konkurrenzkämpfe, weil es ja nicht nur um die Verbesserung des Lebens, sondern auch um Macht und Geld geht. Außerdem und gerade dadurch entstehen Unsicherheiten und Orientierungslosigkeiten. Wenn ich ein körperliches Leiden habe, wohin soll ich mich wenden: Klassische Medizin oder alternative Heilwege, den Onkel Doktor oder die Geistheilerin? Wenn ich ein seelisches Leiden loswerden will, wen soll ich konsultieren, eine Psychoanalytikerin, einen Gestalttherapeuten, eine Engelskartenlegerin oder einen Handaufleger?


Die Rationalisten


Manche Menschen schwören auf alles, was geheimnisvoll und auserwählt klingt und gehen konventionellen Methoden prinzipiell aus dem Weg, andere wieder stellen alle Nackenhaare auf, wenn von „Energieströmen“ und „Naturgeistern“ die Rede ist. Sie gehören zur Kategorie der Skeptiker. Sie setzen auf die wissenschaftliche Rationalität. Wahr ist nur, was sich allgemein gültig überprüfen lässt. Die Kriterien der Allgemeingültigkeit werden in der modernen Wissenschaft, vor allem in der Physik, definiert und gelten dann für die gesamte Wirklichkeit. Jede Erkenntnis, die diesen Kriterien nicht entspricht, ist als solche zu entlarven und muss angeprangert werden, damit die Menschen nicht auf sie hereinfallen.

Von dieser Haltung angezettelt, haben sich richtige Schlachtfelder vor allem im Bereich der Alternativmedizin (Stichwort Homöopathie) entwickelt, wo es um viel Geld und Macht geht. Zwar haben sich die Skeptiker auf weite Strecken im politischen Feld durchgesetzt und dominieren die institutionellen Strukturen, doch hält das viele Menschen nicht davon ab, weiterhin Hilfsangebote abseits der konventionellen Medizin zu konsultieren – offenbar mit Erfolg und subjektivem Nutzen, sonst würde es diese Hilfsangebote nicht mehr geben. Es gibt auch viele klassisch ausgebildete Ärzte, die andere, krankenkassenmäßig nicht anerkannte Methoden anwenden, offenbar weil sie der Meinung sind, dass das, was sie auf der Universität und im Spital gelernt haben, nicht ausreicht, um alle Menschen gesund zu machen.

Solche Phänomene beunruhigen die Skeptiker und motivieren sie, propagandistisch aktiv zu werden. Zu diesem Zweck gibt es eine Plattform im Internet, die sich laut Eigendefinition „als kritischer Verbraucherschutz vor scheinheiligen, nutzlosen und wirkungslosen Produkten, Therapien und Ideologien“ versteht: www.psiram.com.  Sie will „falsche Prediger, Ideologen, Scharlatane und Betrüger” präsentieren und damit den Geldbeutel der Verbraucher schützen.

Diese an sich lobenswerten Ziele werden aber konterkariert durch seltsame und widersprüchliche Praktiken. Hinter der Plattform, die ursprünglich „Esowatch“ hieß, aber nach Gerichtsverfahren (wegen Verleumdung, übler Nachrede und Domain-Diebstahl) zusperren musste, steckt die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP).

Claus Fritzsche, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, schreibt über diese Organisation: „Es gibt innerhalb der GWUP eine ganze Reihe von Mitgliedern, die ohne hinreichende fachliche Kenntnis der jeweiligen Materie eine Art Weltanschauungskampf gegen alles führen wollen, was sie mit dem Begriff „paranormal“ assoziieren, die dabei auch (bewusst oder unbewusst) eine selektiv-einseitige Darstellung der Fakten und Argumente sowie zuweilen auch emotional-unsachliche rhetorische Taktiken in Kauf nehmen, während sie an wissenschaftlichen Untersuchungen zu Parawissenschaften höchstens insofern interessiert sind, als deren Ergebnisse „Kanonenfutter“ für öffentliche Kampagnen liefern könnten.“



Das Skeptiker-Syndrom


Der Soziologe Edgar Wunder, Gründungsmitglied der GWUP und  auch später ausgestiegen, hat den Begriff des „Skeptiker-Syndroms“ geprägt, mit dem die eigentümliche Dynamik beschrieben wird, wie die Bekämpfer von Sekten selber eine Gruppe mit sektenartigen Elementen bilden, ohne das zu merken. Und wie Leute, die Betrüger und Schwindler entlarven wollen, selber zu Internet-Mobbern und Rufschädigern werden.

Unter anderem gehören zu diesem Bild die folgenden Merkmale:
•    Eine missionarische Einstellung, die vorgibt, die Gesellschaft zu schützen, indem „paranormale“ Ideen bekämpft und deren Vertreter entlarvt werden.
•    Die Berufung auf Wissenschaft, ohne dass selber wissenschaftlich geforscht wird, statt dessen werden Vorurteile weitergegeben, wie: „Das ist ja klar, dass das Quatsch ist, das sieht man ja sofort, dass das Unfug ist.“
•    Irrationale Bedrohungsszenarien, wie: „Die Welt wird von Unsinn überflutet.“
•    Maßlose Überschätzung der eigenen Bedeutung: Wir sind die Elite, die alles durchschaut.
•    Die Pathologisierung der „Gegner“, die als geisteskrank, gestört oder dumm abgeurteilt werden oder denen blind „Betrügerei“ und anderen kriminellen Absichten unterstellt werden.
•    Aburteilung von Menschen, besonders beliebt mit dem Stichwort: „Esoteriker“, das als solches schon ausdrückt, dass ein solcher Mensch einen geistigen Schaden hat.
•    Stereotypes Lagerdenken: Hier die skeptischen Gutmenschen, dort die gefährlichen Paranormalen.
•    Keine persönlichen Erfahrungen: Die kritisierten Praktiken wurden selber nie ausprobiert, weil ja von vornherein klar ist, dass sie nichts bewirken können.
•    Undemokratische Strukturen, Geheimhaltung.



Psiram


Ein paar Details zu der Psiram-Seite: Sie ist mit der Wikipedia-Software gestaltet und will offenbar damit den Eindruck von Seriosität wahren. Inwieweit manche Redaktoren von Wikipedia mit Psiram verflochten sind, ist m.W. nicht geklärt, auch weil alle Psiram-Autoren anonym sind, lässt sich aber aus einigen Psiram-Blog-Einträgen ableiten. Jedenfalls ist in Wikipedia über Psiram nachzulesen: „Die Autoren agieren ausschließlich unter Pseudonymen, die Betreiber sind unbekannt. Das anonyme Auftreten wird von Psiram mit möglichen Belästigungen identifizierbarer Kritiker durch die Esoterikszene gerechtfertigt. Die Domain esowatch.com wurde über eine Firma in Hongkong registriert, der Registrar von psiram.com hat seinen Sitz in Panama. Neue Autoren werden nach eigener Angabe erst auf Anfrage und bei Eignung als Psiram-Autoren zugelassen.“ Interessant ist allerdings, dass in Wikipedia nichts von den Gerichtsverfahren gegen Esowatch/Psiram berichtet wird.

Diese Form der skeptischen Publikation ist ein vorwiegend deutsches Phänomen – die Seite hat ca. 2600 deutsche Einträge, 226 französische und nur 93 englische. Darum findet sich auch ein sehr einseitiger Bericht zu Bert Hellinger und zur Familienaufstellung. Wer auch nur eine oberflächliche Kenntnis von der Person und von der Methode hat, erkennt sofort, dass hier mit einem unfairen, wenn nicht bösartigen Maß gemessen wird. Um nur ein Beispiel hervorzuheben: Es wird beim Artikel über das Familienstellen unter der Überschrift „Anwenderkreis“ eine einzige Person vorgestellt, der vorgeworfen wird, dass sie in einer Talkshow gesagt haben soll, „dass die Deutschen über weite Strecken Opfer sind.“ Es gibt Zehntausende Anwender dieser Methode auf der ganzen Welt, was bedeutet da eine Aussage einer einzigen Anwenderin? Außerdem wird sie als inkompetent charakterisiert, weil sie „Medizinlaie und ausgebildete Diplom-Volkswirtin“ sei. Also können nach Meinung von Psiram nur Medizinprofis gute Familienaufstellungen machen.

Die Hellinger-Debatte ist über weite Strecken ein deutsches Phänomen und hat mit der Frage zu tun, wie der Nationalsozialismus aufgearbeitet werden soll. Die Auseinandersetzung um die Vergangenheitsbewältigung ist ein seriöses und wichtiges Thema, es kann aber nur sinnvoll geführt werden, wenn ein Minimum an persönlichem Respekt herrscht, und diese Haltung fehlt den Psiram-Autoren als Grundeinstellung. Vielmehr ist augenfällig, wie sie zwar hochsensibel (echtes oder vermeintliches) rechtsradikales Gedankengut aufspüren, selber aber in der Aggressivität ihrer Darstellung und Wirklichkeitsverzerrung auf menschenverachtende Einstellungen zurückgreifen, wie sie in ganz ähnlicher Form von den Nationalsozialisten gebraucht wurden.

So lesen sich viele Einträge in Psiram wie die Beipackzettel von Medikamenten, nur ist alles weggelassen außer die Informationen über mögliche schädliche Nebenwirkungen. Es geht also nicht um umfassende Information, Aufklärung, sachliche Würdigung und Kritik, sondern um Abwertung und Diffamierung von vorverurteilten Menschen, Methoden oder Produkten.



Eigene Erfahrungen mit dogmatischen Skeptikern


Ich wurde selber schon von einem – natürlich –  anonymen Poster eines Internet-Forums als „esoterischer Psychotherapeut“ abgestempelt, als Hinweis, dass das, was so jemand schreibt, nicht ernst genommen werden muss, soll und darf. Schnell ist die Eso-Keule gezückt, und jede differenzierte und sachliche Argumentation erübrigt sich. Man braucht sich auch nicht die Mühe zu machen, nachzulesen, was ich über Esoterik geschrieben habe, weil die Etikettierung dann nicht mehr so eindeutig ausfallen könnte.

Vor vielen Jahren hatte ich das Rebirthing-Atmen mit sehr viel persönlichem positivem Gewinn kennengelernt. Das motivierte mich, die Methode nach entsprechender Ausbildung an andere weiterzugeben, und bemerkte, dass sie den meisten Menschen, nicht allen, aber doch sehr vielen, tiefe heilsame Erfahrungen brachte. In der Zeit las ich in einer Zeitschrift einen reißerischen und abwertenden Artikel gegen diese Methode. Ich nahm Kontakt mit dem Verfasser des Artikels auf, mit der Erwartung auf eine sachliche Auseinandersetzung. Doch nach etwas Briefverkehr (das war die Zeit, in der noch Briefe geschrieben wurden…), bei dem ich merkte, dass ich auf einen sehr verhärteten Standpunkt traf, kam eines Tages in einem Antwortschreiben der Satz: „Im Übrigen habe ich es mir zum Ziel gesetzt, dass diese Methode zerstört wird.“ Damit beendete ich den Austausch, verwundert, welche Ziele Menschen manchmal verfolgen: In der vermeintlichen Absicht, Menschen vor Schaden zu schützen, etwas vernichten zu wollen, was Menschen viel Gewinn bringen kann.

(Das Ziel wurde übrigens bis heute nicht erreicht. Ich selber verwende zwar den Begriff nicht mehr, weil ich für mich in Anspruch nehme, die Methode weiterentwickelt zu haben. Dennoch gibt es auf der ganzen Welt viele Therapeuten, die die Rebirthing-Methode anwenden. Wenn sie so gefährlich und schädlich wäre, wie das manche Kritiker annehmen, müsste sie schon längst von selbst verschwunden sein.)



Undogmatische und dogmatische Skeptiker


Wenn wir Skeptikern begegnen, ist es wichtig zu unterscheiden, ob sie undogmatisch oder dogmatisch sind. Das wird man z.B. daran merken, ob sie den Wert von Eigenerfahrungen anerkennen, z.B. wenn jemand sagt: „Ich kann besser schlafen, seit ich mein Bett auf Rat von einem Wünschelrutengänger entstört habe“. Sie können vielleicht fragen, ob es auch andere Ursachen für die Verbesserung des Schlafes geben kann, stellen aber nicht grundsätzlich die Erfahrung in Frage in der Art: „Das ist sicher nur eine Einbildung.“ Man kann es auch daran merken, dass sich das Gespräch im Kreis dreht, weil der Gesprächspartner keinen Zentimeter von seiner Position abweicht und mit den immer gleichen Argumenten kommt.

Sobald also der Eindruck entsteht, dass der Gesprächsablauf ähnlich frustrierend ist wie mit einem Zeugen Jehovas, ist klar, dass der Kommunikationspartner ein dogmatischer Skeptiker ist. Dann kann es das Sinnvollste sein, das Gespräch freundlich und klar zu beenden. Gespräche sind nur dann gut, wenn jeder Gesprächspartner bereit ist, sich durch das Gespräch verändern zu lassen. Sie sind dann sinnlos, wenn der andere nur seine eigene Meinung durchsetzen und bestätigen will.

Claus Fritzsche zum Nachlesen
Edgar Wunder zum Nachlesen


Vgl.: Was ist Esoterik?
Vgl.: Die Wunderheiler

Donnerstag, 18. April 2013

Ökologie und Ausreden

Wir wissen viel über ökologische Zusammenhänge, über knapper werdende Ressourcen, über die Schädigungen an Atmosphäre, Wasser, Vegetation usw. Wir wissen auch, dass wir durch unser Verhalten dazu beitragen und was wir ändern könnten, damit wir die Belastungen für die Umwelt reduzieren. Wir kennen den ökologischen Fußabdruck, der uns z.B. sagt, dass wir mit einem Flug von Wien nach New York 2 793 Tonnen CO2-Ausstoß sorgen, dass wir als durchschnittliche Autofahrer 3.758 t pro Jahr CO2 produzieren. Wir wissen, dass wir mit einem durchschnittlichen Fleischkonsum zwischen 0,3 und 3,6 Tonnen CO2-Emissionen/Jahr bewirken. Wir können auch leicht herausfinden, dass unser Fleischessen 2 Millionen Liter Wasser pro Jahr verbraucht und dass wir durch die rein vegetarische Ernährung den Wasserverbrauch durch das, was wir essen, halbieren könnten. Und so weiter.

Wir sind gebildet, aufgeklärt, verantwortungsbewusst und sagen unseren Kindern, wie sie gut auf die Umwelt achten können. Dennoch wollen wir nur wenig bis gar nichts an unseren Gewohnheiten ändern. Wenn ich das Auto nehme, brauche ich nur die halbe Zeit für den Weg auf die Post, muss ich mich nicht mit den schweren Taschen abschleppen, … Ich habe ja immer Gründe, warum ich das Auto verwende. Ebenso muss ich das Flugzeug verwenden, wenn ich auf Urlaub gehe, ich will ja mal ein fernes Land erkunden, und da ist das Fliegen die einzige Möglichkeit. Und weil es so schön war, muss nächstes Jahr wieder eine Fernreise stattfinden und zur Abwechslung zwischendurch ein paar Städteurlaube, nur kurz, und wie schön, es gibt ja die Billigflieger, das muss man ausnutzen.

So leben wir dahin auf Kosten künftiger Generationen, die auf diese vermutlich zurückschauen werden als die der Prasser, die die Werte dieser Erde mit vollen Händen hinausgeworfen bzw. in die Atmosphäre geblasen haben – für ihre Bequemlichkeit, für ihr Vergnügen. Schön, dass sie Spaß und Abwechslung hatten und sich nicht allzu sehr anstrengen mussten, könnten unsere Enkel- und Urenkelkinder einmal über uns sagen, aber wir können das alles nicht mehr, weil die Ressourcen weg sind, unwiederbringlich. Wir müssen uns damit begnügen, was sie uns übriggelassen haben.

„Hinter uns die Sintflut“ scheint das Motto für unsere westliche Lebenskultur zu sein. Aber das sprechen wir ungern aus, statt dessen beschwichtigen wir unsere etwaigen Schuldgefühle mit einer Palette an Ausredestrategien:

Wir machen Gegenrechnungen: Ich fahre zwar alles, was geht mit dem Auto, dafür trenne ich den Müll gewissenhaft. So, als wären schlechte Taten durch das Tun von Gutem ungeschehen gemacht: Ich bestehle jemanden und spende einer karitativen Organisation. Das Spenden macht natürlich den Diebstahl nicht wett und hilft dem Opfer nichts.

Wir verstecken uns in der Menge: Wenn ich nicht auf Urlaub fliege, sitzt jemand anderer auf meinem Platz. Das ist die Logik der Verantwortungslosigkeit, ähnlich, wie sich manche Kriegsverbrecher zu rechtfertigen versuchen: Wenn ich die Kinder nicht erschossen hätte, hätte es jemand anderer gemacht. Dinge geschehen, Flugzeuge fliegen, Menschen werden ermordet, und ich steck mei Köpferl in Sand.

Wir verdrängen: Je mehr Informationen auf uns einströmen, desto wirkungsloser werden sie. Der Schock lässt nach, bis er nicht mehr wahrgenommen wird. Unser Hirn siebt aus: Aha, das Polareis ist wieder geschmolzen, schlimm, aber kenne ich schon, damit habe ich schon gelernt zu leben. Das muss ich mir nicht merken, und das muss ich schon gar nicht auf mein Leben beziehen. Oje, die armen Eisbären, blöde Geschichte, aber so weit weg.

Wir wälzen die Schuld auf die anderen: Was „die Industrie“ und „die Wirtschaft“ an Abgasen ausstößt, ist um so viel mehr als der Verkehr, also brauche ich mir um den Schadstoffausstoß meines kleinen SUVs keine Gedanken machen. Die Chinesen und die Inder haben ja überhaupt kein Umweltbewusstsein, die sollen mal aufräumen. Außerdem hat mein Nachbar ein noch größeres Auto und fährt jedes Pipiwegerl damit, bloß um allen zu zeigen, wer er ist.

In der Sandkiste gelernt, fürs Leben tauglich – die Kultur der Ausreden, die wir in uns angelegt haben. So können wir uns „kognitiven Dissonanzen“ bewältigen: Wir wissen, dass vieles von dem, was wir tun, zur Schädigung der Umwelt beiträgt; wir wollen (oder können) das nicht ändern. Das macht Druck im Gewissen. Wir entlasten uns, indem wir uns Ausreden zulegen, die wir innerlich so oft wiederholen, bis uns das schlechte Gewissen nicht mehr plagt. 

Zwischen das, was wir wissen und das, was wir tun sollten, legen wir unsere Ausreden. Sie  schützen uns davor, unseren Einsichten gemäß zu handeln.

Wir können kein perfektes Leben führen. Es ist vielleicht nicht so extrem, wie Theodor W. Adorno dramatisch formuliert hat: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Doch müssen wir mit Widersprüchen und Spannungen leben und diese aushalten, statt uns über sie hinwegschwindeln. Das macht das Erwachsenenleben aus, und das ist anstrengend und erfordert mehr Bewusstheit. Ja, wir machen uns mitschuldig an den Problemen dieser Welt, mit jedem Stück Fleisch, das wir essen, mit jedem Meter, den wir im Auto zurücklegen, mit jedem billigen T-Shirt, das wir kaufen. Ja, wir wirken mit an den Katastrophen, die uns erschrecken. Wenn wir bereit sind, diese Spannung auszuhalten, hilft uns das, in unserem Leben Alternativen zu entwickeln und auszuprobieren.

Die Ausreden dagegen dienen der Regression. Wir verhalten uns wie Kinder, die nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen und Widersprüche auszuhalten. Manchmal ist es einfach so, weil wir uns überlastet fühlen. Dann können wir auch dazu stehen, und bald ändert sich unser Zustand und wir haben wieder Zugriff auf unsere Kompetenzen.

Dann können wir uns auch bewusst machen, dass uns Ausreden nicht weiterhelfen, wenn wir an integralem Wachstum interessiert sind. Denn dieses besteht auch darin, die Räume der Verantwortung auszuweiten und nicht zu reduzieren. Mit der Übernahme von Verantwortung und Mitverantwortung wächst uns auch die Kraft zu, aus ihr zu leben, d.h. die richtigen Entscheidungen zu treffen und in Handlungen umzusetzen.

Vgl. Autofahren und Bewusstheit
Vgl. Die Politik der Symbole

Sonntag, 7. April 2013

Emergenz und die Abkehr vom Determinismus

Zum erweiterten Begriff des Lebens gehört die Selbsttranszendenz, die Fähigkeit, aus einer Lebensform grundlegend neue Organisationsformen zu bilden. Noch weiter gefasst, kann diese Eigenschaft auf alle „Holons“ übertragen werden. „Holon“ ist ein Begriff, den der österreichisch-ungarische Schriftsteller Arthur Koestler geprägt hat und der darauf verweist, dass in systemischer Sicht alles, was es gibt, zugleich Teil und Ganzes ist, dass somit Teilsein und Ganzsein untrennbar miteinander verbunden sind und universale Geltung haben. In diesem Sinn hat der US-Philosoph Ken Wilber die Holone als Grundelemente seines integralen Weltbildes verwendet. Alle Holone können sich selbst transzendieren, und so entstehen aus subatomaren Teilchen Atome, aus diesen Moleküle usw.

Das Hervortreten neuer Holone aus schon bestehenden nennt man Emergenz, und zwar dann, wenn die Eigenschaften des neuen Holons nicht aus dem alten abgeleitet werden können, so wie die Eigenschaften der Tiere nicht in den Pflanzen enthalten waren, oder die Reptilien keine Anlagen zu Flügeln hatten, die die Vögel entwickelten.

Unter dieser Annahme scheitert ein deterministisches Weltbild, das annimmt, dass sich jede Entwicklung der Zukunft bei Kenntnis der gegenwärtigen Bedingungen vorausberechnen lässt. Vielmehr kann grundsätzlich nicht vorhergesagt werden, welche neue Form entsteht, wenn eine bestehende sich selbst transzendiert. Die Pflanzen konnten also nicht wissen, wie die Tiere ausschauen würden, die sich aus ihnen entwickelten. Ebensowenig hätte ein Wissenschaftler, der zu der Zeit, als es nur Pflanzen gab,  diese beobachtet hätte, vorhersehen hätte können, dass sich Tierarten bilden könnten und wie diese beschaffen sein könnten.

Deterministisches, also vorausberechenbares Verhalten ist dann nicht die Norm im Universum, sondern ein Randphänomen, das auftritt, wenn ein Holon seine Fähigkeit zur Selbsttranszendenz verliert. Dagegen findet sich Emergenz in allen Bereichen, von Wirbelphänomenen im Wasser bis zu sozialen Gruppen. 


Die Wissenschaft vermag Phänomene, die sich auf Grund von Emergenz gebildet haben, nur im Rückblick zu erklären. Sie kann in diesen Fällen, und das betrifft den weitaus größten Teil der Phänomene, also nur rekonstruktiv vorgehen. Dennoch hat sich unser Ideal von Wissenschaft auf deren deterministische Version eingeprägt. Wissenschaftlich „im strengen Sinn“ sei nur, was Voraussagen erlaubt, die dann allgemein überprüfbar sind. Was keine Voraussage erlaubt, sei spekulativ und keine Wissenschaft. Allerdings trifft diese Form der Wissenschaftlichkeit dann nur mehr auf leblose Dinge in einem begrenzten Beobachtungsrahmen zu, wie z.B. die Gesetze der Schwerkraft, die voraussagen lassen, dass ein schwerer Gegenstand zu Boden fallen wird. In den Bereichen der Quantenphysik funktionieren diese Gesetzmäßigkeiten schon nicht mehr, und ihre Anwendung auf lebendige Bereiche bringt nur minimalen Erkenntnisgewinn.

Die deterministische Wissenschaftsnorm ist uns deshalb so vertraut, weil sie in unserer Lebenswelt von Dingen und ihrer technischen Anwendung erfolgreich ist. Unsere Wahrnehmung ist nicht geeignet, Quanten zu beobachten. Für die groben Strukturen, die wir sehen können, reicht das deterministische Erfahrungsmodell.

Der „Fehler“, den wir allerdings begangen haben, liegt darin, dass wir diesen Wissenschaftsbegriff auf die anderen Wirklichkeitsbereiche übertragen haben. Seit der Erfindung der Landwirtschaft fand das Modell der technischen Beherrschung der unbelebten Natur Eingang in die Bereiche des Lebendigen. So wurde es ein gängiges Verfahren, Pflanzen und Tiere in ihrem Verhalten voraussagbar zu machen (zu züchten und zu zähmen), dass sie unseren Zwecksetzungen, vor allem der Nahrungssicherung dienen. Dadurch hat sich die Grundlage für dieses auf klare und unumstößliche wissenschaftliche Ergebnisse gestützte Weltbild gefestigt. Durch die Zeit der Aufklärung, die den Übergang aus einer religiös geprägten Wirklichkeitssicht des Mittelalters in eine durch Rationalität bestimmte Moderne bewirkte, ist der Determinismus zur Dominanz gelangt. Damit wurde allerdings ein wichtiger Teil des Menschseins in den Hintergrund gedrängt. Mit dem Siegeszug des materialistischen Bewusstseins wurde (und wird in vielen Bereichen bis heute) die soziale Ebene der ökonomischen untergeordnet. Die Wirtschaft berief sich, so weit es ging, auf das deterministische Denken, deshalb ist immer wieder von „ökonomischen Zwängen“ die Rede. Die Wirtschaft braucht für ihr gewinnorientiertes Funktionieren verlässliche und berechenbare Rahmenbedingungen.

Die Rückordnung des Sozialen wird dort deutlich, wo uns die Grenzen des materialistischen Weltbildes schmerzlich bewusst werden – in den ökologischen Problemzonen, in den Krisen des Finanzsystems, in den wachsenden Randbereichen der Wohlstandsgesellschaft, in der Ungleichentwicklung der Regionen, in den stressbedingten Krankheitsbildern. Die eigene Wirklichkeit und Logik der Kommunikation findet erst langsam wieder die Beachtung, die es braucht, um Individuen und Gesellschaft in der Moderne im Gleichgewicht zu halten.

Damit entsteht auch wieder mehr Raum und Wertschätzung für die Bereiche, in denen die Emergenz besonders spürbar ist, in den Künsten und nicht-technischen Wissenschaften. Diese benötigen für ihre Produktivität eine weitgehende Freisetzung von Stress, weil durch die Anspannung der inneren und der sozialen Systeme die Kräfte der Selbsttranszendenz blockiert werden. Statt dessen wird auf die „konservativen“ Orientierungen der Bestandssicherung zurückgegriffen, in denen deterministische Beziehungen vorherrschen.

Was in verschiedenen Beiträgen dieser Blogseite als Wachstumsorientierung zum Unterschied von einer Schutzorientierung dargestellt wurde, kann auch im Gegensatz von Emergenz und Determinismus verstanden werden. So enthält unser Nervensystem im Stress- und im Traumatisierungsmodus viele voraussagbare Elemente, z.B. reagieren wir immer ähnlich, wenn wir wütend sind. Unser Verhaltensrepertoire ist reduziert auf ein Minimum und unsere Reaktionsmöglichkeiten sind auf ganz wenige Alternativen eingeschränkt. Im Extremfall geraten wir in den Totstellreflex, in dem es keine Freiheit mehr gibt, sondern nur ein unerträgliches Maß an Angst, die alles lähmt.

Dagegen können wir im entspannten und/oder konzentrierten Wachzustand, bei aktivierter Smart-Vagus-Steuerung nach der Polyvagaltheorie, unsere sozialen und kreativen Elemente entfalten und kleinere oder größere Schritte in der Selbsttranszendenz, in der Emergenz von Neuem setzen. In diesen Zuständen fühlen wir uns verbunden mit uns selbst und unseren Mitmenschen und haben wir das Vertrauen, dass wir Gutes beitragen können. Damit leisten wir unseren individuellen Beitrag zur emergenten Weiterentwicklung der Menschheit und des Bewusstseins.

Und lassen wir uns nicht einschüchtern von einer Wissenschaftsgläubigkeit, die einem auf leblose Materie eingeschränkten Modell von Wirklichkeit folgt und die Kreativität der Emergenz nicht verstanden hat. Erweitern wir statt dessen unser Blick-, Denk- und Erlebensfeld auf die vielfältigen Wirklichkeiten und das Neue, das andauernd aus ihnen erwächst.

Literatur:

Arthur Koestler: Das Gespenst in der Maschine. Molden, Wien/München/Zürich 1968
Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 2011 (1995)


 Vgl.: Der freie Wille und die Ebenen der Bewusstseinsentwicklung

Blog-Quiz zum 100. Blogbeitrag auf dieser Seite

In welchem Blogbeitrag geht es nur um einen Muskel?

In welchem Blogbeitrag geht es nur um eine Kuh?

In welchem Blogbeitrag geht es darum, dass die Menschen in unserer Gesellschaft zu wenig auf ihre Ausatmung achten?


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