Dienstag, 25. September 2012

Der freie Wille und die Ebenen der Bewusstseinsentwicklung

Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl. (Isaac B. Singer)


Ich folge hier der Frage, ob der freie Wille auf verschiedenen Ebenen der Bewusstseinsentwicklung verschiedene Bedeutung haben kann, womit der Streit um die „Existenz“ oder „Brauchbarkeit“ des freien Willens aufgelöst werden könnte. Denn dann ist jede Antwort auf die Frage immer auf eine der Ebenen bezogen und hat nur innerhalb dieses Rahmens einen Sinn. Ich verwende das Modell der Bewusstseinsentwicklung aus meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“.

Die erste, tribale Stufe

Im Stammesgefüge hat immer im Zweifelsfall der Gesamtwille des Stammes den Vorrang vor dem, was der Einzelne möchte. Dieser Gesamtwille speist sich aus den tradierten Regeln und Weisheiten, über die vor allem die Älteren verfügen. Die Freiheit, aus diesen Regeln auszusteigen, sie zu ändern oder zu ignorieren, besteht nicht. Natürlich verfügen die Menschen in diesen Zusammenhängen über ein subjektives Gefühl der freien Entscheidung, doch sind sie so stark emotional und mental in das Stammesbewusstsein eingebunden, dass dieses individuelle Willensgefühl nur in den Bereichen des eigenen persönlichen Lebens zum Tragen kommt und zurückgestellt wird, wenn es um das Ganze des Stammes geht.

Die zweite, emanzipatorische Stufe

Hier geschieht genau das, was auf der ersten Stufe verwehrt war. Der Wille will sich aus der Vorherrschaft der Regeln befreien. Nichts mehr soll ihn beschränken. Der freie Wille wird zur Willkür, die nur dort Grenzen akzeptiert, wo die Macht größer ist als die eigene. Der freie Wille wird trotzig behauptet und gilt als Rechtfertigung des Handelns, auch wenn es die Regeln und auch wenn es andere Menschen verletzt. Er stellt sich gegen die tradierten Regeln und Normen und will sie aufbrechen. Die Menschen auf dieser Stufe prägen geradezu  ihre Identität mit dem Satz: „Ich will, also bin ich.“ 

Die dritte, hierarchische Stufe

Der freie Wille, der sich in der vorigen Stufe Bahn gebrochen hat, wird hier durch ein übergeordnetes Regelwerk eingedämmt und gezähmt. Dieses Regelwerk bemisst sich nicht mehr an Traditionen, sondern an den Erfordernissen von Großorganisationen, in welche die Menschen „eingepasst“ werden, indem sie ihren Willen zwar wahrnehmen, aber aus Angst und Vernunft auf seine Anwendung verzichten. 

Die Menschen werden „zur Verantwortung gezogen“, es wird ihnen der freie Wille zugemutet, und sie können sich nicht mehr auf andere ausreden. Sie „werden in die Pflicht genommen“. Bei jedem Regelverstoß drohen Strafen, und die Angst davor motiviert zum Verzicht auf die Durchsetzung der eigenen Wünsche. Die Loyalität, die die Machtträger einfordern, ist jedoch brüchig, weil die Untertanen bei der erstbesten Gelegenheit versuchen, aus dem System der Überwachung und Kontrolle auszubrechen.

Die vierte, materialistische Stufe

Der freie Wille bekommt wieder ein Betätigungsfeld im Bereich der wirtschaftlichen Entscheidungen. Er ist ein prägender Faktor am freien Markt. Jeder ist seines Glückes und seines Unglückes Schmied. Jeder kann Millionär werden oder Tellerwäscher bleiben.

Das ist der Zynismus des freien Willens: Die Individuen haben die volle Freiheit des autonomen Wirtschaftssubjekts und eine unendliche Möglichkeit zu wählen, andererseits können sie nie die Einsicht in die gesamten Zusammenhänge haben. Sie sind für all ihre Handlungen verantwortlich, und wenn sie Fehler machen, tragen sie die Verantwortung. Sie nehmen z.B. einen Kredit auf und können ihn nach einiger Zeit nicht mehr zurückzahlen, die Zinsen steigen, und irgendwann haben sie alles verloren. Und sie tragen die ganze Schuld an dieser Entwicklung, sie hätten sich ja auch anders entscheiden können. Der freie Wille wird als abstraktes Konstrukt zugemutet und diese Zumutung führt dazu, dass sich die Menschen noch mehr von sich selbst entfremden. 

Die Kritik an dieser Bewusstseinsstufe verdeutlicht, dass die Wirklichkeit der Willensfreiheit an materielle Bedingungen geknüpft ist. Für den einen bedeutet sie die Frage, ob sie ihre Villa auf diesem oder jenem Hügel bauen, für die anderen, ob sie eine Drecksarbeit machen oder verhungern.

Deshalb Herausforderung an die 5. Stufe, die Freiheit neu zu definieren, dort wird sie sich auch mit politischen Forderungen verbinden: Die Möglichkeitsräume für alle Menschen so zu erweitern, dass sie sich selbst mehr entfalten und verwirklichen können, dass sie also ihren freien Willen gestaltend einsetzen können.

Die fünfte, personalistische Stufe

Hier kommt die Willensfreiheit zu ihrer höchsten Blüte. Der Mensch der fünften Stufe kann sagen: „Ich bin frei, also bin ich“. Freiheit ist der zentrale Begriff dieser Bewusstseinsstufe, als innere Erfahrung und als Forderung, individuell wie gesellschaftlich. Ich kann alles aus mir machen, was ich nur will. Ich muss nur richtig wollen und fest daran glauben. Die Freiheit des Willens drückt sich in der kreativen Gestaltung des Lebens aus, wie sie im künstlerischen Ausdruck vorgelebt wird. Dennoch: Auch wenn die Künstlerin frei ist, wie sie die Pinselstriche setzt, muss sie sich ein Stück dem Kunstwerk unterordnen, das ihr vorschreibt, was ins Bild passt und was nicht. Damit erfährt sie bereits ein Element der nächsten Bewusstseinsstufe. 

Die ethische Reflexion wird in alle Bereiche des Lebens eingeführt. Alles ist Gegenstand der eigenen Entscheidung, des eigenen Lebensentwurfs. Wir erleben uns als SchöpferIn unseres Lebens. Jeder Moment stellt die Herausforderung, unser Leben neu zu beginnen und zu orientieren. Weder die Vergangenheit noch die Erwartungen anderer Menschen können uns davon abhalten, das zu tun, was wir für richtig halten und wofür wir uns entscheiden. 

Hierher gehört auch die Entscheidungsfreiheit, die uns auf den spirituellen Weg führt. Die personalistische Ebene erinnert uns daran, dass wir spirituelle Weisheiten nicht als Ausrede verwenden sollten, wie z.B. dass ja alles vorherbestimmt ist und wir deshalb tun und lassen können, was wir gerade wollen, auch wenn es uns oder anderen schadet und Leid zufügt. Auch auf dem Weg nach innen stehen wir immer wieder vor einer persönlichen Entscheidung, das Gute zu wählen statt dem Bösen oder Schlechten.

Die sechste, systemische Stufe

Der freie Wille verliert seine dominante Stellung und ordnet sich den systemischen Zusammenhängen unter. Zwar kann jeder aus einem System ausscheren, wenn er will, aber die systemische Vernunft lehrt, dass es sinnvoller und nützlicher ist, immer wieder den eigenen Willen zurückzustellen und der Kraft des Systems Raum zu geben. Sich im rechten Moment einbringen und dann wieder zurücknehmen, gehört zu den Tugenden dieser Stufe. Damit werden die Grandiosität und der Pathos des freien Willens eingeschränkt und aus dem Zentrum der eigenen Identität an die Peripherie verschoben. Wichtig ist es nicht, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern mit den eigenen Mitteln zum Gelingen des Ganzen beizutragen.

Die siebte, holistische Stufe

Auf dieser Stufe werden alle Ideen von Freiheit, wie sie auf den früheren Stufen gebildet worden waren, überprüft und revidiert. Hier geht es darum, wie sich das Ich und die Welt darstellen, wenn es keine Ängste und starren Festlegungen mehr gibt und wenn statt dessen das volle Vertrauen in die fließende Entwicklung des Lebens und der Wirklichkeit zugelassen werden kann. Die Befreiung von der Freiheit des Willens lässt uns hier in einen größeren Raum fallen, in dem wir alles nur als Ballast empfinden, was wir uns an Grundprinzipien und Wesenserkenntnissen aufgebaut haben.

Der freie Wille wird jetzt als Instanz des Egos entlarvt, als Wichtigtuer, der nur Hindernisse auf dem Weg zur eigentlichen inneren Freiheit auftürmt. Denn er vermeint, alles aus eigenem Antrieb und eigener Kraft schaffen zu müssen, während ihm in Wirklichkeit selber nichts gehört und alles gegeben wird. Es gibt keine eigene Leistung mehr, weil das Eigene nicht Eigenes ist, sondern Geschenktes. Also braucht es keinen freien Willen mehr, der sich solche Leistungen zuschreiben will.

Wenn sich die Ängste aufgelöst haben, erkennen wir, dass wir auf die Konzepte und Konstrukte verzichten und uns statt dessen dem Strom des Lebens anvertrauen können. Ist es für den Wassertropfen im Ozean wichtig, ob er sich entscheidet, ein wenig nach unten oder nach oben zu schweben? Er hat schon alles und ist schon alles, in einer willenslosen oder willentlichen, jedenfalls grenzenlosen Freiheit.

Montag, 24. September 2012

Die Krisengewinnler und die Ethik



Wie jeder Krieg seine Kriegsgewinnler hervorbringt, zeugt jede Krise ihre Krisengewinnler. Besonders apart wird der Prozess, wenn die Krisengewinnler zu den Krisenverursachern zählen, und wenn sie gegen Ende des Dramas unerkannt mit den Geldkoffern abgehen.

Ein Kabinettstückchen kapitalistischer Unverfrorenheit läuft gewissermaßen vor unseren Augen ab. Ich bezeichne es mit dem Namen Goldman&Sachs, weil dieses Finanzimperium in aller Öffentlichkeit operiert, ohne jede Scham, im Gegenteil mit dem Auftreten selbstgerechten Stolzes und weil in verschiedenen Dokumentationen (http://www.youtube.com/watch?v=IT_wRPbMzfI) aufgezeigt wurde, wie dieses Unternehmen seine Fäden quer durch die Finanzwelt webt. Es gibt aber auch noch viele andere Namen oder Namenlose, die in diesem Gebiet mit ähnlichen Methoden und Intentionen ihr unverfrorenes Unwesen treiben.

Vereinfacht dargestellt: Das Finanzhaus gewährt in den USA Kredite mit geringer Bonität (z.B. zum Hauskauf für Leute, deren Mittel knapp sind, die aber aufgrund niedriger Zinsen zur Aufnahme eines Kredits überredet werden), daraus werden Obligationen gebastelt, die mit hoher Bonität versehen werden (obwohl sie hochriskant sind) und diese werden dann an ausländische Investoren, z.B. Großbanken verkauft, die diese wieder an ihre Kunden weiterverscherbeln. Sobald dadurch die Kreditzinsen steigen, können die Kreditnehmer das Geld nicht zurückzahlen, die Blase platzt. Die Hauskäufer verlieren ihre Häuser, die ausländischen Investoren ihr Geld. Gewonnen hat das Finanzhaus, und was macht es mit dem Geld? Es wartet, bis die Immobilienpreise als Folge der geplatzten Blase am Tiefpunkt sind, kauft dann die Häuser auf und vermietet sie gegen gutes Geld an die ursprünglichen Eigentümer, die froh sein müssen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie dürfen für den Rest ihres Lebens für ihr vormaliges Eigentum zahlen. Andere Investoren wie z.B. die isländischen Banken und ihre Gläubiger werden gleichfalls ruiniert. Und das Finanzhaus fettet seine Gewinne auf, um den nächsten Coup zu starten.

So weit, so schlecht. Geld fließt von unten (wo es sauer erarbeitet wird) nach oben (wo mit wenig Einsatz und Risiko Reichtum bis ins Unermessliche angehäuft wird). Im Grund ein Spiel, das immer wieder neu aufgelegt wird, seit es den Kapitalismus gibt. Es werden im Lauf der Zeit nur die Summen größer und die Anzahl der Geschädigten sowie das Ausmaß des Schadens. Was sich bisher nicht geändert hat, ist die Wahrnehmung dieses Vorganges durch die Zivilgesellschaft. Es wird vielleicht mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, die Geschädigten werden bedauert, aber nicht allzu sehr, schließlich sind sie ja selber schuld, sie hätten besser aufpassen sollen. Und wer nicht oder kaum davon betroffen ist, ist hauptsächlich darüber froh, noch einmal davon gekommen zu sein.

Die Politik schreitet erst ein, wenn ein Schaden für den gesamten Staat droht. Erst dann wird der liberale oder neoliberale Heiligenschein über der Wirtschaft abgeblendet, und der Staat mischt sich ein, indem er Banken, Schuldscheine usw. aufkauft, bis sich die exzessive Umverteilung von den Arbeitenden zu den Besitzenden wieder soweit beruhigt hat, dass es zu keinen Unruhen kommt. 

Was wir brauchen, ist eine Änderung der Sichtweise. Wir haben ein klares Unrechtsbewusstsein, wenn jemand seinen Nachbarn ausraubt. Wir haben nicht das gleiche Bewusstsein, wenn das im Rahmen der so komplexen wirtschaftlichen Vorgänge geschieht, weil wir so tun, als wäre jeder in diesem Spiel im Vollbesitz der Regeln. Das stimmt eben nicht, denn die eine Seite kann die Regeln während des Spiels zu ihren Gunsten ändern, und darin liegt der Betrug. 

Deshalb muss unser ethisches Bewusstsein komplexer werden. Wir müssen ein Unrechtsempfinden erlernen, das sich auf solche Finanzvorgänge bezieht, sodass wir anfangen können, solche Prozesse im Rahmen der Zivilgesellschaft kollektiv zu ächten. Das erzeugt dann den Druck auf die Politik, die das Unrechtsbewusstsein in Gesetze umsetzen kann, mit deren Hilfe die Nutznießer des Betrugs- und Diebstahlsgewerbes, auch wenn diese im Nadelstreif und mit Aktenkoffer unterwegs sind, bestraft und gesellschaftlich geächtet werden.

Wir begeben uns dafür auf die Ebene des systemischen Bewusstseins und üben uns in systemischer Ethik. Damit können wir der Komplexität der Situationen, die es zu beurteilen gibt, Herr werden, d.h. die relevanten Faktoren herausarbeiten und dabei möglichst viele Aspekte des übergeordneten Ganzen der Gesellschaft im Auge behalten.

Es gibt schon Ansätze in dieser Richtung. Bewegungen wie „Attac“  und „Occupy“ erzeugen die Sensibilität für solche Ungerechtigkeiten. In der österreichischen Innenpolitik sehen wir in diversen anhängigen Gerichtsprozessen ein steigendes Unrechtsbewusstsein, was Korruption bedeuten kann. Im entsprechenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss wirken ähnliche Motive, und das unrühmliche Gezerre um das Weiterbestehen des Ausschusses zeigte m.E. vor allem die Angst der Mächtigen vor einem sich öffentlich manifestierenden Unrechtsbewusstsein, das seinen politischen Amtsträgern strengere Normen verpassen will. 

Sollte diese Finanzkrise Prozesse in der Sensibilisierung unseres ethischen Empfindens und Urteilens verstärken, sollte sie bewirken, dass unser Unrechtsbewusstsein in komplexere Vorgänge eindringt, dann war sie nicht ganz umsonst. Alles, was die Kontrolle der Zivilgesellschaft über die Wirtschaft und über die Politik stärkt und damit zu einer Transformation dieser Bereiche beiträgt, dient aus meiner Sicht der Evolution des Bewusstseins.

Sonntag, 23. September 2012

Die Wehrpflicht in Österreich aus der Sicht der Bewusstseinsevolution



Wie üblich, wenn die Meinungen und Positionen in einer politischen Frage aufeinanderprallen und wenn heftig gestritten wird, werden verschiedene Schichten unseres Bewusstseins aktiv und bringen ihre Sichtweisen und Ängste ein. So kann es auch an der Frage der Wehrplicht in Österreich beobachtet werden. Sie überforderte offenbar die politischen Entscheidungsträger unseres Landes, sodass sie sie dem Volk zur Entscheidung vorlegen wollen.

Die wichtigen Fragen unserer Gesellschaft haben praktisch immer einen Bezug zur tribalen Bewusstseinsstufe. Immer wenn Politiker den Begriff der „Heimat“ strapazieren, appellieren sie an diese tiefe Schicht unserer Entwicklung. Der Heimatbegriff suggeriert eine Gemeinsamkeit und Verbundenheit, wie sie die frühen Stammeskulturen geprägt hat. Die Sehnsucht nach dieser Form der sozialen Sicherheit ist noch immer in uns lebendig, da wir aber über keine Stämme mehr verfügen, weichen wir auf abstrakte Ersatzbegriffe aus, die dann gerne sentimental beladen werden. (Wenn z.B. ein Oberösterreicher seine Landeshymne hört  - Hoamatland, Hoamatland, dann sollten ihm die Augen feucht werden.)

Vielleicht sprechen wir auch deshalb vom Vaterland (und nicht vom Mutterland – die Erde, also das Land, ist ja dem Weiblichen zugeordnet), weil das Land, auf dem der Stamm herumwanderte, mit Hilfe des Wissens der alten Männer erschlossen und nutzbar gemacht wurde. Ohne dieses tradierte Wissen gab es kein Überleben des Stammes. In einer Stammeskultur konnte es in extremen Gefahrensituationen vorkommen, dass einzelne Stammesmitglieder ihr Leben für die Gemeinschaft hingaben, meist junge Männer oder, in Zeiten von Nahrungsknappheit, auch alte Menschen.

Auf der zweiten Stufe bildet sich der Heldenmythos. Der Held bricht aus der Enge der „Heimat“ aus und riskiert sein Leben für ein Ziel, das nur mehr rhethorisch in die Rahmenbedingungen des Stammesdenkens passt, und statt dessen zunehmend aus Quellen wie dem Streben nach individuellem Ruhm oder Abenteuerlust gespeist ist. Gewalt zur aggressiven Aneignung des Fremden, also das Erobern anderer Gebiete, wird dadurch legitimiert, dass sie zur Regel wird, und dadurch, dass der Held selber sein Leben aufs Spiel setzt. Teil des Heldenmythos ist die Skrupellosigkeit und die Aggressivität und das Riskieren des eigenen Lebens. 

Das Motiv, dass die Preisgabe des eigenen Lebens für ein selbstgesetztes Ziel in Kauf genommen werden kann, das nur scheinbar dem Ganzen dient, pflanzt sich bis in die Ideologien der Selbstmordattentäter unserer Tage weiter. Gewalt gegen andere wird legitimiert dadurch, dass der Täter bereit ist, sich selbst Gewalt anzutun.

Auf der dritten Stufe bilden sich dann der Begriff der abstrakten Pflicht. Die Menschen werden vom Herrscher oder vom Staat in die Pflicht genommen. Er legt fest, was sie zu tun haben – Pyramiden zu bauen, Kanäle auszubuddeln, in den Krieg ziehen und dort zu sterben. Verstöße gegen die Anordnungen werden bestraft, die Einhaltung der Pflichten wird mit allen Mitteln erzwungen. Die Individuen haben dagegen keine Rechte und kaum Möglichkeiten, sich der Verpflichtung zu entziehen. Sie haben jedoch den „Vorteil“, dass sie nicht mehr persönlich für das verantwortlich sind, was sie bei ihrer Pflichterfüllung anrichten, sie haben ja nur ausgeführt, was ihnen befohlen wurde, und sei das auch die Ermordung von Babys. Wenn jemand seine Taten (oder Untaten) damit rechtfertigt, dass er „nur seine Pflicht“ getan habe, dann bezieht er sich auf diese Bewusstseinsschicht.

Jedenfalls schafft es das hierarchische Denken, die Dienstverpflichtung der Menschen zunehmend zu abstrahieren, indem sie nicht mehr auf konkrete Personen bezogen ist (wie im mittelalterlichen Lehenswesen), sondern auf „alle“ oder auf „alle in einem bestimmten Alter“ usw. So kam es zum ersten Aufruf zur allgemeinen Wehrpflicht in der modernen Zeit während der französischen Revolution, genannt „levée en masse“, also Erhebung der Massen. Begründet wurde dieser Aufruf mit der Notwendigkeit, die Errungenschaften der Revolution und die Integrität der Nation zu verteidigen. Hier mischen sich Elemente aus dem tribalen Bewusstsein („Verteidigung der Heimat“) mit hierarchisch-totalitären Ansprüchen („alle müssen zu den Waffen“) unter dem Schirm von Ideen aus der personalistischen Stufe („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). 

In diesem Cocktail an Motiven geht es mit der Wehrpflicht im 19. und 20. Jahrhundert weiter. Nach dem Ende des Kalten Krieges ab 1989 wenden sich viele Länder vor allem in der sogenannten freien Welt von der Wehrpflicht ab, während sie vor allem nur mehr in totalitären Staaten beibehalten wird. Das entspricht der Verwurzelung des Wehrpflichtgedankens in der hierarchisch-autoritäten Bewusstseinsstufe, die Wehrpflicht als Disziplinierung der Menschen und der Demonstration der Macht des Staates über seine Bürger. 

Österreich ist hier ein Spezialfall mit manchen Skurrilitäten. Es hinkt in der Abschaffung der Wehrpflicht den meisten EU-Staaten hinten nach. Ein Grund liegt in der Vequickung mit dem Zivildienst. Lange Zeit gesellschaftlich abgewertet und zurückgedrängt, ist er mittlerweile von der Partei, die ihn immer am meisten bekämpft hat und einschränken wollte, der ÖVP, zu einem Hauptargument für die Beibehaltung der Wehrpflicht gemacht worden. Die Organisation der Rettungsdienste sei ohne Wehrpflicht-Zivildienstpflicht nicht mehr zu gewährleisten. Wie schaffen das die anderen Länder in Europa und sonstwo, wo es einen funktionierenden Rettungsdienst gibt? 

Interessant und verwunderlich ist auch, dass die genannte Regierungspartei ÖVP über längere Zeit die Idee eines Berufsheeres propagiert hat, aber am Widerstand der Regierungspartei SPÖ gescheitert ist. Nun haben beide Parteien die Fronten gewechselt, um sich mit ausgetauschten Argumenten gegenüber zu stehen, bereit zum nächsten Scharmützel. Die SPÖ will mit dem Berufsheer punkten, zu dem niemand mehr gezwungen wird, und die ÖVP mit Rettungs-Zivildienern und Soldaten als Katastrophenhelfer. 

Auch hier passt wieder einiges nicht zusammen: Für Katastrophen braucht es Katastrophenhelfer, aber keine Soldaten, die braucht man für Kriege. Ein Katastrophenhelfer muss nicht schießen und Panzerfahren können. Aber auch andere Länder schaffen es, mit ihren Katastrophen zurecht zu kommen, ohne verpflichtenden Einsatz von jungen Männern, die quasi als Bereitschaftstruppe ihre Zeit absitzen sollen, bis die nächste Naturkatastrophe kommt. 

Ich denke, wir sollten uns die Elemente des tribalen Bewusstseins in dieser Debatte bewusst machen und erkennen, dass wir im 21. Jahrhundert mitten in einem integrierten Europa keine Landesverteidigung brauchen. Unsere Heimat ist so sicher vor ausländischen Aggressoren wie noch nie in der Geschichte zuvor. Wir können uns unseres Landes erfreuen wie die Einwohner von Costa Rica, die schon lange kein Heer unterhalten und dennoch oder deshalb in Frieden leben.

Wir können die Motive des emanzipatorischen Bewusstseins aufgreifen und transformieren, indem wir Heldentum überall dort zulassen, wo es dem Gemeinwohl und der Gesellschaft dient, im Einsatz für Minderheiten oder sozial Ausgegrenzte, in der Stärkung der Zivilgesellschaft und alternativen ökonomischen und ökologischen Modellen. 

Wir sollten den Brocken des Zwangsdienstes für junge Männer aus dem hierarchischen Bewusstsein verabschieden. Er passt nicht in eine demokratische Gesellschaft, er passt nicht in eine Gesellschaft der Geschlechtergleichheit, er passt nicht in eine ökonomisch und organisatorisch fortgeschrittene Gesellschaft, die alle Dienstleistungen öffentlich oder privat so gestalten kann, dass sie finanzierbar sind und funktionieren.

Sonntag, 16. September 2012

Der freie Wille - Heilige Kuh, Illusion oder Wesensmerkmal des Menschen?


„Der Mensch ist frei, und wäre er in Ketten geboren“, so tönt es laut seit Schillers Zeiten in allen fortgeschrittenen Gesellschaften. Der freie Wille ist das Markenzeichen des modernen Menschen, der aus seinem Leben machen kann, will und soll, was aus ihm selber entspringt, nicht gelenkt von Obrigkeiten oder gesellschaftlichen Erwartungen.

Zum Streit um den freien Willen


Doch immer wieder gibt es, vor allem aus dem Weltbild der Naturwissenschaften, massive Zweifel an der Existenz des freien Willens. Schließlich befindet sich jeder Ablauf in der Natur, also auch im Menschen, in einer lückenlosen Kausalkette, und wo eine solche nicht evident ist, wird sie gesucht. Ein Ereignis bedingt das nächste, und ein freier Wille wird in der Betrachtung und Beschreibung der Prozesse nicht benötigt (obwohl auch dessen Vorhandensein zumindest im Darüber-Reden Produkt der Kausalkette sein müsste). Dazu kommt noch, dass Vertreter der modernen Gehirnforschung gerne darauf hinweisen, dass der freie Wille nur eine Einbildung höherer Gehirnzentren ist, die das, was tiefere und unbewusst ablaufende Zentren bereits entschieden haben, hintennach mit dem Etikett versehen: „Das war jetzt meine freie Willensentscheidung“.
 

Aus einem ganz anderen Eck kommen spirituelle Lehrer z.B. aus der Advaita-Schule, die den freien Willen mit einem anderen Argument aushebeln: Die allwissende und alles bestimmende göttliche Intelligenz hat jedes Ereignis dieses Universums bis in jedes Detail hinein vorausgedacht, sodass bereits alles festliegt, was sich jemals ereignen könnte. Damit ergibt sich, ähnlich wie in der Ansicht moderner Gehirnforschung, der freie Wille als Illusion und Selbsttäuschung.

Heiß umstritten präsentiert sich somit der freie Wille den aufgeklärten Anhängern der Moderne, den Gläubigen der Naturwissenschaften und den Schülern fernöstlicher Lehren. Für unser Selbstverständnis und für unser Verständnis anderer Menschen erscheint es aber nicht gleichgültig oder akademisch, ob unser Wille nun frei ist oder nicht.


Zur Biographie des Willens


Wenn wir an unser Aufwachsen zurückdenken, können wir erkennen, dass irgendwann das Bewusstsein des eigenen freien Willens aufgetaucht ist. Als Neugeborenes hatten wir noch andere Sorgen, die ersten Kontakte aufzubauen und uns um unsere Sicherheit und Grundversorgung zu kümmern. Wir waren noch sehr im Fließen einer von biologischen Prozessen gesteuerten Entwicklung ohne das Wissen um Verhaltensalternativen und ohne Möglichkeiten, solche umzusetzen. Natürlich erkannten wir schon bald, dass unser Verhalten auf das Verhalten unserer Umgebung Auswirkungen hatte. Später wird dieser Eindruck immer stärker, und mit der Beherrschung des Wortes „Nein!“ und des Satzes „Will ich nicht!“ ist uns deutlich, dass wir über einen eigenen Willen verfügen.

Als Erwachsene ist uns klar: Wir können entscheiden, was wir wollen – nehmen wir uns jetzt die roten oder die grünen Äpfel aus dem Regal? Fahren wir mit dem Auto oder nehmen wir ein öffentliches Verkehrsmittel? Sind wir freundlich zu jemandem oder nicht? Allerdings: Sind diese Entscheidungen so frei, wie sie uns erscheinen? Wer oder was bestimmt wirklich, ob wir die grünen oder die roten Äpfel kaufen? Unsere Vorerfahrungen, unsere Erwartungen, der momentane Hungerzustand, die Platzierung im Geschäft, die Werbung…. Bin ich wirklich in der Lage, zu entscheiden, ob ich freundlich zu jemandem bin, vor allem, wenn ich gerade einen Konflikt mit der Person hatte? Aber was hindert mich daran, wenn ich doch frei bin?

Wie oben erwähnt, haben die Gehirnforscher festgestellt, dass sich das bewusste Entscheidungszentrum, das in unserem präfrontalen Cortex beheimatet ist, erst ganz am Schluss in den Prozess der Entscheidungsfindung einbringt, wenn schon alles klar ist. Vorgänge, die tief in unserem Unterbewussten ablaufen, fällen nach Abwägung aller Fürs und Widers die Entscheidung, und der Neocortex gibt am Schluss noch seinen Senf und Segen dazu, so als würde er sagen: „Ja, ich weiß zwar überhaupt nicht, warum gerade diese Entscheidung gefallen ist, aber das Ganze war eine durch und durch bewusste und rationale Entscheidung, für die ich jederzeit alle relevanten Gründe nennen kann.“ Wir wissen also nie, und können es auch nicht wissen, ob die Gründe, die uns für eine Entscheidung einfallen, wirklich diejenigen sind, die zur Entscheidung geführt haben. Dennoch tun wir so, als wären wir darüber voll im Bilde. Deshalb ist der Spruch über den Menschen als rationalisierendes (Gründe erfindendes) und nicht als rationales (vernünftiges) Tier nicht so abwegig.


Zur Notwendigkeit des freien Willens


Wieso haben wir dann überhaupt diese Instanz, die uns einen freien Willen vorspiegelt? Ich denke, sie erfüllt zwei wichtige Funktionen. Die eine liegt darin, dass wir damit ein Selbstgefühl als Handelnde, als Akteure im Geschehen entwickeln, das uns bei der Zukunftsplanung hilft. Auch die Entwicklung kreativer Ideen wird damit unterstützt, weil wir uns rückversichern, dass wir etwas Tolles geschaffen haben und damit motiviert, dran zu bleiben. Wir erleben uns selbst als Zentrum unserer Welt, als Nabelpunkt, um den sich alles dreht.

Die andere Funktion liegt im sozialen Gefüge, in der Gestaltung des Zusammenlebens einer Gruppe und einer Gesellschaft. Es setzt voraus, dass sich die Mitglieder an Regeln halten können und diese anwenden, also je nach Situation das Verständnis von Regeln frei umsetzen. Außerdem sollen die einzelnen Willensäußerungen immer wieder zu einer gemeinsamen Willensbildung finden. Dabei gehen die Mitglieder davon aus, dass sie selbst und alle anderen auch über einen freien Willen verfügen. Bei Verstößen gegen Regeln werden sie demnach zurechtgewiesen oder bestraft, um sie zur Reflexion der eigenen Willensentscheidungen zu bringen. Wenn sie selbst einen Fehler begangen haben, rechtfertigen sie sich auch nicht mit dem Hinweis, dass sie über keinen freien Willen verfügen, sondern vielleicht damit, dass sie in der betreffenden Begebenheit nicht im Vollbesitz ihres Willens waren.

Wir nehmen auch an, dass wir uns in unseren Entscheidungsfähigkeiten entwickeln und weiterbilden, was auch wieder die Annahme eines freien Willens stützt. Es bildet eine Stütze unseres Selbstbewusstseins, in der Rückschau zu erkennen, was wir an Wachstumsschritten erworben haben, Unsicherheiten, die sich aufgelöst haben, Ängste, die verschwunden sind, Fähigkeiten, die wir ausgebaut und erweitert haben. Wir schreiben uns diese Lernschritte selbst zu und gehen nicht davon aus, dass sie uns einfach von irgendwo her zugefallen sind oder ohne unser Zutun entstanden sind. Die Annahme des freien Willens ist damit eine Basis unseres Selbstwertgefühls.

Unser praktisches Leben ist also durchzogen von Zusammenhängen, die ohne die Annahme eines freien Willens keinen Sinn machen. Erst auf der Stufe der Weisheit beginnen wir zu verstehen, dass der freie Wille nicht einfach eine Gegebenheit ist, die an unserem Menschsein dranhängt wie das Ohrläppchen am Ohr, sondern eine Funktion, die wir unter bestimmten Umständen einsetzen und unseren Mitmenschen unterstellen.


Zum Verzicht auf den freien Willen


Wir fangen erst an, den freien Willen für obsolet zu erklären, (abgesehen von den Erkenntnissen und Schlussfolgerungen der modernen Gehirnforschung, die wir vielleicht interessant finden, die aber unsere Wirklichkeitserfahrung nicht wesentlich verändern), wenn wir in spirituelle Bereiche eintauchen. Sie geben uns ein Gespür dafür, welch Winzigkeit wir im großen Strom des Lebens oder der Existenz sind, während wir uns so gerne mit unseren Eitelkeiten als Riesen aufblasen, und wie sehr wir uns dabei anstrengen und abmühen. Wir als die Urheber unseres Lebens, als das alles schaffende und erschaffende Zentrum unserer Welt –  was für eine Mühsal, und wie unnötig erscheint sie, sobald wir erkennen, dass wir getragen und gehalten werden, und sobald wir uns dieser größeren, von unserem Willen unabhängigen Kraft hingeben können. Dann ist die Idee des freien Willens ein überflüssiger Faktor, der nur dem Widerstand gegen die Hingabe dient.

Deshalb ist es wohl unerlässlich, dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir verschiedene Ebenen des Bewusstseins in uns tragen, die situationsabhängig unterschiedlich stark wirksam sind, sich beständig weiter entwickeln und, so lange wir leben, nie zu einem Abschluss kommen. Wenn wir unserem Erleben vertrauen, finden wir immer eine Antwort auf die Frage, ob es den freien Willen „gibt“. Sind wir in unserem Wahrnehmen, Denken und Handeln im Außen, orientiert an der Vergangenheit und an der Zukunft, dann gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass wir über einen freien Willen verfügen. Wenn wir ganz im Moment sind und mit dem Leben mitfließen, dann brauchen wir keinen freien Willen, dann fügen wir uns vielmehr ganz in ein Geschehen ein, das einer höheren Intelligenz folgt. Es braucht unser Zutun nicht, um immer wieder sein Optimum zu finden.

Zum Weisen werden wir, wenn wir die Stufen der Reflexion durchlaufen haben, wenn wir also mit den Wässern der lebenspraktischen und der philosophischen Argumentation gewaschen sind und die Argumente im Für und Wider verstanden haben, auch wenn wir Einsicht genommen haben in die Entwicklung des Bewusstseins. Und wenn wir schließlich alle Illusionen zurücklassen können, ohne sie geringzuschätzen oder abzuwerten. Denn Illusionen werden dort gebraucht, wo die Angst größer ist als die Bereitschaft, sich der Wahrheit zu stellen. Der Luxus des Weisen liegt darin, dass er auf Konzepte verzichten kann, die sich als Illusion herausgestellt haben. Ein Ballast weniger auf dem Weg...