Donnerstag, 27. Dezember 2012

Was die Welt zusammenhält – die Universalität der Kommunikation

Im Blogbeitrag: „Das Modell der organischen Kommunikation“ (13. Juni 2012) habe ich den Begriff der Kommunikation auf die organische Welt ausgeweitet und vorgeschlagen, die zwischenmenschliche Kommunikation nur als Spezialfall einer viel allgemeineren Kommunikation, die zumindest im Bereich des Lebens wirksam und notwendig ist, anzusehen.

Universelle Kommunikation müsste bedeuten, dass alles, was es gibt, miteinander in Kommunikation steht. Anders ausgedrückt, hätte jedes Ding, also alles, was es in Raum und Zeit gibt, neben dieser materiellen Existenz ein kommunikatives Dasein, d.h. es bezieht sich auf andere und andere beziehen sich auf es. In diesem Beziehen werden Informationen ausgetauscht und Identitäten bestimmt, die Dinge in Raum und Zeit bestätigen sich also gegenseitig, dass sie da sind und einander zur Kenntnis nehmen.

Unter Menschen ist uns das geläufig, auch bei Tieren erkennen wir kommunikative Beziehungen, aber schon mit den Pflanzen wird es spekulativ. Manche Leute behaupten, dass sie mit ihren Blumen reden, und dass die dann länger blühen. Manche andere tun das als Spinnerei ab. Erst recht kommen wir in zweifelhafte Regionen, wenn wir vorschlagen, dass etwa die Erde mit den Wurzeln kommunizieren könnte, der Stein mit dem Sand, der Planet mit dem Zentralgestirn, das Elektron mit dem Atomkern usw. Was soll da an Informationen übertragen werden, was soll da an Identität bestätigt werden?

Allerdings – der Erklärungsnotstand entsteht bei der Frage, wie Leben ohne Informationsübertragung, also rein mechanisch, funktionieren kann. Nun ist auch jedes Lebewesen aus anorganischen Materialien zusammengesetzt, aus Molekülen, die aus chemischen Elementen bestehen, also, etwas poetischer ausgedrückt, aus Sternenstaub. Wer oder was da kommuniziert, damit das Leben leben kann, diese Materieteilchen also, die z.B. die Signalübertragung einer Nervenzelle erledigen, müssen kommunikative Fähigkeiten aufweisen. Sie sollten in der Lage sein, Rede und Antwort zu stehen. Damit ist die Annahme nicht mehr weit hergeholt, dass auch im Bereich der unbelebten Dinge kommuniziert wird, also Information übertragen wird.

Esoterische Gewissheiten

In der Esoterik sind solche Annahmen schon lange in Wirklichkeiten übersetzt worden. Schließlich sprechen wir den Planeten Einfluss auf unsere Psyche und Persönlichkeit zu, verweisen auf Franziskus von Assisi, der mit den Vögeln redete, und haben uns selber vielleicht schon mal in einer Tranceerfahrung als Riesenschlange oder als Kieselstein gefühlt.  Esoterische Erfahrungen haben nur das Problem, dass sie subjektiv sind und subjektiv bleiben, weil sie durch andere Menschen anders erlebt werden. Sie sind Menschen verständlich, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die entsprechenden esoterischen Grundannahmen teilen. Darüber hinaus aber werden die esoterischen Erkenntnisse nicht ernst genommen werden.

Die Esoterik ist eben dadurch definiert, dass sie Aussagen produziert, die nur Eingeweihten verständlich sind und für andere keinen Sinn machen. Ihre Vertreter bemühen sich meistens gar nicht darum, eine allgemeinere Form der Verbindlichkeit und Verständlichkeit zu erarbeiten, und müssen sich deshalb mit einem Eck im öffentlichen Diskurs begnügen, in dem sie es sich gemütlich und einträglich, abgeschottet, belächelt oder ignoriert vom Rest der Welt, einrichten können.

Die Hypothese von der Allgegenwärtigkeit der Kommunikation

Wollen wir solche Kommunikationsbarrieren überwinden, können wir einen pragmatischen Zugang vorschlagen: Nehmen wir mal an, es gäbe überall kommunikative Zusammenhänge – was könnten wir damit besser verstehen und für bestimmte Zwecke, z.B. für die Heilung von Beschwerden, nutzbar machen?

Ich spare hier den ganzen anorganischen Raum aus und beginne mit der einfachsten Lebensform, der Zelle. Wie schon im anderen Blogbeitrag ausgeführt, ist es sehr plausibel, das Leben als Kommunikationszusammenhang zu verstehen. Eine Zelle besteht aus einer Reihe von Organellen, aus dem Zellkern, der Membran, dem Plasma usw. Jeder dieser Teile erfüllt eine bestimmte Aufgabe, und diese Aufgabenteilung wirkt so zusammen, dass die Zelle als ganze bestimmte Aufgaben erfüllen kann, sich z.B. von A nach B zu bewegen. Wie ist das möglich, ohne auf Kommunikation zurückzugreifen? Wie soll der Zellkern „wissen“, welche Gene er freigeben soll, wenn ihm das nicht mitgeteilt wird? Natürlich findet die Mitteilung nicht mittels Worten statt, sondern über chemische bzw. elektrische Signale. Aber das Mittel betrifft nicht das Wesen der Kommunikation.

Wie gesagt, braucht jede Kommunikationsform bestimmte Strukturen und Anwendungsregeln, die in unterschiedlichen Medien unterschiedlich gefüllt werden. Z.B. gibt es in jeder menschlichen Sprache die Struktur der Frage, die mit völlig verschiedenen Worten funktioniert, aber immer die gleiche Form und einen ähnlichen emotionalen Tonus hat.

Durch diese strukturellen Analogien können Informationen über die verschiedensten Kanäle mit den unterschiedlichsten Mitteln übertragen und verstanden werden. Es können die Nachrichten weiters von einer Kommunikationsebene in die andere übersetzt werden. Das Verständnis bezieht seinen Grundgehalt dabei jeweils aus der strukturellen Form. Wir können erkennen, dass ein Angehöriger eines neuguinesischen Stammes seinen Freund etwas fragt, ohne zu wissen, was er fragt. Wir verstehen „intuitiv“ die Grammatik, ohne dass die inhaltliche Bedeutung dafür von Bedeutung ist.

Wir können auch erkennen, dass ein Hund einen Menschen etwas fragt, und dass der Mensch auf die Frage reagiert, ohne dass es eine gemeinsame Sprache gibt. Gemeinsam ist die Struktur der Frage und der Antwort. Warum sollte die Verwendung dieser grammatikalischen Formen auf die Menschen und die anderen Säugetiere beschränkt bleiben? Könnte es nicht umgekehrt so sein, dass diese Formen in den Grundfunktionen des Lebens eingebaut sind, aus denen die verschiedenen Menschensprachen abgeleitet sind, als äußerst differenziert ausgearbeitete Variationen einer Grundgrammatik, die alle Lebensformen durchzieht.

Gefühle als Kommunikation

Wir können weiter spekulieren, dass in diesen Formen des Informationsaustausches die Wurzeln von Gefühlen liegen können. Gefühle nehmen wir in der Kommunikation anders wahr als Worte, die rein akustisch daherkommen. Sie haben eine eigentümliche Form der Schwingung, die sich aus verschiedenen Informationsbestandteilen zusammensetzt.

Es liegt auf der Hand, dass chemische und elektrische Vorgänge auf der Zellebene Schwingung erzeugen können. Vielleicht werden diese Schwingungen als die einfachste Form von Gefühlen im einfachen Bewusstsein einer Zelle erlebt. So erscheint es plausibel, dass Zellen, wenn sie in gefährliche Umstände geraten, etwas empfinden, was wir Angst nennen würden, während sie ihr Notprogramm starten. Und wenn die Gefahr vorbei ist, könnte sich in der Zelle ein Gefühl der Erleichterung verbreiten. Sollte sich die Situation in eine besonders angenehme Richtung verändern, könnte eine Zelle etwas wie Freude empfinden. Das Schwingungsmuster, das diese Empfindung erzeugt, unterscheidet sich deutlich von dem der Gefahrensituation.

Damit haben wir einen Erklärungsansatz, warum manche Menschen behaupten, dass sie mit Tieren oder mit Pflanzen Gespräche führen, dass Bäume auf Fragen antworten usw. Bäume kennen die Form der Frage, weil in ihrem inneren organischen Austausch in allen Zellen und zwischen allen Zellen ständig Fragen gestellt und Antworten gegeben werden. Sie können dazu möglicherweise den emotionalen Ton „verstehen“, in dem die Frage kommt, und die Offenheit des Hörers kann daraus eine Antwort entnehmen, die dann feinfühlig nach innen übersetzt werden kann. Kommunikation bedeutet dabei, dass zwei unterschiedliche Lebensformen miteinander in Resonanz gehen und dass diese Resonanz charakteristische Veränderungen bei beiden hervorruft.

Krankheit und interne Kommunikation 

Wir haben auch eine Ahnung darüber, wie es funktionieren kann, dass wir mit unserem Körper reden, mit Organen, die geschwächt oder  erkrankt sind, wenn wir mit Affirmationen arbeiten. Neben der positiven Wirkung, die Übungen allgemein auf den Körper haben, weil wir uns dabei entspannen, kann es auch sein, dass die spezifische grammatikalische Form, die wir dabei wählen und die emotionale Schwingung auf der Ebene der Körpergewebe, Organe und Zellen verstanden wird im Sinn einer Beruhigung und Unterstützung.

Offenbar kommt es bei Erkrankungen im Körper, die jeweils zu Stressbelastungen in den betroffenen Gebieten führen, zu Kommunikationsstörungen und damit zu einem Verlust an koordinierten Aktionen. Es scheint, als ob einzelne Bereiche so mit sich selber und der Bekämpfung der Bedrohungen beschäftigt sind, dass sie nicht dazu kommen, ausreichend mit den übergeordneten Ebenen in Kontakt zu treten, dass diese umgekehrt auch nicht in der Lage sind, den unteren Ebenen zu Hilfe zu kommen. Wenn nun von „ganz oben“, von der bewussten Steuerungseinheit unterstützende und stärkende Kommunikation bis auf die einfachste Ebene hinab gesendet wird, kann das dazu führen, dass die Kommunikationsnetze auf diesen Ebenen wieder aufgebaut und für den Zweck der koordinierten Heilungsarbeit nutzbar gemacht werden.

Wenn wir noch einen Schritt zurückgehen, müssen wir die Möglichkeit anerkennen, dass es zunächst die Kommunikation war, die gestört wurde, und bei Fortbestand der Störung zur Erkrankung wurde, die dann die Störung noch verstärkt und intensiviert hat. Wird also irgendwo im Körper die Kommunikation unterbrochen, folgt daraus über kurz oder lang eine Erkrankung. Der Sinn der Erkrankung liegt darin, dass sie das Kommunikationssignal so massiv verstärkt, bis es die übergeordneten Instanzen nicht mehr übersehen können und entsprechende Handlungen setzen müssen. Werden die Kommunikationsnetze in den gestörten Bereichen und zwischen den erkrankten Bereichen und der Zentrale, dem Gehirn, wieder hergestellt, so kommt die Heilung in Gang.

Die Erkrankung verhält sich wie ein kleines Kind, dessen Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden, das also an einer Kommunikationsstörung leidet. Es schreit, bis es gehört und verstanden wird, und bis die geeigneten Handlungen erfolgen, die das Bedürfnis stillen und die Kommunikationsstörung beheben.

Zustände der universellen Kommunikation

Vielleicht kennen wir alle ganz besondere Momente, in denen uns die Welt als ineinander verschränkt und alles mit allem verbunden erschienen ist. Wir erleben dabei besonders erhebende und erhabene Gefühle und spüren uns völlig losgelöst und befreit. Es ist dabei, als wären wir eingebunden in die kommunikativen Netze, die zwischen den anorganischen und organischen Wesen ebenso wie zwischen den Pflanzen und Tieren und zwischen allen Menschen ausgespannt sind. Manche Kommunikationspfade erscheinen uns ausgetretener und vertrauter, aber wir bekommen eine Ahnung davon, was es heißt, dass die Kommunikation universell ist.

Vielleicht haben diese Momente einen Aspekt des Wiedererinnerns an sich – wir kennen diesen Zustand von früher, aus einer Zeit lange bevor sich unsere Sprach- und Denkfähigkeit entwickelt hat. Wir waren winzige Lebewesen am Anfang unserer Existenz, aber kommunikativ eingebunden in eine Umwelt, die uns verstanden und getragen hat.

Und dieses Gefühl des Verbundenseins hat uns Sicherheit und Geborgenheit verliehen. Unterbrochen wurde es durch Stresserfahrungen, durch Traumatisierungen, und wenn diese ganz schlimm waren, konnte der Bezug zu dieser Welt der wundersamen Allverbundenheit völlig verschüttet werden, sodass nur mehr die nüchterne Skepsis übrigbleibt, die viele erwachsene Menschen teilen.

So ist es unsere eigentliche Sehnsucht, den Zugang wieder finden zu den zauberhaften Kommunikationsnetzen, aus denen wir und aus denen die ganze Welt geflochten ist. Lernen wir wieder zu lauschen und zu flüstern in den vielfältigen geheimnisvollen Sprachen, die das Universum zusammenhalten.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Brauchen wir einen Selbstwert?

Unser Selbstwert sagt etwas darüber aus, wie wir uns selber wertschätzen, welchen Wert wir also uns selbst beimessen. Wir tun das immer wieder, vielleicht sogar die ganze Zeit nebenbei, wenn wir uns als wir selbst erleben, wenn wir also über uns selber reflektieren. Sind wir in irgendwelchen Tätigkeiten verschwunden, wenn wir z.B. Geschirr abwaschen und mit nichts anderem beschäftigt sind als damit, so machen wir das ohne Selbstwert. Fällt uns dabei ein Teller runter, kann es passieren, dass wir uns selbst dafür abwerten: Wie kann ich nur so blöd, so ungeschickt, so unachtsam sein.  Plötzlich kommen wir selbst und unser Selbstwert ins Spiel. Wir erleben uns als Akteur auf der Bühne des Lebens und nehmen zugleich eine Zuschauerrolle ein, die kritisch die Performance verfolgt und laufend Kommentare abgibt: Das war jetzt gut, das war jetzt völlig daneben, das könnte besser sein und jenes ganz anders. Unser berühmter innerer Kritiker ist aufgewacht.

Diese zweite Ebene blenden wir immer dann ein, wenn wir aus dem Mit-dem-Leben-Fließen aussteigen. Aussteigen heißt, es kommt zu einer Unterbrechung durch etwas, was Gefühle in uns auslösen, z.B. Stress oder Angst. Der Teller fällt runter, wir kriegen einen Schreck und denken gleich daran, dass wir etwas kaputt gemacht haben. Unser Unterbewusstsein liefert dazu die Informationen von früheren Missgeschicken und den Reaktionen unserer Umgebung darauf, und zwar vor allem selektiv jene, bei denen diese Reaktionen für uns unangenehm oder sogar bedrohlich waren. Denn unser Unterbewusstsein ist darauf spezialisiert, angstauslösende Situationen prioritär abzuspeichern und im Bedarfsfall zu aktualisieren. 

So folgt auf den Schreck sofort die Angst, geschimpft und bestraft zu werden. Da aber niemand da ist, der uns auf unsere Fehlerhaftigkeit hinweist und mit Konsequenzen droht, tun wir das selber mit uns. „Wenn du nicht besser aufpasst, geht alles kaputt, wenn alles kaputt geht, stehst du mit leeren Händen da, wenn du mit leeren Händen dastehst, musst du verhungern.“

Wir kommen also erst dann auf die Idee, dass wir einen Selbstwert haben, wenn etwas schief geht und uns die Verantwortung dafür angelastet wird. Unser Selbstwert wird uns als Selbstunwert bewusst. Wir sind an einem fehlerhaften Ablauf schuld. Und deshalb ist etwas an uns selbst mangelhaft, sonst wäre das nicht passiert.

Kinder – je kleiner, desto mehr –, neigen dazu, wenn sie sich schlecht fühlen, anzunehmen, dass sie schlecht sind. Jemand hat ihnen etwas angetan, und sie glauben, dass sie selber schuld sind und dass sie selber nicht in Ordnung sind. Oder sie haben etwas nicht gekriegt, was sie unbedingt gebraucht hätten, z.B. Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit, damit geht es ihnen schlecht, und weil sie sich schlecht fühlen, nehmen sie an, dass sie selber schlecht sind. So prägen sich die Grundlagen für die Selbstabwertungen wie Schablonen in die tieferen Schichten der Psyche ein. Und solche Schablonen tragen wir alle in uns. Sie stehen auf Abruf bereit, wenn uns etwas daneben geht. 

Den Selbstwert wieder herstellen

Der erste Schritt, um mit uns selber ins Reine zu kommen, besteht darin, den ramponierten Selbstwert zu restaurieren. Wir brauchen dazu nur genauer auf unsere Selbstabwertungstendenzen zu horchen – wann erwacht die mahnende Stimme des inneren Kritikers? Ist das, was sie sagt,  brauchbar und nützlich oder hinderlich und unnötig? Im zweiten Fall halten wir uns am besten nicht auf mit der inneren Stimme, sondern konzentrieren uns auf eine andere, die uns bessere Unterstützung anbietet. Wir sind unseren inneren Stimmen nicht ausgeliefert. Sobald wir uns ihrer bewusst werden, können wir auch bewusst mit ihnen umgehen.

Selbstwert mit Mängeln

Niemand ist perfekt, niemand ist frei von Mängeln, und jedem unterlaufen da und dort Fehler. Jeder Fehler ist eine Gelegenheit, um Gelassenheit zu üben – oh, da ist mir was zerbrochen, oh, da bin ich in etwas Unappetitliches getreten, oh, da habe ich einen wichtigen Termin vergessen… Wir sind und bleiben gute und liebenswerte Menschen, ob wir zu 90 Prozent perfekt sind oder zu 85. Wir können uns erlauben, unsere Unvollkommenheiten in der inneren Sektion Unvollkommenheiten abzulegen, ohne dass sie unseren Selbstwert beschädigt. Es genügt, dass wir uns selber sagen: Da habe ich einen Fehler gemacht, dann kann ich einen Mangel verbessern, und ist auch effektiver, als wenn ich zu mir sage, was für ein schlechter oder unfähiger Mensch ich bin. 

Den Selbstwert loslassen

Achten wir also auf die Unterbrechungen, in denen sich die Selbstwertproblematik meldet. Wenn wir unsere entsprechenden Ängste und sonstigen Schwachstellen kennen, können wir leichter und schneller wieder zurück ins Fließen finden. Im Fließen sind wir einfach, wer wir sind, ohne eine großartige Idee von Wertigkeit oder Unwertigkeit. Im Fließen können wir das Leben und uns selbst mitten drin einfach genießen und wertschätzen, was es uns an Anregungen, Abwechslungen und Herausforderungen bieten möchte.

Der Selbstwert hat die Funktion einer Krücke, die wir nutzen können, wenn wir aus dem Fließen herausfallen. Wir korrigieren unsere unnötige Selbstabwertung, indem wir uns einen guten Selbstwert zusprechen.  Ja, wir sind wertvoll, ja, wir sind liebenswert, ja, wir machen so vieles gut in unserem Leben. Und dann können wir die Selbstwertschätzung wieder loslassen und ins Fließen zurückkehren, wo wir nur ein Teil eines größeren Ganzen sind, das mitspielt.

In diesen Zuständen und Erfahrungszusammenhängen merken wir vielleicht, dass dieser Wert, den wir uns zuschreiben und mit dem wir manchmal hadern, mit uns da ist, also unser Dasein ist. Weil wir da sind, weil wir existieren, sind wir wertvoll. Deshalb gibt es gar keine reale Möglichkeit, dass irgendjemand uns diesen Wert wieder wegnehmen könnte, auch wir selber nicht.

Wer könnte denn überhaupt unseren Wert in Frage stellen? Welchen Sinn soll es machen, dass wir anderen die Macht geben, über uns als Menschen zu befinden und Urteile zu fällen? Wollen wir das wirklich? Wenn nicht, warum sollten wir uns selber diese Macht geben? Was wissen wir denn schon über uns selbst, wenn wir uns beschimpfen und abwerten? Sehen wir da nicht nur ein Zerrbild von uns selbst, das nicht im Entferntesten das wiedergibt, was wir im tiefsten Inneren sind? Wenn wir da hineinschauen, sehen wir etwas Einzigartiges und ganz und gar Besonderes, etwas, das unvergleichlich hervorragt und unendlich reich und wunderschön ist. Und das keinen Selbstwert braucht, der ihm bestätigt, dass wir gut so sind, wie wir sind, und dass alles mit uns in Ordnung ist.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Katastrophenphantasien und kindliches Erleben



Ein französisches Dorf am Fuße der Pyrenäen wird laut angeblicher Maja-Prophezeiung den Weltuntergang am 21. Dezember überleben. Dieses Dorf heißt Bugarach, und die 180 Einwohner sind überhaupt nicht erfreut. Nachdem Weltuntergangsflüchtlinge aus aller Welt das Dorf stürmen, haben sie ihr Gebiet zum Sperrgebiet erklären lassen.

Der Dorfschmied Emile will sie alle wegschicken: "Wer war bloß der Illuminierte, der gesagt hat, dass dieses Dorf, und nicht ein anderes verschont wird? Warum schickt man nicht die Geistesgestörten nach Lourdes?" (ORF-Morgenjournal, 4.12.2012)

Wie kommen Menschen aufIdeen von Weltuntergängen (und Überlebenden derselben)? Wir wissen alle, dass wir kein sicheres Wissen über die Zukunft haben, dass die Wirklichkeit so vielgestaltig ist und sich nie ganz in die Karten schauen lässt. Und doch glauben wir an Prophezeiungen, und offenbar, je absurder sie den Gang der Dinge kontrastieren, umso tiefer der Glaube.

Wir legen unsere Erwachsenenvernunft, unseren common sense beiseite, der uns durch den Alltag einer komplexen Welt begleitet und verhalten uns wie Kleinkinder, die mit offenem Mund über das staunen, was ihnen die Erwachsenen erzählen, ohne Unterscheidungskraft über das, was in die Welt der Fantasien und was in die Welt der wahrnehmbaren Dinge und Sachverhalte gehört. Wir knüpfen an das magische Denken an, das uns in diesen frühen Jahren vertraut war und vielleicht immer wieder auch als eine tröstliche Zuflucht diente, wenn uns die Welt der Menschen und Dinge rau und grob begegnete.

Wir sollten auch bedenken, was sich im Inneren eines Kleinkindes abspielt, wie sich ein Gehirn entwickelt und zugleich die Repräsentation der gesamten Außenwelt in ihm, im schrittweisen wechselseitigen Kennenlernen. Was dabei langsam mitwächst, ist die integrative Kraft, die das alles zusammenhält, und immer wieder neu zusammen halten muss. Da kann es zu Engpässen und Überforderungen kommen, vor allem dann, wenn die Einflüsse von außen in Widerspruch zur inneren Realität kommen, z.B. wenn Bedürfnisse, die der Organismus anmeldet, überhaupt nicht oder nicht adäquat erwidert werden. Solche Diskrepanzen überfordern die integrative Kraft, und die innere Erfahrung ist die einer überwältigenden Katastrophe.

Vielleicht wundern wir uns weniger, wenn Menschen Katastrophenfilme anschauen, um sich zwei Stunden lang zu fürchten und dann erleichtert rausgehen, um zu sehen, dass das alles nicht wirklich war, sich aber möglicherweise innerlich (unbewusst) zu bestätigen, dass die Welt ja ohnehin ein gefährlicher Ort ist und dass niemandem zu trauen ist, nicht einmal der Natur, was z.B. eine Prägung aus einer nicht aufgearbeiteten Geburtserfahrung sein kann. Wer sich nie auf solche Erfahrungsebenen eingelassen hat, wird immer wieder unbewusst nach dem Kitzel solcher Reinszenierungen in der Welt suchen, sei es im Kino oder verdeckter in allen Bereichen des gestressten Alltagslebens.

Esoterik und Kindlichkeit

Warum allerdings gerade Menschen, die sich als besonders bewusst bezeichnen, für Katastrophenfantasien anfällig sind und diese Formen des esoterischen Glaubens oft noch vehement als Zeichen ihrer besonderen inneren Entwicklung verteidigen, ist schwerer nachvollziehbar und hat möglicherweise damit zu tun, dass sich in den Untergangsszenarien unerlöste Themen aus der kindlichen Perspektive in die Erwachsenenwelt einblenden. 

Im Überlebensstil "Verbindung" nach dem NeuroAffectice Relational Model (Laurence Heller) gibt es einen "spiritualisierenden" Untertypen. Geprägt durch frühe Traumatisierung und Bedürfnisfrustration, entwickelt sich als Überlebensstrategie eine dissoziative Abspaltung, mit der alles, was im Leben fehlt, in der spirituellen Dimension gefunden werden kann. Da das Grundvertrauen ins Leben und in die Wirklichkeit nur schwach ausgeprägt ist, reflektiert die Angst vor Katastrophen eine dauernd wirksame innere Anspannung, und die Bemühung um spirituelle Absicherung verspricht die einzige Rettung - wenn die Welt zusammenbricht, werden die Aliens mit ihrem Raumschiff kommen und mich retten.

Jedenfalls können wir deutlich sehen, dass die Esoterik durch einen hohen Anteil an unbewusster Kindlichkeit geprägt und damit aufgeladen ist. Die Vermischung von kindlicher Denkweise und Erwachsenenvernunft ist geradezu ein grundlegendes Merkmal des esoterischen Denkens und Fühlens. Wohl hat die kindliche Lebens- und Erlebensart etwas Wunderbares und Bezauberndes an sich, das wir unser ganzes Leben nicht verlieren sollten. Aber wir sollten darob nicht vergessen, dass wir erwachsen sind (sobald wir es sind) und dass wir deshalb in der Welt und der Welt gegenüber Verantwortung tragen.

Die Unterscheidung von dem, was in die magische Welt des Kinderglaubens und was in die nüchterne Welt der Erwachsenen gehört, wird uns nicht immer klar sein, und manchmal können wir da auch durcheinander kommen. Doch gehört es zu den Herausforderungen des Wachsens, diese Unterscheidung immer wieder neu zu erkennen und zu formulieren. Dann können wir bewusst in die Kinderwelt ein- und wieder aussteigen, wie es uns beliebt. Nur so bekommen wir ein klares Gefühl für die Grenzen von Spiel und Ernst, von Fantasie und Wirklichkeit.

Verantwortung und Verantwortungslosigkeit

Ein Wissenschaftler muss seine Ergebnisse vor der Forschergemeinschaft rechtfertigen. Er muss seine Methoden und Berechnungen verbessern und verfeinern, wenn er als Wissenschaftler gelten will. Wenn er falsche Prognosen liefert, muss angeben können, wo der Fehler liegt. Sind die Prognosen immer wieder falsch, so verliert er bald seinen Ruf als Wissenschaftler und muss sich einen neuen Beruf suchen. Wenn ein Meteorologe Regen voraussagt und es scheint die Sonne, muss er überlegen, was schief gelaufen ist und wie er die Prognose verbessern kann. Passiert ihm das fortlaufend, heißt das, dass er ein schlechter Wissenschaftler ist und dass er seinen Beruf wechseln sollte. So nimmt die Wissenschaft ihre Vertreter in die Verantwortung, und die Gesellschaft kann sich im Großen und Ganzen darauf verlassen.

Ein Illuminierter, der seine Voraussagen in die Welt posaunt, übernimmt dagegen keine Verantwortung für seine Aussagen und was sie auslösen. Er muss nicht einmal darüber Rechenschaft ablegen, ob seine Eingebungen aus tiefer Meditation entsprungen sind oder Ausfluss vom Genuss von Glühwein oder anderem Prozentigem.

Trifft nicht zu, was er prophezeit hat, wurde er entweder missverstanden, oder er sieht sich darin bestätigt, dass sich alle jetzt spirituell so angestrengt haben, dass statt der Prophezeiung ein Bewusstseinssprung stattgefunden hat, den ja niemand nachweisen kann. Jedenfalls hat seine Prophezeiung nur Gutes bewirkt und war deshalb sinnvoll und notwendig. Er kann sich ausreden, wie ein kleines Kind, das die Milch verschüttet hat. Es gibt keine Öffentlichkeit, vor der er Rede und Antwort stehen muss, keine Gemeinschaft, vor der er Rechenschaft ablegen muss. Es wird Menschen geben, die sich von ihm abwenden und andere, die ihn weiter verehren. Die Bücher werden sich schlechter verkaufen, aber der Hauptumsatz vor der angesagten Katastrophe ist schon eingefahren, und das nächste Buch mit dem klingenden Namen findet wieder genügend naive Leser, die schon vergessen haben, was im vorigen Buch stand.

Geschlossene und offene Systeme

Solche Menschen bauen sich geschlossene Systeme auf: Für alles, was passiert, gibt es eine innere Erklärung, und Einflüsse von außen dienen nur zur Bestätigung der Innenansicht. Trifft die Prophezeiung ein, ist sie sichtbares Zeichen für übernatürliche Fähigkeiten, trifft sie nicht ein, ist sie spürbares Zeichen noch höherer übernatürlicher Fähigkeiten, nämlich die prophezeiten Katastrophen verhindern zu können.

Zu solchen geschlossenen Systemen fühlen sich alle hingezogen, die nach derartigen unwiderlegbaren Sicherheiten suchen. Auf diese Art entstehen die manifesten Sekten, aber auch die unsichtbaren, die in der virtuellen Welt aus ähnlichen Motivationen und Visionen zu den gleichen Denkformen kommen, ob sie sich kennen oder nicht, ähnlich wie die Fans von Tanz- oder Musikstilen oder Modetrends. Sie verhalten sich wie die Kinder, die in die Fantasiewelten von Geschichten und Märchen flüchten, wenn es in der Wirklichkeit zu stressig und unangenehm wird.

Offene Systeme bieten keine derartigen Sicherheiten, weil sie sich dauernd an neue Umweltbedingungen anpassen müssen, die nicht vorhersehbar sind. Wenn wir uns auf offene Systeme (in unserer Innen- und Außenwelt) einlassen, müssen wir mit der Ungewissheit leben, dass die Zukunft offen ist und dass auf längere Sicht keine verlässlichen Prognosen möglich sind. Dafür sind offene Systeme zum Unterschied von geschlossenen außerordentlich lernfähig und flexibel. Sie sind die Motoren und Motivatoren für die Evolution des Bewusstseins, während in den geschlossenen Systemen alte Ängste weiterschwelen, die die Entwicklung hemmen.

Doch sie können sich auf den Schuster Knieriem berufen, der seinen Kometen sicher nur deshalb überleben konnte, weil ihm trotz all der Ängste der Humor nicht abhanden gekommen ist. So kann er uns heute noch sein Couplet anbieten:

Es is kein' Ordnung mehr jetzt in die Stern',
D' Kometen müssten sonst verboten wer'n;
Ein Komet reist ohne Unterlass
Um am Firmament und hat kein' Pass;
Und jetzt richt' a so a Vagabund
Uns die Welt bei Butz und Stingel z'grund.
Aber lass'n ma das, wie's oben steht,
Auch unt' sieht man, dass's auf n Ruin losgeht.
»Ja, a Kontroll' muss halt sein, sonst gibt's kein' Kredit!«
So hab'n s' g'sagt, doch sie wer'n mit uns anders noch quitt.
Was ein richtiges Schaf is, gibt auch so seine Woll':
Jetzt krieg'n ma an' Dreck und dazu a Kontroll'!
Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang lang lang lang lang lang,
Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang.
(Karl Kraus nach Johann Nestroy)

(Vgl. den Blog vom 13.1.2012: Zum Jahresbeginn 2012 - eine Anprangerung) 

Literatur: Laurence Heller: Healing Developmental Trauma. Berkeley, North Atlantic Books, 2012

Dienstag, 27. November 2012

Einfachheit und Komplexität


Die Natur hat eine innere Richtung, die von der Einfachheit zur Komplexität führt. Ein Einzeller funktioniert einfacher als ein Vielzeller, Lebewesen mit einem Nervensystem komplexer als solche ohne. Menschen haben einen Komplexitätsgrad erreicht, der ihnen selber manchmal Komplexe macht. 

Auch in der kulturellen Entwicklung der Menschheit erkennen wir diesen Trend von der Einfachheit zur Komplexität: Stammesgesellschaften brauchen wesentlich weniger Regeln und Kompetenzen, um überleben zu können als eine moderne Großstadtgesellschaft. In meiner Jugend gab es Telefone mit Wählscheiben und Fernsehgeräte mit einem Programm, jetzt muss man das Tippen mit dem Daumen beherrschen, um Nachrichten übermitteln zu können und muss hunderte Fernsehsender unterscheiden können. Immer mehr Fertigkeiten, immer mehr Wissen wird benötigt, um die Orientierung in der Welt zu schaffen und um einen sinnvollen Beitrag zu dieser Welt leisten zu können.

Die Systemtheorie hat erkannt, dass es keine wirkliche Alternative zum Wachsen in der Komplexität gibt. Überall, wo diese Entwicklung stagniert, kommt es früher oder später zum Verkümmern und zum Absterben dieser Lebensformen. Stillstand ist gleichbedeutend mit dem Tod, der dadurch gekennzeichnet ist, dass die Zellen ihre komplexen Abläufe einstellen und sich in einfache anorganische Materie verwandeln. Daneben wächst das Leben weiter, unbesehen von Sackgassen und erfolglosen Versuchen der Entwicklung. Was sich bewährt in der Evolution, wird bewahrt und bildet die Grundlage für weitere Umgestaltung. Was weniger Überlebenswahrscheinlichkeiten ermöglicht, wird mehr und mehr an den Rand bedrängt, bis es verschwindet. Vielleicht sind deshalb die Neandertaler verschwunden, ist das römische Reich untergegangen und endeten Hitlers Größenwahnideen von einem Tausendjährigen Reich nach kurzer Zeit in der Katastrophe.

Wir müssen also wachsen, wenn wir leben wollen. In den frühen Jahren unseres Lebens spüren wir diesen Zug zum Wachsen in unserem Körper, der erwachsen werden will. Ab einem gewissen Zeitpunkt wachsen nur mehr die Haare und Nägel, und doch muss sich unser Nervensystem, und insbesondere unser Gehirn weiter entwickeln. Dieses Müssen ist ein Nicht-Anders-Können-Als. Die zunehmend komplexer werdende Umwelt fordert unsere inneren Systeme zur Differenzierung und Spezialisierung, also zum Weiterwachsen heraus.

Natürlich haben wir die Wahl, uns dem Zwang zur Komplexität zu entziehen.  Es packt uns der Wunsch, dem ganzen Wahn zu entfliehen und ein einfaches Leben zu wählen, ohne Handy und Computer, ohne High Tech und Auto. Was aber suchen wir in der Einöde? Ein tieferes Einlassen auf die Natur – und deren Komplexität? Ein ernsthafter Blick nach innen und die Entdeckung der inneren Komplexität? Jede Einfachheit, die wir uns erwerben oder gönnen, konfrontiert uns mit neuer Komplexität. 

Wenn wir nicht nicht wachsen können, heißt das auch, dass wir nicht nicht kreativ sein können. Jeder neue Moment gibt uns die Gelegenheit für eine neue Idee, eine neue Sichtweise, eine neue Erkenntnis. Kreativität ist keine auf Genies beschränkte Sondereigenschaft, sondern ist die Lebenskraft selber, die sich in jedem Wesen, und in besonderer Weise in jedem Menschenwesen äußert. Was unsere Kreativität und damit unser Wachstum zu mehr Komplexität einschränkt, sind Ängste und die damit verbundenen unbewältigten inneren Themen. Wenn uns eine Angst beherrscht, erstarren wir, und wir werden bewegungsunfähig. In solchen Zuständen stagnieren wir und bleiben an dem Punkt stecken, an dem wir uns gerade befinden. Wir drehen uns im Kreis, vor allem, wenn uns die Ängste in den Kopf gestiegen sind und zwanghafte Denkformationen auslösen, die immer nur mehr vom Gleichen produzieren. 

Lösen sich jedoch solche Angstmuster, dann erleben wir die Welt gleich anders und neu, und freuen uns am Wachsen und an der Flexibilität. Dann wollen wir mehr vom Anderen, Überraschenden, Unvorhersehbaren. Dann tauchen wir ein in das Fließen des Lebens, das uns vor immer wieder neue Situationen stellt, uns immer wieder neue Fragen stellt und uns zu immer wieder neuen Antworten anregt. Und überraschender Weise können wir aus solchen flow-Erfahrungen zu einer neuen Einfachheit finden.

Wenn wir auf einer bestimmten Stufe unserer inneren und äußeren Entwicklung einen Zusammenhang von Komplexität gemeistert haben, wenn wir also gelernt haben, souverän damit umzugehen, gewinnen wir ein neues Niveau von Einfachheit, das uns wieder motiviert, neue Situationen der Komplexität aufzusuchen. So wirken wir der Gefahr entgegen, von der Komplexität erstickt und erdrückt zu werden. Der Fluss des Lebens führt uns weiter von ruhigeren zu turbulenteren Strömungen, und wieder weiter zu Phasen des Ausruhens und Integrierens. Wir brauchen uns nur ihm anzuvertrauen, sprich von unseren Ängsten frei zu werden. Dann finden wir die Freude an der Komplexität wieder, die wir als Kinder hatten, als wir unseren Zugang zum Faszinosum dieser Welt mit Begeisterung beschritten haben.

Es lohnt sich, den Mut zu wachsen wirken zu lassen. 

Dienstag, 20. November 2012

Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial?



Eine Variante der Frage nach dem Guten und dem Bösen (vgl. Blogeintrag vom 14.10.2012) ist die, ob der Eigensinn dem Menschen angeboren und innewohnend ist oder ob die eigentlichen Anlagen des Menschen auf Kooperation und Verständigung mit den Mitmenschen angelegt sind.

Manche Menschen vertreten die eine Ansicht, manche die andere – und wieder anderen ist es egal. Ist es von Belang, ob wir „den Menschen“ als selbstsüchtig oder als altruistisch bestimmen oder nur eine rein akademische philosophische Frage? Ist es eine persönliche Grundentscheidung, die wir treffen, wenn wir uns auf das eine oder auf das andere festlegen? Oder hat es damit zu tun, ob wir eher pessimistisch oder optimistisch eingestellt sind? Oder hat es zu tun mit der Art, wie wir unser eigenes Leben wahrnehmen, ob wir uns auf unsere Erfahrungen als Opfer von Egoismen fokussieren oder auf wohltuende soziale Erfahrungen? Prägt es uns in unseren Handlungen, indem wir skrupelloser sind, wenn wir annehmen, dass alle anderen im Grund auch so sind?

Ich denke, dass das Menschenbild, das wir in uns pflegen, Auswirkungen hat auf unsere Einstellungen, unser Handeln und unser Weiterkommen im Leben, vor allem wenn wir das innere Wachstum auch als spirituelle Entwicklung verstehen. Sehen wir uns selber primär als Egoisten, hat das zur Folge, dass jede mitmenschliche Handlung eine Überwindung dieser primären Anlage darstellt. Wir brauchen die Willenskraft, um uns aus den Fesseln dieser Naturanlage zu befreien und schweben immer in der Gefahr, zurückzufallen. Wir müssen uns zum Guten zwingen, während uns das egoistische Handeln ohne Anstrengung und Rücksicht von der Hand geht.

Ich gehe davon aus, dass der Mensch, wie die anderen höheren Säugetiere, von seiner Grundanlage ein soziales Wesen ist, das von vornherein auf das Zusammen- und Überleben in der Gemeinschaft angelegt ist. Dazu brauchen wir dominante soziale Motive, die unser Erleben und Handeln steuern und mit den Menschen um uns herum abstimmen. Viele davon laufen unbewusst ab, wie z.B. das Ablesen der Körpersprache von anderen Menschen. Wir verfügen über Spiegelneurone, die uns laufend mit Informationen versorgen, was in den Menschen um uns herum vorgeht, sodass wir unser Handeln danach ausrichten können.
Unsere Vorfahren, die über Hundertausende von Jahren in einfach aufgebauten Stämmen das Leben weitergegeben haben, hatten überhaupt nicht die Wahl zu überlegen: Na geh ich in einen Stamm und bin da nett zu den Leuten, weil es mir Vorteile bringt, oder bleibe ich lieber für mich. Singlewohnungen waren nicht vorhanden. 

 

Egoismus ist eine Stressreaktion

Diese soziale Grundorientierung wird nur außer Kraft gesetzt, wenn wir in Bedrohungssituationen geraten und mit Angst konfrontiert sind. Dann werden die Fähigkeiten zum "guten Handeln" stillgelegt, wie wir aus der Polyvagaltheorie wissen. Der Stressmodus bedient sich des Sympathicus, und dieser kennt nur die Alternative von Kampf oder Flucht, weil er sich für die Sicherung des Überlebens zuständig fühlt. In diesen Zuständen erleben wir andere Menschen als Einschränkung und Bedrohung, und wir werden egoistisch. Ich muss meine Interessen sichern, sonst gehe ich unter, wie es anderen dabei geht, ist mir egal. Ebenso wissen wir, dass unsere Spiegelneurone nur im entspannten Zustand arbeiten, die uns ermöglichen, mitzuspüren, was in anderen Menschen gerade geschieht.

Wir sind von Natur aus bestens dafür ausgerüstet, uns einfühlend und kooperativ zu verhalten. Wenn wir aber durch fortgesetzte Stresserfahrungen und Traumatisierungen den Zugang zu diesen Fähigkeiten verloren haben, kann uns das egoistische Handeln wie eine Selbstverständlichkeit erscheinen, und das soziale Handeln wird dann abhängig von einer bewussten Willensentscheidung, von Disziplin und fortgesetzter Anstrengung in der Überwindung der „ursprünglichen“, in Wirklichkeit aber angelernten Impulse.

Wenn wir uns jedoch in einem entspannten inneren Gleichgewicht befinden, handeln wir so, wie das klassisch als "gut" bezeichnet wird, weil unsere Impulse von selber in die Richtung gehen, andere zu respektieren und ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen. Wir kommen gar nicht auf die Idee, andere nicht mitzubedenken, wenn wir Entscheidungen treffen.

 

Der Mensch ist ein Bindungswesen

Aus der wissenschaftlich gut abgesicherten Bindungstheorie wissen wir, dass Menschen die Fähigkeiten zum kooperativen und einfühlenden Kommunizieren in den frühesten Phasen der Kindheit erlernen, (wenn nicht schon im Mutterleib). Das Gehirn bildet diese Kompetenzen im Austausch mit den nächsten Bezugspersonen aus. Dazu braucht es ein fein abgestimmtes Klima der liebevollen Wertschätzung. Herrscht durch Stress verursachte Vernachlässigung der sozialen Bedürfnisse des Kindes vor, dann verkümmern nicht nur die Bedürfnisse und entsprechenden Kompetenzen, sondern auch die dafür vorgesehenen Gehirnareale.

Auch von den Spiegelneuronen wissen wir, dass sie Anregung und Spiegelung brauchen, damit sie sich gut entwickeln. Dann gibt es da noch die ganze Geschichte mit der Weitergabe von genetischen Informationen und Mustern (vgl. den Blogeintrag zur Epigenetik vom 18.2.2012). Das sind alles Wege, wie sich egoistische Einstellungen einprägen, bis wir denken, das ist unsere Natur und so sind wir eben. Soziale Einstellungen sind also nicht durch Gene prädeterminiert, sondern werden durch soziale Aktivitäten mehr oder weniger stark ausgebildet. Egoistische Einstellungen sind damit die Folge einer Entwicklungsbehinderung und nicht eine menschliche Grundkonstante.

Sie sind aber auch nicht ein Mangel an Moral. Egoisten können es nicht besser, weil sie es verlernt haben. Der einzige Vorwurf an eingefleischte Egoisten könnte lauten, dass sie sich nicht für die Heilung ihrer Behinderung eingesetzt haben. Denn diese ist möglich, wenn die fehlenden Beziehungserfahrungen in einer wertschätzenden und verständnisvollen Therapie nachgeholt werden.

Es erscheint mir deshalb sehr fraglich, zu behaupten, dass Menschen "von Natur aus" egoistisches bis antisoziales Potenzial mitbringen. Wir bringen das Potenzial mit, unser Leben in Notsituationen zu verteidigen. Das ist aber nicht von vornherein egoistisch oder antisozial. Und dieses Potenzial wird nur in Extremsituationen mobilisiert (oder sollte nur in solchen mobilisiert werden, allerdings erleben wir auf Grund unserer chronischen Stressbelastung sehr viele Gelegenheiten als Bedrohung unseres Überlebens.)

 

Die Erfindung des Egoismus

Die Rede vom "egoistischen Gen" (nach Dawkins) halte ich für unsinnig und voll von ungeprüften Vorannahmen. Sie taugt für nicht mehr als einen reißerischen Buchtitel. Gene wickeln ihr Programm ab je nach aktuellen Anforderungen, und als solche sind sie weder gut noch böse, weder egoistisch noch altruistisch. Die Menschen verfügen allem Anschein nach über sehr starke soziale Motivationen, weil sie nur als Gruppenwesen überleben können. Vieles, was wir als böse bezeichnen, entspringt eigentlich aus solchen sozialen Motiven, wie die Verteidigung der eigenen Gruppe gegen (oft vermeintliche) Feinde.

Der Egoismus ist erst eine recht späte Erfindung der Menschheit. Über Jahrmillionen unserer Urgeschichte war das keine nennenswerte Kategorie und ist nach wie vor bei funktionierenden Stammeskulturen nur ein Randphänomen. Diese könnten gar nicht existieren, wenn der Egoismus vorherrschen würde. Erst die Weiterentwicklung des Bewusstseins in die emanzipatorische Phase hat das Heraustreten des Egos mit sich gebracht. Dieser Bruch mit der Grundsolidarität wurde bewirkt durch eine Zunahme des Stresses und der Bedrohung in den frühen Ackerbaukulturen, verbunden mit Aufrüstung und Kriegen. In solchen Zusammenhängen reagieren die Menschen mit ihren Überlebensprogrammen, die sich auch gegen die Gemeinschaft richten können. Fortan wurde der Egoismus als Alternative verfügbar und auch propagiert.

Verstärkt wurde diese Denkweise durch den Kapitalismus, der uns gelehrt hat, dass jeder schauen muss, wie er auf dem Markt überlebt (materialistisches Bewusstsein). Zu jener Zeit entsteht z.B. der Roman von Robinson - der Einzelkämpfer auf der einsamen Insel. Massenhaft können jetzt Beispiele gefunden werden, die belegen, dass „der Mensch“ egoistisch ist, von uns selber, von unseren Mitmenschen und aus der Geschichte, und dass der Egoismus erfolgreich ist. Aber was belegen Beispiele anderes als die Sichtweise, die wir sowieso schon haben? Aus Beispielen werden wir nie der Wirklichkeit oder dem Wesen des Menschen näher kommen.

Eine Spielart dieser Propaganda finden wir in der Behauptung, altruistisches Verhalten sei im Grunde egoistisch motiviert. Schließlich suche der Altruist nach egoistischem Gewinn in seiner Handlung, wenn er z.B. den Applaus für seine Menschlichkeit genießt. Warum auch nicht soll jemand, der für andere da ist und Gutes tut, für sich eine Genugtuung erfahren? Das heißt noch lange nicht, dass seine primäre Absicht in der Selbstsucht gelegen wäre. Aber wenn ich dem Egoismus verschworen bin, werde ich ihn überall finden.

Erst wenn wir uns aus den vielfältigen Stressnetzen herausschälen, die unsere Lebensgeschichte und unser Alltagsleben in uns hineinverwoben hat, kommen wir unserer "wahren Natur" näher (oder finden wieder zu ihr zurück) und dem, was wir meinen, wenn wir das Wort "Liebe" verwenden.

Vgl. Bewerten im bewertungsfreien Bereich
Das Gute und das Böse