Dienstag, 17. Oktober 2017

Nachhaltigkeit in der Demokratie

Die Entsorgung der Nachhaltigkeit


Soeben wurde in Österreich die einzige Partei, die sich „nachhaltig“ für die Nachhaltigkeit einsetzt, auf demokratischem Weg aus dem Parlament entfernt. Viele Gründe mögen bei diesem Vorgang eine Rolle spielen. Interessant erscheint mir die Frage, warum mit dem Thema „Klimaschutz“ kein Erfolg bei Wahlen möglich ist – und was das für den Klimaschutz bedeutet.

Wie im vorangehenden Blogartikel beschrieben, orientiert sich die Wahlpropaganda stark an den Ängsten der Wähler. Sie sollen sich in ihrer Notlage verstanden und von den Politikern beschützt fühlen. Die meisten Stimmgewinne konnten die Politiker verbuchen, die entweder versprochen haben, alle Zuwanderungsrouten zu sperren oder die Absicht bekundet haben, die schon angekommenen Wirtschaftsflüchtlinge samt und sonders außer Landes zu weisen und den noch verbleibenden „Asylanten“ das Existenzminimum zu halbieren. Die Wähler erhoffen sich, auf solche Weise vor dem Fremden geschützt zu werden und sich hinkünftig sicherer fühlen zu können.

Ein Freund hat zu meinem letzten Blogbeitrag geschrieben: „Eigentlich ein kindliches Verhalten, dass sich wer Anderer um die eigenen Ängste kümmern soll ... So frage ich mich, warum gibt es so wenig Erwachsene?“ Wenn wir Angst haben, regredieren wir, und je irrealer die Angst ist, desto weiter rutschen wir zurück in die Infantilität.

Erwachsen sein heißt nicht nur, Verantwortung für die eigenen Ängste zu übernehmen, sondern auch, die Folgen des eigenen Verhaltens über den Horizont des unmittelbaren Nutzens oder Schadens hinaus abschätzen zu können. Wir alle tragen mit unseren alltäglichen Handlungen dazu bei, dass unserem Planeten in absehbarer Zeit „die Luft ausgeht“ – siehe hier. Die meisten Menschen wissen Bescheid über die vielfältigen Gefahren, die von einer Klimaveränderung ausgeht. Sie wissen auch, welche Handlungen klimaschädlich sind. Aber ähnlich wie ein Raucher, der weiß, dass er sich mit seiner Gewohnheit Krebs einhandeln kann, jedoch den unmittelbaren Genuss und die kurzfristige Entspannung dem Verzicht, der längerfristigen Gewinn verspricht, vorzieht, wollen wir unser Konsumniveau halten und weiter steigen, obwohl klar ist, dass jede Steigerung von Produktion und Konsum langfristig das Tempo der Zerstörung der Lebensgrundlagen steigert.

Unsere inneren Kinder schreien: Wir wollen es jetzt und wir wollen es gleich. Der Erwachsene in uns weiß zwar, dass wir unsere Konsumgewohnheiten ändern sollten, aber er ist auch im Rationalisieren geübt: Warum soll ich anfangen, mein Leben zu ändern? Was bewirkt das schon, wenn ich auf dies oder jenes verzichte? Die anderen sind ja viel schlimmer, ich esse ja schon viel weniger Fleisch als vor Jahren, ich lasse doch ab und zu auch das Auto stehen, ich fliege nicht mehr zweimal im Jahr nach Thailand, während die Chinesen mit ihren Kohlekraftwerken und die Amerikaner mit ihren Klimaanlagen und die Inder mit ihrem Motorisierungsboom…. Schließlich setzt sich in der inneren Landschaft durch, wer am lautesten und am bedürftigsten agiert. Und der Erwachsene beschwichtigt, heute kann ja durchgehen, was eigentlich nicht gut ist, morgen werde ich meine Gewohnheit ändern.


Die Kunst, sich mittels Rationalisierung von der Realität abzukoppeln


Jeder Appell zur Einschränkung und zum Verzicht ist schwer zu verkaufen. Unser Emotionalapparat signalisiert eine Bedrohung: Wir müssten unser Leben ändern, das Leben, in dem wir es uns schon so bequem eingerichtet haben – Haus, Garten, Auto, volle Kühlschränke und Tiefkühltruhen, überquellende Kleiderschränke („ach, ich weiß wirklich nicht, was ich heute anziehen soll…“), jeden Tag eine Überfülle an Wahlmöglichkeiten für den Konsum. Die Warenwelt suggeriert uns Unendlichkeiten: Die Waren fließen scheinbar aus unerschöpflichen Quellen („Warum gibt es heute keine Butterkipferl?“ „Sind schon aus, in einer halben Stunde gibt es neue.“ „Oh je, das dauert mir viel zu lange.“ „Dann nehmen’S doch Butterkroissants.“ „Nein, die sind mir zu bröselig.“). Laufend werden neue Produkte kreiert, die uns das Leben noch genuss- und abwechslungsreicher gestalten, und so soll es weiter gehen, so muss es weitergehen, ins Unendliche hinein, für die Dauer meines Lebens, und das meiner Kinder und Enkelkinder, bis in alle Ewigkeit.

Damit diese Perspektive aufrechterhalten werden kann, muss die Endlichkeit, die sich mehr und mehr in unser Bewusstsein drängen will, ausgesperrt bleiben. Die Routen, auf denen solche Gedanken einsickern wollen, müssen gesperrt werden wie der Balkan und das Mittelmeer für Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge. Wir wollen nicht „dauernd“ daran erinnert werden. Wir wissen ja eh, dass das auch ein Problem ist. Aber das Hemd ist allemal näher als der Rock.

Ein Politiker in dieser emotionalen Landschaft, der den Verzicht auf weiter steigenden Wohlstand, auf stetiges Wirtschaftswachstum zugunsten langfristiger Lebenschancen predigt, muss auf Abwehr stoßen und wird mit Ignoranz bestraft. Der Konkurrent, der mehr verspricht und nur die Steuern und das Sozialsystem bei den Schwächsten einschränken will, kriegt die Zustimmung. Nachhaltigkeit ist nicht demokratiefähig. Parteien, die uns bei der Nase nehmen und uns darauf hinweisen, dass wir Gewohnheiten ändern und Normalitätsvorstellungen adaptieren müssen, die die langfristige Sicherung unserer Existenzgrundlagen über Zuckerl-Genüsse, die uns für einen Moment narkotisieren, stellen, werden versenkt. Das kurzfristige Denken auf infantiler Emotionalgrundlage bekommt die satte Mehrheit. Deren Vertreter können sagen: Das ist der Wählerauftrag: Den steigenden Wohlstand und Konsum bis zur nächsten Wahl abzusichern und zu ignorieren, wie die Welt und ihr Klima in zwanzig oder fünfzig Jahren ausschauen könnte, wenn wir so weitermachen.


Wir können das Klima nur schützen, wenn wir unser Leben ändern


Wir reagieren emotional, wenn wir uns in unserem Eigentum, unserem leiblichen Wohl und unserer Integrität bedroht fühlen und wollen, dass uns der Staat absichert. Auch für den Schutz von manchen Tieren und Tierarten können wir uns emotional engagieren. Da jedoch das Klima keine Person und nicht einmal eine konkret vorstellbare Sache ist, tun wir uns schwer, Emotionen zu entwickeln, die dann unsere Entscheidungen prägen. Es ist leichter, sich von fremd aussehenden Menschen mit unverständlicher Sprache bedroht zu fühlen als vom Anstieg der Temperatur um ein oder zwei Grad. Allenfalls fühlen wir uns von großer Hitze bedroht und schützen uns mittels Klimaanlage und Freibad. Sobald es wieder kühler wird, ist das Bedrohungsgefühl verschwunden. Und nach einem verregneten Sommer wirkt ein neues Narrativ: Der Klimawandel ist ja ganz offensichtlich eine Erfindung von verrückten Wissenschaftlern.

Die Wirklichkeit verläuft nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenn wir einfach so weitermachen, fahren wir früher oder später gegen die Wand. Wir müssten unsere Lebensgewohnheiten ziemlich radikal ändern, um die drastische Verschlechterung der Lebensmöglichkeiten auf unserem Planeten für alle Menschen zu verhindern. Jetzt könnten (und müssten) wir beginnen, unser hohes Niveau an Komfort und Konsumfreiheit langsam zu reduzieren, indem wir unser Leben vereinfachen und unnötigen Verbrauch vermeiden.  Die Unterstützung, die die Politik durch lenkende Maßnahmen dazu beitragen könnte, ist offenbar im Rahmen dieser Demokratie, die stark für emotionale Manipulation anfällig ist, nicht zu bekommen.


Das Hochfahren von Teufelskreisen


Das Flüchtlingsthema, das den vergangenen Wahlkampf über weite Strecken beherrscht hat, ist, bezogen auf die Nachhaltigkeitsfrage, ein Beispiel für eine fehlgeleitete Symptomkur. Es soll bewirkt werden, dass Menschen, statt zu flüchten, dort bleiben, wo sie sind. Durch unsere wohlstandsfixierte Lebensweise sind wir in den reichen Ländern Hauptverursacher für den Klimawandel, den die ärmeren Länder in klimatisch exponierten Zonen besonders belastend abbekommen. Solide Berechnungen ergeben, dass ganze Gebiete in einigen Jahrzehnten nicht mehr bewohnbar sein werden, wo jetzt Millionen von Menschen leben.

Dazu kommt, dass die starre Koppelung von Wohlstand und fossilen Brennstoffen ein wichtiger Mitverursacher, wenn nicht das Wurzelübel all der desaströsen Kriegen im Nahen Osten, einschließlich des daraus entstandenen Terrorismus darstellt. Die Kriegsflüchtlinge, die nach Europa und Nordamerika drängen, flüchten vor den Folgen der Erdölgier der Länder, in die sie wollen. Und wo sonst noch auf der Welt Kriege geführt, Massaker stattfinden, ethnische Säuberungen aufgezwungen werden, die zu massiven Fluchtbewegungen führen, stammen mit großer Wahrscheinlichkeit die todbringenden Waffen aus den Zielländern der Flüchtlingswellen. Und diese stecken die Steuergelder, die aus der Waffenproduktion in die Steuersäckel fließen, in die Errichtung von Barrieren gegen alle, die in die Wohlstandoasen einwandern wollen, um ihr Überleben zu sichern. Sollen die doch bleiben, wo sie sind, solange wir unseren Wohlstand steigern können.

All diese im wahrsten Sinn des Wortes teuflischen Kreise nehmen wir wieder nur als Gelegenheit, kurz und traurig zu nicken und dann den überlasteten Kopf gleich wieder in den vertrauten Sand zu stecken. Jeder, der uns aus dieser Versunkenheit aufschreckt, ist uns zuwider.

Gibt es da noch irgendwo Hoffnung, einen Silberstreifen am düsteren Horizont?

Was die österreichische Politik anbetrifft, können wir wohl die nächsten fünf Jahre abschreiben. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass unpopuläre staatliche Lenkungsmechanismen wie die Erhöhung der Diesel- oder Kerosinbesteuerung ergriffen werden. Fast absurd erscheint die Erwartung, dass eine künftige Regierung Maßnahmen zur Reduktion des Fleischkonsums als eines Hauptfaktors des Klimawandels setzen könnte. Vielmehr steht zu befürchten, dass Leugner des menschengemachten Klimawandels in hohe und höchste Ämter dieser Republik einziehen, um dort nachhaltig abzublocken, was an Nachhaltigkeit erinnert.

Wir sind auf uns selber als Staatsbürger/innen und als Bewohner dieser Erde angewiesen. Wenn wir unsere Gruppen- und Nationalegoismen auf die Menschheit mitsamt den künftigen Generationen und die Natur ausdehnen, können wir die notwendige Motivation für die Verhaltensänderungen, die es braucht, aufbringen. Der Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt schreibt in seinem lesenswerten Buch „Wir können uns ändern“:

„Ferner kann in puncto Normalitätsvorstellungen jeder selbst das bisher Unhinterfragte im eigenen Lebensentwurf zumindest mit einer gewissen Mühe zu hinterfragen beginnen. Und was noch wichtiger ist: andere Lebenspraktiken ausprobieren, mit anderen darüber reden, sich Bündnispartner suchen und sich gegenseitig ein Vorbild sein, sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Hilfreich sein können Allianzen wie Umweltverbände oder Graswurzelinitiativen, die Druck aufbauen, geänderte Lebens- und Wirtschaftsweisen vorleben, positive Visionen … aufzeigen, gleichzeitig aber auch die möglichen katastrophalen Folgen eines Nichthandelns verdeutlichen. Ebenso wichtig ist es, die Verdrängung des schleichenden Wandels von Normalitäten etwa hin zu immer mehr Wohlstand aufzuheben. Ferner spielen konsequent handelnde Vorbilder für Normalitätsvorstellungen eine Rolle, seien es Politiker, Showstars, Unternehmer oder andere öffentlich sichtbare Personen.“ (Seite 114)


Zum Weiterlesen:
Ängste und Wahlverhalten
Erderwärmung lange nach zwölf

Freitag, 13. Oktober 2017

Ängste und das Wahlverhalten

Auch bei der ins Haus stehenden Wahl spielen Ängste eine zentrale Rolle. Die drei stärksten Parteien streiten darum, wer mehr auf die Ängste vieler Menschen vor den Fremden, Ausländern, Asylanten, Flüchtlingen usw. hört und wer besser dagegen Abhilfe schaffen kann. Die meisten Wähler werden sich offensichtlich nach diesen emotionalen Motiven entscheiden: Wer schützt mich mehr vor den vielen fremden Menschen, die mir Angst machen?

Und dann gibt es Wähler, die haben Angst, dass die Angstmacher an die Macht kommen, und wählen deshalb die Parteien, die gegen die Angstmacher sind. Also auch hier spielen Angstmotive eine zentrale Rolle im Wahlverhalten.

Populismus wird häufig so erklärt, dass der Populist Ängste schürt und die eigene Politik dann als Abhilfe vor diesen zuvor produzierten Ängsten verkauft, ähnlich einem Versicherungsmakler, der mögliche Katastrophen an die Wand malt, damit er einen möglichst hohen Versicherungsvertrag abschließen kann. Eine solche Masche ist relativ leicht zu durchschauen. Wieso aber bekommen die Populisten immer mehr Zulauf, wenn zugleich der Wohlstand steigt und steigt, die Sicherheitslage objektiv besser wird, der Bildungsgrad in allen Schichten angehoben wird und das Sozialsystem laufend weiter ausgebaut wird? Folgen die Menschen blind ihren Rattenfängern?

Vielleicht verhält es sich so: Menschen haben im Allgemeinen immer vor etwas Angst, da es so vieles gibt, was unsicher ist. Je komplexer die Welt wird, in der wir leben – und sie wird laufend komplexer, und wir alle arbeiten und konsumieren dafür –, desto mehr Risiken und Gefahrenquellen tun sich auf. Wer ein Smartphone sein Eigen nennt, hat das Risiko, dass es kaputt geht. Ich frage mich z.B. manchmal, was ein Fluggast macht, der seine Boarding-Karte auf dem Handy hat, wenn sein Gerät eingeht, bevor er ins Flugzeug kommt. Dieses Risiko hat es vor der Einführung von elektronischen Tickets nicht gegeben. Ein massiveres, recht unheimliches Thema ist die Frage, welche Auswirkungen die Einführung von komplexen Maschinen (Robotern) auf das Arbeitsleben haben wird – welche Jobs werden da übrig bleiben? Noch drastischer ist die Ungewissheit, wie sich der stetige Wandel des Klimas auf die elementaren Lebensverhältnisse der Menschheit auswirken wird.

All diese und noch viel mehr andere Unsicherheiten sind Quellen von Ängsten. Wir wissen vieles nicht, was unsere Zukunft anbetrifft, und all das ist Anlass für Besorgnis. Warum also sollten diese Ängste nicht in die Wahlentscheidung einfließen? Und da die Welt nicht überschaubarer oder kalkulierbarer wird, ist es wahrscheinlicher, dass Wahlen immer mehr von Ängsten dominiert werden, ob sie nun manipulativ erzeugt und verstärkt wurden oder nicht.

Wir wissen, dass Ängste nicht naturgesetzmäßig durch komplizierte äußere Bedingungen hervorgerufen werden. Wir „müssen“ also nicht Angst kriegen angesichts der Unübersichtlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung. Wir können auch den Moment wahrnehmen und darauf vertrauen, dass uns der nächste Schritt im Leben die Lösung für das Problem zeigt, das uns jetzt gerade plagt. Wir können die Wurzeln unserer Ängste erforschen und befrieden und auf diese Weise immer mehr Gelassenheit und Achtsamkeit kultivieren. Wir haben diese Optionen, sie erfordern aber auch unser Engagement und unseren Mut. Wir müssen den Hang zu Gewohnheiten und Bequemlichkeiten überwinden, denn selbst und gerade mit halbbewussten Ängsten lässt es sich ganz angenehm leben.

Alle hingegen, die diese Option nicht wählen, bleiben weniger Marionetten der Politiker, die ihre Ängste für die eigenen Machtzwecke ausnutzen, als viel mehr noch Marionetten ihrer inneren Grenzen, in denen die Ängste genährt, wenn nicht sogar gemästet werden.

Vielleicht liegt das „Gute“ (im Sinn der Bewusstseinsevolution) am Erfolg der Populisten darin, dass sie irrationale Ängste, Zorn, Hass in den Diskurs einbringen, Gefühle, die bislang keine Stimme hatten, obwohl sie in den Tiefenschichten vieler Menschen angelegt sind. Es macht keinen Sinn, mit Statistiken zu belegen, dass die Angst vor Ausländern unberechtigt ist; der Ängstliche will in seiner Angst gesehen und verstanden werden. So weit, so gut. Der nächste Schritt ist entscheidend: Erwächst aus dem Verständnis der Ängste eine Botschaft, die zur eigenen Kraft ermutigt oder eine, die zum Abtreten der Eigenmacht auffordert? Heißt es also im Diskurs: Ja, ich verstehe die Angst und ich vertraue, dass wir Lösungen finden, um die Ängste zu verringern – oder: Ja, ich verstehe die Angst, und du musst mir vertrauen, dass ich die Ursachen deiner Ängste beseitige.

Aus Ängsten kann Kraft und Autonomie erwachsen. Wir müssen dazu unsere Ängste ernstnehmen, in uns selbst und mit-einander, und sie in uns annehmen. Dann bestimmen sie nicht mehr unsere Entscheidungen und Handlungen. An die Stelle von Ängsten tritt die Freiheit, die uns erlaubt, unsere Menschlichkeit und Liebesfähigkeit zu erweitern und zu vertiefen.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Emotionale Erpressung und der Ausweg

Die US-Psychologin Susan Forward hat den Begriff der emotionalen Erpressung geprägt, um ein Muster dysfunktionaler Beziehungen zu beschreiben, in dem die eine Person versucht, das Verhalten der anderen durch das Ansprechen von Ängsten und durch die Erzeugung von Schuldgefühlen zu kontrollieren, um auf diese Weise den eigenen Willen durchzusetzen.

Emotionale Erpressung kommt in allen Formen von Beziehungen vor: in Liebesbeziehungen ebenso wie in Arbeitsverhältnissen, in Eltern-Kind-Beziehungen, Freundschaften usw. Auch wenn es zunächst so ausschaut, als wäre der Erpresser der Bösewicht, funktioniert emotionale Erpressung nur, wenn das Opfer mitspielt. Bei beiden Seiten sind es frühkindliche Erfahrungen, die die jeweiligen Verhaltensweisen prägen, also nur in den seltensten Fällen ist es einem Erpresser bewusst, was er macht, vielmehr nimmt er an, dass er gar keine andere Wahl hat, als Druck auszuüben. Ebenso meint das Opfer, dass es keine andere Möglichkeit hat, als dem Druck nachzugeben, um Schlimmeres zu verhindern.

Vier Typen von emotionalen Erpressern


Der Bestrafer
: Er lässt sein Opfer genau wissen, was er will und mit welchen Konsequenzen es zu rechnen hat, wenn es sich nicht fügt. Er kann seine Rolle aggressiv oder still und verschlossen vor sich hin brütend ausüben, doch ist die Wut, wenn die eigenen Forderungen nicht erfüllt werden, direkt auf das Opfer gerichtet.
Der Selbstbestrafer: Er richtet seine Drohungen gegen sich selbst und malt seinem Opfer aus, was er sich alles antun wird, wenn er nicht bekommt, was er will. 

Der Leidende: Er besitzt ein Talent für Schuldzuweisungen und für das Erzeugen von Schuldgefühlen. Er verlangt von seinem Opfer, dass es herausfindet, was er will. Er geht davon aus, dass immer der andere dafür sorgen muss, dass die eigenen Wünsche erfüllt werden.
Der Verführer: Er stellt seinen Beziehungspartner vor Tests und verspricht ihm etwas Wunderbares, wenn er die Aufgaben besteht.

Allen Typen gemeinsam ist die Vorgangsweise, bei der Durchsetzung eigener Bedürfnisse mit Konditionalsätzen zu arbeiten: Wenn du A nicht tust, wird B passieren. Oder: Nur wenn du A tust, wird C passieren. Mit Bedingungen wird der Handlungsspielraum der anderen Person eingeengt, sie hat nur die Möglichkeit, zuzustimmen oder abzulehnen.

Sechs typische Phasen der emotionalen Erpressung


1. Forderung
Ein Beziehungspartner äußert einen Wunsch, von dem er nicht abweicht und dessen Erfüllung er unbedingt erreichen will. Damit wird der Wunsch zu einer Forderung. Meistens wird der Wunsch so dargestellt, dass er auch dem Beziehungspartner entgegenkommt und für die Beziehung unabdingbar ist.

2. Widerstand
Der andere Beziehungspartner reagiert mit Widerstand, weil er sich überrumpelt, übergangen oder missachtet fühlt.

3. Druck
Der erpressende Beziehungspartner erhöht den Druck, indem er z.B. immer wieder mit dem Thema anfängt und darauf insistiert, dass der eigene Wunsch erfüllt werden muss. Es kann zu Abwertungen kommen wie: „Was bist du für ein egoistischer Partner“. Unbewusst wird gehofft, dass damit im Partner Schuldgefühle erweckt werden können, die diesen zur Erfüllung der eigenen Forderung motivieren. Eine weitere Strategie besteht darin, den Partner mit anderen Personen zu vergleichen, die so agieren, wie es der Erpresser von seinem Opfer verlangt, oder die die gleichen Werte und Ziele wie der Erpresser vertreten.

4. Drohungen
Wenn der Widerstand im Sinn des Nicht-Eingehens auf die Forderung weiter besteht, werden Konsequenzen angedroht. Drastisch wird ausgemalt, was passieren könnte, wenn der Wunsch, der zur Forderung geworden ist, nicht erfüllt wird.

5. Unterwerfung
Manche Partner reagieren dann mit Nachgeben, bleiben aber dann in einem häufig unbewussten Ressentiment. Sie nehmen ihre Willenskraft zurück, um Frieden in der Partnerschaft zu haben. Allerdings ist dieser brüchig.

6. Wiederholung
Nach dem Erfolg gibt der erpressende Beziehungspartner Ruhe, und der andere freut sich über die Harmonie, obwohl ein unterschwellig ungutes Gefühl bleibt. Der Erpresser hat gesehen, wie er seine Ziele durchsetzen kann. Sein Partner hat verstanden, wie das Muster aus Forderung, Druck und Drohung schnell beendet werden kann: Durch Unterwerfung und Aufgeben. Damit ist der Wiederholung Tür und Tor geöffnet.

Die emotionale Atmosphäre


Jeder Mensch kennt die emotionalen Zustände von Angst, Verpflichtung und Schuld. Wir haben die unterschiedlichsten Ängste, die aber im Kern mit Beziehungen zu tun haben, weil wir als kleine Kinder von Beziehungen abhängig waren und Ängste entwickelt haben, die uns davor warnen sollten, dass wir diese Beziehungen aufs Spiel setzen. Daraus entwickelt sich später das Pflichtbewusstsein, das seine konstruktiven Seiten hat, weil wir für die Menschen in unserer Umgebung Verantwortung übernehmen müssen. Schuldgefühle erinnern uns an Fehler, die uns unterlaufen sind, an Situationen, die wir gerne rückgängig machen würden.

Im Allgemeinen können wir mit diesen Gefühlen gut umgehen, doch im Fall der emotionalen Erpressung werden diese Gefühle in den Dienst des Beziehungsstreites gestellt. Forward schreibt: „Erpresser drehen die Lautstärke hoch, dröhnen ihr Opfer so zu, dass es wider besseren Wissens fast zu allem bereit ist, um diese Gefühle wieder auf ein normales Maß zurückzuschrauben, so unwohl fühlt es sich. Ihr Nebel aus Angst, Pflicht- und Schuldgefühlen löst Reaktionen aus, die fast so automatisch sind wie das Zuhalten der Ohren mit den Händen, sobald eine Sirene kreischt. Das Opfer hat wenig Gelegenheit nachzudenken und vermag nur zu reagieren – darin liegt der Schlüssel wirkungsvoller emotionaler Erpressung. Wenn Erpresser ihr Opfer unter Druck setzen, dann ist zwischen dem Auftreten des Gefühls von Unbehagen und dem Erleichterung schaffenden Handeln praktisch keine Pause.
Auch wenn es sich nur so anhört, als handle es sich um einen gut durchdachten Prozess, schaffen die meisten Erpresser den Nebel aus Angst, Pflicht- und Schuldgefühlen doch, ohne dass es ihnen selbst bewusst wird.“ (S. 58) 

Anmerkung: Im englischen Original ergeben die Anfangsbuchstaben von fear, obligation und guilt das Wort „fog“.

Wie Erpresser mit Ängsten arbeiten:
Tu die Dinge so, wie ich es will, und ich werde dich nicht verlassen, dich nicht abwerten, dich nicht anschreien, usw. (S. 59)

Sätze, die das Pflichtgefühl ansprechen:
•    Eine gute Tochter sollte Zeit mit ihrer Mutter verbringen.
•    Ich arbeite Tag und Nacht für diese Familie, und das Geringste, was ich von dir erwarten kann, ist, dass du da bist, wenn ich nach Hause komme.
•    Ehre deinen Vater (und gehorche!).
•    Der Chef hat immer Recht. (S. 66)

Ein Beispiel für die Schuldgefühl-Dynamik:
1.    Ich teile einer Freundin mit, dass ich heute Abend nicht mit ihr ins Kino gehen kann.
2.    Sie regt sich auf.
3.    Ich fühle mich schrecklich und bin davon überzeugt, dass es meine Schuld ist, dass sie sich aufregt. Ich fühle mich als schlechter Mensch.
4.    Ich sage meine anderen Verabredungen ab, damit wir zusammen ins Kino gehen können. Sie fühlt sich besser, und ich fühle mich besser, weil sie sich besser fühlt. (S. 72)

Emotionale Erpressung beenden


Das Erpressungsopfer muss in sich den Nebel aus Angst, Verpflichtung und Schuld auflösen. Im Lauf der Kindheit sind diese Gefühlsmuster als Überlebensstrategien entstanden; im Erwachsenenalter führen sie in die Erpressungsfalle. Wenn an die Stelle der Ängste die Kraft der Selbstbehauptung tritt, wenn Pflichtbewusstsein durch Verantwortung und Schuldgefühle durch Selbstannahme ersetzt werden, wenn also der erwachsene Realitätssinn die Oberhand über die Gefühlsmuster aus der Kindheit gewinnt, hat der Erpresser keine Chance mehr. Entweder gibt er seine Strategie auf oder das Opfer beendet die Beziehung.

Literatur: Susan Forward, Donna Frazier: Emotionale Erpressung. Wenn andere mit Gefühlen drohen. München: Goldmann Verlag 2000

Samstag, 7. Oktober 2017

Bewerten: Anmaßung und Beziehungsstörung

Bewertungen schlagen einen Keil in den Beziehungsraum, schreibt Annette Kaiser in ihrem Buch: Erwachende Seele. Die zwölf Phasen des Gebets (München: Kösel 2010). Immer wieder sind wir verletzt, wenn wir von nahestehenden Menschen abgewertet werden. Immer wieder verfallen wir selbst ins Bewerten, wenn wir uns über etwas oder jemanden ärgern, und richten damit in den Beziehungsräumen Schaden an.

Wenn ich eine andere Person oder ihr Verhalten bewerte, stelle ich mich über sie. Ich gebe vor, dass ich über einen Maßstab verfüge, an dem ich Menschen abmesse, und lege diesen Maßstab an, wie ein Schneider an den Anzugsstoff. Ich will über die Messung feststellen, ob die andere Person zu meinen Kriterien passt. Das ist grundsätzlich nicht falsch und etwas, das wir die ganze Zeit automatisiert machen: Was passt zu uns, was unterscheidet sich von uns, was gefällt uns, was nicht, wer ist uns sympathisch, vor wem müssen wir uns in Acht nehmen usw. Diese unbewusst fortwährend ablaufenden Bewertungen dienen ja dazu, dass wir uns in der unübersehbaren Vielgestaltigkeit der Welt zurechtfinden.

Wenn wir die Bewertungen auf die bewusste Ebene bringen und sie in die Kommunikation einbringen, gilt es, ethisch mit ihnen umzugehen. Wir müssen uns klarmachen, dass sowohl unsere Maßstab als auch die Kriterien, der er abbildet, aus unseren eigenen Normen von richtig und falsch abgeleitet sind. Wir nehmen an, dass unsere eigenen Maßstäbe und Kriterien richtig sind und dass sie andere notwendiger Weise und zu ihrem besten Nutzen übernehmen sollten und dass mit ihnen etwas falsch ist, wenn sie das nicht tun.

In der Bewertung gebe ich also vor, eine übergeordnete objektive Position einnehmen zu können, von der ich auf andere herunterschauen kann, die an einem objektiv auffälligen Mangel leiden, nämlich dass sie meine objektiv überlegenen Standards nicht teilen. Mit der Bewertung will ich erreichen, dass sie auf diesen Mangel aufmerksam werden und gebe ihnen die Chance, den „besseren“ Standard zu übernehmen. Dann kann ich von meiner Bewertung lassen; im anderen Fall muss ich sie aufrechterhalten, bis bei der anderen Person eine Besserung, eine Veränderung in meine Richtung eingetreten ist. 


Die Überheblichkeit im Bewerten


Als Bewerter bin ich von der Überzeugung getragen, dass ich der anderen Person etwas Gutes tue, wenn ich sie bewerte, weil ich meine, ich müsse sie auf ihrem Irrtum, der ihr ja schadet, aufmerksam machen. Wenn sie meine Standards übernähme, würde sie von diesem Irrtum genesen, ein besserer Mensch werden –  und mir mein Leben leichter machen.

Das Ego mischt sich beim Bewerter also mehrfach ein: Zum einen will es im ethischen und kognitiven Sinn besser sein als die bewertete Person. Zum zweiten will es vermeintlich Gutes für die Adressatin der Bewertung und zum dritten möchte es ein eigenes Problem aus der Welt schaffen, an dem es leidet, das es sich aber nicht anschauen möchte. Für das Ego ist es immer die Patentlösung, dass andere sich ändern, wenn es Probleme mit ihnen hat.


Die Seite des Empfangens


Aus der Sicht des Empfängers der Bewertung betrachtet, schaut das Bild naturgemäß anders aus. Nur wenn die emotionale Schwingung, mit der die Bewertung ausgesprochen wird, wertschätzend und annehmend ist, also wenn die Bewertung im Rahmen einer gleichrangigen Beziehung ohne Involvierung des Egos geäußert wird, wird sie der Empfänger als Hilfe und Unterstützung annehmen können. Sobald sich auf der emotionalen Ebene Überheblichkeit und Besserwisserei oder sogar aggressive Ablehnung dazumischt, wird die Bewertung als verletzend und beleidigend empfunden. Die Kommunikation erleidet eine Störung und Belastung, und der Beziehungsraum wird in Mitleidenschaft gezogen.

Bewertungen können also schnell zu kommunikativen Waffen werden, mit denen wir andere Menschen in Frage stellen und sie auf diese Weise in ihrem Existenzrecht bedrohen. Sie dienen uns dazu, uns anzumaßen, über andere Macht auszuüben, nämlich die Macht, Wert zu- oder abzusprechen. Eine ethische Einstellung zu anderen Menschen beginnt mit dem Anerkennen des individuellen Wertes jedes Menschen. Das ist die Grundlage für zwischenmenschlichen Respekt: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Niemand kann mehr Wert für sich beanspruchen als jemand anderer. Nur wenn diese Ebene sicher und von Vertrauen getragen ist, macht es Sinn, andere Menschen auf ihre Schwächen und Fehler aufmerksam zu machen.


Das ökonomische Werten


Hier trennt sich die ethische von der ökonomischen Einstellung. In der letzteren hat alles einen unterschiedlichen Wert, Dinge sowieso, deren Wert in einem Preis berechnet wird, und Menschen ebenfalls, die mittels der unterschiedlichen Verfügung über Dinge (messbar an der Menge an Geld und Sachwerten, die die betreffende Person besitzt) auf einer unendlichen Skala voneinander unterschieden sind. Für US-Amerikaner ist ihr Jahreseinkommen Teil ihrer Identität. Der ökonomische Wert kann in Zahlen ausgedrückt werden und ist damit eindeutig fixiert. Er wird vom Markt bestimmt und ändert sich gemäß Angebot und Nachfrage.

Auf der ethischen Ebene hingegen lassen sich die Menschen nicht quantitativ (=messbar) voneinander unterscheiden, sondern qualitativ. Diese Unterschiede können nicht mit einer Messlatte verglichen werden, weil jeder Mensch einen eigenen Maßstab bräuchte. Qualitative Unterschiede können nicht eindeutig bewertet werden, wir können sie nur differenziert beschreiben, wie wir die Unterschiede zwischen den Blättern eines Baumes oder den Blüten einer Pflanze verbal oder zeichnerisch darstellen können, aber nicht in Zahlenverhältnissen. Menschen sind unausschöpflich und unausdeutbar, unbegrenzt und unendlich individuell im Sinn von einzigartig. Deshalb gibt es keine ethisch vertretbare Rangfolgen unter den Menschen, keine Rankings, sondern eine grundsätzliche Gleichbewertung der jeweiligen Individualität.

Auf der ethischen Ebene wissen wir, dass die menschliche Gemeinschaft nur auf dieser Grundlage existieren kann, dass sie somit auch die Basis für jede Form von Ökonomie darstellt. Menschliche Gesellschaften können nur einen begrenzten Rahmen von Ungleichheit und Ausgrenzung erlauben, sonst brechen sie zusammen. Und das Bestreben nach Wertgleichheit unter den Menschen wird immer ein mächtiger Impuls zur gesellschaftlichen Änderung sein. Denn im Grund leiden alle Mitglieder der Gesellschaft an bestehenden Ungleichheiten, die auf Abwertungen von Menschen gegründet sind. Die Kerben, die sich durch die Gesellschaft ziehen, betreffen alle, ob sie auf der einen oder auf der anderen Seite stehen. 


Zum Ursprung des Bewertens


Wir verstehen und erkennen leicht, dass das Bewerten ein Reflex ist, der aus unserer Kindheit stammt. Eltern sind oft der Meinung, dass sie ihre Kinder in eine bestimmte Richtung erziehen müssen, die sie für richtig und förderlich erachten, und versuchen das innere Wachstum ihrer Sprösslinge mit positiven wie negativen Bewertungen auf diesen Weg zu lenken. Kleine Kinder nehmen grundsätzlich an, dass die Eltern mit ihren Ansichten und Strategien Recht haben, obwohl sie spüren, dass sie in ihrem Sein und Werden beschnitten werden.

Üblicherweise tun wir unseren Mitmenschen das an, was uns als Kindern angetan wurde, zu einem Zeitpunkt, als wir uns nicht wehren konnten, sodass wir damals schon den unbewussten Glauben entwickelten, dass es normal und sinnvoll ist, andere Menschen abzuwerten. Sobald wir als Erwachsene irgendwie in die Enge kommen und uns etwas Angst bereitet, haben wir die Strategie des Abwertens bei der Hand, um uns zu schützen. Das ist der einfache psychologische Mechanismus hinter der Gewohnheit des Abwertens, den wir erst außer Kraft setzen können, wenn wir uns den Ängsten stellen, die wir als Kind erlebt haben, wenn uns die Erwachsenen abwertend und abschätzig behandelt haben, am besten in der Gegenwart von einer Person, die uns bewertungsfrei und akzeptierend begegnet.


Zum Weiterlesen: Bewerten im bewertungsfreien Raum

Samstag, 30. September 2017

Hat die Vernunft eine Zukunft?

Wir leben in einer ins Unermessliche wachsenden Informationswelt und sehen uns der Überfülle an Wissen und Meinungen ausgesetzt, sodass wir nichts mehr wie Orientierung und Ordnungsgesichtspunkte brauchen, um uns nicht zu verlieren. Verschiedene Deutungsmächte, die um die Vorherrschaft buhlen, bietet ihre Dienste an, zumeist nicht uneigennützig.

In gewisser Weise erinnert die Situation an das Szenario des europäischen Mittelalters, in dem es das Meinungsmonopol der Kirche gab, die alles, was sich an abweichenden Gedanken am Rande rührte, mit aller Macht unterdrückte. Die Aufklärung machte Schluss mit diesem Machtmonopol und propagierte die Glaubens- und Meinungsfreiheit. Die Wissenschaften etablierten sich statt der Religion als oberste Instanzen der Wirklichkeitsdeutung, auf der Grundlage von nachvollziehbaren und kommunizierbaren Wegen der Erkenntnisgewinnung. Der Anspruch der Wissenschaften, objektives Wissen über die Wirklichkeit anbieten zu können, bot Sicherheit angesichts der schwindenden Deutungsmacht der religiösen Instanzen. Unterstützt wurde dieser Erfolg der Wissenschaften durch die Technik, die ihre Einsichten in alle Arten von Maschinen umsetzte, die in vielen Belangen das Leben der Menschen erleichtern. Die Wissenschaften bieten gültiges Wissen an, weil sie die Erzeugung brauchbare Güter ermöglichen.

Das ist das Credo der Moderne: Wir brauchen uns nur auf die Wissenschaften zu verlassen, dann kann es nur besser und besser werden. So unterschiedliche Geister wie Karl Marx und Auguste Comte waren sich einig im Vertrauen auf die Wissenschaften.

Inzwischen haben allerdings auch die Wissenschaften an Vertrauen verloren, so wie die Moderne insgesamt. Die Ambivalenz der technologischen Entwicklung hat zur Entstehung neuer Ängste beigetragen. Dort, wo uns das Leben leichter gemacht wird, richten wir ungeahnte Schäden an. Wir freuen uns über die Bewegungsfreiheit durch Autos und Flugzeuge, merken aber mehr und mehr, wie der Einfluss auf das Klima, das wir durch die Nutzung dieser Fortbewegungsformen herbeiführen, unsere Lebensqualität bedrohen kann. Durch die Technisierung der Landwirtschaft haben wir mehr als genug zu essen und haben dennoch den Eindruck, dass wir mehr Gifte als gesunde Nährstoffe zu uns nehmen. Offenbar halten sich Gewinne und Verluste in Hinblick auf die technischen Errungenschaften die Waage, oder, je nach Betrachtungsweise, wird gar alles in Summe schlechter und schlechter, je mehr wir den Weg der Technisierung unseres Lebens gehen.

Die Ernüchterung über die furchterregenden Kehrseiten des technischen Fortschritts hat auch zur Relativierung der wissenschaftlichen Autorität geführt. Es ist längst nicht mehr peinlich, wenn Leute ohne wissenschaftliche Ausbildung und Forschungspraxis die Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien in Bausch und Bogen ablehnen und gegen andere Forschungen ausspielen, die der eigenen Ideologie entsprechen. Durch die Allverfügbarkeit von Information gelingt es leicht, Unseriöses als seriös darzustellen, sorgfältige und integre wissenschaftliche Arbeiten zu diskreditieren, indem gegenläufige Ansichten als wissenschaftlich ausgegeben werden, oft ohne, dass Quellen genannt werden, und wenn, dass sich diese Quellen als unwissenschaftlich herausstellen. Nur macht sich selten jemand die Mühe, den Hintergrund von Behauptungen auszuleuchten, und wir sind im postfaktischen „Zeitalter“ gelandet, in dem Fakt und Fiktion ununterscheidbar geworden sind.


Verlust der rationalen Öffentlichkeit


Unterstützt wurde diese Entwicklung durch den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, der seit dem Erscheinen des Buches von Jürgen Habermas im Jahr 1962 dramatische Wendungen vollzogen hat. Es scheint, dass sich im Gegenzug zur Allverbreitung von Information die Deutungsräume sukzessive verengt und fragmentiert haben. Während nahezu das gesamte Wissen der Menschheit allgemein zugänglich ist (vorausgesetzt es gibt einen Internet-Zugang), werden die Foren für die Auswahl und Interpretation der Informationsfülle immer kleinräumiger.

In einem lesenswerten Interview sagt der Philosoph Achill Mbembe: „An die Stelle der Öffentlichkeiten sind mittlerweile Binnengemeinden getreten, Empörungsgemeinschaften von Menschen, die genau dasselbe fühlen und denken; Argumente, rationales Für und Wider, Abwägen dergleichen, das alles verschwindet und wird preisgegeben zugunsten von Gefühlsräumen, wo wir alle nur das suchen, was wir alle ohnehin schon kennen.“

Wenn dieser Befund zutrifft, erfolgt die Verwaltung und Steuerung der öffentlichen Meinung dann konsequenterweise über die Erzeugung von Gefühlsfeldern, über die die überforderten Individuen und Kleingruppen unterhalb der kognitiven Schwelle erreicht werden. Auf dieser Ebene können die fingierten Fakten so eingestreut werden, dass sie bestehende Ängste und Vorurteile verstärken und stereotype Lösungen suggerieren. Die Gefühlsblasen von Gleichgesinnten, die sich auf der Ebene von unbewussten Ängsten zusammenfinden, bräuchten als Korrektiv rationale Diskurse, in denen das Abwägen und Vergleichen von Argumenten stattfindet und eine offene und tolerante Gesprächskultur herrscht. Solche Austauschprozesse können zeigen, dass unterschiedliche Einschätzungen und Meinungen nebeneinander stehen können, ohne dass Brücken abgebrochen werden müssen, dass es vielmehr Überschneidungen gibt, dass gemeinsame Interessen identifiziert und unterschiedliche Bewertungen stehen gelassen werden können.


Die Weiterführung der Aufklärung ist für die Menschheit überlebenswichtig


Gelänge es, die Gefühlslagen, die in den diversen emotionalisierten Meinungsräumen entstanden sind, in die Rationalität von diskursiven Öffentlichkeiten einzubringen, könnte die Demokratie zu neuer Blüte gelangen. Denn die Menschen, die sich offensichtlich in unterschiedlicher Weise emotional instrumentalisieren lassen, sind nicht dumm oder borniert; sie haben nur das Vertrauen verloren (oder nie gehabt), dass rationale Gespräche in einer wertschätzenden Atmosphäre dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen, und zwar einem Fortschritt, der alle Teilhaber an der Gesellschaft mitberücksichtigt und deren Gefühlslage miteinschließt.

Ein solcher Fortschritt kann allerdings nicht aufgrund von Gefühlspolitik erreicht werden, wie des bisherige Scheitern der Trump-Administration in fast allen Belangen eindrucksvoll belegt. Nur auf rationaler Ebene wird einsichtig, dass aus unterschiedlichen Interessenslagen (die aus unterschiedlichen Gefühlsprioritäten entstehen), gemeinsame Lösungswege entwickelt werden können. Erst, wenn die Mühen des Dialogs und des Interessens- und Werteaustausches in einer konstruktiven Weise stattgefunden haben, zeigt sich dann die Rückwirkung auf die Gefühlswelten, in denen ein tieferes Vertrauen in das Ganze einer Gesellschaft wachsen kann, das mit jeder Isolation von voreinander abgeschotteten und sich permanent selbst bestätigenden Hassinseln unweigerlich ausgedünnt wird.

Nur die Weiterführung des Projekts der Aufklärung, die Menschheit durch gemeinsame Vernunftarbeit zu einer vertrauensstärkenden und gerechten Willensbildung zu motivieren, wirkt als Gegenmittel zur Entmachtung der Vernunft, die eine Selbstentmachtung der Menschheit darstellt. Haben wir den Mut, immer wieder zu argumentieren, wo nur Gefühle sind, und Gefühle anzusprechen, wo nur rational argumentiert wird, und dies in einer Atmosphäre der Offenheit und des Respekts.

Dort, wo rationale, mit emotionaler Kompetenz geführt Diskurse die Menschen zusammenführen, halten die Wissenschaften ihren gebührenden Rang als unbestechliche und uneigennützige Ergründer der Wirklichkeit. Die Selbstkontrolle und Selbstkritik, die innerhalb der Wissenschaften etabliert ist, bedient sich der gleichen Grundsätze wie sie im gesellschaftlichen Diskurs notwendig sind. Das Vertrauen in die Wissenschaften kann allerdings nur dadurch wieder hergestellt werden, dass die Anwendungen wissenschaftlicher Forschungen im Sinn ihrer technischen Umsetzungen vom gesellschaftlichen Diskurs überwacht und kontrolliert werden müssen.

Die theoretische Vernunft, auf die sich die Wissenschaften stützen, kann den Stellenwert ihrer Wirklichkeitserkenntnis nur von einem funktionierenden sozialen Diskurs erhalten; die soziale Willensbildung kann allerdings ihrerseits nur mit dem Rückhalt der von den Wissenschaften gewährleisteten Qualität an Wissen zukunftsträchtige und sozial gerechte Regelungen aufstellen.

Burka-lose Integration

Am 1. Oktober tritt in Österreich das Burka-Verhüllungsverbot in Kraft, ein weiterer Meilenstein für die Integrationspolitik unseres bisher schon so erfolgreichen Integrationsministers, der sich allerdings längst zu höheren Weihen berufen fühlt und hoffentlich bald an den Schalthebeln der Macht angelangt sein wird, womit nach der Wahl die schwierige Suche nach einem angemessenen Nachfolger zu einem innenpolitischen Hauptproblem werden wird.

Da wir ab jetzt sicher sein können, dass keine ganzkörperverschleierten Bankräuber und Bankräuberinnen, Terroristen und Terroristinnen ihr Unwesen treiben, können wir unser Integrationsgefühl verstärken. Wir wissen immer, wen wir vor uns haben – am unverschleierten Gesicht können wir ablesen, ob es sich um ein integriertes oder um ein fremdes, Unwesen treibendes Wesen (=Alien) handelt. Niemand mehr und nichts bleibt verborgen, alles kommt jetzt ans Licht. Jeder muss in der Öffentlichkeit zu seinem Gesicht stehen, sodass wir sofort entscheiden können, ob jemand heimisch oder fremd ist, d.h. integrierbar oder nicht.

Hier beginnt nämlich die wirkliche Integrationspolitik: Integriert werden die, die schon immer da gewesen sind, die Hofers, Mayers, Müllers, Kurze und Kerne, und mittlerweile auch die schon von Georg Kreisler weiland besungenen Vondraks, Vortels, Viplaschils (in der Telefonbuchpolka), und vielleicht sogar die Kolarics, die vor Jahrzehnten noch als Tschuschn ausgegrenzt waren, sofern sie brav integrationswillig und ausländerfeindlich wählen. Integrieren heißt, die gemeinsamen heimischen, um nicht zu sagen völkischen Werte, Sitten und Gebräuche zu vertiefen und von allen nicht heimischen zu unterscheiden. Diese Integration muss vertieft werden, damit klar wird, wer dazugehört und wer draußen bleiben muss und damit die, die dazu gehören, gleicher werden und sich die Gräben zwischen Innen und Außen noch mehr vertiefen.

Und damit beginnt die wirkliche Willkommenspolitik: Willkommen geheißen werden alle, die schon längst und immer da gewesen sind, die sich schon längst und immer angepasst haben, die sich vorbehaltlos zur Wertegemeinschaft bekennen und den Zungenschlag des Österreichischen perfekt beherrschen. Alle, die da nicht dazugehören, kriegen großzügig ihre Auffanglager weit weg jenseits der Grenzen und werden dort für immer willkommen geheißen. So können wir unter uns bleiben, integriert und willkommen, und nicht belästigt von fremdländischen Kleidungssitten und ungewohnten, Misstrauen erweckenden Hautfarben.

Nicht willkommen geheißen werden jene scheinbaren Inländer, die die volksschädliche Willkommenskultur propagiert haben, indem sie massenhaft Fremde ins Land gelockt haben, sie können ja gerne ihre Willkommenssucht in den überseeischen Auffanglagern ausleben.

So hoffen wir auf die nächsten Schritte der Integrationspolitik: Die Dirndl- und Lederhosenpflicht zumindest am Nationalfeiertag, an dem wir ja feiern, dass seinerzeit die letzten Ausländer Österreich verlassen haben, oder nicht?

Samstag, 16. September 2017

Aida und die Illusion der romantischen Liebe

Die berühmte Oper Aida von Giuseppe Verdi entfaltet eine romantische Tragödie, die uns die Fatalität des romantischen Liebeskonzepts vor Augen führt. Das Dilemma steht schon am Anfang fest. Aida, die versklavte Tochter des Nachbarkönigs, liebt den aufstrebenden ägyptischen Feldherrn Radamez, der sie ebenfalls liebt. Die Tochter des Pharaos liebt nun Radamez, dieser sie aber nicht. Radamez bekommt das ersehnte Kommando für den Krieg gegen die Nachbarn, diese werden besiegt, und Aidas Vater wird gefangen genommen. Aida ist gespalten zwischen der Liebe zu Radamez und der zu ihrer Heimat und Familie. Schließlich endet alles tragisch, Radamez und Aida finden erst eingemauert in der Todeskammer zueinander.

Was verstehen die Protagonisten dieser Oper unter Liebe? Es ist eine Kraft, die nicht ihrer Kontrolle unterliegt und die sie nicht beeinflussen können. Soweit deckt sich das mit der Erfahrung vieler anderer Menschen. Die besondere Liebe, die wir einem anderen Menschen entgegenbringen, wenn wir uns verlieben, können wir nicht machen, können wir nicht durch bewusstes Handeln erzeugen. Sie trifft uns wie eine übergeordnete Macht. Außerdem kennen wir alle die Erfahrung, dass sich diese Form der Liebe nach einiger Zeit verflüchtigt. Sie wird schwächer und schwächer, macht aber im günstigen Fall einer anderen Form der Liebe Platz, die mehr Beständigkeit aufweist und die Grundlage für längerfristige Beziehungen bilden kann. Diese Form der Liebe ist vielfältiger, differenzierter und schließt tendenziell alle Ebenen unseres Seins mit ein. Wir tauschen uns mit unseren Partnern über die meisten Bereiche unseres Lebens aus und teilen viele dieser Erfahrungen. Dabei entstehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die Konflikte auslösen und in der Versöhnung das Verständnis vertiefen. Diese Form der Liebe entwickelt sich in Übereinstimmung mit der Entwicklung der beteiligten Personen weiter, und die Liebenden arbeiten aktiv an dieser Entwicklung mit. Es ist eine Form der Liebe, die stärker und schwächer werden kann, die verloren gehen, aber auch wieder gefunden und neu erfunden werden kann.

Liebe als Schicksal


Im Kontext der romantischen Liebe taucht diese Form der wachsenden, der „arbeitenden“ und reflektierenden Liebe allerdings nicht auf. Liebe ist da oder sie ist nicht da, es gibt keine Auskunft darüber, wie und warum sie entsteht und was sie bedeutet, und für die im Wortsinn Betroffenen gibt es nur die Wahl, sich ihr hinzugeben oder sich ihr zu verweigern. Andererseits zeigt das romantische Drama die Abgründe dieser Form von Schicksalsabhängigkeit auf: Wenn die äußeren Umstände dagegen wirken, führt die Liebe nicht zur Vermehrung und Steigerung des Lebens, sondern in den Tod, der paradoxer Weise als Erfüllung der Liebe dargestellt wird.

Doch dieses Paradoxon ist die treibende Kraft der romantischen Liebe. Sie hat gar keinen anderen Ausweg: Jener ins Leben einer alltäglichen Gemeinsamkeit verliert sofort die romantische Strahlkraft. Zwei Herzen finden zueinander und können – brauchen – nicht mehr voneinander zu lassen, aber was passiert dann? Bloß ein „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“? Die romantische Spannung ist weg, sobald sich die beiden finden und ihr normales, bald langweilig werdendes Beziehungsleben beginnen – da können sie gleich in eine Kerkerzelle eingemauert werden. Der Nervenkitzel der romantischen Liebe speist sich gerade daraus, dass die Protagonisten nicht zueinander finden und ein gemeinsames Leben beginnen können, mit allen Aufgaben und Pflichten, ein Leben, in dem das Holz gehackt, die Kinder versorgt und eine Einigung über das Fernsehprogramm des Abends gefunden werden muss.

Die hartnäckige Sehnsucht nach der Romantik in der Liebe, die unsere Kultur durchzieht, die Seiten der bunten Illustrierten und der sozialen Medien, die fettleibigen Taschenbuchromane und Geschichten der kitschigen Fernsehserien, sie alle zehren vom Konzept der hochgepeitschten Emotionen und unzähmbaren Gefühle, der Verwirrung und der Entmachtung der Vernunft. Die Chaotik des limbischen Systems wird zum Zentrum des Lebens erklärt, um das sich alles zu drehen hat und an dem alle anderen Ordnungsstrukturen zum Scheitern verurteilt sind.

Gegensatz von Liebe und Wirklichkeit


Offensichtlich liegt das eigentliche Scheitern der romantischen Manie im konstruierten Gegensatz zwischen Liebe und Wirklichkeit. Die Liebe wird in einen überwirklichen Raum abgeschoben, in dem es allein zur Erfüllung kommen kann; die Wirklichkeit der Lebenswelt mit den Abläufen des (Arbeits-)Alltags wird dagegen als oberflächlich, ereignislos und langweilig, und, was noch schlimmer ist, als Vergiftung der romantischen Liebe abgewertet. Die eigentümliche Dynamik, die von der Romantik aufgespannt wird, begünstigt den Eskapismus, die Flucht in eine illusionäre Erfüllung (in der Aida als Untergang in der eingemauerten Todeszelle dargestellt), verbunden mit der Verachtung der biederen und liebesfeindlichen Wirklichkeit, die sich ihrerseits rächt und die „wahre“ Liebe kaltblütig aushungert und schließlich erledigt. Deshalb gilt dem Romantiker diese Wirklichkeit als das Schlechte, Verderbliche, während die Überwelt der Liebe der einzige Ort ist, an dem das Leben zur Fülle gelangen kann.

Die Liebe in ihrer übersteigerten Form gelingt nur in Ausnahmefällen, selbst wenn sie die Norm sein sollte. Eigentlich wird sie geschenkt oder auferlegt, je nach Sichtweise. Jedenfalls kann sie nicht erarbeitet oder erkauft werden. Die übernatürliche Verwandtschaft zweier ineinander verschmolzenen Seelen kann nur durch ein übernatürliches Arrangement eingefädelt und entflammt werden. Für die Betroffenen, von den aus dem Hinterhalt gelenkten Pfeilen des Eros durchbohrt, gibt es kein Entrinnen.

Die Fatalität liegt darin, dass die romantische Sehnsucht nicht zur Ruhe kommen kann, bis sie ihr Ziel, die Vereinigung mit dem Seelenpartner, erreicht hat und dass andernfalls das Leben sinnlos und verfehlt ist; wird hingegen schicksalhaft geschenkt, was ersehnt ist, zerschellt jeder Versuch der Erfüllung an den unerbittlichen Mächten der Wirklichkeit.

Im Anderen sich selbst lieben


Charakteristisch für die romantische Liebe ist ihre narzisstische Verkürzung. Die enthusiastischen Gefühlsüberschwänge resultieren aus der Widerspiegelung der eigenen Liebe. Der romantisch Liebende erkennt sich in der anderen Person selbst und findet die eigene Besonderheit und Großartigkeit durch den liebenden Partner bestätigt. Er liebt sich im Liebespartner selbst und übersieht die Andersheit des Partners, der auf der unbewussten Ebene als Erweiterung des eigenen Selbst erlebt wird. Das Sich-Wiedererkennen im Anderen ist die Täuschung, die deutlich wird, sobald die Gefühlsströme versiegen. Dort begänne die eigentliche Aufgabe der Liebe: Die Andersheit des Anderen zu erkunden und in ihrer Verschiedenheit anzuerkennen und zu lieben. Die romantische Liebe scheitert also, wie jeder Narzissmus scheitern muss: An ihrer Selbstbezüglichkeit und Realitätsverweigerung.

In den Zeiten des Verliebtseins (s.u.) ist dieser Narzissmus ein normaler Mechanismus, der uns aus der Komfortzone lockt und zu neuen Verhaltensweisen wie Gedichteschreiben oder Dauertelefonaten verleitet. Problematisch wird die Sache erst, wenn daran zwanghaft festgehalten wird und an jeder Schwächung der Gefühlsintensität leiden und den Sinn des Lebens in Frage stellen.

Eine Zeiterscheinung


Nüchtern betrachtet, ist die romantische Liebe eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, auch wenn es schon Vorläufer gibt, die ins Mittelalter zurückreichen. Die Hochblüte der Liebesverfallenheit hängt mit der Ausfaltung des personalistischen Bewusstseins im Modell der Bewusstseinsevolution zusammen. Die im Zug der Herrschaftsübernahme der materialistischen Stufe atomisierte Person macht aus der Not die Tugend der Individualisierung, der Heraushebung ihrer Einzigartigkeit. Die allein wirksame und erfüllende Sozialform im Rahmen dieses Bewusstseins liegt in der Zweier-Liebesbeziehung, jede andere fällt ab dagegen und wird an ihr gemessen. Die Beziehungskiste als abgeschottete Insel der Glückseligkeit ist umgeben von der Trostlosigkeit einer immer stressiger werdenden Leistungs- und Arbeitswelt. Das ist die Sackgasse der Romantik.

Robert A. Johnson, US-amerikanischer und jungianischer Psychologe hat dieses Phänomen in seiner lesenswerten Analyse der Tristan-Erzählung als „Irrtum des Abendlandes“ bezeichnet, als folgenschweres Missverstehens dessen, was die Liebe zwischen Mann und Frau jenseits von narzisstischen Spiegel-Verzerrungen ausmacht: Traumvorstellung Liebe. Der Irrtum des Abendlandes (Walter Verlag).

Die alltagstaugliche Romantik


Zur Ehrenrettung der Romantik sollte noch erwähnt werden: Neben dieser extremen Ausgestaltung der Romantik gibt es die realistischeren, sanfteren Formen, mit Kerzenschein und Lavendelduft, die jeder Liebesbeziehung gut tun können, als bewusst inszeniertes Heraustreten aus der Routine der Alltagsverrichtungen und den Verflachungstendenzen in der Liebeskommunikation. Diese Spielart der Romantik abseits der Hochglanz- und Seitenblicke-Welt, die ohne die manische Besessenheit und Fixierung auf „die eine und wahre Liebe“ auskommt, ermöglicht das Feiern der Einzigartigkeit einer Liebesbeziehung und verbindet es mit ästhetischen Ansprüchen und verfeinertem Genießen. Sie lädt die Kreativität in die Beziehung ein und belebt und vertieft das gegenseitige Verstehen und Erkennen.

Der Zustand des Verliebtseins, der meist am Beginn einer Liebesbeziehung steht, wird oft als romantisch erfahren. Das Erleben eines unvergleichlichen Hochgefühls, des andauernden  Hingezogenseins zu der erwählten Person, der Begeisterung für den anderen Menschen und die Bereitschaft, alles dafür zu geben, lässt beide Partner zu neuen Menschen mit viel mehr Möglichkeiten und reicheren Gefühlen werden, etwas, wogegen die restlichen Bereiche des Lebens verblassen. Doch, ganz banal betrachtet, schwinden über die Wochen und Monate die Glückshormone, die im Überschwang des Verliebens ausgeschüttet werden, und der Realismus kehrt langsam aber sicher in die Beziehung ein. Die romantische Sehnsucht, also die Sehnsucht nach Romantik ist der Wunsch, die emotionale Urkraft des Verliebens erneut in sich aktivieren zu können.

Die Pflege der Romantik in einer längerdauernden Beziehung kann die Rolle erfüllen, Elemente der anfänglichen Phase des Verliebtseins neu zu beleben und in die Gegenwart in verwandelter Form einzubringen. Eingeschliffene Verhaltensweisen, Verhakungen im Zusammenleben und kommunikative Abnützungserscheinungen können durch spielerische und kreative Elemente aufgelockert und entkrampft werden. In diesem Sinn kann die richtig dosierte Romantik als Jungbrunnen einer in die Jahre gekommenen Beziehung dienen.

Die Sehnsucht nach dem verlorenen Zwilling


Ein eigenes Kapitel dieses Themas, das hier nur angedeutet werden kann, führt zurück zu den vorgeburtlichen Wurzeln des liebeszehrenden Begehrens. Es geht um die Spur der romantischen Illusion zurück zum Thema des verlorenen Zwillings, denn allzu offensichtlich sind die Ähnlichkeiten zwischen den Gestalten der romantischen Liebe, ihrer Sehnsucht und ihrem Scheitern, und der Dramaturgie einer pränatalen Zwillingsgeschichte, die mit dem Tod eines Zwillings endet. Die manische Illusion der romantischen Vereinigung kann als die Rückprojektion zur intakten Zwillingsbeziehung verstanden werden, in der ein tief inniges und unmittelbares Verstehen und eine einzigartige Verbindung vorherrschen; die traumatisierende Katastrophe des Verlustes des Zwillings spiegelt sich im Zerbrechen der Liebesbeziehung an den Widerständen der Realität. Die Macht und Unausweichlichkeit der romantischen Dramatik, die in den verschiedensten Formen und Varianten wieder und wieder durchgespielt werden muss, stammt aus dem unbewussten und unbewältigten Trauma.

Die marktdominierende Vorherrschaft der romantischen Liebe vor allen anderen Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Bezogenheit könnte als Hinweis darauf verstanden werden, wie viele Menschen vom Drama im Mutterleib betroffen sind und sich deshalb immer wieder hingezogen fühlen, dessen Inszenierung im realen Beziehungsleben wie in künstlerischer Bearbeitung zu durchleben, um den tiefen Schmerz und die ausweglose Verzweiflung, die in die Zwillingsdramatik eingewoben sind, auf diese Weise zu heilen.

Montag, 11. September 2017

Machen uns Smartphones infantil?

Als Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel können wir tagtäglich beobachten, wie viele Menschen in ihrem Smartphone versunken sind, geschäftig daran herumdrückend, die Augen gebannt auf den kleinen Bildschirmen. Wenn uns aufgrund des vorgerückten Alters als analog Aufgewachsene die entsprechende Sozialisierung in das digitale Welterleben fehlt, möchten wir verstehen, was da abläuft. Schließlich zeigen zunehmend mehr Menschen Symptome von suchtartiger Abhängigkeit von den elektronischen Wunderdingen, wobei laut Experten das Leiden stärker von der sozialen Umgebung wahrgenommen wird als von den Betroffenen selbst.

Wie schaffen es diese Maschinen, die Aufmerksamkeit zu fesseln und Zeit zu konsumieren, die dann für andere Aktivitäten fehlt? Was ist der Preis für das gewohnheitsmäßige Abdriften in eine sekundäre Realität? Die sogenannten sozialen Medien haben es offenbar fertiggebracht, das soziale Wesen Mensch in ein virtuell asoziales zu verwandeln, in einer Weise, dass es den Betroffenen nicht auffällt.

Eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielt das Erwartungshormon Dopamin. Wenn wir Benachrichtigungen aus den sozialen Medien erhalten, wird das Belohnungssystem aktiviert. Am Anfang steht eine unerwartete Belohnung: Jemand schickt mir eine Nachricht. Jemand denkt an mich – Glücks- und Bindungshormone werden ausgeschüttet. Beim nächsten Mal, wenn das Smartphone vibriert, wird gleich Dopamin ausgeschüttet: die Spannung steigt, ich erwarte wieder eine Belohnung und dazu muss ich gleich klicken, damit ich schnell kriege, wonach ich mich sehne. Das Dopamin sorgt dann dafür, dass ich automatisiert und immer schneller, ohne langes Nachdenken, auf den Reiz reagiere. Das Handy vibriert – ich muss ihm die volle Aufmerksamkeit geben. Mit jedem Reiz wird mehr Dopamin freigesetzt, das Verlangen wird immer stärker und braucht immer mehr Futter. Also brauche ich mehr virtuelle Freunde, mehr virtuelle Plattformen, Foren und Applikationen, in denen sich was tut, was meine Aufmerksamkeit fesselt. Ohne es zu merken, wird ein Gerät zum Mittelpunkt des eigenen Lebens.

Wie werden Menschen abhängig gemacht? Es braucht die richtigen Trigger und eine niedrige Hürde, die Belohnung muss also leicht erreichbar sein. Wie können Produkte erzeugt werden, die zum Gewohnheitskonsum führen, ohne die der Kunde nicht mehr sein will? Es gibt drei Möglichkeiten: Soziale Belohnungen; Informationen; Kontrolle oder neue Fähigkeiten. Eine neue Nachricht zu kriegen ist eine Belohnung, und noch mehr, wenn die Nachricht interessant ist. Die Verwaltung der vielen Nachrichten gibt ein Gefühl von Kontrolle und Eigenaktivität. Jede geschriebene Nachricht erhöht die Wahrscheinlichkeit, Antworten zu bekommen, also gilt es, noch mehr schreiben oder zu posten, so belanglos der Informationsgehalt immer auch sein mag.

Die diversen Medien haben von der Konditionierungsforschung gelernt: Sie verteilen die Belohnungen unregelmäßig. Damit wissen die Konsumenten nicht, wann es wieder zu einem Dopamin-Kick kommt und schauen deshalb immer wieder in all den Programmen nach, ob nicht schon was Neues hereingekommen ist, was den Lohn fürs Warten und Suchen verspricht.

In einer israelischen Studie wurden Erwachsene mit ihrem ersten Smartphone ausgestattet. Schon nach drei Wochen waren die Veränderungen messbar: Die Versuchspersonen taten sich schwerer, Belohnungen aufzuschieben, im Vergleich zu Personen, die kein Smartphone hatten. Das Aufschieben von Belohnungen ist eine wichtige Fähigkeit, die Kleinkinder erlernen müssen und die eine relative sichere Prognose über die zukünftige Laufbahn ermöglicht. Nur wenn der zeitliche Bogen zwischen dem Auftreten eines Bedürfnisses und seiner Befriedigung groß genug ist, kann sich das Kind für längerfristige Aufgaben motivieren, eine wichtige Voraussetzung für die Schulreife: Schulkinder bekommen ihre Belohnung (das Zeugnis) erst nach einigen Monaten des Lernens.

Die Belohnungsabhängigkeit, die mit der intensiven Smartphone-Nutzung erzeugt wird, trägt regressive Züge: Die Menschen werden tendenziell zu Kleinkindern, die Gesellschaft geht einer Infantilisierung entgegen. Ganz offensichtlich regredieren die Menschen mit fortschreitendem Smartphone-Gebrauch, einhergehend mit dem Realitätsverlust, der den Unterschied zwischen der „realen“ und der virtuellen Wirklichkeit immer mehr vermischt. Was die Konsumenten in den digitalen Medien suchen, soll vor allem niedlich, nett, lustig und überraschend sein, alles, was unser inneres Kind braucht, um sich kindlich zu freuen. Und es soll unsere Neugierde stillen und unsere Langeweile übertönen, auf eine einfache, anstrengungslose Weise.

Außerdem tauchen die Nutzer mit ihren medialen Konsumverhalten in eine Blase ein, die ein Algorithmus erzeugt hat, sodass sie dort all dem begegnen, was ihr  Herz begehrt und ihr Kopf für richtig hält, ein virtuelles Schlaraffenland und Meinungsghetto.

Was kaum mitbedacht wird, ist die Tatsache, dass mit jedem Klick irgendwo eine Kassa klingelt und Werbegeld auf ein (vermutlich unversteuertes) unbekanntes Konto strömt – Werbegeld, das ja in irgendeiner Form die Konsumenten durch den Kauf der Produkte, die ihnen durch ihr Nutzungsverhalten vor die Nase gehängt werden, berappen.

Dieses Verhalten ähnelt dem von Versuchsratten in einem Experiment, die durch Belohnung zu einem bestimmten Handeln dressiert werden. Die eigentliche Belohnung kriegt der Versuchsleiter, während für die Ratten nur billige Futterpillen bleiben, obwohl sie wohl bei sich denken, wie großzügig sie doch belohnt werden. Und wir sind der großen Cyberwelt dankbar, die uns so viele überraschende und unerwartete Belohnungen zukommen lässt. Damit sind wir eingespannt in eine Belohnungsmaschinerie, die uns immer unbefriedigter und infantiler werden lässt.


Anregung und Quelle für den Text: Ein Artikel von Anna Goldenberg „Warum kann ich nicht ohne mein Handy sein?“ in: FALTER 36/2017

Mittwoch, 30. August 2017

So bin ich: Noch nie dagewesen

Wir alle verfügen über spontane Verhaltensmuster für Stresssituationen, die uns angeboren sind oder die schon früh geprägt sind. Grob gesagt, folgen sie dem Schema Kampf oder Flucht, d.h. wir neigen eher entweder zu impulsivem oder zu vermeidendem Verhalten, wenn wir unter Druck sind. Diese Spontanstrategien haben wir von früh an aufgenommen, vielleicht ist die Präferenz auch schon genetisch angelegt. Jedenfalls bestärkt sich die jeweilige Tendenz durch die wiederholte Anwendung im Krisenfall, sodass wir lernen, uns auf diese Weise abzusichern. Zusätzlich bilden wir die Meinung aus, dass die eigene Strategie die einzig sinnvolle ist, was auch soweit verständlich ist, weil wir mit der gegenteiligen Strategie keine Erfahrungen sammeln.

Nehmen wir ein Beispiel: Jemand bietet uns eine neue Stelle an, und sagt, dass wir schnell zugreifen müssen, weil sonst jemand anderer zum Zug kommt. Ein impulsiver Mensch wird sich nur wenig informieren und die Entscheidung rasch treffen, während sich ein vorsichtiger Mensch mehr Zeit nehmen will, um alle Details zu überprüfen, und dadurch unter Umständen die Gelegenheit verstreichen lässt. Der Impulsive dagegen trägt das Risiko einer falschen Entscheidung.

Es gibt keine richtige oder falsche Strategie, keine ist besser oder schlechter, obwohl wir deshalb auch untereinander in Streit geraten können: Warum muss ich so lange warten, bis du dich entscheidest? Warum entscheidest du dich, ohne nachzudenken? Jeder Mensch kann tausende Gründe dafür anführen, weshalb sein Reaktionsmuster besser ist als das des anderen, es wird die andere Person nicht beeinflussen, weil Menschen vor allem in Stresssituationen auf das bewährte und bekannte Muster zurückgreifen und das Erproben eines neuen Musters nur zusätzlichen Stress verursachen würde.

Allerdings haben wir alle die Möglichkeit, unser eigenes Verhalten zu verbessern, wenn wir unsere Tendenz kennen, indem wir nach der jeweiligen Situation abwägen, ob wir ihr folgen sollten oder ob eine andere Strategie besser wäre. Auch wenn sich eine Strategie in hundert Fällen bewährt hat, heißt es nicht, dass sie für die gerade gegebene Situation optimal ist.

Wenn uns vorgehalten wird, dass wir mit unserer Strategie Schiffbruch erlitten haben, sagen wir gerne: Ich bin eben so, und ich kann nicht einfach ein anderer Mensch werden, ich habe es schon immer so gemacht. Auch wenn das letztere Argument stimmen mag, sollten wir uns nicht durch die beiden anderen Sätze einschränken. Wir sind nicht durch unsere Vergangenheit determiniert, sondern entnehmen ihr nur Gewohnheiten, Sicherheiten und Vorlieben. Nicht einmal in unserer Identität sind wir starr festgelegt, vielmehr haben wir uns im Lauf unseres Lebens beständig weiterentwickelt. Wir können in jedem Moment Neues ausprobieren, aus dem gewohnten Muster ausbrechen und mit noch nicht dagewesenen Verhaltensweisen experimentieren.

Dabei hilft uns die Reflexion, die wir zwischen der automatisch auftauchenden Reaktion auf eine herausfordernde Situation und der tatsächlichen Handlung einflechten können: Meine unmittelbare Reaktion besagt A (z.B. die Chance sofort ergreifen); was wäre aber, wenn ich diesmal B (jemanden fragen, was sie davon hält) ausprobiere? Welche Vorteile könnte mir das bringen, mit welchen Nachteilen muss ich rechnen?

Auf diese Weise schule ich meine Flexibilität und Kreativität. Die Unberechenbarkeit, der ich dabei in mir mehr Raum gebe, ist sogar ein Evolutionsvorteil: Natürliche Feinde tun sich am schwersten damit, uns zu erbeuten, wenn sie nicht wissen, wie wir reagieren (diese Einsicht könnte uns behilflich sein, wenn wir es mit unzuverlässigen Menschen zu tun haben, dass wir ihnen gegenüber freundlich bleiben können). Unsere hartnäckigen alten Muster erwischen uns nicht, wenn wir gar nicht dort fixiert sind, wo sie uns normalerweise vorfinden.

Es braucht immer ein Stück Mut, sobald wir aus alten Schienen ausbrechen, und es lohnt sich, wie immer, wenn wir mutig sind, weil sich dadurch unser Selbstvertrauen stärkt. Und ein kräftigeres Selbstvertrauen ermöglicht uns, in künftigen Situationen noch mehr Möglichkeiten auszuprobieren und damit unseren Freiheits- und Gestaltungsraum zu erweitern. Wir gewinnen mehr Macht für und über unser eigenes Leben, weil wir es in der Folge in einem größeren Ausmaß selber bestimmen können, statt dass es von außen bestimmt wird.

So bin ich eben: Nicht nur ein Bausatz aus vorgefertigten Versatzstücken, sondern ein flexibel wachsendes Projekt im Werden, das sich in jedem Moment neu erfinden kann: Hört, hört, so bin ich: Noch nie dagewesen.

Dienstag, 29. August 2017

Quantentheorie und die unsterbliche Seele

Zwei Theoretiker, der Arzt und Psychologe Dr. Stuart Hameroff und der Mathematiker Sir Roger Penrose behaupten seit 20 Jahren, Quantenvorgänge in kleinen Strukturen von Nervenzellen aufgefunden haben, und leiten daraus ein Erklärungsmodell für das Weiterleben der Seele nach dem Tod eines Menschen ab.

Sie nennen ihre Theorie „Orchestrated objective reduction (Orch-OR)“ und stellen sie auch in dem Film „What the bleep do we know?“ vor. Hameroff argumentiert in einem anderen Video: „Angenommen, das Herz hört zu schlagen auf, das Blut fließt nicht mehr; die Mikrotubuli verlieren ihren Quantenzustand. Die Quanteninformation in den Mikrotubuli ist nicht zerstört, sie kann nicht zerstört sein, und sie verteilt sich nur im größeren Universum, und löst sich dort auf. Wenn ein Patient wiederbelebt wird, kann die Information in die Mikrotubuli zurückkehren, und der Patient sagt: ‚Ich hatte eine Nahtoderfahrung.‘ Wenn es zu keiner Wiederbelebung kommt, ist es möglich, dass diese Quanteninformation außerhalb des Körpers weiterbestehen kann, vielleicht unendlich, als Seele.“

Diese Bemerkung wird gerne in diversen Seiten (z.B. hier) zitiert, wenn es darum gehen soll, „einen wissenschaftlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele“ vorzuweisen. Das obige Zitat allein sollte allerdings jedem unbefangenen Leser sofort vor Augen führen, dass es sich bei den Extrapolationen der Orch-OR-Theorie nicht um wissenschaftliche Aussagen handeln kann, sondern um fantasievolle Spekulationen. Abgesehen von der hochspezialisierten Fachfrage, ob es in den Mikrotubuli der Gehirnzellen überhaupt Quanteninformationen gibt, und wenn, ob diese mehr als eine unglaublich winzige Zeiteinheit Bestand haben, was in der Fachwelt strittig ist, gibt es für die darüber hinaus reichenden Überlegungen keine Spur von wissenschaftlicher Grundlage.

Ist Wissenschaft drin, wenn Wissenschaft draufsteht?


Nach Hameroff wäre möglich, dass „vielleicht“ die Quanteninformation (falls es sie überhaupt gibt) unverändert im „größeren Universum“ (wo auch immer sich dieses befindet) bewahrt würde und dann in der alten oder auch in einer neuen Körperform (in den besagten Mikrotubuli) wieder Platz finden könne. Es wäre möglich oder auch nicht. Es gibt dazu keine wissenschaftlich validen Beobachtungen, keine Experimente oder Beweise, sondern angesprochen wird nur eine Denkmöglichkeit. Natürlich, das Denken ist in seinen Möglichkeiten unbeschränkt. Wissenschaft beginnt allerdings erst dort, wo Gedanken mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen und nach allgemein anerkannten Regeln Übereinstimmungen untersucht werden. Wo es zu Gedanken keine relevanten Fakten gibt, gibt es auch keine Wissenschaft.

Gedanken können uns gefallen oder auch nicht, und wir können auf ihnen Weltbilder und Ideologien aufbauen. Wissenschaftlich untersuchte und validierte Gedanken geben uns die Sicherheit, dass wir nicht allein unseren inneren Spekulationszirkeln ausgeliefert sind, in denen sich Gedanken dauernd mit Bedürfnissen, Emotionen, Vorurteilen, Erfahrungen, Werten usw. vermengen, sondern dass wir damit Wissen generieren können, das uns eine verlässliche Orientierung in der Wirklichkeit erlaubt.

Zur Wissenschaft gehört es, dass auch die Grenzen des Wissbaren und Erklärbaren definiert werden. Wissenschaft muss sich mit der Wissenskritik auseinandersetzen, die die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Wissens überprüft und Aussagen dahingehend überprüft, ob sie wissenschaftlichen Standards genügen oder nicht. Wir sprechen von Mogelpackungen, wenn auf einer Ware etwas anderes draufsteht als drinnen ist. Schreibt jemand „Wissenschaft“ auf etwas, wo keine Wissenschaft drin ist, wird auch gemogelt. Und da ist es wichtig, solche Täuschungen aufzuklären.

Die Orch-OR-Theorie, die der gesamten Argumentation zugrunde liegt, ist in wissenschaftlichen Kreisen äußerst umstritten, sowohl in Bezug auf die logisch-mathematischen Grundlagen wie auch in Hinblick auf die Neurobiologie der Nervenzellen. Zumindest hat sich die Theorie als fruchtbare Forschungshypothese präsentiert, an der seit über 20 Jahren geforscht wird, ohne dass ein Konsens über die Sinnhaftigkeit der Theorie bisher absehbar ist. Darum kann es hier nicht gehen, und wer sich für Details interessiert, kann ausführlichen den Links auf dieser Seite folgen.

Das Mysterium Tod

So gerne würden wir „mit Sicherheit“ wissen, wie es mit uns nach dem Tod weitergeht, und deshalb stürzen wir uns auf jede Theorie, die uns einen wissenschaftlichen Beweis verspricht, wie die Durstenden auf ein Glas Wasser, und verbreiten die frohe Botschaft, als hätten wir endlich den Stein der Weisen entdeckt. Allerdings, wie es bei näherer Betrachtung erscheint, geht es in diesem Zusammenhang eher ums Loslassen:

Sehr wahrscheinlich – und aus logischen Gründen – wird uns die Wissenschaft nie irgendeine Sicherheit über das, was nach dem Tod mit uns geschieht, liefern können, mit oder ohne Quantentheorie. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir, wenn wir eines Tages sterben, kein Wissen haben, was danach passiert. Wenn wir von Wien nach München reisen, haben wir ein Wissen darüber, was uns in unserem Ankunftsort erwartet. Bei einem Gewitter verfügen wir über verlässliches Wissen, was sich dabei abspielt. Wenn es um den ganz anderen Übergang vom Leben in den Tod geht, verfügen wir über keinerlei Sicherheit, wie sie wissenschaftlich erstelltes Wissen bieten kann, über das, was danach geschehen wird. Wir können unseren persönlichen Glauben dazu bilden und pflegen, ohne dass uns dieser allerdings aus der fundamentalen Unsicherheit heraushelfen könnte.

Wie oben gesagt, braucht die Wissenschaft immer einen Bezug zum Faktischen. In Bezug auf den Tod gibt es Fakten: Beobachtungen und Messungen, die sich auf lebendige Organismen beziehen, und solche, die sich auf leblose beziehen. Es gibt verschiedene Angaben über den Zeitpunkt, ab welchem man von einem toten Organismus sprechen kann, und die Berichte über Nahtoderfahrungen und Wiederbelebungen zeigen, dass es in diesem Bereich große Abweichungen und individuelle Unterschiede geben kann. Wirklich relevant für die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod sind nicht Nah- oder Scheintoderfahrungen, wiederbelebte klinisch Tote oder vom Tod Erweckte. Denn in solchen Fällen kann immer argumentiert werden, dass der Tod noch nicht zur Gänze eingetreten ist und der Tod nur „nahe“ oder „dem Schein nach“ angeklopft hat, dass also der Sterbeprozess noch nicht voll abgeschlossen war, sondern dass noch Körperprozesse weiterbestanden haben, die dann die Wiederbelebung ermöglicht haben. Manche (bei weitem nicht alle) Menschen mit Nahtodeserfahrungen berichten z.B. von Tunnel- und Lichterfahrungen, die auch mit Restaktivitäten im Gehirn erklärt werden können, weil sie das Gehirn auch ohne Nahtodzustand erzeugen kann.

Selbst wenn wir über eine ausreichende Zahl an Berichten über Menschen verfügen würden, die über einen ausreichend langen Zeitraum nach allen Regeln der Kunst als tot (Herzstillstand, Gehirnstillstand, Stillstand von zellulären Aktivitäten) gelten und dann wieder lebendig werden, könnten diese Menschen nur darüber berichten, was sie während der Zeit ihres Todes sowie während ihres Zurückkommens erlebt haben. Sie könnten uns also zu einem Wissen über Tote mit Wiederbelebung verhelfen, aber nicht zu einem Wissen über Tote ohne diese Möglichkeit, die ja bei weitem die größte Zahl ausmachen und wir selber sowie alle Nah- und Scheintoten mit höchster Wahrscheinlichkeit irgendwann sein werden.

Denn wie sich der Tod anfühlt und was dann passiert, wenn es kein Zurückkommen gibt, entzieht sich der Berichtsmöglichkeit, weil eben der Tod dadurch definiert ist, dass in diesem Zustand nichts mehr berichtet werden kann. Sollte es also nach dem Tod noch eine Art von Subjektivität geben, eine Form der inneren Erfahrung, so gibt es, bisher zumindest, keine Form, wie diese Subjektivität zuverlässig kommuniziert werden könnte (vom „Tischerücken“ abgesehen), d.h. wir können auf keine Fakten zurückgreifen, die als Basis für verlässliches Wissen dienen könnten.

Das bisschen Wissen, das wir aus recht geringen Zahlen von „Nicht-wirklich-Toten“ gewonnen haben, gilt eben nur für diese Spezialfälle, und wenn wir allgemeine Schlüsse, die für die „Wirklich-Toten“ gelten sollen, ableiten wollen, haben wir dafür kein logisches Fundament. Wir spekulieren, d.h. wir entwickeln unüberprüfbare Hypothesen, und das tun Menschen seit Jahrtausenden, nicht aus dem Interesse heraus, wissenschaftliches Wissen zu erwerben, sondern aus dem Bedürfnis, die Todesangst als Angst vor einer großen Ungewissheit zu bewältigen. Wir entwickeln Glaubenssysteme, um diesem Bedürfnis zu entsprechen, und allem Anschein nach wird es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben, der jemals diese Glaubensformen durch wissenschaftliches Wissen ersetzen könnte.

So wird weiterhin ein Großteil der Menschen annehmen, dass wir nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen, ein anderer Teil wird glauben, dass es Wiedergeburten in neuen Körpern gibt, und andere wiederum glauben, dass es kein Weiterleben gibt, sondern dass mit dem Tod „alles“ vorbei ist. Und wieder andere stellen die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Fragen zu stellen, auf die es keine sinnvollen Antworten gibt.